Berlin wird Hauptstadt - aber was für eine?
Hauptstadtforschung ist gefragt

Viele Baustellen wenig Diskurs


Mit dem Umzug des Parlamentes, von Teilen der Regierung, des Bundesrates, der Parteizentralen, des Sitzes der Spitzenverbände und der diplomatischen Vertretungen wird Berlin von der symbolischen endlich auch zur realen Hauptstadt des geeinten Deutschlands. Aber um welche Art von Hauptstadt wird es sich handeln, da Berlin nur bedingt das politische Zentrum der Deutschen darstellen soll? Dafür steht allein die Arbeitsteilung mit Bonn.


Bau auf, bau auf... Die Galerie Lafayette steht mittlerweile in der Friedrichstraße, wo hier noch die Baugrube zu sehen ist, vorn im Bild der Gendarmenmarkt

Nein, alleinige Hauptstadt soll Berlin vorerst nicht sein. Und eine metropolitane, gar zentralistische Hauptstadt, wie sie für fast alle europäischen Staaten charakteristisch ist, soll Berlin nicht werden. Gewiß scheint also, was die neue Hauptstadt weder werden darf noch werden kann.

Also Schwamm drüber. Soll Berlin doch erst einmal eine ganz normale Großstadt werden, die eben auch leitende Verfassungsorgane in sich beherbergt. Die Hauptstadt als Adresse. So etwa läßt sich der überwiegende Tenor vor allem innerwissenschaftlicher Debatten sofern sie überhaupt noch stattfinden kennzeichnen. Die Kritiker der Hauptstadt führen das Wort, während die Entwicklung ihren Lauf nimmt. Berlin wird Hauptstadt zerredet und aufgebauscht, aber irgendwie klammheimlich und auch vom Wissenschaftsbetrieb kaum zur Kenntnis genommen.

Die positive Antwort auf die Hauptstadtfrage steht noch aus. Auch im sechsten Jahr nach der Hauptstadtdebatte des Deutschen Bundestages hält die "Hauptstadtsuche" an. Die Argumentationen des Parlaments in Bonn sind kaum vertieft worden. Viele der schon damals aufgeworfenen Fragen stellen sich heute trotz zahlreicher Beschlußlagen noch dringlicher. Die Konturen der neuen Hauptstadt zeichnen sich bereits baulich ab. Aber über die Entwicklungsperspektiven dessen, was da geschieht, ist der intellektuelle und wissenschaftliche Diskurs bislang nicht eröffnet worden. Dies ist um so erstaunlicher, da zentrale Themen nach wie vor eine wissenschaftliche Herausforderung nicht nur für Berlin, sondern auch in der nationalen wie internationalen Dimension darstellen. Im Vordergrund stehen vier große Themenkomplexe:

1. Die historische und international vergleichende Analyse der Rolle und Bedeutung von Hauptstädten in unterschiedlichen politischen Systemen.

Hier kommt mit Blick auf die Bundesrepublik dem Vergleich zwischen föderativ und zentralistisch verfaßten Gesellschaften eine besondere Bedeutung zu. Lassen sich entsprechende signifikante Unterschiede in der Bedeutungszuweisung von Hauptstädten identifizieren und hat dies Folgen für die Organisationsprinzipien gesellschaftlicher und politischer Macht? Welche Bedeutung kommt im Zusammenhang den supranationalen Politiken und Institutionen zu?

2. Die Analyse der Arbeitsteilung zwischen Berlin und Bonn aus demokratietheoretischer und verwaltungswissenschaftlicher Perspektive.

Stellt die Arbeitsteilung die Stabilität des politischen Führungshandelns in der Bundesrepublik sicher oder droht nicht die Gefahr zweier konkurrierender Hauptstädte? Hier geht es um die Analyse der Organisationszuschnitte und ihre Relevanz für die Arbeitsablaufprozesse auf den unterschiedlichen Ebenen der beteiligten Institutionen. Wie ändern sich informelle Machtstrukturen zwischen Bonn und Berlin?

3. Die Analyse der Relevanz und der Effekte der Haupstadtverlagerung für den Einigungsprozeß der Deutschen.

"Die Einheit vollenden" war das Motto der Berlinbefürworter. Stattdessen öffnen sich mentale Gräben. Wie ist dieser Widerspruch aus der Perspektive der politischen Kulturforschung einzuschätzen? Dokumentiert er historisch tief verwurzelte Konfliktlinien der Deutschen, zeigen sich in ihm neue Konfliktlinien oder Konflikte eher situativer Natur, von rein regionalen Egoismen geprägte Differenzen?

4. Die Analyse der Relevanz der Hauptstadtverlagerung für das Profil des zukünftigen Berlin.

Wie ordnet sich die Haupstadtfunktion den demographischen, ökonomischen und sozialen Umbrüchen in Berlin zu? Kann sie als Fokus einer politiknahen Dienstleistungsmetropole mit weiteren Synergieeffekten für die Entwicklung der Stadt fungieren, und wie wird sich das Verhältnis Berlins zu den anderen Agglomerationen und Funktionsschwerpunkten in Deutschland und in Europa entwickeln?

Das letztgenannte Themenfeld verdeutlicht, wie sehr gerade die Wissenschaftsinstitutionen in Berlin, und hier insbesondere die Universitäten, gefordert sind. Ihnen bietet sich die große Chance, an dem neuen Profil der Hauptstadt aktiv mitzuwirken. Mehr als dies bisher geschehen ist, sollten sich die Universitäten den nach Berlin ziehenden Institutionen und Verbänden öffnen, das Gespräch mit ihnen suchen, um gemeinsam für die Zukunft zu planen. Die Universitäten sollten zur hauptstädtischen Politikgestaltung aktiv beitragen und in diesem Lichte ihr zukünftiges Lehr- und Forschungsprofil überprüfen.

Werner Süß / Ralf Rytlewski
Dr. Werner Süß ist Privatdozent am Institut für Innenpolitik und Systemvergleich am Fachbereich Politische Wissenschaft. Er hat drei Bände zur "Hauptstadt Berlin" herausgegeben. Ralf Rytlewski ist Dekan des Fachbereichs Politische Wissenschaft. Er und Walter Süß sind Leiter des Arbeitsschwerpunktes Hauptstadt Berlin, der im SoSe 1996 am Fachbereich Politische Wissenschaft etabliert worden ist.


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