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Baustruktur

Die "ideale" oder "vollständige" Baustruktur der mittelalterlichen Dorfkirchen des Teltow ist aus dem Logo unserer Internet-Site ersichtlich. Im "Idealfall" erfolgte eine Gliederung der hochmittelalterlichen Dorfkirchen in Apsis, eingezogenen Chor, Schiff und Querwestturm; im einfachsten Fall ist es eine Rechteckkirche. Der Begriff "vollständig" oder "ideal" impliziert natürlich eine gewisse Wertung, die im Fall der Baustruktur einer Dorfkirche nicht angebracht ist. Die Kirchen, die keine "vollständigen" Anlagen sind, sind natürlich keine unvollständigen Anlagen im wörtlichen Sinne. Ab etwa der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts wird aufgrund eines Stilwechsels keine Apsis mehr gebaut, weder an einen eingezogenen Chor noch direkt an das Schiff; d.h. die Baustruktur Querwestturm, Schiff und eingezogener Chor ist in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts eine "vollständige" Anlage. Besser ist daher eine Bezeichnung nach der ursprünglichen Untergliederung des Baukörpers (vierteilig, dreiteilig, zweiteilig, einheitlich oder nicht untergliedert). Da sich der Terminus "vollständige Anlage" in der Fachliteratur allerdings eingebürgert hat bzw. bekannt ist, wird er auch hier gelegentlich benutzt. Außerdem muß noch einmal betont werden, daß wir uns hier auf Dorfkirchen beschränken. Es gibt im Fläming und Barnim einige Stadtkirchen aus Feldsteinen, die eine weitergehende Untergliederung (Querschiffe etc.) als die Dorfkirchen haben. Wir haben auch ein paar wenige Dorfkirchen im Barnim und Fläming gefunden, die offensichtlich ursprüngliche Anbauten an eine Chorseite haben bzw. hatten. Zur genaueren Erläuterung der einzelnen Bauteile einer Feldsteinkirche, werden diese zunächst näher erläutert.


Die Bauteile einer mittelalterlichen Feldsteinkirche

a. Apsis
Unter der Apsis wird hier der östlichste, an den Chor angebaute und gegenüber dem Chor eingezogene Bauteil verstanden. Der Verbindungsbogen zum Chor ist der Apsisbogen (siehe Innenbögen). Die Apsiden sind meist kreisschnittförmig gerundet, und sie können wenig oder stark ausgewölbt sein. Hufeisenförmige oder polygonale Apsiden sind selten. Die Apsis hat in der Regel ein oder drei Fenster. Eine fensterlose Apsis wurde lediglich bei einem Wiederaufbau des 19. Jahrhunderts beobachtet. Bei einigen wenigen Kirchen im Fläming ist eine Lisenengliederung der Apsis zu beobachten. Innen war die Sakramentsnische meist auf der Nordseite der Innenseite der Apsis.
Meist ist der Fußboden der Apsis gegenüber dem Fußboden des Chors um eine Stufe erhöht. In der Apsis war ursprünglich der Altar aufgestellt. Der Bau von Apsiden, ob an einen eingezogenen Chor oder an eine Rechteckkirche scheint kurz nach oder um die Mitte des 13. Jahrhunderts aufgegeben worden sein.

