Mariendorfer Verkehrswende: Wie die Bezirkspolitik sich für den U-Bahn-Ausbau stark macht

Mariendorfer Verkehrswende: Wie die Bezirkspolitik sich für den U-Bahn-Ausbau stark macht

Die BVG plant den Bau eines Gleichrichterwerk am Endbahnhof der Linie U6 in Alt-Mariendorf. Die Bezirkspolitik fürchtet um eine auf ewig vertane Chance und zieht nun an einem Strang, um das U-Bahnnetz bis an die Stadtgrenze zu erweitern.

Von Maximilian Müller

1966 ist Berlin seit fast fünf Jahren Mauerstadt, Ludwig Erhard Bundeskanzler und im Süden der ehemaligen Hauptstadt wird der neueste Abschnitt einer U-Bahnlinie eröffnet. Die U6 führt nun von Alt-Tegel bis nach Alt-Mariendorf, vom nördlichen zum südlichen Ende der Stadt. Das Konzept der „autogerechten Stadt“, das in den 60er-Jahren seine Blütezeit erlebt, macht auch vor West-Berlin keinen Halt. Gemäß dem Lebensgefühl der Zeit entschließen sich die Berliner, die ungeliebte Straßenbahn unter die Erde zu verlegen und breite Straßen entlang der Hauptverkehrsachsen bauen. Doch neben der steigenden Motorisierung und der Zunahme des Individualverkehrs führt auch noch eine andere Überlegung zur Verlängerung der U-Bahn von Tempelhof nach Mariendorf: Der Tempelhofer Damm ist damals ein wichtiges Zentrum für den Einzelhandel und soll zur Flaniermeile des Südens werden.

Im dörflichen Alt-Mariendorf ist Schluss

Der U-Bahnschacht wird bis zur Trabrennbahn Mariendorf gebaut, die in der ursprünglichen Planung ebenfalls einen eigenen Bahnhof erhalten sollte, doch Endstation ist bereits knapp einen Kilometer weiter nördlich in Alt-Mariendorf. In weiser Voraussicht wird das Projekt so geplant, dass eine spätere Verlängerung der Trasse möglich bleibt. Die weiter südlich liegenden Ortsteile Marienfelde und Lichtenrade sind jedoch durch die S-Bahn sowie eine Straßenbahnlinie angeschlossen und so dünn besiedelt, dass eine Weiterführung der U-Bahn noch nicht in Betracht gezogen wird.

Lichtenrader Bürgerinitiativen setzen sich seit den 70er Jahren für die U-Bahn ein. Das genaue Alter des Aufklebers ist leider unbekannt. Foto: Hagen Kliem

Das geplante Aus für die Verlängerung bringt die U6 zurück auf die Agenda

Mehr als 50 Jahre später gerät die Verlängerung wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Seit der Eröffnung forderten die Mariendorfer und Lichtenrader einen Weiterbau der Strecke, durch den zunehmenden Verkehr auf der B96 und die täglichen Pendlerstaus von Mariendorf bis nach Kreuzberg lässt sich der Bedarf an zusätzlicher Verkehrsinfrastruktur nicht mehr bestreiten. Bereits 2018 fordert die CDU-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung eine Erweiterung des Liniennetzes. Doch die Forderung bleibt ungehört, bis die BVG sich schließlich im Oktober 2019 zu einem folgenreichen Bauprojekt entschließt. Hinter dem Bahnhof Alt-Mariendorf soll ein Gleichrichterwerk entstehen, wodurch der Weg für eine Verlängerung der Linie endgültig versperrt würde. Die Anlage ist wichtig für die Stromversorgung der Strecke. Die BVG erklärt, dass dieses Projekt eine Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung der hohen Taktfrequenz auf dieser Linie sei.

In einem Interview mit der Berliner Woche erklärt BVG-Pressesprecher Markus Falkner: „Als die Linie 1966 eröffnet wurde, rechnete man nicht mit der heutigen Nachfrage und dem daraus resultierenden Verkehrsangebot im wachsenden Berlin.“ Die Stromversorgung auf der Strecke sei absolut ausgereizt, das Richterwerk dringend nötig. Der Standort im Mariendorfer Tunnel sei „technisch und wirtschaftlich die beste Lösung“, so die BVG. Doch aus der Bezirksverordnetenversammlung werden Stimmen laut, die sich für eine Verlängerung einsetzen. Die Oppositionspartei CDU nutzt die Gunst der Stunde und bringt in der Novembersitzung der Bezirksverordnetenversammlung von Tempelhof-Schöneberg einen Antrag für eine Machbarkeitsstudie zur Verlängerung der U6 nach Lichtenrade ein. Der Vorschlag findet die Zustimmung der SPD, AfD und FDP und wird angenommen.

