Pieksige Debatte im Prenzlauer Berg: „Wo eine Nebenwirkung ist, sollte auch eine Freiwilligkeit sein”

Pieksige Debatte im Prenzlauer Berg: „Wo eine Nebenwirkung ist, sollte auch eine Freiwilligkeit sein”

Schaut man sich die Impfquoten im Prenzlauer Berg an, wird eins deutlich: Der Bezirk, der sonst als so gesundheitsbewusst gilt, schwächelt in Sachen Masernvorsorge. Wie stehen die Eltern und Erzieher dort zu dem Gesetz, das die Masernimpfung ab März 2020 zur Pflicht macht?

von Maurice Endres und Johanna Jürgens

Berlin ist divers und so sind es auch die einzelnen Bezirke. Die Hauptstadt unterteilt sich in Szeneviertel und Brennpunkte, Party- und Wohngebiete. Irgendwo dazwischen findet sich auch der Bezirk Pankow-Prenzlauer Berg wieder. Der auch liebevoll genannte „Prenzlberg“ ist bekannt dafür, Ballungsraum für junge Familien mit Kindern zu sein. Vom Kollwitzkiez zum Winsviertel, vorbei am Mauerpark und Helmholtzplatz, über die Schönhauser Allee bis hin zum Wasserturm. Trifft man pro Kreuzung auf weniger als zwei Kinderwagen-schiebende, Bio-Haferlatte-trinkende und Schwäbisch-sprechende Eltern, dann kann nur ein Räumungsverkauf in einem der flechtenartig angesiedelten Biosupermärkten der Grund dafür sein. „Bio“ und „Nachhaltigkeit“ werden hier großgeschrieben, aber das Impfen der eigenen Kinder ist eher ein kritisches Thema. Was sagt es über den Prenzlauer Berg aus, dass die Impfdebatte gerade hier so präsent ist?

Impfen: Eine Ego-Debatte?

Für die meisten Eltern ist das Impfen der eigenen Kinder keine Prinzipienfrage, sondern eine Notwendigkeit. In dem Kindergarten, in dem Max H. als Erzieher arbeitet, sind fast alle Eltern über die kommende Masernimpfpflicht informiert. Nicht jeder findet sie ausschließlich gut, aber alle sind dafür. Kritisiert wird vor allem der Eingriff in die elterliche Entscheidungsfreiheit. Per se würden sie ihre Kinder ohnehin impfen, die Pflicht bringt ihnen aber ein Gefühl der Machtlosigkeit. Ist das Ganze also nichts weiter als eine Ego-Debatte? Oft hören wir lauter werdende Stimmen, die von „unwohlen Bauchgefühlen“ und „Einschränkung der eigenen Freiheit“ sprechen. Ab März kommt allerdings keiner mehr ohne teure Strafe an der MMR-Impfung vorbei. Lässt sich also festhalten, dass eine Mehrheit der Eltern im Prenzlauer Berg zwar für die Masernimpfung, aber gegen die einzuführende Pflicht sind? Und wie stehen diejenigen, für die Impfen keine Option darstellt, der Debatte gegenüber?

Kein neuer Protest

„Impfen? Nein Danke!”  Das war lange Zeit der Schlachtruf der Impfgegner, den sie lauthals protestierend auf Straßendemos in die Luft gehalten haben. Auch wenn die Gruppe der Skeptiker nicht kleiner und ihr Protest nicht leiser geworden ist, ändert sich jedoch eins: In Zukunft werden sie nicht mehr gefragt. Zu der Gruppe der Impfgegner zählt sich auch Nadine S.* Die gelernte Handelsfachwirtin wurde durch ihre drei Kinder gleich mehrfach mit der Debatte konfrontiert. Wenn heute das Stichwort „Impfen” fällt, denkt sie sofort an ihre älteste Tochter. Maja* litt einige Zeit nach der MMR-Impfung an Fieberkrämpfen. Das Mädchen wurde vom behandelnden Kinderarzt als Impfschadensverdachtsfall eingestuft. Dass ihr gesundheitlicher Zustand tatsächlich im Zusammenhang mit der Masernimpfung stand, konnte jedoch nie nachgewiesen werden. Seither beschäftigt sich die 33-jährige nach eigenen Angaben in jeder freien Minute mit der Thematik, steht mittlerweile nicht nur der Masernvorsorge, sondern auch allen anderen Impfungen skeptisch gegenüber. Misstrauen hegt sie vor allem gegenüber dem deutschen Gesundheitssystem und der Pharmaindustrie. Ihre zwei jüngeren Kinder haben die empfohlenen Impfungen nicht mehr erhalten.

