International Philosophy Colloquia Evian
20th Colloquium 2014 - Evian, 13-19 juillet 2014

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Kolloquium 2004: Sozialität und Anerkennung

20th Colloquium 2014


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Das Kolloquium widmet sich der Frage der Sozialität. Was ist Sozialität bzw. was sind soziale Bindungskräfte, die überall dort wirksam sind, wo sich gesellschaftliche Strukturen ausbilden? Geht Sozialität über bloße Intersubjektivität hinaus oder erschöpft sie sich in ihr? Wie muss Sozialität expliziert werden?

Als ein möglicher Grundbegriff zur Rekonstruktion sozialer Zusammenhänge hat in jüngster Zeit der Begriff der "Anerkennung" an Konjunktur gewonnen. Er soll den Mechanismus verständlich machen, durch den sich "Sozialität", d.h. soziale Bindungen, soziale Felder und sozialisierte Subjekte ausbilden - die performative Produktion sozialer Kohäsion durch die permanente Arbeit moderner Subjekte an ihrer individuierenden Vergesellschaftung. Diese Ansetzung der wechselseitigen Anerkennung als genetisches Prinzip der Sozialität geht auf das Motiv eines "Kampfes um Anerkennung" in den Jenaer Schriften Hegels zurück: Hegel versucht dort, ausgehend von Fichte, die Dialektik von Einzelnem (Subjekt) und Allgemeinem (Gesellschaft) zu fassen und die Aporien der neuzeitlichen Vertragstheorien (Locke, Hobbes, Rousseau) zu überwinden. Im Kampf um und in der Erfahrung von Anerkennung durch andere konstituiert sich nicht nur das moderne Subjekt, sondern auch der sittliche Fortschritt der Gesellschaft.
Im Kontext der Frankfurter Schule haben Jürgen Habermas und Axel Honneth dieses Moment ausgeführt und es mit Einsichten des amerikanischen Sozialpragmatismus (George H. Mead) kurzgeschlossen. Auch in der Nachfolge der französischen Hegel-Rezeption durch Alexandre Kojève hat die "Anerkennung" Prominenz erlangt, wenn auch mit anderem, kritischem Akzent: Kojève geht es um die existenziale Selbstentfremdung des zum unterworfenen Subjekt seiner Begierde nach Anerkennung gemachten Individuums. Hieran schließen zahlreiche französische Denker an - neben Hyppolite, Derrida, Lévinas, Ricoeur und Nancy vor allem Lacan und Althusser. Aus der Perspektive des Letzteren ist die Idee der Anerkennung gerade nicht das genetische Prinzip der Sozialität, sondern nur ein ideologischer Reflex der herrschenden sozialen Verhältnisse, steckt also in jeder Anerkennung die Verkennung (reconnaissance/méconnaissance). Im amerikanischen Kontext wiederum spielt der Anerkennungsbegriff heute eine zentrale Rolle in den Debatten um Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit: Charles Taylor hat im Rahmen seiner Kritik des liberalistischen Universalismus den Begriff einer "Politik der Anerkennung" kultureller Differenz ins Spiel gebracht. Aus feministischer Perspektive hat Seyla Benhabib den impliziten Androzentrismus in der universalistischen Idee des "anerkennenden" und "anerkannten" Subjekts einer Kritik unterzogen und für eine radikalisierte Anerkennung der realen Differenz des Anderen plädiert. Nicht zuletzt im Zuge neohegelianischer Tendenzen in der postanalytischen Philosophie (Brandom, McDowell) rückt der Anerkennungsbegriff zunehmend ins Zentrum.

Die Diskurse der "Anerkennung" eröffnen eine gegenwärtig intensiv und vielfältig diskutierte Perspektive auf das Phänomen der Sozialität. Deshalb wird sich das Kolloquium der Frage nach der Konstitution von Sozialität zu nähern suchen, indem es die Auseinandersetzung mit diesen Diskursen erneut aufnimmt und fragt, inwieweit Sozialität als in und durch Anerkennungsverhältnisse konstituiert gedacht werden kann. Es geht also um die Auslotung der Potenziale, aber auch der Grenzen des Begriffs "Anerkennung" in der Explikation von "Sozialität". Welchen Beitrag leistet der Begriff der Anerkennung zur Rekonstruktion sozialer Zusammenhänge? Ist "Anerkennung" in diesem Punkt als der zentrale Grundbegriff zu verstehen und mit welchen anderen Begriffen konkurriert er? Alternativen stützen sich zum Beispiel auf den Begriff der Gemeinschaft (MacIntyre), der Umverteilung (Fraser), der Macht (Nietzsche, Foucault) oder der konstitutiven Verkennung der sozialen Ordnung (Bourdieu). Ausdrücklich sind Beiträge willkommen, die solche konkurrierenden Vorschläge zur Explikation der grundlegenden Phänomene und Fragen von Sozialität mit ins Spiel bringen, also die Tragfähigkeit des Anerkennungsbegriffs in Frage stellen. Wir laden dazu ein, die Frage der Sozialität im Fokus des Anerkennungsbegriffs kontrovers und in all ihren Facetten zu behandeln.


