Die Seele der Stadt

Max (32) in seinem Späti. Foto: Benedikt Loos

Die Seele der Stadt

Max ist Inhaber eines Spätis in Berlin Schöneberg. Im Interview spricht er über die Entwicklung der Spätis, ihre Bedeutung für die Stadt und seine Bürger und warum das Sonntags-Verbot Berlin immer mehr von Neapel unterscheidet.

von Benedikt Loos

Wie bist du dazu gekommen Späti Besitzer zu werden?

Das ist eine komische Geschichte. Ich war in Kreuzberg und dann bin ich etwa 2011 hierhergezogen. Das war in einer Zeit, wo ich nicht wusste wie es weiter geht. Ja und wie es halt so ist, man hängt oft bei Spätis ab. Und damals waren wir der kleine Laden, etwas weiter die Straße runter. Da habe ich dann abgehangen und habe auch den Besitzer kennengelernt, Tom also Tamer. Nennt sich Tom. Manchmal habe ich da auch gearbeitet, aber immer ohne Lohn. Es war einfach lustig. Ich, hinter der Kasse. Es gab keinen bestimmten Zeitpunkt, es war einfach irgendwann klar, dass ich da miteinsteige. Dann haben wir vor 6 Jahren einen Vertrag gemacht. 50/50. Und dann hat sich das gut entwickelt. Wir wurden so eine Art „Kiez-Institution“. Dann haben wir vor einem Jahr gehört: „Sprintout“, der Copyshop, wird frei! Ich bin nach Bayern gefahren. Das war auch gut, dass ich da hingefahren bin zu den Besitzern. Denn es gab viele Bewerber. Aber es gibt bestimmte Leute, vor allem Leute, die schon alles erreicht haben, die mögen das, wenn junge Leute direkt sind, sich vorstellen und motiviert sind. Das hat denen so gefallen, dass ich persönlich da war, dass sie gesagt haben: „Du kriegst den Laden!“ Also eigentlich ist das eine romantische Geschichte.

Was macht Spätis besonders? Warum sind sie ein Teil von Berlin?

Das muss man ein bisschen zurückgehen. Eigentlich sind Spätis ja „Spätverkaufsstellen“ aus der DDR. Und die waren ursprünglich für die Schichtarbeiter aus der DDR. Dann kam das nach dem Mauerfall in den Westen rüber. Davor gab es das hier extrem wenig. Vor allem die türkische Gemeinschaft hat da eine Geschäftslücke gefunden. Weil die Leute in Berlin nachts, und auch tagsüber, einfach ungerne in Supermarkt-Ketten gehen wollen. Und Spätis haben da immer auch etwas persönliches. Okay, inzwischen gibt es auch ein paar Späti-Ketten …

Echt gibt es?

Also man merkt nicht das es Ketten sind, ab er es gibt schon mehrere Spätis, die einer Person gehören. Aber so eine Entwicklung ist ja klar. Hauptsache es werden keine Ketten von Großkonzernen, das ist jetzt mittlerweile ein bisschen meine Angst gerade. Damit hat es schon ein bisschen begonnen; mit „REWE to go“ und sowas. Ich glaube daher kommt das auch mit den Sonntags-Verboten. Ich glaube das hängt zusammen.

Das musst du bitte genauer erklären.

Naja, es war ungefähr vor 4-5 Jahren, als es anfing, dass Spätis sonntags zumachen sollen. Das ist kein neues Gesetz. Aber es wurde in Berlin halt immer geduldet. Weil Berlin Berlin ist, oder war. Ich denke das kommt von irgendeiner Lobby. Tankstellen profitieren davon, wie auch die großen Supermarkt-Konzerne: REWE, EDEKA. Die haben alle große Lobbys: beispielsweise die Tankstellen-Mineralöllobby. Die haben dann die Politik drauf aufmerksam gemacht, dass es ein Gesetzt gibt, was durchgesetzt werden soll. Wenn die Spätis platt sind gibt es nur noch REWE to go’s. Monopolisiert!

