Portrait: Vom Leben nicht verwöhnt

Dr. Eva Schäfer vor ihrem Geburtshaus im heutigen Lębork, Polen (Foto: Luise Schäfer)

Portrait: Vom Leben nicht verwöhnt

Dr. Eva Schäfer hatte es wahrlich nicht leicht und es wurde ihr nicht leichtgemacht – aber sie hat gelernt mit Rückschlägen umzugehen. Das Leben einer Frau in drei Staatssystemen.

Von Luise Schäfer

Fast hätte sie den Ort nicht wiedergefunden. Der einzige Anhaltspunkt war eine vergilbte Postkarte aus dem Jahr 1929 – darauf abgebildet das weitläufige Gelände der Provinzialheilanstalt bei Lauenburg in Pommern, umgeben von Wald und Wiese. Früher musste man eine halbe Stunde über Felder laufen, um ins Stadtzentrum zu gelangen. Inzwischen haben sich Neubauten bis an das Eingangstor herangeschoben. Gebeugt steht die alte Frau an einem Zaun und schaut gestützt auf eine Krücke versonnen auf das ehemalige Anstaltsgelände. Betreten darf sie es nicht. Aus der Psychiatrie ist ein Militärstützpunkt der polnischen Armee geworden und Lauenburg heißt jetzt Lębork. Vor 80 Jahren war Frau Dr. med. Eva Schäfer zum letzten Mal hier.

An einem warmen Tag im Juni 1930 kommt sie als einziges Kind des Facharztes für Neurologie und Psychiatrie Dr. med. Gottfried Petran und seiner Frau, der Lehrerin Annemarie Petran geb. Maushagen, zur Welt. Als verbeamteter Arzt wird ihr Vater immer wieder versetzt und so muss die Familie häufig umziehen. Eingeschult wird die kleine Eva in Bunzlau, die zweite Klasse absolviert sie in Plagwitz, die dritte in Leubus, die Oberschule besucht sie in Görlitz. Sie hat gelernt, sich immer wieder neu einzuleben und Freunde zu finden. Probleme bereitete ihr das nicht, ihre Kindheit erlebt sie als glücklich.

»Die wird schon durchkommen«

Gleich zu Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 wird ihr Vater als Lazarettarzt eingezogen, dann in eine Heeresentlassungsstelle zum Sanitätsdienst versetzt.  Erst 1949 kehrt er nach einer Odyssee durch ein tschechisches, ein russisches und ein polnisches Kriegsgefangenenlager zurück. Unerwartet steht er am 23. Dezember vor der Tür der Görlitzer Wohnung. Die Kampfhandlungen in Görlitz selbst beschränken sich auf zwei Bombentreffer: einen zu Beginn und einen kurz vor Ende des Krieges. Als 1945 die Front immer näher rückt und vor allem Frauen und Kinder aufgefordert werden, Görlitz zu verlassen, geht die inzwischen 15-jährige mit ihrer Mutter auf die Flucht: in Zittau nehmen sie einen Lazarettzug, der sie über Prag nach Oberbayern bringt. Hier kommen sie zwischen Februar und September 1945 für Kost und Logis auf einem Gehöft in Bad Heilbrunn unter: Eva muss bei allen Aufgaben im Haushalt, auf den Feldern und im Torfmoor helfen. Honoriert wird ihr Fleiß durch zusätzliche Lebensmittelrationen der Bäuerin, gegenüber der Mutter äußert sie: »Machen Sie sich keine Sorgen, die wird schon im Leben durchkommen« – und damit hat sie Recht.

Zu kirchlich und zu unpolitisch für den Sozialismus

Ein Jahr nach Kriegsende kehrt Eva mit ihrer Mutternach Görlitz zurück und legt dort ihr Abitur mit der Gesamtnote »sehr gut« ab. Görlitz ist nun Teil der Sowjetischen Besatzungszone und ab 1949 der DDR. Der Arbeiter- und Bauernstaat macht ihr das Leben schwer: ein Germanistikstudium wird ihr verwehrt, da sie christlich erzogen und kein Arbeiterkind ist – ein Stigma, das nicht nur ihr, sondern auch ihren Kindern bis zur Wiedervereinigung 1989 anhaften wird.

So arbeitet Eva zunächst ab 1950 in einem bakterio-serologischen Labor in Großschweidnitz, wo sie für alle angebotenen Untersuchungen zuständig ist. Hier erlebt sie wieder einen Rückschlag: die Kurzausbildung zur Medizinisch-technischen Assistentin wird ihr erneut aus ideologischen Gründen verwehrt, da sie kein FDJ-Mitglied ist. Bei der Bewerbung für die reguläre Ausbildung in Dresden wird sie in einem Auswahlgespräch gefragt, warum sie als Abiturientin nicht studiert – Anstoß genug für Eva einen zweiten Anlauf zu wagen.

Diesmal hat sie Glück und beginnt im September 1952 ihr Medizinstudium in Leipzig. Heftiges Heimweh und große Wissenslücken durch drei Jahre zurückliegenden Physikunterricht lassen sie an dieser Entscheidung zweifeln. Nach der ersten bestandenen Vorprüfung legen sich die Selbstzweifel. Als es 1953 zum Aufstand in der DDR kommt, wirkt sich das auch auf die Situation an der Universität aus – einige Studierende werden überprüft und exmatrikuliert. Auch Eva muss sich zwei Mal vor einer Kommission verantworten jedoch ohne weitere Konsequenzen. Die Universität erhält den Namen »Karl-Marx« und ihr Studiengang (als einer der ersten) eine »sozialistische Prägung«.