b. Chor
Der eingezogene Chor ist immer mehr oder weniger deutlich schmaler gegenüber dem Schiff. Breitere Chöre (als das Schiff) haben wir bei Dorfkirchen noch nicht beobachtet, kommen aber bei gotisch veränderten Großbauten durchaus vor. Die Chorform ist meist ein Rechteck, wobei das Rechteck quadratisch, längs- oder querrechteckig sein kann. Selten sind gerundete Chöre, die jedoch vermutlich meist später verändert (oder angebaut) worden sind. Die Zahl der Fenster auf den Nord- und Südseiten ist entweder ein oder zwei. Auf der Ostseite kommen Fensterzahlen von einem bis drei Fenster vor. Am häufigsten sind die "Dreiergruppen". Der Verbindungsbogen zum Schiff ist der Chor- oder Triumphbogen (siehe Innenbögen). Im eingezogenem Chor befand sich entweder auf der Nord- oder Südseite das Priesterportal. Wir kennen bisher nur eine Kirche mit eingezogenem Chor, die ursprünglich kein Priesterportal hatte, die sehr kleine Kirche in Klepps südlich von Loburg/Fläming. Im Innenraum ist der Chor gegenüber dem Schiff in der Regel um eine Stufe erhöht.
Der Chor ist bei den drei- und vierteiligen spätromanischen Kirchen meist ziemlich genau quadratisch. Lediglich die sehr kleine Kirche in Klepps hat einen querrechteckigen Chor. Sehr späte drei- und vierteilige Anlagen haben dann bereits längsrechteckige Chöre. Auch die zwei- und dreiteiligen Anlagen ohne Apsiden haben in der Regel immer deutlich längsrechteckige Chöre.

c. Schiff
Das Schiff ist bzw. war ursprünglich immer ein einheitlicher Raum, obwohl es durch spätere Umbauten auch zu einer Unterteilung des Raumes kommen konnte. In romanischer Zeit hatte das Schiff eigentlich immer zwei bis fünf Fensterachsen sowie ein bis drei Portale (siehe dort). Das gotische Schiff hatte bzw. hat sehr oft eine unterschiedliche Fensterzahl auf Nord- und Südseite Das Schiff ist bzw. war mit dem Turm, sofern ein Turm zur ursprünglichen Baustruktur gehörte, mit einem bis drei großen "Durchgängen" (oder Verbindungsbögen) (siehe dort mehr) verbunden.

d. Turm
Unter Türmen im eigentlichen Sinne werden hier nur Türme verstanden, die sich auch im Grundriß dokumentieren. Allerdings können die Kirchen, die keinen ursprünglichen Turm i.e.S. haben, der sich im Grundriß dokumentiert, verschiedenste Formen von Dach- und Giebeltürmen haben (siehe Kapitel Türme). Die Turmfenster unterscheiden sich meist erheblich von den übrigen Fenstern; es gibt auch die unterschiedlichsten Portale (siehe dort).

e. Anbauten
Anbauten kommen in den verschiedensten Formen und Größen vor. Auch die Verwendung dieser Räume war sehr unterschiedlich. Als Anbauten kommen in erster Linie Patronatslogen, Grüfte, Sakristeien, Vorhallen über Portalen und Türme vor. 

Besonders erwähnt werden muß in diesem Kontext, daß die ursprüngliche Baustruktur von vielen Kirchen im Laufe der Zeit auch durch Abriß von Bauteilen verändert wurde. Wir kennen etliche Kirchen im Fläming, die ihre Apsis durch Abriß verloren haben (z.B. Lindow westlich von Jüterbog). Die Dorfkirche von Werder bei Jüterbog hat ebenfalls ihre ursprüngliche Apsis verloren, allerdings wurde der Chor dafür entsprechend der Apsisauswölbung nach Osten verlängert und gerade geschlossen. Die Dorfkirche von Kurzlipsdorf hat ihre westlichen Teile verloren. Die Kirche erhielt verkürzt eine neue Westwand. 
 

Die ursprüngliche Baustruktur einer mittelalterlichen Feldsteinkirche

Unter ursprünglicher Baustruktur verstehen wir die Untergliederung der Kirche nach der ursprünglichen Bauplanung. Die Baustruktur vieler, wenn nicht der meisten mittelalterlichen Kirchen wurden im Laufe der Jahrhunderte, teils durch Anbauten ergänzt und/oder auch durch Teilabrisse und Neuaufbauten völlig oder teilweise verändert. Die heutige Baustruktur kann sich daher von der ursprünglichen Baustruktur erheblich unterscheiden. In der Baubeschreibung muß daher zunächst immer die heutige Baustruktur beschrieben werden, aus der dann versucht werden muß, die ursprüngliche Baustruktur zu rekonstruieren. Wie bereits oben ausgeführt, zeigen die mittelalterlichen Dorfkirchen eine maximale Untergliederung des Baukörpers in vier Bauteile; Westquerturm, Schiff, eingezogener Chor und Apsis.
 

