Arbeitslosigkeit in Berlin: „Es ist nicht verboten dauerhaft arbeitslos zu sein, also nutze ich das gerne.“

Robert in seiner Wohnung in Berlin. Seit 2005 ist er arbeitslos und lebt von Arbeitslosengeld II. Foto: Christopher Groß

Arbeitslosigkeit in Berlin: „Es ist nicht verboten dauerhaft arbeitslos zu sein, also nutze ich das gerne.“

In Deutschland leben etwa 3,8 Millionen Menschen von Arbeitslosengeld II, allein in Berlin sind es 340 000. Robert*, 40 Jahre alt, ist einer von ihnen und seit fast 17 Jahren arbeitslos. Im Interview spricht er über seine Sicht auf Arbeit und wie es ist, von knapp 450 Euro im Monat zu leben.

von Christopher Groß

Kannst du dich noch an die Zeit erinnern, als du arbeitslos geworden bist?

Ich habe Medientechniker im Veranstaltungsbereich gelernt und nach dem Ende der schulischen Ausbildung habe ich mich 2005 arbeitslos gemeldet. Seitdem beziehe ich Arbeitslosengeld II.

Ich weiß noch, dass ich anfangs etwas überfordert war. Ich wusste nicht so genau, was jetzt kommt. Ich habe keine Stelle gefunden und kurz davor ist Hartz IV eingeführt worden also ALG II. Da war eine riesige Schlange, es war alles total unpersönlich und so bevormundend. Ich erinnere mich noch, dass ich meinen früheren Ausbilder in der Schlange getroffen habe. Das fand ich ein bisschen witzig und bezeichnend damals.

Kannst du sagen, wie die Arbeitslosigkeit deinen Alltag bestimmt?

Es hat sich ein bisschen gewandelt. 2005 ist schon eine Weile her. Also aktuell oder in letzter Zeit ist es eigentlich gar nichts, was mich großartig beschäftigt in meinem normalen Leben. Besonders die letzten zwei, drei Jahre war es gar nicht präsent. Das hat auch ein bisschen mit Corona zu tun. Es gab vom Jobcenter einfach viel weniger Kontaktaufnahme oder Arbeitsmaßnahmen.

Siehst du das positiv?

Na klar, das ist schon positiv. Es gibt ein paar Sachen, die sind nicht so ein richtiger Zwang, aber man kann auch nicht nein sagen, besonders bei verschiedenen Arbeitsmaßnahmen. Man wird gerne in Fortbildungen oder überhaupt Aktivierungsmaßnahmen gesteckt, wo man eigentlich nicht so wirklich Lust drauf hat, aber auch nicht nein sagen kann. Die gehen meistens ein halbes oder ganzes Jahr und dann ist man da sechs Stunden am Tag und dann macht man ganz unterschiedliches Zeugs.

Kannst du Beispiele nennen, welche Maßnahmen du bisher mitgemacht hast?

Ich habe einmal Spielplatzbetreuung mit etwa zehn Anderen im Schichtbetrieb gemacht. Wir hatten keine Aufgaben. Eigentlich nur die Zeit verbringen. Wir durften auch nicht mit den Kindern interagieren. Aber wir mussten halt anwesend sein.

Das Letzte, was ich gemacht habe, war in einer Einrichtung, in der wir Kinderkleidung von verschiedenen Spendern sortiert und an Bedürftige gegeben haben. Es gab aber kaum Leute, die die Spenden angefordert haben. Da war es auch relativ sinnfrei, weil sich das Zeug bei uns gestapelt hat, und wir haben es dann nur noch in irgendwelche Säcke oder Schränke einsortiert.

Sind solche Maßnahmen für dich eher nervig oder bist du froh eine Beschäftigung zu haben?

Solche Maßnahmen sind eher nervig. Ich habe kein Problem mich mit etwas zu beschäftigen, das mir so einfällt.

Und was wäre das? Wie verbringst du deinen Tag oder eine Woche.

Ich halte mich oft in meiner Kleingartenanlage auf oder baue irgendwas. Ich baue gerne Kuppeln, wobei ich das wegen Corona nicht mehr so viel machen konnte. Das sind Kuppeln für verschiedene Zwecke, klein bis groß, zum Beispiel als Gewächshaus, als Veranstaltungsfläche auf Festivals oder einfach als eine Art Zelt für den Garten. Teilweise verkaufe ich die auch, aber eigentlich mache ich das eher kostenlos für irgendwelche Projekte. In Neukölln steht eine bei der Kindl-Brauerei, eine im Stadtteilgarten Schillerkiez oder auch dem Flughafen Tempelhof. Die werden als Rankhilfe für Pflanzen oder als Aufenthaltsorte genutzt.

