Ein Pitbull zwischen Opfern und Helden

Ein Pitbull zwischen Opfern und Helden

Martin Fromme ist nach eigenen Angaben der einzige professionelle, körperbehinderte Komiker Deutschlands. Seit seiner Geburt 1962 in Wanne-Eickel lebt er mit einem Armstumpf, seit 30 Jahren ist er als Kabarettist, Stand-Up-Comedian, mitunter als Moderator und Schauspieler unterwegs. Die längste Zeit davon teilte sich Fromme die Bühne mit seinem Schulfreund und Comedy-Kollegen, Dirk Sollonsch, und machte sich mit „Der Telök“ einen Namen. Der Humor ist düster und herb und sein Arm sei keine Behinderung, sondern „eine Schnitzarbeit aus dem Erzgebirge“, so erklärt er es seinen Zuschauern. Publikum ist nicht gleich Publikum. Kein Auftritt ist wie der vorherige. Das Etappenziel ist klar: Berührungsängste abbauen und miteinander übereinander lachen können. Die Arbeit in der Unterhaltungsbranche sei hart und bringe den Pitbull in ihm zum Vorschein. Neben Behinderung und Humor spricht Martin Fromme in diesem Interview über verschiedene Aspekte des Bühnenlebens, seinen Weg dorthin sowie dessen Barrieren und was man eigentlich mitbringen muss, um im „Showbiz“ zu bestehen.

Ein Interview von Mike Zagorski

Sie feiern in diesem Jahr ihr dreißigjähriges Bühnenjubiläum. Was zeichnet Sie als Künstler aus?

Puh, auszeichnen… natürlich die Verrücktheit des Humors. Also weg vom Arm eigentlich. Das, was ich unter Humor und unter Gags verstehe, gibt es so hier in Deutschland, in diesem Bereich eigentlich nicht. Der Humor ist eher absurd, erinnert an englischen Humor. Im Bereich Monty Python oder Mr. Bean spielt sich der Humor ab, den ich persönlich gut finde und in Deutschland vertrete. Das hat auch gar nichts mit dem Arm zu tun, sondern meine Grundtendenz ist eben skurril und schwarzhumorig und ein bisschen abgedreht. So dass die Leute, wenn sie den Anfang des Witzes hören, nicht wissen, wie es weitergeht. Da ist es für mich schon wichtig, dass man eine Humorebene hat, die überraschend ist.

Das Thema Behinderung, das Sie in Ihren Programmen und auf der Bühne z.B. mit „Der Telök“ behandeln, ist ja doch eher gewagt und setzt immer eine gewisse Zustimmung des Publikums voraus. Was beachten Sie bei Auftritten? Inwiefern setzen Sie Eisbrecher á la „Schnitzarbeit aus dem Erzgebirge“ bewusst ein, um das Publikum erst einmal an Sie zu gewöhnen?

Ja, die müssen sich erst mal gewöhnen. Ich mache das jetzt dreißig Jahre, habe das 28 Jahre mit meinem Kollegen [Dirk Sollonsch] im Duo gemacht. Da spielte die Behinderung nur tendenziell eine Rolle, vielleicht so zehn Prozent des gesamten Programms haben sich um die Behinderung gedreht. Aber trotzdem haben Menschen, wenn ich auf die Bühne gekommen bin, gar nicht geglaubt, dass da ein Behinderter auf der Bühne ist. Ich habe sie sich erst mal fünf Minuten auf den Arm einsehen lassen und habe einen speziellen Behinderten-Gag gemacht und dann wussten sie eigentlich, dass sie über alles lachen dürfen, auch über den Bereich Behinderung. Den habe ich aber relativ wenig in den Shows der letzten 28 Jahre berührt. Das, was ich jetzt mache, ist entstanden aus der Arbeit mit dem Buch, das ich geschrieben habe [„Besser Arm ab, als arm dran“]. Daraus hat sich auch das Programm entwickelt und baut sich immer gleich auf. Wenn die Leute nicht wissen, dass ich behindert bin, habe ich eine gewisse Eingewöhnungsphase für die Leute, wo ich sie zuerst schauen lasse, was ich für eine Behinderung habe, damit sie ihre Scheu verlieren und dann gehe ich in den Wortbereich rein. Dieser Humor ist natürlich für viele Leute total gewöhnungsbedürftig und ungewöhnlich. Aber wenn sie wissen, dass der auf der Bühne behindert ist und auch Gags darüber macht, denke ich, dass sie auch bewusst dorthin gekommen sind, um das zu sehen. Es gibt auch viele Leute, wenn ich zum Beispiel in Mix-Shows auftrete, die gar nicht wissen, dass da jemand kommt, der behindert ist. Dann müssen sie sich natürlich mehr daran gewöhnen. Aber es gibt die Reaktion von Freude, absolutem Enthusiasmus, bis hin zu Berührungsängsten derjenigen, die da sind und sich nicht trauen zu lachen.

