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[Judaisten der FU erforschen ein antikes Zauberbuch]


Der Entdecker der Kairoer Geniza-Fragmente, Salomon Schechter, zwischen seinen Schätzen in der Cambridge University Library (1898).


„Buch der Geheimnisse“ – ein Titel, der für sich spricht. Geheimnisvoller klingt dagegen der Name des Originalwerkes: Sefer ha-Razim. Das ist hebräisch und heißt doch nichts anderes. Womit das erste Geheimnis schon gelüftet wäre.
Zugegeben, ein bescheidenes Geheimnis angesichts der in diesem klassischen Werk der jüdischen Magie zu entdeckenden Beschwörungsformeln, der verschlungenen Liebes- und Heilungszauber, der verschiedenen magischen Anwendungen, die beispielsweise helfen sollen, im Pferderennen zu gewinnen oder den Ofen zu befeuern. Für die Wissenschaft mindestens ebenso obskur ist die Überlieferung dieses spätantiken Zauberbuchs.
Am Institut für Judaistik der Freien Universität Berlin hat vor zwei Jahren ein Forscherteam unter der Leitung von Prof. Peter Schäfer damit begonnen, die Geheimnisse um die Überlieferung und Rezeption des Textes zu lösen. Die unzähligen Versionen, Abschriften und Übersetzungen werden gesichtet, wissenschaftlich untersucht, um in zwei bis drei Jahren in einer synoptischen Edition mit deutscher Übersetzung und ausführlichem Kommentar zur Verfügung zu stehen.

Mit magischen Texten hatte man am Institut für Judaistik bereits vorher zu tun. Bereits vor Jahren begann man, repräsentative magische Texte zu edieren – drei Bände sind bisher erschienen. Im laufenden Projekt soll nun ein einzelner Text in seiner ganzen Breite – all seinen Varianten und Übersetzungen – untersucht werden, exemplarisch sozusagen für die Vielzahl magischer Texte in der jüdischen Schriftkultur. Ausgewählt wurde der wichtigste Text jüdischer Magie, das Buch der Geheimnisse. Die zahlreichen Abschriften beweisen die Bedeutung des Textes, der schon in seinem ältesten Stadium eine enge Verflechtung der jüdischen Kultur mit ihrer hellenistischen Umwelt in der Spätantike (3./4. Jh. n. Chr.) bezeugt: Nicht nur Lehnwörter aus dem Griechischen, sondern sogar eine komplette Beschwörung des griechischen Sonnengottes Helios wurden aus griechischen Zaubertexten entnommen. Der Aufbau des Buches mit einer Vorrede und sieben Kapiteln ist dem ptolemäischen Weltbild mit seinen sieben Planetensphären entlehnt. Dieses durch kosmologische Traditionen bestimmte literarische Gerüst wurde mit Engelnamen und magischen Texten gefüllt.


Engel für jeden Zweck

Die sieben Kapitel entsprechen eben diesen sieben Himmeln oder Planetensphären, in denen sich jeweils verschiedene Gruppen von Engeln tummeln – außer im letzten Himmel, dem siebten Himmel, der Gott vorbehalten ist. Peinlich genau wird der jeweilige Himmel in der Einleitung jedes Kapitels topographiert. Danach werden die verschiedenen Engel oder Engelsgruppen mit ihren jeweiligen speziellen Fähigkeiten genannt. Jeder Gruppe von Engeln sind verschiedene magische Anwendungen zugeordnet: Wie in einem Handbuch lässt sich nachschlagen, welcher Engel einem bei welcher Anrufung und welchen Verrichtungen mit seinem Zauber zur Seite steht.
Glaubt man der Überlieferung, lernte Noah „aus der Weisheit dieses Buches“, wie er seine Arche zu bauen hätte. Bei seinem Tode übergab er es an Abraham, Abraham an Isaak, Isaak an Jakob und so weiter, denn nichts ist für die Glaubwürdigkeit wichtiger gewesen als eine lückenlose Genealogie. Wie auch immer, manche Versionen nennen auch Adam anstatt Noah als denjenigen, dem das Buch übergeben und offenbart wurde. Letztendlich landete es beim König Salomo, in dessen reichhaltiger Bibliothek das Sefer ha-Razim „das teuerste, geehrteste, größte und schwierigste von allen“ war. Nicht zuwenig Superlative für ein Buch, dessen magische Anwendungen auf den ersten Blick zumindest überraschend erscheinen: „Wenn Du eine reiche, mächtige und schöne Frau zu dir bringen möchtest, die dich lieben wird, nimm vom Schweiß deines Gesichts und gib ihn in ein Glasgefäß.“ Nachdem man einige weitere Verrichtungen vollführt hat und den mitgelieferten Zauberspruch, samt Anrufung der Engel der Huld und Gnade und der Wissenschaft gesprochen hat und das Gefäß bei Vollmond unter die Türschwelle der begehrten Dame gestellt hat, steht dem Liebesglück nichts mehr im Wege: „Tags und nachts, vom heutigen Tage an und weiter.“