Und darfst du die denn verkaufen, obwohl du ALG II bekommst?

Das geht schon. Es gibt Obergrenzen pro Monat, im Moment sind 100 Euro anrechnungsfrei. Entweder verteile ich das über das Jahr oder muss es dann anrechnen lassen.

Wäre dieser Kuppelbau etwas, bei dem du dir vorstellen könntest, das als Vollzeitjob zu machen?

Ja, aber dazu reicht es nicht aus. Ich mache das nur als Hobby. Ich bin noch weit davon entfernt davon leben zu können. Ich habe dem Jobcenter auch gezeigt, was ich da mache. Es geht mir dabei auch nicht drum, damit viel Geld zu verdienen, sondern dass es mir Spaß macht.

Eine von vielen Kuppeln, die Robert gebaut hat. | Foto: Christopher Groß

Welchen Stellenwert hat Arbeit in deinem Leben? Die meisten Menschen arbeiten 40 Stunden oder mehr in der Woche und vieles dreht sich um die Arbeit oder man definiert sich sogar darüber. Wie ist das bei dir?

Nicht so wichtig, wie es bei anderen Menschen ist. Ich verstehe natürlich, wenn man so viel Zeit in seinem Leben mit Arbeit verbringt, hat das natürlich einen viel höheren Stellenwert als bei mir. Mir ist es wichtig, dass ich möglichst viel Zeit habe, das zu tun, was ich möchte. So wie ich das Arbeitslosengeld nutze, ist es glaube ich nicht wirklich gedacht, aber man kann es halt so machen. Es ist nicht verboten dauerhaft arbeitslos zu sein, also nutze ich das gerne.

Empfindest du keinen gesellschaftlichen Druck vom ALG-II-Bezug wegzukommen?

Ich habe diesen Druck jetzt nicht in meinem näheren Umfeld. Das Jobcenter macht Druck, denn Ihr Ziel ist es normalerweise, mich möglichst schnell wieder auf den Arbeitsmarkt zu schicken. Aber der Druck allein reicht nicht aus, wenn man das nicht möchte.

Es ist schon ein sehr emotionales Thema bei vielen Leuten. Man kann da viele schnell provozieren. Die gönnen einem das irgendwie nicht, unterstellen Sachen oder fühlen sich benachteiligt, nur weil sie arbeiten gehen. Und ich mache es halt einfach nicht. Das kann ja jeder selber entscheiden. Ich hatte es schon das Leute richtig aggressiv darauf reagiert haben. Das kann ich nicht so ganz nachvollziehen, aber das passiert tatsächlich. Ich glaube, es hat auch damit zu tun, in welchem Umfeld man aufgewachsen ist. Wenn es einen viel höheren Stellenwert hat, dass man nach außen hin so ein ordentlich geführtes Leben mit Arbeitsstelle und blablabla hat und das extrem wichtig ist, dann provoziere ich deren Lebensstil. Natürlich muss jemand irgendetwas erwirtschaften, damit das finanziert werden kann, aber ich finde, das macht auch eine Gesellschaft aus, dass man sich um alle kümmert.

Wie gehen denn deine Freunde oder die Familie damit um? Redest du offen darüber?

Für meine Freunde oder Familie ist das kein Problem. Mein Vater ist selbst schon Jahrzehnte lang arbeitslos und meine Mutter stört es auch nicht. Ich lebe jetzt schon ziemlich lange in Berlin und habe mir meinen Freundeskreis selbst ausgesucht und die sind teilweise ähnlich drauf wie ich, da stört es eigentlich niemanden.

Wieviel Geld steht dir zur Verfügung und wie gestaltest du damit deinen Alltag?

Im Moment bekomme ich 449 Euro und ich kann noch 100 Euro dazuverdienen. Es ist halt schon mit Einschränkungen verbunden. Für meinen Kleingarten muss ich 350 Euro im Jahr zahlen, die ich mir vom ALG II abziehen muss oder auch die Versicherung für das Auto. Ich habe mir verschiedene Sachen angeeignet, die es mir ermöglichen, mit so wenig Geld klarzukommen, da hat wahrscheinlich nicht unbedingt jeder Bock drauf. Zum Beispiel Sachen zu verwerten oder zu verwenden, die nicht viel Geld kosten, aber trotzdem den höchstmöglichen Nutzwert haben. Ich habe mir ein ziemlich günstiges Auto gekauft und repariere die meisten Sachen selbst. Bei Lebensmitteln geht man ab und zu mal Containern. Klamotten findet man oder man fragt im Freundeskreis, die haben fast immer irgendwo Klamotten übrig.