Wer mit ihr über die Thematik spricht, muss einige Stereotypen zu Impfgegnern über Bord werfen. Die junge Frau ist informiert, kann nicht nur die Zusammensetzung der Impfstoffe, sondern auch die Zahlen des Robert Koch-Instituts zur Masernforschung korrekt wiedergeben. Dennoch: Auch Statistiken bieten Interpretationsspielraum, vor allem dann, wenn die Angst um die eigenen Kinder damit verknüpft ist.

Die Kinderkrankheit, die eigentlich keine ist

Neben der gesetzlichen Verpflichtung wird auch die Werbetrommel für die Masernschutzimpfung gerührt. Foto: Maurice Endres

Schaut man sich die Zahlen an, wird eins schnell deutlich: Ein Masernausbruch ist im südlichen Prenzlauer Berg alles andere als unwahrscheinlich. Der Grund: Hier sind nur knapp 89 Prozent der schulpflichtigen Kinder gegen die Krankheit geimpft. Für den Aufbau einer Herdenimmunität reicht das nicht aus. Diese setzt voraus, dass mindestens 95 Prozent der Bevölkerung gegen den Krankheitserreger immun ist. So kann sichergestellt werden, dass auch diejenigen, die nicht geimpft werden können, darunter Schwangere und Alte, sich nicht mit der Infektionskrankheit anstecken. Dass die Herdenimmunität auch national noch nicht erreicht wurde, hat Konsequenzen: In der Begründung des Entwurfes für das Masernimpfschutzgesetz hieß es, in den ersten Monaten des vergangenen Jahres seien 400 Masernfälle gemeldet worden.

Die hoch ansteckende Infektionskrankheit wird im Volksmund „Kinderkrankheit” genannt. Die Bezeichnung ist trügerisch: Zwar treten Masern häufig im Vor- oder Grundschulalter auf, dennoch sind sie keinesfalls harmlos. Ein Drittel bis zur Hälfte der Fälle, die bisher an das Robert Koch-Institut gemeldet wurden, mussten im Krankenhaus behandelt werden. Jährlich werden in Deutschland im Durchschnitt 4 bis 7 Todesfälle registriert, die auf eine Maserninfektion zurückzuführen sind. Vor Einführung der Impfung waren es in Deutschland um die 100 Todesfälle pro Jahr. Auch Masernkomplikationen sind keine Seltenheit: Die Wahrscheinlichkeit, eine schwere Gehirnschädigung zu bekommen, liegt bei 1:500 bis 1:1000. Für 20 Prozent der Erkrankten endet sie tödlich, 30 Prozent erlangen schwere Folgeschäden, wie geistige Behinderung oder schwere Lähmungen. Auch Jahre nach der Maserninfizierung kann eine neurodegenerative Erkrankung des Gehirns auftreten, die in jedem Fall letal ist.

Über Zweifel an der Wissenschaft

Wer seine Kinder zur Schule oder in den Kindergarten schicken will, muss ab März einen gefüllten Impfpass vorweisen können. Foto: Johanna Jürgens

Eigentlich ist Wissenschaft keine Glaubenssache. Nadine S.* hegt dennoch ihre Zweifel an dem Konzept der Herdenimmunität: „Ich übernehme nicht für einen sogenannten ‚Herdenschutz’, den ich auch arg bezweifle, das Risiko. Warum? Als wenn das irgendein anderer macht? Das ist ja nur die Angst, die unter jedem ist. Kein anderer würde ein Kind, das von der Klippe hängt und er nicht kennt gegen sein eigenes Kind eintauschen.” Auch wenn die 33-jährige so wirkt, als sei sie Impfgegnerin aus Überzeugung, war dem nicht immer so. „2015 gab es eine große Masernwelle. Da spürte ich Angst und Druck. Die Angstmacherei hätte mich fast dazu gebracht, meine Kleine doch impfen zu lassen. Heute bin ich froh, dass ich’s nicht gemacht habe.”