Programm

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Lundi, 19 juillet 2004

Anerkennung und Sozialität - systematisch-historische Eingrenzungen
Jo-Jo Koo (Montreal): Sociality as a Dimension of Recognition
Eran Dorfman
(Paris): Reconnaître ou méconnaître? Approches phénoménologique et psychanalytique de la constitution d'autrui
Robin Celikates (Erfurt/Jena): Nicht versöhnt - Wo bleibt der Kampf im "Kampf um Anerkennung"?

David Schweikard (Münster): Ich, das Wir, und Wir, das Ich ist. - Hegels Theorie der konstitutiven Anerken-nung als Alternative zum intentionalistischen Paradigma
Joseph Schear (Chicago): Recognition: A Hegelian Clue for Transcendental Philosophy
Katrin Pahl (Stanford): The Promise of Vulnerability: Mutual Recognition in Hegel


Mardi, 20 juillet 2004

Anerkennung, politische Gemeinschaft und ästhetische Praxis
James Ingram (New York): Politics against Society: Recognition in Arendt and Rancière
Jens Kertscher
(Darmstadt): Dialektik und Differenz - Jacques Rancières Politik der Anerkennung
Jérôme Lèbre (Paris): Reconnaissance et comparution : à propos de la communauté chez Jean-Luc Nancy

Kevin Newmark (Boston): Shocked beyond Recognition: Baudelaire and the Poetry of Sociality
Esa Kirkkopelto (Helsinki/Strasbourg): Suffrage d'Athéna - tragédie, démocratie, déconstruction
Gilles Ribault (Paris): Enjeux freudiens de la reconnaissance


Mercredi, 21 juillet 2004

Anerkennung - neue Perspektiven
Christophe Laudou (Madrid): La demande de reconnaissance, de Hegel à Lacan
Georg W. Bertram (Hildesheim): Anerkennung, Welterschließung und symbolische Praxis
Carol C. Gould
(New York): Relationships, Caring, and the Idea of Recognition

Après-midi libre


Jeudi, 22 juillet 2004

Anerkennung, Selbstbewusstsein und Selbstheit
Susanna Lindberg (Helsinki): Heidegger et l'être-avec
Elizabeth Butterfield (Atlanta): Sociality and Recognition as Enabling Conditions for Autonomy
Andreas Cremonini (Basel): Anerkennung. Vom Medium der Freiheit

Olivier Voirol (Paris): Socialité médiatisée et reconnaissance institutionnalisée
Johannes Angermüller (Magdeburg): Die diskursive Konstitution des Sozialen - ein Lacan'scher Zugang
Inara Luiza Marim (Sao Paolo): Théorie de la reconnaissance et psychanalyse en débat


Vendredi, 23 juillet 2004

Die Reichweite von Anerkennung
Diane Perpich (Clemson): Recognizing Difference Non-Essentially
Susanne Schmetkamp (Tübingen): Normative Reichweite und Grenzen der Anerkennung im Zeitalter der Globalisierung
Simone Zurbuchen (Fribourg): Ist die Anerkennung kultureller Differenz ein Gebot der Gerechtigkeit?

Abschlussdiskussion

 

Organisation: Georg W. Bertram (Berlin), Robin Celikates (Amsterdam), David Lauer (Berlin). In cooperation with: Alessandro Bertinetto (Udine), Karen Feldman (Berkeley), Jo-Jo Koo (Dickinson), Christophe Laudou (Madrid), Claire Pagès (Paris), Diane Perpich (Clemson), Hans Bernhard Schmid (Wien), Contact: evian@philosophie.fu-berlin.de