Das Institut für Ethnologie ist Treffpunkt empirischer Gewaltforschung

Der anthropologische Blick


Eigentlich recht unspektakulär: eine Gruppe junger Wissenschaftler, die angeregt über Konfliktherde dieser Welt diskutiert. Aber hier wird kein Zeitungswissen ausgebreitet. Seit zwei Jahren ist das Institut für Ethnologie Treffpunkt interdisziplinärer empirischer Gewaltforschung. Aus der gemeinsamen Arbeit enstanden eine Vielzahl regionaler Forschungen zur Entstehung und Kanalisierung von Gewalt.


Albanien


Mit dem Wechsel des politischen Systems lebte in Albanien die Blutrache wieder auf. In den isolierten, nördlichen Bergregionen gibt es ein dichotomes Werte- und Symbolsystem in Alltagsdiskurs und Ritualen, das Gewalt legitimiert und einbettet. Es klassifiziert nach Freund und Feind, eigen/fremd, Treue/Verrat, Ehre/Schande usw. Töten oder Friedensschluß sind in diesem Rahmen verantwortungsschwere Optionen, über die Statuspositionen innerhalb des Dorfes ausgehandelt werden. Die politische Kultur Albaniens bestätigte das Freund/ Feind-Denken bis heute, doch die dörfliche soziale Ordnung erlitt in kommunistischer Zeit nachhaltigen Schaden. (siehe auch: Sociologus 46/2 (1996), 109-129). Träger der Revitalisierung sind regionale Interessengruppen, die nicht nur im postkommunistischen Rechtsvakuum Gewalt in vorhersagbaren Handlungsspielräumen kanalisieren, sondern auch ihre alten stammesrechtlichen oder kirchlich legitimierten Machtpositionen wiedergewinnen wollen. Doch wenige der atheistisch sozialisierten, bildungspolitisch benachteiligten jungen Männer sehen ihre Zukunft in einer retrospektiven Orientierung in den Bergen. In neuen grenzüberschreitenden, teils kriminellen Bezugssystemen führen alte Ideale von Ehre und männlicher Wehrhaftigkeit zu neuen Konflikten.


Kaukasus


Die Sozialwissenschaften, die sich mit dem Raum der ehemaligen UdSSR beschäftigen, teilen ein Problem: Sowenig es in den 80er Jahren gelungen ist, die bevorstehenden einschneidenden Veränderungen vorauszusagen, sowenig liegen bis heute überzeugende Ansätze vor, die nachsowjetischen Gesellschaften, ihre Strukturen und Konflikte aus den im Schatten der offiziellen Einrichtungen (reformiert oder nicht) bestehenden Agenden von Stabilität, Wandel und Zusammenbruch zu verstehen. Für diesen Raum ist der Kardinalfehler der Sowjetologie noch nicht ausgestanden, nämlich die optische Präsenz einer Institution mit deren Funktionalität zu verwechseln. Gerade in der Auseinandersetzung mit Fragen der Macht unter dem Aspekt der Gewaltkanalisation und -eskalation ist die Frage nach der Stabilität von Institutionen, die der Verwaltung und Einhegung von Gewalt dienen, entscheidend. Stabilität bedeutet aber gerade nicht, daß die Institution, resistent gegenüber äußerem und innerem Wandel, sich immer gleich bleibt. Stabilität bedeutet den ständigen Erhalt der Funktionen einer Institution unter variablen Umweltbedingungen. Damit scheint für eine stabile Institution die Fähigkeit der Selbstveränderung unter Bedingungen des Wandels von Umweltbedingungen wichtiger als Omnipräsenz und Tradition. Dazu ist es notwendig, mit sozialanthropologischer Basisforschung den für die Organisation von Gewalt und Gerechtigkeit relevanten Referenzsystemen jenseits der formalen Institutionen nachzuspüren und sie auf Kontinuität und Wandel hin zu prüfen. Der Blick fällt auf die "Schattenwelten" Sippenhaft und Blutrache, die Kultur der kriminellen Unterwelt und die "Schule der Straße" im Transkaukasus.