Die Typisierung der ursprünglichen Baustruktur mittelalterlicher Dorfkirchen in Brandenburg

Bisherige Vorstellungen

Bereits früh wurde versucht, die mittelalterlichen Dorfkirchen zu typisieren. In der "Beschreibende(n) Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise Jerichow" von Ernst Wernicke aus dem Jahre 1898 wurden die mittelalterlichen Dorfkirchen auf zwei Schemata verteilt:

Schema I: "das meist ziemlich quadratische Altarhaus mit gewölbter Halbkreisapsis ist schmaler als das Schiff, der rechteckige Westturm ist dagegen der ganzen Breite desselben vorgelegt und halb so tief"
Schema II: unterscheidet sich nur dadurch, dass der Westturm fehlt und durch ein höher emporsteigendes, mit Öffnungen zur Aufnahme von Glocken versehenes Stück der Westmauer ersetzt ist, an welches später meist ein Fachwerktürmchen angelehnt worden ist."

Es ist interessant, daß hier eine Unterscheidung nach der Ausbildung des Turmes zugrundegelegt worden ist. Es ist lediglich eine sehr grobe Typisierung, die heute nicht mehr brauchbar ist. Sie ist hier nur noch aus historischen Gründen angefügt.

Eine der neueren Typisierungen ist in der Arbeit von Viola Pfeifer (1997) zu finden. Sie stellte das folgende, wesentlich differenziertere Schema vor:

1. Rechteckkirche
2. Apsissaal
3. Kirche mit Schiff und eingezogenem Chor
4. Schiff, eingezogener Chor und Apsis
5. Querwestturm, Schiff, eingezogener Chor und Apsis


Baustruktur der Feldsteinkirchen nach Pfeifer (1997)
 

Ibbeken (1999) stellt dann das folgende, noch etwas weiter differenzierte Schema vor:


aus Ibbeken (1999)
 

Die hier verwendete Typisierung der Baustruktur

Wir haben folgende Typen der Baustruktur beobachtet:

1. einfache Rechteckkirche
Dieser Typus wird in der Literatur gelegentlich auch - kunsthistorisch inkorrekt - als Hallenkirche bezeichnet. Er variiert nur in den Längen-/Breitenproportionen sowie den absoluten Maßen. In der Regel hat dieser Typ kleine absolute Maße und repräsentiert die "kleine" Dorfkirche. 
Die Unterteilung in Chorbereich und eigentliches Schiff (Laienraum) ist bei den Rechteckkirchen gelegentlich schwierig. Der Chorbereich ist dabei von der Position des Priesterportals bestimmt. Meist ist der Chorbereich quadratisch oder leicht rechteckig in der Längserstreckung der Kirche, seltener querrechteckig.
Auf dem Teltow gehören zu diesem Typus: Glasow, Mahlow, Miersdorf, Klein Kienitz, Jühnsdorf, Ragow, Rotberg, Kiekebusch, Genshagen und Diedersdorf.
Als weiterer Untertypus gehört hierher auch die in den absoluten Abmessungen kleinste Dorfkirche; eine Rechteckkirche mit nur einem Mittelportal und mit oder ohne Apsis. Dieser Untertypus ist relativ kurz, aber dafür relativ breit. Häufig ergeben sich Längen-/Breitenverhältnisse von 5 : 4 (nicht im Teltow vertreten); Beispiele: die Kirchenruine Schleesen/Fläming, oder die ursprüngliche Kirche (vor ihrer Verlängerung nach Osten) von Garrey. 
Als weiterer Untertypus ist vielleicht noch die lange Saalkirche mit oder ohne Querwestturm zu nennen, mit einem Längen/Breiten-Verhältnis von über 2,5 : 1 (hierher gehören die verhältnismäßig langen und schmalen Kirchen von Dahlewitz, Groß Kienitz, Schenkenhorst und Kiekebusch im Teltow). Sie entsprechen in ihren Längen-/Breitenverhältnissen und den absoluten Maßen den Kirchen mit eingezogenem Chor (z.B. Brusendorf, Heinersdorf und Selchow). Sie repräsentieren den "Übergangstypus" von einer Kirche mit eingezogenem Chor zu einer "einfachen" Rechteckkirche. Die ebenfalls sehr lange Kirche (im Verhältnis zur Breite) von Schenkenhorst ist aber zu einem späteren Zeitpunkt zusätzlich noch nach Osten verlängert worden (und das Längen-Breiten-Verhältnis ist dadurch noch größer geworden).
Möglicherweise gehört Ahrensdorf zu einer weiteren unterscheidbaren Gruppe von spätmittelalterlichen/frühneuzeitlichen Kirchen, die relativ kurz und breit sind (L/B-Verhältnisse von knapp unter 2). Allerdings ist dieser Typ bisher sehr schlecht definiert.

