Antisemitismus in Friedenau – und eine Frau, die sich den Rechten entgegenstellt

Die Phillipus-Kirche in Berlin-Friedenau | Stolpersteine in der Stierstraße. Fotos: Ann-Kathrin Rust

Antisemitismus in Friedenau – und eine Frau, die sich den Rechten entgegenstellt

Seit einigen Jahren werden im Berliner Stadtteil Friedenau Stolpersteine geschwärzt und Gedenktafeln beschmiert. Immer wieder zeigen rechte Vandalen ihre Ablehnung gegenüber dem Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus: Es kommt zu Sachbeschädigungen, Drohungen, Einschüchterungsversuchen. Doch davon lässt sich die Friedenauer Anwohnerin Petra Fritsche nicht abschrecken. Tagtäglich setzt sie sich für die Gedenkpolitik in ihrem Bezirk ein.

Von Ann-Kathrin Rust

»LÜGE« steht in großen gelben Druckbuchstaben quer über der Scheibe des Informationskastens der Phillipus-Kirche in Berlin-Friedenau. Diesen Informationsaushang hat die evangelische Gemeinde dort zusammen mit der Initiativgruppe »Stolpersteine in der Stierstraße« in Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus aufgestellt. Sie klärt auf über die Untaten des Naziregimes, die Deportationen und Ermordungen der Juden und auch über die Stolpersteine, die ihnen zum Andenken überall in den Straßen Friedenaus zu finden sind. Was der Kirche sowie vielen Anwohnern ein persönliches Anliegen ist, scheint anderen jedoch ein Dorn im Auge zu sein. Denn immer wieder in den letzten Jahren wird das nachbarschaftliche Zusammenleben in Friedenau von rechtsmotivierten Vandalen belastet. Nicht nur der Informationskasten der Stolperstein-Initiative Stierstraße wurde dabei schon mehrere Male zum Anschlagsziel der Täter. Immer wieder wurden auch Stolpersteine in der ganzen Nachbarschaft geschwärzt und Gedenktafeln beschmiert. Vor einigen Jahren wurde ein, in Friedenau ansässiger, Rabbiner vor den Augen seiner kleinen Tochter zusammengeschlagen und im letzten Jahr musste ein jüdischer Schüler die Friedenauer Gemeinschaftsschule verlassen, nachdem er von seinen Mitschülern aufgrund seines Glaubens gemobbt und misshandelt wurde. In Friedenau gibt es offensichtlich ein Problem mit Antisemitismus und das ist auch den Anwohnern bewusst.

Petra Fritsche setzt sich ein

Petra Fritsche ist Teil der Initiative und setzt sich aktiv für die Gedenkpolitik in ihrem Bezirk ein. Die 66-jährige Stolpersteinexpertin, die selbst schon mehrere Bücher zu diesem Thema verfasst hat und einen Blog betreibt, gibt Führungen in Friedenau und Grunewald, in denen sie anhand der Stolpersteine vom Schicksal jüdischer Opfer berichtet. Auch an Schulen hält sie Vorträge und organisiert seit Jahren neue Stolpersteinverlegungen überall im Bezirk. Sie recherchiert selbst nach jüdischen Familien, die zu Zeiten des NS-Regimes in Friedenau ihr Zuhause hatten bis sie von der SS deportiert und ermordet wurden. Bis heute hätte sie dazu schon mehr als 3000 Dokumente gesammelt, erzählt sie. Petra Fritsche setzt sich mit dem Leben jedes einzelnen Opfers auseinander, recherchiert deren Geschichten und gibt sie an ihre Mitmenschen weiter. Bei jeder Verlegung hält sie eine kurze Ansprache in Gedenken an den Menschen, dessen Name in den goldfarbenen Stein eingraviert wurde. Zusammen mit den Mitgliedern der Initiative verteilt sie bei jeder Verlegung eines neuen Steins im ganzen Bezirk Einladungen an alle Bewohner. Neben Angehörigen der Opfer möchten sie auch ihre Nachbarn dazu bewegen sich diesen Gedenkmomenten anzuschließen und ihre Mitmenschen vor allem dafür sensibilisieren, warum die Stolpersteine dort vor den Eingängen der Häuser verlegt werden.