Gibt es universelle Grenzen des Humors? Lange galt ja das Paradigma über Randgruppen oder gar Behinderte sollte man bloß keine Witze machen. Wie stehen Sie dazu?

Natürlich muss man darüber Witze machen. Wenn man keine Witze über den Bereich Behinderung machen würde und Behinderte dadurch praktisch ausgrenzt, wäre das noch eine Ausgrenzung, die wir erfahren würden. Ich glaube das Allerwichtigste ist, dass wir auf der Bühne sind und uns zeigen und, dass wir auch selbstbewusst mit dieser Schädigung umgehen. Wie ich damit umgehe? Ich erlaube den Leuten einfach darüber zu lachen. Ich erlaube ihnen loszulassen und auf eine andere Seite mit mir zu gehen. Normalerweise wird uns ja immer gesagt: „Mein Gott, ihr Behinderte seid immer so verbittert“. Was ich da auf der Bühne mache, strahlt keine Verbitterung aus, sondern ist eine ganz selbstbewusste Art, mit dem Thema Behinderung umzugehen.

Haben sich Ihre Art und Ihre Haltung zu diesem Humor in den 30 Jahren geändert?

Mir war von Anfang an klar, man muss Feinschliff haben. Man darf auch nicht auf die Bühne gehen und sofort den härtesten Witz machen, sondern zuerst versuchen, die Sympathien der Menschen zu bekommen. Das Programm beginnt immer damit, dass die Leute klatschen, wenn ich rauskomme, und ich sage: „Ihr beschämt mich, ihr beschämt mich. Bitte gebt doch lieber Geld. Das kommt direkt einem Behinderten zu Gute“. Dann wissen die Leute meist genau, worum es sich dreht und haben sofort eine sympathische Geschichte. Das Allerwichtigste, wenn man auf die Bühne geht, vor allem mit diesem Thema, ist auch, dass man die Leute zuerst für sich einnimmt und ihnen Raum lässt, sich daran zu gewöhnen an diese Thematik und nicht sofort losfeuert. Innerhalb des Programms mache ich natürlich auch Gags, die sind sehr hart, mit der Contergan-Tablette, die ich einnehme und dann sage „Ich muss die erst mal nehmen, um das aufzufrischen“. Dazu gehört eine gewisse Erfahrung und Zeitgefühl, was die Leute gerade am Anfang ertragen müssen [können]. Man muss ihnen am Anfang auch ein bisschen erklären, worum es geht.

Sie haben eine kaufmännische Ausbildung gemacht, studiert, in einer Werbeagentur und bei der Zeitung gearbeitet. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie auf die Bühne gehören und die bisherigen Jobs sie doch nicht erfüllen? Wann kam Ihre Begeisterung für diese Kunst?

Die war eigentlich schon früh da, in der Schulzeit, wo ich mit einem Schulkollegen, mit dem ich ja auch irgendwann den „Telök“ gegründet habe, merkte, dass wir eine gewisse Lustigkeit in uns trugen. Wir haben auch versucht, andere Kollegen auf die Bühne zu bringen. Die sind aber irgendwann abgesprungen und am Schluss blieb noch mein Kollege und ich übrig. Wir haben 1986 angefangen, Comedy zu machen, natürlich immer berufsbegleitend, und da hat sich herausgestellt, dass das unsere Berufung ist. Mein Kollege ist ausgebildeter Jurist. Der hatte nach dem Mauerfall jedwede Möglichkeit Richter zu werden, hat sich aber dagegen entschieden. Ich habe mich auch dagegen entschieden, Journalist zu werden oder beim Fernsehen zu arbeiten, obwohl die Angebote da waren. Trotzdem habe ich gesagt, „ich entscheide mich für diesen Weg“. Und diesen Weg muss man dann halt einfach nehmen, denn wenn man ihn nicht nimmt, wird man vielleicht unglücklich. Und da die Lebenszeit sehr von der Arbeit geprägt ist, sollte es etwas sein, was einem Spaß macht. Bisher habe ich es nicht bereut, das gemacht zu haben, obwohl es für einen behinderten Akteur natürlich eine Ecke schwieriger ist, sich überhaupt zu etablieren.