2. Querwestturm, einfache Rechteckkirche.
Dieser Typus kommt selten vor und ist meist als lange Saalkirche mit Querwestturm ausgebildet. Der Querwestturm hat in der Regel Schiffsbreite. Im Teltow gehören dazu die Kirchen von Dahlewitz und Groß Kienitz. Bei letzterer Kirche ist der Turm im Grundriß angelegt, aber nicht ausgeführt worden. Zu diesem Typus gehört auch die Feldsteinkirche von Breddin (Lkr. Ostprignitz-Ruppin). Sie wurde 1273 geweiht.

3. Rechteckkirche mit Apsis (auch Apsissaal genannt)
Bei diesem Typus sind die absoluten Maße in der Regel klein. Aber auch hier gibt es ein paar wenige Ausnahmen von recht großen Kirchen, wobei es teilweise nicht ganz ausgeschlossen werden konnte, ob die Apsis nicht neuzeitlich angebaut worden sein könnte. Zu diesem Typus gehörte die nicht mehr existierende Kirche in Klein Ziethen und ist auch die später veränderte Kirche in Thyrow zu rechnen.
Als besondere Untertypus des Apsissaals kann noch der besonders kurze Apsissaal mit einem Längen-/Breitenverhältnis von etwa 5 : 4 unterschieden werden. Dieses L/B-Verhältnis kommt auch noch bei der einfachen Rechteckkirche vor. Zu diesem Untertypus gehören vermutlich die jetzt stark veränderten und nach Osten verlängerten Kirchen von Neuendorf bei Niemegk und Zixdorf. Sie haben nur ein einziges Portal, ein Seitenportal auf der Nord- oder Südseite. Auch in Thüringen haben wird solche kleinen Apsissäle beobachtet (z.B. Nennsdorf bei Jena).

4. Querwestturm, Rechteckkirche mit Apsis
Dieser Typus ist sehr selten ausgebildet. Im Teltow haben wir keine Beispiele. Die zwei von Ibbeken (1999) genannten Beispiele aus dem Fläming, Detershagen und Gütter, haben wir noch nicht gesehen.

5. Rechteckkirche (Schiff) mit eingezogenem (schmalerem) Chorbereich
Als Variationen treten noch etwas unterschiedliche Chorformen (quadratisch oder längs-/querrechteckig), unterschiedliche Längen-/Breitenproportionen des Schiffes und unterschiedliche Grade des eingezogenen Chores auf. Es gibt auch ein Beispiel eines nur wenig später in den hinteren Teil des Schiffes eingebauten Turmes (Selchow). Hier sind aus dem Teltow Ruhlsdorf und Sputendorf zu erwähnen.

