[Freie Universität Berlin] [FU-Nachrichten - Zeitung der Freien Universität Berlin]
 
  
TitelAktuellAktuellInnenansichtenInnenansichtenLeuteWissenschaft
FU Nachrichten HomeFU-Nachrichten ArchivFU Nachrichten SucheLeserbrief an die RedaktionImpressumHomepage der FU Pressestelle
Vorheriger Artikel...
Nächster Artikel...

[Das Schweigen durchbrechen]

Stellen Sie sich vor, dass jeder dritte Erwachsene in Ihrer Umgebung eine tödliche, ansteckende Krankheit in sich trägt, dass jede zweite Schwangere mit diesem Virus infiziert ist. Und stellen Sie sich vor, dass Kranke durch eine Mauer des Schweigens ausgegrenzt werden und die Erkrankung von Betroffenen und Angehörigen gleichermaßen geleugnet und vertuscht wird. Dieses Land gibt es wirklich – und auch dort spricht man Deutsch. Namibia, das frühere Deutsch-Südwestafrika, ist neben Botswana das Land mit der höchsten AIDS-Rate auf der Welt. Trotz langjähriger Aufklärungskampagnen steigt dort die Anzahl der Infektionen weiter alarmierend an. Inzwischen droht die Entvölkerung ganzer Landstriche. Es gibt kaum eine Familie, die nicht von der Krankheit betroffen ist. Das ohnehin arme Land steht ökonomisch und sozial vor dem Zusammenbruch. Gibt es eine Rettung?

Berufsschülerinnen des Schuldorfes Baumgartsbrunn in Namibia: Trotz ihrer schwierigen Situation haben sie sich ihre Lebensfreude bewahrt.

Im Rahmen der Initiative „Zwischen Hörsaal und Projekt“ der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) haben sich Studierende der drei Berliner Hochschulen und der Universität Rostock damit auseinandergesetzt, wie universitäre Lehrinhalte in der entwicklungspolitischen Praxis eingesetzt werden können. Auf einem Symposium am 6. Februar stellte Ursula Rubenbauer, Studentin der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Ethnologie und Literaturwissenschaft an der Freien Universität, ihre Arbeit zum Thema „AIDS-Präventionskampagnen in Namibia“ vor und nahm den ersten Preis entgegen. Die Zusammenarbeit mit der GTZ entstand durch Sigrid Peuker, bei der sie ein Seminar zum Thema „Interkulturelle Wissenskommunikation“ besuchte. AIDS ist nach wie vor nicht heilbar, und Medikamente, die den Krankheitsverlauf verlangsamen, sind für ein Land in der Dritten Welt nicht zu finanzieren. Ansteckungsvermeidung ist daher die einzige Möglichkeit, die Epidemie einzugrenzen. Dazu müssen nicht nur die Tabus, über Sexualität und AIDS zu sprechen, gebrochen, sondern auch persönliche Verhaltensweisen geändert werden.

Die staatliche Anti-AIDS-Kampagne ist in Namibia überall präsent.

Das war der Ausgangspunkt von Ursula Rubenbauer. Gerade hier haben bislang Präventionskampagnen versagt, da sie auf westliche Rezeptionsgewohnheiten basieren, die stark mit einer Schriftkultur verwachsen sind. Die Mittel herkömmlicher Kampagnen wie Plakate und Faltblätter können in einer Gesellschaft nicht wirken, deren Kommunikation stark auf einer Gesprächskultur beruht. Hier gilt das gesprochene Wort mehr als das gedruckte. Der traditionelle Rahmen für Problemlösungen im afrikanischen Stamm ist das Palaver. Der Ansatz der FU-Studentin Ursula Rubenbauer lehnt daran an und versucht dieses Potential zu nutzen. Im Herbst letzten Jahres besuchte sie mit einer studentischen Reisegruppe der Universität Witten/Herdecke eine Berufsschule in Baumgartsbrunn, das etwa 40 Kilometer von Windhoek, der Hauptstadt Namibias, entfernt liegt. Die Schule wird von der Helmut-Bleks-Stiftung finanziert und ermöglicht jungen Frauen, eine zweijährige Ausbildung zu absolvieren, zu der Kochen, Hotelservice, Gartenbau, Buchführung und Schneidern gehört. Alle Absolventinnen konnten bislang einen ihrer Ausbildung entsprechenden Arbeitsplatz finden. In einem Land, in dem nach offiziellen Angaben eine siebzigprozentige Arbeitslosigkeit herrscht und Bildungschancen für Frauen gering sind, stellt das eine absolute Ausnahme dar. Eine Berufsausbildung ist ein erster Schritt, um dem Teufelskreis aus Armut, weiblicher Abhängigkeit und AIDS zu entfliehen. So wie diese Faktoren in Namibia zusammenhängen, müssen sie auch zusammen gelöst werden, ist sich Ursula Rubenbauer sicher: „Wenn eine Frau zuhause nichts zu essen hat und ein Mann ihr 20 Dollar für Sex mit Kondom und 40 ohne bietet, dann stellt sie sich die Frage nach AIDS-Prävention eigentlich nicht“. In Dialogrunden von 15 bis 20 Personen hatten die Studierenden die Möglichkeit, intensiv mit den Frauen über ihre Erlebnisse und Gefühle zu sprechen.

Ursula Rubenbauer

Das Konzept wurde gut angenommen, die Frauen sprachen sehr bereitwillig vor der Gruppe. Deutlich wurde, dass die Frauen ein starkes Bedürfnis hatten, auch über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt zu sprechen. Sie wollten dies jedoch nicht in Anwesenheit von Männern tun. Männliche Teilnehmer der Reisegruppe mussten den Raum verlassen. Ihre Scheu vor Männern über Sexualität zu sprechen, ist symptomatisch für ein Geschlechterverhältnis, das in dieser Hinsicht von Angst, Schweigen und Gewalt geprägt ist. Die positiven Erfahrungen des Gesprächskreises geben Anlass zu der Hoffnung, dass Dialogrunden dieser Art auch andere namibische Frauen ermutigen könnten, Erfahrungen über AIDS auszutauschen. Vernetzte Foren für Frauen könnten den notwendigen Emanzipationsprozess fördern und zur Solidarisierung der gefährdeten Frauen beitragen. Entscheidend wird sein, einen Weg zu finden, wie auch Männer in die Gespräche einbezogen werden, damit sie auf ihr gefährliches promiskuitives Sexualverhalten verzichten. Angesichts der dramatischen Zunahme der AIDS-Fälle bleibt Namibia nicht mehr viel Zeit zur Überwindung der kommunikativen Kluft zwischen den Geschlechtern, die zusammen mit der Armut Ursache für die epidemische Ausbreitung der Krankheit ist. Für das Land ist das eine Frage von Sein oder Nicht-Sein.

Gesche Westphal

 Zum Anfang des Artikels...