Foto: Timm Ortmüller

Fotograf: Timm Ortmüller

Gibt es „Barrieren“ auf dem Weg in die Unterhaltungsbranche, die Ihnen oder anderen begegnet sind und es vielleicht auch speziell Behinderten schwerer macht, sich zu etablieren?

Ja, natürlich. Es sind immer die absoluten Berührungsängste der Medien da. Die Medien wollen ja gar nicht in diesem Bereich fortschrittlich sein und Behinderte in einer selbstbewussten Position zeigen. Moderatoren haben auch große Angst jemanden einzuladen, der die Sache so vertritt wie ich. Weil sie auch Angst haben, in irgendeiner Art und Weise Begriffe falsch zu benennen, sich falsch zu verhalten und vielleicht einem Mega-Shitstorm zu bekommen. Von daher glaube ich, dass man in den Medien eher Leute sucht, die dem Klischee entsprechen, das heißt das Opfer, dem geholfen werden muss, oder eben der Held, der sein Schicksal meistert und es trotz Behinderung in die Hand nimmt. Die normale, die selbstbewusste Geschichte wird relativ wenig aufgenommen. Ich glaube, da zeigt sich ein gewisser Rassismus der Medien und dort muss man schon seinen Finger darauf legen und sagen, „das sind auch Akteure, die man zeigen kann“. Ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt noch erleben werde in meinem künstlerischen Schaffen, dass man uns behinderten Künstlern ohne Vorurteile gegenüber tritt. Von außen dürfte dieser Schritt relativ schwierig werden.

Was ist schwieriger: Das Publikum zu unterhalten oder Medien und Veranstalter von sich zu überzeugen?

Die Veranstalter und Medien, definitiv. Man erfährt doch ziemlich viel Ablehnung in diesem Bereich, weil die Veranstalter und Medienschaffende ihre Ängste auf das Publikum projizieren. Sie nehmen einfach eine Reaktion voraus, wie unter Umständen dieses Programm oder die Art dieses Humors Schwierigkeiten geben könnte. Da ist das Publikum jedoch relativ offen und lässt sich gerne unterhalten. Etwa 80 Prozent stehen der Sache sehr positiv gegenüber, etwa zehn Prozent sind unentschlossen und zehn Prozent mögen gar nicht, was ich mache. Aber das ist im Comedy-Bereich schon ein idealer Wert, das grenzt schon an absoluter Zufriedenheit. Es gibt natürlich auch Leute, die sich an daran gewöhnen müssen. Aber wenn sie sich an die Art des Humors und meine Herangehensweise gewöhnt haben, entspannen sie sich. Es kommen auch Leute nach der Show zu mir und sagen: „Damit gehe ich jetzt anders um. Ich habe etwas gelernt und ich versuche an meinen Berührungsängsten zu arbeiten“. Das ist natürlich ein ganz großes Lob für mich persönlich, wenn ich Menschen erreiche, die sonst überhaupt nicht mit der Thematik in Berührung kommen, sie mitzunehmen und dafür zu begeistern.

Auf Ihrer Facebookseite teilten Sie eine Geschichte, in der es um einen Veranstalter ging, der Sie kurz vor Ihrem Auftritt ausgeladen und quasi ein Auftrittsverbot verhängt hat. Er habe Zweifel daran geäußert, dass das Thema Behinderung bei Jung und Alt gleichermaßen ankomme oder ob es doch Berührungsängste geben könnte. Sie kannten sich bereits über 25 Jahre. Folgenden Satz haben Sie geschrieben: „Lieber ein ehrliches Messer oder ein ehrlich geworfenes Glas, das verletzt anders“. War das ein Einzelfall und wie gehen Sie damit um?