6. Querwestturm, Rechteckkirche (Schiff) mit eingezogenem (schmalerem) Chorbereich
Auch hier treten als Variationen noch etwas unterschiedliche Chorformen (quadratisch oder längs-/querrechteckig), unterschiedlicher Grade des eingezogenen Chores und unterschiedliche Längen-/Breitenproportionen des Schiffes auf. Als Beispiel aus dem Teltow kann hier die nicht mehr existierende Kirche in Heinersdorf angeführt werden. Als Variation tritt hier noch der die Schiffsbreite überragende Querwestturm auf. Beispiele für diesen Untertyps sind im Löwenberger Land (Lkr. Ostprignitz-Ruppin) zu beobachten.

7. Schiff mit eingezogenem Chor und Apsis (ohne Querwestturm)
Hier können natürlich ebenfalls die absoluten Maße, wie auch die die Proportionen der einzelnen Bauteile variieren. Die Apsis kann stark oder weniger stark eingezogen sein und geringfügig unterschiedliche Wölbungen und Wölbungsformen haben. Beispiele aus dem Teltow: Stahnsdorf und Groß Ziethen.

8. Querwestturm, Schiff, eingezogener Chor mit Apsis
Mit dieser Baustruktur ist die maximale ursprüngliche Untergliederung von Feldstein-Dorfkirchen erreicht. Als Variation tritt hier noch der die Schiffsbreite überragende Querwestturm auf. Ein etwas breiterer Querwestturm ist prinzipiell auch bei den Typen 2 und 4 möglich, wurde bisher aber nicht beobachtet. Weitere Betrachtungen zu den Türmen finden sich im speziellen Kapitel "Türme".
Hier können aus dem Teltow angeführt werden: Schönefeld, Waltersdorf, Groß Machnow und Güterfelde, wobei bei letzterer Kirche der Chor auf Schiffsbreite verbreitert worden ist.

Die querturmlosen Kirchen haben in der Regel unterschiedliche Formen von Dach- und Giebeltürmen sowie Dachreitern. Da diese Türme sich nicht im Grundriß dokumentieren, werden sie im speziellen Kapitel "Türme" abgehandelt.

Vor allem in der Prignitz lassen sich ursprüngliche "Anbauten" am Chor (bei Kirchen mit eingezogenem Chor oder einfachen Rechteckirchen). Sie können streng genommen nicht als Anbauten bezeichnet werden und müßten eigentlich unter der ursprünglichen Baustruktur aufgeführt werden. Jedoch werden sie in allen einschlägigen Werken als Anbauten bezeichnet.
 

Ein- und mehrphasige Kirchen

Wie bereits oben dargelegt, muß die heutige Baustruktur nicht unbedingt auch die ursprüngliche Baustruktur gewesen sein. Durch Um- und Fastneubauten kam es bei vielen Kirchen zur völligen Umgestaltung der Baustruktur. Am häufigsten sind noch Sakristeianbauten und/oder Patronatslogen sowie Anbauten von Türmen. In Thyrow beispielsweise wurde die Apsis, die ursprünglich direkt an das Schiff anschloß (Apsissaal) relativ früh abgerissen (ca. Anfang 14. Jh.) und durch ein Chorquadrat ersetzt. Relativ häufig wurden die Kirchen auch in der Höhe verändert, etwa durch eine oder mehrere Steinreihen oder Ziegel aufgestockt. Sehr oft kann beobachtet werden, daß die Giebel (oder auch die Türme) in einer völlig anderen Mauerwerksausführung hochgemauert sind. In Thüringen haben wir mittelalterliche Dorfkirchen beobachtet, die aus Platzmangel nicht in der Horizontalen erweitert werden konnten. Sie wurden "einfach" auf die doppelte Höhe aufgestockt. Dann wurden im Inneren zwei Emporen übereinander eingebaut. Solche kleinen "Kirchenhochhäuser" sind uns bisher nur aus Thüringen bekannt.
An- oder Umbauten sind durch meist deutliche vertikale Baunähte gekennzeichnet, Aufstockungen oder späteres Hochmauern einzelner Teile der Kirche durch horizontale Baunähte. 