Das Ladenöffnungsgesetzt schreibt vor, dass Spätis grundsätzlich schließen müssen, außer beim Verkauf von Tourismus-Bedarf, dann von 13-20 oder bei einem besonderen Sortiment wie Blumen oder Backwaren.

Genau, aber es ist so, dass viele dachten sie könnten Backwaren oder Touristen-Artikel mitreinnehmen und dann sonntags öffnen. Aber das stimmt nicht. Es gilt: wenn du ausschließlich Zeitungen verkaufst, darfst du nur einen Kühlschrank haben, der 80cm breit ist. Wenn du ausschließlich Blumen verkaufst oder ausschließlich Backwaren, dann darfst du öffnen. Aber du darfst kein Mischsortiment haben. Das haben viele versucht, da wurden aber auch viele zugemacht. Jetzt ist es von Bezirk zu Bezirk unterschiedlich, je nachdem wer regiert. Deswegen hast du in manchen Bezirken krass strenge Regeln und in manchen nicht. In Kreuzberg geht es noch, hier geht es nicht, Pankow ist es ganz schlimm, da sind die ganz hart. Wir haben halt Pech, hier wird mittlerweile häufig kontrolliert.

Ihr öffnet also nicht Sonntag?

Nein. Wir wollen, aber dürfen nicht.

Der „Spätkauf am U-Bahnhof Eisenacher Straße | Foto: Benedikt Loos

Wenn man von einer Party nach Hause kommt, sieht man, dass trotzdem viele Spätis sonntags um 2 oder 3 Uhr noch offen haben. Wann kommen den die meisten Leuten. Ist nicht die Nacht von Samstag auf Sonntag eine Haupteinnahmequelle?

Ja in krassen Party-Bezirken oder Szene-Kiezen schon. Aber eigentlich geht es um den Sonntag an sich. Das Geld geht verloren am ganzen Sonntag, nicht zwangsläufig in der Nacht.

Viele arbeiten mit DHL oder Hermes als Paketshop zusammen, um nicht bankrott zu gehen. Habt ihr sowas schonmal probiert?

Das hatten wir auch. Das ist eine Katastrophe. Früher ging das noch mit den Online-Bestellungen, dann kam Corona und die Leute sind ausgerastet was Online-Bestellungen angeht. Da wollten wir nicht mehr mitmachen. Zumal das auch lächerlich vergütet wird. Du bekommst pro Paket 50 oder 60 ct. Es sei denn die bezahlen bei dir, dann kriegst du ca. einen Euro pro Paket. Aber wenn du den Platz und die Logistik ausrechnest, dann bräuchtest du noch einen zusätzlichen Mitarbeiter. Das lohnt sich vorne und hinten nicht. Das ist Schwachsinn. Zum Glück haben wir das wieder abgeschafft.

Viele kommunizieren über Walkie-Talkies, um sich gegenseitig vor Kontrollen zu warnen. Habt ihr überlegt das Gesetz zu umgehen, wenn es eure Existenz bedroht?

Also wenn es an die Existenz geht, würden wir auch darüber nachdenken. Aber das ist bei uns zum Glück nicht der Fall. Wir haben den Luxus zu sagen: „Okay dann ist der Sonntag halt weg.“ Das hat auch positive Seiten: Du hast sonntags immer frei. In Neukölln macht das auch mehr Sinn. Da ist jeder 100 Meter ein Späti. Da fängt die Kontrolle in der Karl-Marx-Straße an, dann wissen es alle anderen Spätis 10 Minuten später. Hier ist es schwieriger das so zu organisieren.

„Es wird alles unpersönlicher. Aber am Ende sind wir Menschen und man braucht immer soziale Bindungen!“

Warum läuft dein Laden so gut, wegen der Späti-Dichte?

Ja hier ist nicht an jeder Ecke ein Späti. Die Nachfrage ist auch einfach hoch, hier an der Kirche. Und die Umsätze sind auch nicht gesunken [Bezug auf die Eröffnung des Kleinsupermarkts 50 Meter weiter]. Sie sind sogar eher gestiegen. Konkurrenz belebt das Geschäft. Der Spruch stimmt. Es ist scheiße, dass wir sonntags nicht öffnen dürfen, aber es ist nicht existenzbedrohlich. Trotzdem würden wir uns freuen, wenn wir sonntags öffnen dürften. Vor allem die ganzen Menschen hier würden sich freuen. Denk mal an 35 Grad und alte Leute, die nichts zu trinken haben.