Nachdem Eva 1957 ihr Staatsexamen mit dem Prädikat »sehr gut« ablegt und mit höchstem Lob promoviert, wird sie von der neurologisch-psychiatrischen Klinik (der Universität Leipzig) als Assistenzärztin angefordert und das obwohl der FDJ-Sekretär der Fakultät sie als »kirchlich eingestellt« und somit als ungeeignet für diese Stelle einstuft. Hier lernt sie auch ihren ersten Mann Dr.med. Günter Hoffmann kennen, den sie 1959 heiratet, von dem sie sich aber schon 1962 nach einer großen Enttäuschung wieder scheiden lässt. Im gleichen Jahr beendet sie ihre Ausbildung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und lernt Dr. med. Alfred Schäfer kennen, den sie heiratet und mit dem sie in eine geräumige Altbauwohnung im Zentrum von Leipzig bezieht. Hier wohnt sie noch heute, inzwischen alleine.

Jeder Gegenstand eine Erinnerung

Betritt man die hohen hellen Zimmer, scheint sich wenig verändert zu haben. Auf gepflegtem Eichenparkett stehen Möbelstücke aus der Zeit des Einzugs, in den Vitrinen Bücher, die ein Interesse an Literatur, Musik, Geschichte und Religion erahnen lassen, in den Schränken Porzellan bekannter Manufakturen. Jeder Gegenstand ist mit einer Erinnerung verbunden, zu jedem kann sie eine Geschichte erzählen – kommt dabei oft vom Hundertsten in Tausendste. Ein Klavier ist auch vorhanden, das spielt sie aber nur noch zu Weihnachten. Sie hält auf Tradition. Erst wenn »Ihr Kinderlein kommet« angestimmt wurde, beginnt die Bescherung. Die Kinderlein sind inzwischen ihre fast erwachsenen Enkel.

Das Büffet im Esszimmer gleicht einem Altar, in dem sich Evas Lebensgeschichte in Form von Bildern widerspiegelt. Ganz links Bilder ihrer geliebten Eltern, die extra in ihre Nähe und später mit in die Wohnung einziehen, um sie im Haushalt zu unterstützen und bei der Erziehung der Kinder zu helfen. Daneben ein Bild ihres Mannes mit strengem Blick und dunklen Haaren, der schon seit seiner Jugend mit Depressionen zu kämpfen hatte, sich noch vor der Geburt der jüngsten Tochter das Leben nimmt und Eva mit drei Kleinkindern zurücklässt: Bärbel, Christian und Katrin. Seitdem arbeitet sie nur noch halbtags und nimmt sich Zeit für die Kinder, macht mit ihnen Wochenendausflüge, fährt mit ihnen an die Ostsee und ins Riesengebirge. Auch ihre Kinder haben Schwierigkeiten mit dem real existierenden Sozialismus, müssen kämpfen, um ihr Abitur und ihr Hochschulstudium absolvieren zu dürfen. Eva hilft ihnen, die Steine aus dem Weg räumen, die ihnen in den Weg gelegt werden.

Schwerste Zeit ihres Lebens

Während ihre Kinder sich bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig gegen die politischen Verhältnisse auflehnen, beobachtet Eva die Aufstände nur von außen. Sie hat eher Angst, als dass sie diese befürwortet, obwohl sie selbst unter dem System leidet. Lastwagen mit Soldaten stehen in den Seitenstraßen, Blutkonserven werden bereitgestellt und Betten freigehalten in der Klinik, in der sie arbeitet. Die Stimmung ist explosiv.

Als am 9.November 1989 die Mauer fällt, bekommt Eva das kaum mit. Während ihre Kinder sich nun grenzenlose Freiheit und neue Möglichkeiten erhoffen, ändert sich für sie lediglich der Arbeitgeber. Die ersten gesamtdeutschen Jahre werden für sie die schwersten ihres Lebens.

Im April 1997 verliert sie überraschend ihren einzigen Sohn. Während eines Osterurlaubs im bayerischen Wald bricht er infolge einer Herzmuskelentzündung und wohl auch aus Erschöpfung zusammen, wird falsch reanimiert und stirbt. Er hinterlässt seine Frau und eine Tochter. Eva kann auch heute, 20 Jahre danach, kaum davon erzählen. Als sie darüber spricht, bricht ihr die Stimme. Zwei Jahre später ereilt sie der nächste Verlust: ihre Mutter, deren Liebe sie immer und überall begleitete, stirbt kurz vor ihrem 98. Geburtstag. Die einzige enge Familie, die ihr noch bleibt, sind ihre beiden Töchter. Doch auch hier kommt es zu einem Einschnitt, der immer noch wie eine offene Wunde in Eva klafft: Ostern 2003 wendet sich ihre älteste Tochter ohne Erklärung von ihr ab, eine Entscheidung die Eva bis heute nicht verwinden kann. Ihr, der Familie immer das wichtigste war, bleibt nur noch ein Kind.

Dieses Kind ist inzwischen selbst Ärztin und steht mit ihr am Zaun der ehemaligen Provinzialheilanstalt bei Lauenburg, heute Lębork. Sie hat beschützend den Arm um Eva gelegt – doch was soll sie jetzt noch umhauen?


Large Blog ImageLuise Schäfer studiert im fünften Semester Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Dieses Porträt über ihre Großmutter ist ihre erste journalistische Publikation.


2018-03-18T12:16:16+00:00 Kategorien: Lesen, Lesetipp, Macht + Medien, Wissen + Wirken|Tags: , , , , , , , , |