Während der Hauptverkehrszeiten kommt es auf der B96 oft zu Staus. Foto: Mike Wyroslawski

CDU sieht U-Bahn als Schlüssel zu mehr Aufenthaltsqualität

Hagen Kliem, CDU-Bezirksverordneter aus Lichtenrade, hat auch in seiner eigenen Partei lange für dieses Projekt geworben. „Die Bevölkerungsentwicklung in den Randbezirken ist enorm. Wir müssen Mobilität anders denken als ausschließlich Auto- und Individualverkehr“, so Kliem. Die anderen Parteien hätten sich im Zuge der BVG-Planungen nun überzeugen lassen. Als Taxifahrer erlebt Kliem tagtäglich die Probleme, die der Pendlerverkehr einer Metropole mit sich bringt: „Die B96 ist ein Einfallstor gen Mitte, wir müssen uns überlegen, was hier im Bezirk mit dem Verkehr passiert“. Die U-Bahn sei aus seiner Sicht die optimale Lösung, da zusätzliche Busse oder eine Straßenbahn den Platz auf der Straße weiter verknappen würden und die Fahrt durch Wartezeiten beim Umsteigen verlängert würde. Zudem könnten alle Verkehrsteilnehmer von einer unterirdischen Anbindung profitieren. „Wir gewinnen Straßenraum für andere Zwecke – eine bessere Radinfrastruktur, einen schnelleren Lieferverkehr und mehr Aufenthaltsqualität auf den Straßen“, lautet sein Plädoyer für die U-Bahn. Ganz so schnell wie in der BVV wird es aber wohl nicht gehen: „Wir sprechen hier über ein Zeitfenster von 20 bis 30 Jahren.“

Sozialdemokraten suchen nach einer pragmatischen Lösung

Auch Oliver Fey, verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion in der BVV, sieht in einem attraktiven öffentlichen Nahverkehr die Lösung für die Verkehrsproblematik auf der B96. “Für uns steht eine Stärkung des ÖPNV an erster Stelle. Wir wollen keine Verbote sondern Anreize schaffen, zum Beispiel durch ein 365-Euro-Ticket. Die Verlängerung bestehender Linien ist Teil des Konzepts.” Fey könnte sich allerdings auch eine Straßenbahn auf dem Mariendorfer Damm vorstellen: “die U-Bahn ist ein langwieriges Projekt, das vielleicht in 20 bis 30 Jahren realisiert werden kann. Es muss sich aber schnell etwas ändern und wenn dies durch eine Straßenbahnlinie möglich ist, so muss man auch diese Option in Betracht ziehen.” Man habe den Antrag der CDU für eine Machbarkeitsstudie daher gern unterstützt und stehe dem Ergebnis offen gegenüber. Nun seien das Bezirksamt und der Berliner Senat in der Verantwortung, zeitnah die Machbarkeitsstudie auf den Weg zu bringen. “Es geht hier um die Sache und nach meinem Eindruck ist die Zusammenarbeit der BVV-Fraktionen in diesem Fall sehr zielorientiert,” betont Fey. FDP und AfD stimmten ebenfalls für den Antrag. Die Fraktion Die Linke enthielt sich, da der beschlossene Antrag eine Machbarkeitsstudie lediglich für die Verlängerung der U6 fordere und die Straßenbahn außer Acht ließe.

Grüne mahnen zu mehr Realismus

Als einzige Partei in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg stimmte die Fraktion der Grünen gegen den Antrag. Ulrich Hauschild, verkehrspolitscher Sprecher seiner Fraktion, warnt vor einer überzogenen Erwartungshaltung. Die Verlängerung der U6 stehe bisher weder bei der BVG noch beim Berliner Senat auf der Agenda. Die Planungen zu einem umfassenden Straßenbahnnetz seien dagegen deutlich konkreter. “Wir sind nicht gegen einen Ausbau des U-Bahnnetzes” betont Hauschild, allerdings halte man die Verlängerung angesichts der Kosten und der zu erwartenden Bauzeit der U6 für unrealistisch. “Die Straßenbahn ist schneller zu realisieren, flexibler einsetzbar und hat mehr Haltestellen. Zudem ist die Frage der Auslastung noch ungeklärt und außerhalb der Stoßzeiten wird die B96 deutlich geringer Beansprucht.” Neben der Straßenbahn fordern die Grünen vor allem eine bessere Verkehrsinfrastruktur für das Fahrrad. “Ideal wäre ein komfortabler Radstreifen auf der B96 oder ein Radschnellweg entlang der S-Bahntrasse.”

Bis der erste Zug rollt könnte es Jahrzehnte dauern

Alle Fraktionen betonen, dass die Verlängerung der Linie noch nicht besiegelt sei. Die SPD-Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler hat bereits angekündigt, den Wunsch der Bezirksverordneten an die zuständigen Stellen weiter zu kommunizieren. Ob Straßen- oder U-Bahn, der Blick auf die Baustelle der U5 in Mitte zeigt, dass ein Zeitrahmen von 20 oder gar 30 Jahren wohl eine optimistische Einschätzung sein dürfte. Nach 25 Jahren Bauzeit wird dort im Sommer 2020 wohl der erste Zug durch den verlängerten Tunnel rollen. In Mariendorf sind nun die BVG und der Senat gefordert.



Maximilian Müller studiert Publizistik- und Politikwissenschaften. Seit sechs Jahren lebt er in Berlin-Mariendorf.