Überwunden habe die junge Frau solche Phasen durch Zuversicht und das Buch des impfkritischen Mediziners Dr. Andre Braun. Der Kinderarzt propagiert seine Meinung zum Masernschutz und anderen Immunisierungen vor allem in einschlägigen Internetforen. Als problematisch erachtet er unter anderem das fehlende Gespür des Einzelnen für den Umgang mit Krankheiten: So sei die hohe Zahl der stationär behandelten Masernfälle nicht durch die Schwere des Krankheitsverlaufes, sondern durch eine Abhängigkeit des Einzelnen vom Gesundheitssystem zu erklären.

Das sieht die dreifache Mutter ähnlich: „40 Prozent der Masernfälle landen im Krankenhaus. Das beeindruckt mich überhaupt nicht, weil einfach die überwiegende Bevölkerung nicht mehr weiß, wie man mit Krankheiten umgeht. In vielen Fällen ist vor allem die Nähe zur Mutter notwendig. Da hilft es nichts, wenn ich mein Kind direkt zum Arzt schleppe.” Hier zeigt sich erneut deutlich: Ergebnisse von Studien, insbesondere bei solch hochemotionalisierten Themen, bedürfen einer Kontextualisierung. „Ich informiere mich stets ganzheitlich“, so Nadine S. „Viele Zahlen sind ja auch nicht gelogen, sie sind nur falsch geschlussfolgert.” Nadine S. vermutet, dass es bei der Masernimpfpflicht vor allem darum geht, Profit zu schlagen: „Das Interesse hat auf jeden Fall die Pharmaindustrie und auch die Politik. Die Ärzte sind für mich in der ganzen Geschichte die Leidtragendsten überhaupt, das sind für mich die Marionetten des Systems.”

Dass die Masernimpfung stets durch einen Dreifachimpfstoff, der auch Mumps und Röteln umfasst, durchgeführt wird, macht Nadine S. ebenfalls misstrauisch. „Die Masernschutzimpfung ist wie ein trojanisches Pferd. Erst freuen sich alle darüber, aber ihr glaubt doch nicht, dass es dabei bleibt. Durch die Hintertür kommt dann auch noch Keuchhusten dazu, der Dreifachimpfstoff wird ja schon gar nicht mehr produziert.” Wenn Nadine S. die Gesetzesänderung kritisiert, geht es vor allem um eins: die Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit. Für die 33-jährige steht fest, dass Impfungen mit Begleiterscheinungen einhergehen, die sich nicht gegen die Gefahr von potentiellen Masernkomplikationen aufwiegen lassen.

„Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker”, heißt es bei der Bewerbung von Arzneimitteln. Nadine S. hingegen beobachtet die Folgen des Impfens lieber im privaten Umfeld. So ist sie der festen Überzeugung, Impfungen schwächen das Immunsystem und machen Kinder anfälliger für Krankheiten: „Wenn ich im Wartezimmer bin, um eine Bescheinigung abzuholen, dann ist das voll. Und ich frage mich jedes Mal, ob das normal sein soll. Was ist Schnupfenzeit? Wir haben keine Schnupfenzeit! Wir haben auch keine Bronchitis, asthmaähnlichen Zustände und auch keine Mittelohrentzündung. Wir haben sowas alles nicht!“ Wie Nadine S. mit der Masernimpfpflicht umgehen will, weiß sie noch nicht. Eins steht fest: Impfen ist keine Option, Auswandern hingegen schon.