Dass ich direkt gebucht werde und dann abgesagt wird, war der einzige Fall bisher. Hier sind ja wirklich die Ängste [des Veranstalters] aufs Publikum projiziert worden und ich hatte gar keine Möglichkeit, die Leute für das Thema einzunehmen. Ob ich das so sehe, dass einem viele Steine in den Weg gelegt werden? Ja. Es gibt sehr viele Veranstalter, die aufgrund dieser Thematik mich nicht buchen. Wenn ich ein ganz anderes Programm machen würde, zum Beispiel politisches Kabarett, über Frauen und Männer oder andere Dinge, die vielleicht up-to-date sind, anstatt Facetten der Behinderung aufzugreifen, hätte ich garantiert mehr Erfolg, hundert-prozentig mehr Erfolg. Aber die Thematik Behinderung ist keine, die gerne angefasst wird und das spiegelt die Situation in der Gesellschaft wider. Für meinen Teil gesprochen, bin ich wie ein Pitbull, der sich fest beißt, und ich lasse nicht einfach los, sondern mache weiter. Eigentlich wollte ich nur ein Programm darüber machen, aber das lässt mich nicht los und ich werde jetzt noch ein zweites, vielleicht noch ein drittes Programm hinterherschieben, weil dieses Thema viel zu wichtig ist und es leider fast nur mich im europäischen Raum gibt, der diese Kunst aufs Publikum loslässt. Ich habe eigentlich auch eine gewisse Verpflichtung.

Wie ist Ihre Selbstwahrnehmung in Ihrer Rolle als Komiker und öffentliche Person? Sind Sie eine Art Botschafter für Inklusion?

Es ist auf jeden Fall eine Botschaft, die von mir gesendet wird. Die Botschaft und das Signal sind: „Das ist alles gar nicht so schlimm.“ Ich bin relativ selbstbewusst auf der Bühne. Ich bin bestimmend und sage, wo es lang geht, und versuche die Leute mitzunehmen in diesen Bereich. Ich glaube, dass ist das mitunter inklusivste Programm, mit dem man Menschen erreicht und erheitert. Humor ist ein absoluter Katalysator, der entspannt und sie mitnimmt und, wenn man miteinander übereinander lachen kann, ist es das Allerbeste. Humor ist Medizin. Wenn man sie schluckt, ist sie vielleicht ein bisschen bitter, aber sie heilt sehr gut. Das, was ich mache, ist, glaube ich, Inklusion pur.
Sind Sie tatsächlich der einzige, der die Fahne für Behinderte hochhält, oder gibt es schon noch andere, die aber nicht ins Rampenlicht treten?

Ja, es gibt Semi-Profis, die es noch machen. Rainer Schmidt beispielsweise ist Paralympics-Sieger, der hat auch ein Kabarettprogramm gemacht, mit dem er aber nicht mehr auftritt. Dann gibt es einen Rollstuhlfahrer, der manchmal auftritt und Musiklehrer ist von Beruf, und so ganz langsam werde ich auch von Leuten angeschrieben, die in diesem Bereich auch was machen wollen und sich bei mir ein bisschen Hilfe holen, wie sie es denn schaffen, auf die Bühne zu kommen, wie der Aufbau sein sollte und welche Thematiken wichtig sind. Ich gebe dann kleine Tipps und sage den Leuten, „Ihr müsst euch selber finden“, was das Allerwichtigste ist. Wir wollen kein Abziehbild von mir oder anderen, sondern sie sollen sich mit sich selbst beschäftigen. Ich glaube und hoffe aber, dass sich in den nächsten zehn Jahren in der Szene etwas tun wird und sich einige Profis dazu gesellen. Leider gibt es im professionellen, im richtigen,  Profi-Bereich nur mich und einen Komiker aus England, der das hauptberuflich macht. Ansonsten gibt es in gesamt Europa keinen körperbehinderten Komiker, der in diesem Bereich rumlungert.

Welche Tipps geben Sie Nachwuchskomikern? Was sagen Sie Menschen, die zu Ihnen kommen und sagen „Mensch, ich möchte mich zeigen und auf die Bühne.“?

Ich frage erst mal nach den Interessen. Wo liegt das Interesse im humoristischen Bereich, wo liegt das Interesse im literarischen Bereich? Liegt das Interesse vielleicht im musikalischen Bereich? Dann ermutige ich sie erst mal dazu, etwas zu produzieren, um die Qualität der Geschichte auf der Bühne zu überprüfen. Natürlich gibt es auch viele offene Bühnen, die auch manchmal offen sind für Behinderte, manche auch nicht. Wenn sie sagen, „ihr könnt gerne kommen“, und dann ist die Bühne doch nicht barrierefrei, muss man auch sehr aufpassen, dass man nicht in Situationen gerät, die unangenehm werden. Es geht einfach darum, ein Produkt herzustellen, es dem Publikum zu präsentieren und den Mut zu haben, sich dieser Situation zu stellen. Das muss man ausprobieren. Man muss ausprobieren, ob man für die Bühne geboren ist und das aushält, die sicher erst mal abwartende Haltung des Publikums. Wenn man meint, das sei das Richtige für einen, muss man immer weiterarbeiten, weiterarbeiten, weiterarbeiten und gucken, ob es einen packt. Dann hält einen eigentlich niemand auf, sondern kommt es immer auf einen selber an, auf die Motivation. Wenn man Lust darauf hat, auf die Bühne zu gehen, schafft man es auch.