Ein weiterer sehr wichtiger Gesichtspunkt, der in der bisherigen Literatur kaum berücksichtigt ist, ist die primäre Planung. Es gibt Feldsteinkirchen, deren ursprüngliche Baustrukturplanung ganz offensichtlich in einem Zuge ausgeführt worden ist ("einphasig"). Häufig ist dagegen auch zu beobachten, daß einzelne Teile der Baustruktur zwar bereits zu Anfang geplant waren, aber erst in mehreren Bauabschnitten dann auch verwirklicht wurden ("mehrphasig"). Im letzteren Falle sind vertikale und leicht abtreppende Baunähte zwischen den einzelnen Bauabschnitten erkennbar. Während die Kirche in Stahnsdorf (Schiff, eingezogener Chor, Apsis) in "einem Zuge" gebaut worden ist, ist die in der Baustruktur ähnliche Kirche in Groß Ziethen mindestens in zwei, zeitlich wahrscheinlich um etliche Jahrzehnte getrennten Bauabschnitten entstanden. Die beiden Bauabschnitte werden durch eine deutliche Baunaht auf der kleinen Fläche an der Ostseite des Schiffes nahe der Ecke zum eingezogenen Chor und durch die unterschiedliche Mauerwerksausführung von Apsis/Chor und Schiff dokumentiert.
Bei den einphasigen Kirchen wurden die Fundamente durchgehend gelegt und zumindest die unteren Schichten von Apsis, Chor, Schiff und Turm ebenfalls in einheitlicher Technik gemauert.
Bei der mehrphasigen Kirche sind zwischen Apsis/Chor und Schiff/Turm oft deutliche Diskrepanzen in der Höhe und/oder Breite des Fundaments und der Ausführung der Feldsteinlagen (Höhe/Größe der Quader, Behauungsgrad etc.) erkennbar. Es handelt sich um keine Anbauten im eigentlichen Sinne, denn der Bau wurde lediglich unterbrochen, mit der erkennbaren Absicht, ihn nur wenig später wieder aufzunehmen. Die später vollendeten Bauteile sind auch deshalb keine Anbauten, weil die einzelnen Bauabschnitte miteinander verzahnt sind, d.h. es wurden am Ende eines Bauabschnittes keine Ortsteine (Kanten oder Ecksteine) gesetzt. 
Die einzige uns bekannte Rechteckkirche, die in zwei Bauphasen errichtet wurde, ist die recht große Dorfkirche von Groß Fredenwalde in der Uckermark. Hier wurde zunächst der Ostteil einschließlich des Priesterportals (also in etwa der Chorbereich), in einer zweiten Bauetappe folgte dann der westliche Teil des Schiffes. Allerdings stellt diese "Dorf"-Kirche einen Sonderfall dar, denn Groß Fredenwalde war im 13. und 14. Jahrhundert ein Städtchen.
Die Gründe für einen mehrphasigen Bau dürften vielfältig sein. In erster Linie dürfte es eine Frage des Geldes und der Arbeitskräfte gewesen sein, die eine oder mehrere Bauunterbrechungen bis zur Vollendung der Kirche erforderlich machten. Eine Kirche in "einem Zug" hochzuziehen war sicherlich nur reichen Patronatsherren möglich.
Bei mehrphasigen Kirchen sind in der Regel Apsis und Chor älter als Schiff und Querturm. Allerdings wurde bisher kaum ernsthaft in Erwägung gezogen, daß u.U. auch das Schiff einmal älter sein könnte als Chor und Apsis bzw. nur der Chor. Eine solche Vorstellung wird bei der Dorfkirche Selchow diskutiert. Aber auch der Abriß einer Apsis und Ersatz durch einen eingezogenen Chor (wie in Thyrow) verkehrt diese scheinbar "natürliche" Abfolge der einzelnen Bauabschnitte. 