Vertrauen in die Medizin generell gegeben

Radikale Querdenkerin oder eine von Vielen? Wie verbreitet ist die Meinung der Dreifachmutter hier im Bezirk? Zurück in der Kindertagesstätte von Max H. zeigt sich schnell, dass die erst so kritischen Mütter und Väter zwar erst einmal ihrem Ärger Luft verschaffen mussten, die Notwendigkeit der Impfung jedoch anerkennen. Dem Fachurteil der Mediziner und der Ständigen Impfkommission könne man vertrauen, so die Eltern. „Der Herdenaspekt kann Leben retten. Das deines Kindes, das meines Kindes“, so eine Mutter. Natürlich begleiten einen die Ängste um Nebenwirkungen und Komplikationen, aber die Gewissheit, damit das eigene und auch andere Kinder zu schützen, sei Grund genug, die Impfung auch ohne die Entscheidung des Gesetzgebers durchzuführen. Sie alle wollen wissen, dass ihre Kinder in guten Händen sind. Dabei helfen nun auch die Gewissheit und der Schutz, der die Impfpflicht bringen wird.

„Ich fühle mich nicht gut informiert, um eventuelle Fragen und Sorgen zu klären!“

Kein untypisches Bild: Krankheitswelle in einer Kindertagesstätte. ErzieherInnen im Bezirk Prenzlauer Berg warnen Eltern vor Magen-Darm-Erkrankungen. Foto: Maurice Endres

Eltern sind sich der brenzligen Situation im Prenzlauer Berg bewusst. Doch wie steht jemand, der von der Debatte weniger emotional befangen ist, dazu? Der junge Erzieher, Max, spricht sich im Sinne der Gesundheit aller Kinder für die Impfpflicht aus. Vor allem wegen der „Absicherung im Kopf“: „Wir müssen uns weniger Sorgen machen. Außerdem sinkt die Ansteckungsgefahr und im besten Falle werden Krankheiten wie die Masern nun doch ausgerottet.“ Dennoch kann er auch die besorgten und verunsicherten Eltern verstehen. Kritisches Denken fördere den Diskurs und alles sofort abzunicken sei auch nicht sinnvoll, so der Kindergärtner. Ob alle Kinder seiner Einrichtung bisher den notwendigen Impfschutz haben, wisse er nicht. Allgemein spreche man wenig über die Thematik – weder mit Eltern, noch mit Vorgesetzten und Behörden. Am Ende des Tages stehen er und seine Kollegen vor vollendeten Tatsachen und sind oft ratlos. „Ich fühle mich nicht besonders gut informiert oder geschult, eher gar nicht. Vor allem nicht genug, um eventuelle Fragen, Sorgen oder schwere Frage der Eltern zu klären.“

Ist die Impfpflicht erst einmal eingeführt, so werden die Fragezeichen in Max‘ Kopf und den Köpfen der anderen Erzieher, die wir getroffen haben, hoffentlich verschwinden. Bisher wurden alle beteiligten Parteien vor vollendete Tatsachen gestellt, an der nötigen Aufklärungsarbeit mangelt es jedoch. Ein fatales Versäumnis, denn gerade ein persönliches Gespräch mit informierten und geschulten ErzieherInnen kann besorgten Eltern die Angst vor dem Impfzwang nehmen und Missverständnisse aus dem Weg räumen. Die BetreuerInnen in Einrichtungen bilden die kontrollierende Instanz der Pflicht, werden aber im Dunklen gelassen. Das sollte sich ändern.

*Namen geändert

 

 


 

Johanna Jürgens studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Sie wohnt im Prenzlauer Berg. Ihr Impfpass ist fast voll. 

 

 

Maurice Endres, ebenfalls Student der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, schätzt sein Zuhause im Prenzlauer Berg genau so  wie seine geimpften Nachbarskinder – zumindest ab kommenden März.

 

 

Für diesen Beitrag haben die beiden Jungjournalisten in kollektiver Recherchearbeit ihren Bezirk auf den Kopf gestellt und sich einen fundierten Durchblick im nebulösen Stimmenwirrwarr der Impfdebatte verschafft.