Somalia


Mit der Ausrufung der unabhängigen "Republik Somaliland" im Jahre 1991 wurde der Versuch unternommen, eine neue somalische Staatlichkeit wiederzubeleben. Was entstand, war ein Klanstaat, denn die Sozialstruktur der (nord)somalischen Bevölkerung entspricht nach wie vor dem segmentären Gesellschaftstyp. Gerade dieser neuerliche Versuch, Klan- und Staatswesen zu verbinden, verrät Kontinuitäten somalischer Geschichte - von der Etablierung des Kolonialstaates bis zur aktuellen Wiederbebelebung des Klanstaates. U ntersucht man die Bedingungen, unter denen Staatlichkeit in Somalia Fuß fassen konnte, welche Folgen die zeitweilige Etablierung eines Gewaltmonopols für die Zivilgesellschaft hatte und welche Perspektiven der Staat in Somalia hat, zeigt sich: Der Staat konnte nur durch das Angebot äußerer Ressourcen in Form von Feinden bzw. Alliierten Wurzeln in der somalischen Gesellschaft schlagen. In Abwesenheit dieser Ressourcen verlor er Ende der 80er Jahre seine Funktion und Legitimation. Staatliche Institutionen erlangten in Somalia nie Unabhängigkeit von familienökonomisch-strategischen Gruppen. Im Gegenteil: diese integrierten den Staat vollständig in ihre Netzwerke. So gelangten jedoch auch materielle Ressourcen ins Land, die die Form und Dauer gewaltsamer Konflikte bestimmte. In Somalia wird sehr genau zwischen den Fehden im ländlichen Raum und den von "modernen" Politikern gesteuerten Kriegen in den Städten unterschieden. Fraglich bleibt nach den somalischen Erfahrungen mit Staatlichkeit in den letzten 100 Jahren, ob ein Gewaltmonopol der Einhegung von Gewalt dienen kann.

Stephanie Schwandner-Sievers / Jan Koehler / Sonja Heyer

Stephanie Schwandner-Sievers (li.) ist seit 1994 Mitglied des Graduiertenkollegs "Umgestaltungsprozesse..." am Osteuropa-Institut und vergleicht die nordalbanische Orientierung mit einer friedlichen Ethnizitätsbewegung im Süden. Sie forscht seit 1992 in Al banien. Ihre Dissertation über "Typen der Identifikation in Albanien" soll der Erklärung der aktuellen Desintegration in diesem Land dienen. Jan Koehler (Mitte) hielt sich mehrmals zu Forschungen im Hohen Kaukasus auf, Sonja Heyer (re.) forschte 1994 im No rden Somalias. Beide arbeiten seit zwei Jahren im Projekttutorium "Anthropologie der Gewalt", das den Austausch junger Wissenschaftler aus Berlin und Brandenburg zur Gewalt in staatlich- bzw. nichtstaatlich-verfaßten Gesellschaften vorantreibt. Die Ergebni sse werden auf einer Konferenz vom 4. bis 6.Juli am Institut für Ethnologie vorgestellt. Hier werden Beiträge u.a. zu den Konfliktregionen Serbien, Palästina, Albanien, Kenia, Hoher Kaukasus, Brasilien und Somalia vorgestellt. Die Konferenz wird Gewaltdisk urse in kulturellen und geschlechtsspezifischen Zusammenhängen thematisieren und die Rolle von Institutionen bei der Entstehung und Eingrenzung von Gewalt hinterfragen. Die Tutoren planen, eine dauerhafte fachübergreifende Arbeitsgruppe zur empirischen Gew altforschung zu etablieren. Zu diesem Zweck soll ab Herbst eine Datenbank am Institut für Ethnologie entstehen. Kontakt: http://userpage.fu-berlin.de/ jkoehler/index.htm


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