Mit einem Alter von rund 1000 Jahren eines der ältesten Fragmente des Sefer ha-Razim, gefunden in der Geniza der Ibn-Esra Synagoge in Kairo (T-S A45.28).

Wer die Magieforscher um ihren Koordinator Bill Rebiger in ihrer Villa in der Fabeckstraße besucht, den erwartet nicht ein faustisches Studierzimmerchen, sondern zwei nüchterne Büroräume mit vier Arbeitsplätzen und Computern. Trotz der modernen Atmosphäre ist das Streben nach Erkenntnis ungebrochen. Bereits seit über zwei Jahren stöbert die vierköpfige Arbeitsgruppe in Klein- und Kleinstarbeit auf der ganzen Welt Abschriften, Zitate und Fragmente ihres schmalen Zauberbuchs auf. In Jerusalem, New York, Oxford, Cambridge und Tel Aviv waren sie schon, Moskau, Paris und Florenz warten noch auf den Besuch von Rebiger oder seiner Kollegin Evelyn Burkhardt. Neben diesen beiden arbeiten auch noch zwei studentische Hilfskräfte im Projekt mit.Die aufwendigen Reisen sind unumgänglich, obwohl in Jerusalem eine Sammlung aller bekannten hebräischen Handschriften in Mikrofilmform existiert. Für eine profunde Edition solcher Texte gibt es gute Gründe, das Original aufzusuchen: „Erst am Original lassen sich undeutliche Buchstaben, Glossen oder Korrekturen mit letzter Sicherheit bestimmen, da reichen Mikrofilmkopien nicht“, erläutert Rebiger die Reiselust, deren Ziel immer ein mehr oder minder staubiges Bibliotheksarchiv ist. Für die Edition müssen etwa 50 fragmentarisch erhaltene Manuskriptseiten, 16 vollständige hebräische Handschriften, sieben Textzeugen der lateinischen Übersetzung und etwa 20 weitere magische Sammelhandschriften ausgewertet werden. Sieben oder acht Versionen werden dann letztendlich in der Edition nebeneinander stehen. Die Versionen differieren vor allem in der Zusammenstellung einzelner Passagen, doch gerade diese Abweichungen, z.B. die Hinzunahme von Texten aus anderen Traditionen, machen die Gegenüberstellung interessant. Der Computer hilft mit, die Texte zu vergleichen und beschleunigt so die Sisyphus-Arbeit der Forschungsgruppe. Einen Spruch, um sich die Arbeit fertig zu hexen, gibt es im Buch der Geheimnisse leider nicht. Bill Rebiger bleibt in dieser Hinsicht auch lieber auf dem Boden der Wissenschaften. Denn manchmal ist Zaubern auch einfach unästhetischer als Arbeiten: Wer romantisch zu Mond und Sternen sprechen möchte, muss vorher – ganz unromantisch – einen weißen Hahn schlachten und mit dessen Blut drei Kuchen backen und in die Sonne stellen.

Niclas Dewitz

Bilder: Cambridge University Library


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