Angreifbar durch öffentliches Engagement

Ihr großes Engagement bringt Frau Fritsche jedoch schließlich selbst in Gefahr, da sie sich öffentlich als Sprecherin der Initiative zeigt. Sie betreibe gezielte Öffentlichkeitsarbeit, sagt sie, und das hat sie schließlich ins Fadenkreuz der Neonaziszene gelenkt. Als sie eines Tages nach Hause kommt, steht in großen Buchstaben an ihrer Wohnungstür »Vorsicht! Judenfreundin«. Zunächst ist die engagierte Rentnerin so geschockt, dass sie einfach die Wohnungstür hinter sich schließt und ausblendet, was offensichtlich Neonazis, wie zu Zeiten des Nationalsozialismus, dort an ihre Tür geschrieben haben. Als sie schließlich von einem besorgten Nachbarn auf die Schmiererei angesprochen und ihr Briefkasten gesprengt wird, entscheidet sie sich dafür die Polizei zu informieren. Während in den nächsten Monaten erneut Stolpersteine im Bezirk geschwärzt werden, erhält Frau Fritsche schließlich einen Drohbrief der sogenannten Anti-Stolperstein-Initiative, der ihr mitsamt aller Einladungen, die sie erneut anlässlich einer Stolpersteinverlegungen verteilt hatte, in den Briefkasten gesteckt wird.

Der Staatsschutz ermittelt

»Gestern geklebt – Heute schon wieder abgerissen: Innerhalb von nur vierundzwanzig Stunden haben wir vom Anti-Stolpersteinprojekt erneut die Friedenauer Straßen von Eurer abscheulichen zionistischen Gutmenschen-Propaganda befreit«, schreiben die Täter und drohen damit ihre Aktionen gegen die Stolperstein-Initiative auszuweiten. Ab sofort ermittelt auch der Staatsschutz. Denn was anfänglich noch ein »dummer Jungenstreich« hätte sein können, ist nun ganz klar politisch motiviert. Die Ermittler vermuten den Haupttäter in der unmittelbaren Nachbarschaft. Ein Mitglied der Neonaziszene; und Frau Fritsche erkennt den jungen Mann, der ihr schließlich von den Beamten auf einem Foto gezeigt wird. Sie hat ihn schon öfters in der Nachbarschaft gesehen und auch vor ihrem eigenen Wohnhaus war er ihr bereits über den Weg gelaufen. In den folgenden Monaten werden die Stolpersteinverlegungen in Friedenau von Polizisten in Zivil begleitet, in der Hoffnung dabei unerkannt die Täter zu überführen. Mehr als eine Spur bleibt den Ermittlern letztendlich jedoch nicht. Weder sie noch Frau Fritsche können dem vermeidlichen Täter aus der Nachbarschaft etwas nachweisen. Die Ermittlungen verlaufen im Sand. Frau Fritsche, die sich zwar nicht einschüchtern lassen will, rät die Polizei jedoch sich vorübergehend etwas mehr aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Ab sofort schreibt sie ihren Namen und ihre Telefonnummer nicht mehr auf die Einladungen. Diese Maßnahme macht zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits keinen Unterschied mehr. Nur wenige Monate später reißen die Anhänger des »Anti-Stolperstein-Projektes« erneut die Einladungen zu den Verlegungen der Gedenksteine ab und verfassen einen neuen, diesmal nun deutlich konkreteren Drohbrief an Frau Fritsche:

»Sicherlich hast du unser Present schon in deinem Briefkasten gefunden. Unmittelbar nach deren Aushang wurde eure Schampropaganda in der Wieland- und Sponholzsr. am Montag entfernt. […] Glaubt ruhig weiter an das Märchen vom Einzeltäter. Wir werden nicht nachlassen, euch ehrloses Dreckspack bei euren volksverräterischen und nestbeschmutzerischen Schuldkultaktionen zu sabotieren und Eure Symbole zu schänden, mit denen ihr unser schönes Friedenauer Stadtbild vergewaltigt. […] Und weil ihr für Worte nicht zugänglich seid, hoffen wir euch mal persönlich über den Weg zu laufen, während keine Zeugen in der Nähe sind. Bei der Gelegenheit können wir euch dann mit Nachdruck von unserer Position überzeugen! Also Fritsche, du kleine aufgeblasene und selbstdarstellerische Juden-Nutte, vielleicht schaust du dich auf dem Fahrrad nach deinen Sparkassenbesuchen an der Kaisereiche besser mal öfters nach hinten um […] Anti- Stolperstein-Projekt Friedenau.« (Text und Schreibweise wurden aus dem Drohbrief übernommen.)