Ist das Thema völlig egal, solange sich behinderte Menschen trauen?

Meist geht es schon um die Thematik Behinderung. Es hat mich beispielsweise ein Gehörloser, der jetzt anfängt, angesprochen. Dann hat mich ein Kleinwüchsiger angehauen. Es hat mich auch jemand gefragt, der sich kaum noch bewegen und nur noch mit dem Mund etwas machen kann. Der will auch auf die Bühne. Diese Leute frage ich dann auch ganz ehrlich: „Hältst du das durch? Hältst du beispielsweise auch 90 Minuten durch auf der Bühne? Geht das körperlich, schaffst du das?“. Man muss sich auch ganz klar sein, wenn man diesen Beruf, diese Sparte für sich entdecken möchte, dass das eine sehr strenge und harte Arbeit ist. Viel Reisen, von Hotel zu Hotel, das gehört alles dazu. Die Leute kommen auch mit anderen Themen zu mir. Die sagen: „Ich bin blind, möchte auf die Bühne und würde gerne singen“. Das ist ja kein Problem. Das gibt es ja seit 50 Jahren, mit Stevie Wonder, Ray Charles oder Corinna May. „Bitte mach‘ das doch. Versuch’s doch einfach. Geh auf die Bühne und erobere vielleicht ein Publikum, das auf dich wartet“, kann ich die Leute nur ermutigen, sich zu zeigen. Wenn sie mutig sind, machen sie das, und ich sage ihnen: „Es wird relativ viele Rückschläge geben, wenn du dich zeigst. Aber wenn du stark genug bist, dich dieser Sache zu stellen, dann ist das genau dein Weg und den solltest du auch gehen.“

Sie sagten in einem anderen Interview mit Raul Krauthausen, Ihr Ziel wäre es, sich abzuschaffen. „Humor und Behinderung, da wurden schon so viele Scherze darüber gemacht“. Wenn das Thema so langweilig geworden ist, dass niemand mehr lacht, möchten Sie etwas Neues machen. Nun würde das Ihren Aussagen nach noch ziemlich lange dauern. Gibt es noch andere Dinge, die Sie gerne machen wollen? Sie moderieren ja schon die monatliche Sendung „Selbstbestimmt“ im MDR, ein Magazin, in dem andere behinderte Menschen im Mittelpunkt stehen.

Ja, in jedem Fall im kabarettistischen Bereich weiterarbeiten, im Moderationsbereich natürlich auch. Diese Sendung machen. Vielleicht kann ich die Leute im medialen Bereich dazu bewegen, Menschen mit Behinderung vielleicht anders zu sehen als sie wahrgenommen werden. Vielleicht schreibe ich, wenn die Leute dafür offen sind, auch Drehbücher für den Behinderten-Bereich, dass man eine Sitcom macht mit Behinderten. Ich muss ja nicht immer vor die Kamera. Es gibt auch genügend andere, die behindert sind und vor die Kamera wollen. Ich versuche dann, ihnen dabei zu helfen, Fuß zu fassen. Also die Sache, die ich mir auf die Fahne geschrieben habe, ist, Leuten im komischen Bereich auf die Bühne zu helfen. Eventuell mache ich dahingehend eine kleine Agentur auf, die sich speziell um behinderte Komiker und Komikerinnen – das wäre auch klasse, wenn sich auch Frauen trauen würden – kümmert. Jetzt werde ich bestimmt fünf oder sechs Jahre solo gehen, aber ich denke mir, dass ich nochmal mit einem Partner ein Programm mache, das gar nichts mit der Thematik Behinderung zu tun haben wird.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!


Mike Zagorski studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin und verbringt hin und wieder Abende in dem Berliner Varieté „Scheinbar“, wo er seine Affinität zur Komik fand.


2017-07-06T12:18:02+00:00 Kategorien: Kunst + Können, Lesen|Tags: , , , , , , , , |