Ein Politiker der Grünen hat vorgeschlagen euch den Status einer Tankstelle zu geben, indem ihr E-Roller Ladestationen anbietet. Der Vorschlag schaffte es zwar nicht durch den Senat, doch was hältst du von der Idee?

Ideen helfen immer, ob sie am Ende funktionieren oder nicht. Man muss sich aber Gedanken machen, wie man das umgehen kann. Man darf nicht vergessen: Umso mehr Tage du am Ende für dich, für deinen Profit arbeitest, umso besser. Meistens ist das aber ziemlich knapp berechnet. Bei den meisten Unternehmen arbeitest du bis Tag 20 oder 23 für Löhne, Miete, Versicherung. Und wenn du am Ende des Monats 7/6 Tage in deine Tasche arbeitest, ist das schon ziemlich gut. Wenn davon jetzt aber 4 Tage durch Sonntage verloren gehen, dann werden aus 7 Tagen nur noch 3. Wenn man aus dieser Dimension denkt, versteht man wie hart das für Spätis ist. Zumal der Sonntag für die meisten der umsatzstärkste Tag ist. Es ist nicht so, dass der Mittwoch wegfällt. Sonntags haben Supermärke zu. Das ist noch schlimmer. Ich verstehe das seitdem viele zugemacht haben.

Aus der Sicht des Senates wäre für mich das Argument stärker, dass die Leute das brauchen. Spätis die Sonntag öffnen. Erwähnen das eure Kunden?

Jeden Tag. Alle wollen das. Das gehört auch zu Berlin. Und es ja fast eine schützenswerte Sache: Willst du das hier überall Ketten stehen? Das sollte man auch die Politiker fragen. Überall „REWE To Go’s“ wo der Inhaber seinen Laden gar nicht mehr kennt. Das ist nichts persönliches mehr. Überall liegt der gleiche Boden, überall die gleichen Regale aufgebaut, das gleiche Licht, die gleichen Waren, alles kostet gleich viel. Das ist dann ein Konzern. Alles sieht gleich aus. Willst du das? Oder will man in Läden rein gehen, wo der Besitzer selbst für seinen Laden steht. Wo es eine persönliche Ebene gibt. Es geht nicht nur um Spätis. Generell darum egal ob es Schuster, Bäcker oder Metzger sind. Wer backt noch seine Brötchen selbst? Willst du, das am Ende überall nur noch „BackFactory“ steht? Ne, geh mal nach Neapel. Da gibt es noch Einzelhandel. Deswegen hat die Stadt noch eine Seele.

Wie denkst du kann man das umsetzten?

Wenn es in die Medien kommt und die Leute das verstehen. Am Ende entscheidet der Bürger, wo er hingeht. Und wenn niemand zu „REWE To Go’s“ geht, sondern weiterhin zu Spätis, dann hilft das auch. Es wird alles unpersönlicher. Aber am Ende sind wir Menschen und man braucht immer soziale Bindungen. Und ich glaube die Leute werden es vermissen. Man hat eine persönliche Beziehung. Deswegen sind Spätis so wichtig. Für die Seele der Stadt. Wo gehst du denn hin und erzählst was du erlebt hast oder deine Probleme. Man darf sich nicht mit Dingen abfinden. Wenn man sich an bestimmte Dinge gewöhnt, obwohl es einem nicht gefällt, ist das nicht gut.


Benedikt Loos studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Kombination mit Geschichte an der FU Berlin. Seiner Meinung nach sind Spätis ein Teil von Berlin. Vielfalt macht Berlin aus und es gibt schon genug REWE’s.


2022-10-22T00:25:20+00:00 Kategorien: Berlin + Brandenburg, Lesen|Tags: , , , , , , |