Auf jede Aktion der Initiative folgt eine Gegenaktion der rechten Szene. Die Polizei schließt auch nicht aus, dass einige Angriffe auf die Initiative und die Stolpersteine von Trittbrettfahrern begangen werden, die sich durch die Vorgehensweise der Neonazis zu Eigentaten motiviert fühlen. Frau Fritsche hätte letztlich nur die Möglichkeit, ihre Arbeit zum Selbstschutz aufzugeben, jedoch entscheidet sie sich weiterhin für ihre Ideale einzustehen und sich nicht einschüchtern zu lassen.

Die Friedenauer zeigen, was sie von rechten Vandalen halten

Wie hier in der Stierstraße, liegen überall in Friedenau Stolpersteine zum Gedenken an deportierte und ermordete jüdische Familien. Foto: Ann-Kathrin Rust

Petra Fritsche ist jedoch nicht allein. Neben ihren Mitstreitern aus der Initiative wird sie auch von Dilek Kolat und der für Friedenau zuständigen SPD unterstützt. Als Reaktion auf die persönlichen Angriffe veranstalten sie einen Info-Abend in Solidarität mit Frau Fritsche. Dass ihre eigene Motivation ihre Nachbarschaft auch selbst anzustecken scheint, sieht Petra Fritsche, als sie eines Tages überraschend auf eine Kindergartengruppe stößt, die zusammen mit ihrer Erzieherin, die zuvor erneut geschwärzten Stolpersteine blank putzen. Die Kinder hätten ihr dann erklärt, dass die Steine an Menschen erinnern sollen, zu denen man ungerecht und gemein gewesen wäre und dass sie helfen wollen diese wieder sauber zu machen. Dass sie durch ihr Engagement auch die kleinsten Mitglieder unserer Gesellschaft erreicht, hätte Frau Fritsche selbst nicht gedacht. Aber auch die Großen zeigen, was sie von den rechten Vandalen halten und reagieren kreativ und mit Stil auf die Attacken. Als die Stolpersteine vor der Phillipus-Kirche mit schwarzem Lack bemalt werden, entscheidet sich der Pfarrer der Kirche weiße Rosen und Kerzen zu kaufen, die er neben die geschwärzten Stolpersteine legt. »Das sah dann wirklich sehr schön aus«, erinnert sich Frau Fritsche und auch an die etlichen Bewohner, die dadurch viel eher auf die Denkmäler aufmerksam wurden und ihre Anteilnahme zeigten. Wenn auch nicht alle Friedenauer so engagiert und zielstrebig sind wie Petra Fritsche, so ist der Zuspruch, den sie von ihren Mitmenschen für ihre Arbeit erfährt, umso größer. Besonders wenn erneut Steine in Friedenau geschwärzt und Denkmäler beschmiert werden, reagieren die Anwohner empört und verärgert, berichtet Frau Fritsche. Manchmal sagt sie, fühle sie sich etwas unwohl dabei auf der Straße den Boden zu putzen, weil die Passanten sie zunächst etwas verwundert ansehen. Sobald ihren Mitmenschen jedoch klar wird, warum die ältere Dame dort auf allen Vieren hockt, bedanken sie sich für ihren Einsatz und sprechen ihr ihre Anerkennung aus. Auch Kinder fragen sie oft neugierig, was sie denn dort eigentlich mache und was denn diese Steine zu bedeuten hätten. Petra Fritsche ist dann froh, mehr Menschen auf die Stolpersteine aufmerksam machen zu können und das Gedenken an die unzähligen Menschen, die so viel Leid erfuhren, zu bewahren.

Gemeinsam standgehalten

In den letzten Monaten wurde es glücklicherweise etwas ruhiger um die Stolpersteine und auch Frau Fritsche selbst geriet nicht mehr weiter ins Visier der Neonazis. Das könne daran liegen, dass in der letzten Zeit keine weiteren Steine mehr verlegt wurden, bedenkt sie, aber auf der anderen Seite haben die Täter vielleicht auch gemerkt, dass ihre Aktionen einfach kontraproduktiv für ihre eigenen Ziele sind. Letztendlich bringen sie die Friedenauer mit ihren rechtsradikalen Angriffen immer mehr zusammen und bestärken ihren Willen, sich für ihre beeindruckende Nachbarin Petra Fritsche und das Gedenken in ihrem Bezirk einzusetzen.


Ann-Kathrin Rust studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaft sowie Nordamerikastudien und Deutsche Philologie an der FU Berlin. Aktuell ist sie im 5. Semester und plant in diesem Jahr ein Auslandspraktikum zu absolvieren, bevor sie ihre Bachelorarbeit schreibt.