Baunähte

Baunähte erkennt man an Inhomogenitäten im Mauerwerk. Baunähte auf Schiff und Turm lassen durch ihr mehr oder weniger deutliches Abtreppen in Richtung des späteren Bauabschnittes in der Regel eine sichere Entscheidung zu, welcher Bauabschnitt der jüngere ist. Gelegentlich ist es jedoch schwierig, Baunähte von Setzungsschäden zu unterscheiden. Es ist auch zu beobachten, daß Setzungsschäden auch an Baunähten besonders angreifen. In der Regel sind jedoch Baunähte von Setzungsschäden gut zu unterscheiden. 

Vorgängerbauten

Es ist damit zu rechnen, daß auch die mittelalterlichen Kirchen des Teltow hölzerne Vorgängerbauten gehabt haben. In der Lausitz hatten neun von zehn Kirchen, die durch den Braunkohletagebau zerstört wurden und die vorher bauarchäologisch untersucht werden konnten, hölzerne Vorgängerbauten. Es gibt dort Mischbauten, bei denen Teile der Baustruktur aus Holz, andere Teile aus Feldsteinen ausgeführt sind. In Wolkenberg war die Steinkirche jünger als deren Holzturm, folglich also angebaut bzw. ein Ersatzbau für ein hölzernes Schiff. 
Bei den mehrphasigen Bauten muß ernsthaft in Erwägung gezogen werden, ob es sich nicht um Ersatzbauten oder zunächst Anbauten an hölzerne Vorgängerkirchen gehandelt hat; wobei "Anbauten" so zu verstehen ist, daß die Absicht bestand, den hölzernen Vorgängerbau möglichst rasch und vollständig durch einen Steinbau zu ersetzen.

Die Aussagekraft der Baustruktur für die Datierung der Kirche

Ein in der Literatur etwas kontrovers diskutiertes Thema ist die Aussagekraft der Baustruktur zur Datierung der Kirche. Während der "Dehio" und die "Bau- und Kunstdenkmale in der DDR" der Baustruktur eine sehr hohe Priorität einräumen, lehnt Frau Pfeifer dies in ihrem Buch über die Feldsteinkirchen des Fläming ab und gesteht der Mauerwerksausführung einen höheren Datierungswert zu. Dies führte bei etlichen Flämingkirchen zu beachtlichen Diskrepanzen in der Datierung, die durchaus 200 Jahre betragen können. Die Bedeutung der Mauerwerksausführung für die Datierung wird im Kapitel "Mauerwerksausführung" ausführlich diskutiert. Jedoch ist hier festzustellen, daß der Baustruktur ein eindeutig höherer Stellenwert für die Datierung zukommt als der Mauerwerksausführung. Die Mauerwerksausführung allein kann nicht zur Datierung der Kirchen benutzt werden, obwohl es auch hier "Modetrends" gibt, die in einem gewissen Rahmen zur Datierung herangezogen werden können.
Wir folgen daher weitgehend den Vorstellungen des "Dehio" und der der "Bau- und Kunstdenkmale in der DDR". Nach diesen Werken und nach unseren Erfahrungen dürften Kirchen mit Apsis (ob vierteilige Anlage oder Schiff, eingezogener Chor und Apsis oder "nur" Apsissaal) die ältesten Kirchen sein und bis etwa 1250/60 entstanden sein. Dies stimmt auch mit den Stilelementen überein. Wir haben nur zwei Kirchen in der Niederlausitz und dem Niederen Fläming gefunden, die eine Apsis mit gedrückt-spitzbogigen Fenstern haben. Die Triumphbögen und die Verbindungsbögen zwischen Schiff und Turm sind ebenfalls meist stark eingezogen und rundbogig, seltener gedrückt spitzbogig. 