Sagst du, das Geld vom Jobcenter steht dir zu und ist dein gutes Recht oder ist es dir unangenehm, das zu nehmen?

Es ist mir nicht unangenehm und ich finde das sollte eigentlich jedem zustehen. Ein Minimum an Lebenshaltungskosten sollte unsere Gesellschaft schon bieten können. Also ich bin natürlich froh, weil es die Möglichkeit in anderen Ländern nicht gibt, aber in Deutschland gibt es sie und deshalb nutze ich sie auch.

Du hast angesprochen, dass du Kleidung von Freunden bekommst oder manchmal containerst. Würdest du sagen, dass es für eine vernünftige Lebensgrundlage eigentlich mehr Geld bräuchte?

Das ist sicher bei jedem ein bisschen anders. Tatsächlich wäre mehr Geld immer etwas hilfreich, aber ich komme mit dem, was ich bekomme, ganz gut zurecht.

Kannst du denn mit Freunden ins Kino gehen oder mal auf ein Konzert?

Das mache ich relativ selten. Da gibt es auch Möglichkeiten zum Beispiel KulturLeben Berlin. Da kann man sich anmelden und bekommt Karten für verschiedene Kulturveranstaltungen und man kann sogar noch jemanden mitnehmen. Einmal im Monat gehe ich zu einem Konzert oder zur Theaterveranstaltung.

Vor kurzem ist Robert eine Katze zugelaufen, um die er sich in seinem Kleingarten kümmert. | Foto: Christopher Groß

Welche Rolle spielt die Stadt Berlin bei deiner Arbeitslosigkeit? Denkst du dein Leben wäre in einer kleineren Stadt oder auf dem Dorf anders?

Es ist auf jeden Fall ein Unterschied. Ich kenne das von Freunden, die auf dem Land wohnen. Da ist der Druck vom Jobcenter und auch vom gesellschaftlichen Umfeld wesentlich höher als in Berlin. Die Jobcenter in Berlin haben einfach viel zu viel zu tun, als sich um jeden zu kümmern. Dadurch hat man nicht so einen hohen Druck wie außerhalb von Berlin oder einer anderen Stadt.

Und es gibt Orte wie den Flughafen Tempelhof oder die Kindl Brauerei bei denen es Garten-Projekte gibt, bei denen ich oft bin und mich treffe. Oder den Stadtteilladen LUNTE in Neukölln, da gibt es verschiedene Veranstaltungen, man kann günstig essen, sich unterhalten oder zu ALG-II-Themen beraten lassen.

Fühlst du dich denn von der Politik gut vertreten? Letztes Jahr waren Bundestagswahlen. Hattest du da eine Partei bei denen du das Gefühl hattest, die treten für deine Interessen ein?

Die Linke ist auf jeden Fall eher für Arbeitslose oder teilweise auch die Grünen aber so wirklich präsent ist man in der Politik nicht so stark, finde ich.

Was ich schön fände, wäre eine Art bedingungsloses Grundeinkommen. Das ist mein Wunsch, weil man dann diesen ganzen Stress mit dem Jobcenter einfach nicht hat, es würde einiges an Verwaltungskosten einsparen und auch einen freieren Umgang mit den Menschen fördern.

Man könnte mehr arbeiten, was man möchte und wäre nicht mehr darauf angewiesen irgendeinen Job anzunehmen. Es würde viel Druck abfallen. Und ich glaube das wäre eine interessante Entwicklung in Richtung bessere Arbeitsverhältnisse bzw. bessere Lebensbedingungen für alle.

Gehst du davon aus, dass du bis zur Rente weiter Arbeitslosengeld II beziehst oder möchtest du daran noch etwas ändern? Hast du einen Wunsch für deine Zukunft?

Ich würde nicht ausschließen, dass ich die ganze Zeit bis zu meinem Rentenalter, ausschließlich von ALG II lebe. Mein Wunsch wäre natürlich, dass ich mit meinen Kuppeln Geld verdienen kann. Das ist aber insbesondere durch Corona im Moment komplett auf Eis gelegt. Vielleicht ergeben sich da in Zukunft wieder Möglichkeiten, dass ich davon auch leben könnte und nicht mehr vom Jobcenter abhängig wäre.

*Name geändert


Christopher Groß studiert Filmwissenschaft sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin. Er findet, dass auch Arbeitslosigkeit betrachtet werden muss, wenn über die Zukunft der Arbeit diskutiert wird.


2022-05-27T09:52:04+00:00 Kategorien: Berlin + Brandenburg, Lesen, Macht + Medien|Tags: , , , |