Die meisten Kirchen mit eingezogenen Rechteckchören dürften wohl in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts gebaut worden sein. Der Chor ist nun nicht mehr quadratisch, sondern meist längsrechteckig. Bei der Kirche von Heckelberg (Barnim) mit Querwestturm, Schiff und eingezogenem Chor wurde der Holzrahmen eines Chorfensters dendrochronologisch auf 1255 datiert. 
Die einfachen Rechteckkirchen ohne ursprüngliche Apsis (es gibt neuzeitlich angebaute Apsiden und Rechteckkirchen, die durch Abriß einer ursprünglichen Apsis erst zur einfachen Rechteckkirche geworden sind) sind die jüngsten Kirchen. Sie dürften kurz vor oder im letzten Viertel des 13. Jahrhundert entstanden sein. Die ursprüngliche Rechteckkirche von Breddin (Lkr. Prignitz) (jetzt allerdings durch Querschiffe stark verändert) wurde 1273 geweiht.
 

Die Ostung der Kirchen und das Patrozinium

Die Kirchen sind alle mehr oder weniger präzise "geostet", d.h. mit dem Chor bzw. der Apsis nach Osten, mit dem Turm nach Westen ausgerichtet. Dies entspricht der alten Glaubensvostellung, daß Jerusalem generell im Osten lag. Der Querwestturm diente nach den alten Vorstellungen der Abwehr des Bösen, das aus dem Westen kam.

Allerdings fallen immer wieder Kirchen auf, die seltsam verzerrt sind, d.h. daß die Langhaus- und Chorwände nach Osten konvergieren oder divergieren (z.B. Groß Ziethen, Genshagen). Zudem ist kaum eine Kirche präzise Ost/West ausgerichtet. Konnten unsere Altvorderen etwa keine rechten Winkel bestimmen oder die Ostrichtung nicht bestimmen? Ganz im Gegenteil, die mittelalterlichen Baumeister konnten die Winkel sehr exakt bestimmen. Die Abweichung der Kirchen von der exakten Ost-West-Richtung liegt daran, daß das Patrozinium bzw. der Titelheilige (oder auch mehrere Titelheilige) häufig in die Ausrichtung des Kirchenbaus miteinbezogen worden ist.

Die erste Baulinie der neu zu erbauenden Kirche wurde am Tage des Patroziniums nach dem Punkt des Sonnenaufgangs ausgerichtet. Hatte die Kirche zwei Titelheilige, wurden entweder die Winkel gemittelt oder nördliche und südliche Langhauswand wurden unterschiedlich ausgerichtet und konvergieren oder divergieren nun. 

Leider sind die Patrozinien der meisten Kirchen in Brandenburg nicht mehr bekannt. Die Bestimmung des Sonnenaufgangspunktes mit Hilfe der Ausrichtung der Seitenwände läßt aber möglicherweise Rückschlüsse auf die Patrozinien zu. Bisher haben wir diese Idee nicht weiterverfolgt.

Bei manchen Dorfkirchen läßt sich beobachten, daß die Längsachsen von Chor und Schiff nicht übereinstimmen (z.B. in Großziethen). Dies führte zu verschiedenen Deutungen (Neigung des Hauptes Christi). Vielleicht handelte es sich aber eine Neuvermessung der Nordrichtung. 

Eine sehr detaillierte Arbeit zum Thema Ostung und Abweichung der Baulinie von der Ost-West-Ausrichtung haben R. Eckstein, Franziskus Büll und Dieter Hörning 1995 in den Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige (Band 106, Heft 2) veröffentlicht, aus der die obigen Ausführungen zusammengefaßt entnommen sind.


Letzte Änderung: 16.4.2005


©Theo Engeser und Konstanze Stehr, Jühnsdorf, 1999-2005