Das Projekt: Unterstützung Vietnams bei der Reform des Bankenwesens

Von der Plan- zur Geldwirtschaft


Zu Vietnam stellten sich in Deutschland bis zum Beginn der 90er Jahre Assoziationen wie Vietnamkrieg, Studentenbewegung, Sozialismus, Boatpeople ein. Neuerdings ergänzt durch Vertragsarbeiter, Zigarettenmafia und bei manch einem, der den Wirtschaftsteil in den Zeitungen liest, auch die Frage, ob Vietnam zu einem neuen asiatischen Tiger wird. Genaueres über dieses Land weiß kaum jemand. Als wir 1991 für die Deutsche Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) zum ersten Mal nach Hanoi zu einer Tagung über monetäre Probleme flogen, waren unsere Vorstellungen über dieses Land zum Teil auch noch sehr vage.

Diese Stadt machte wie wir später feststellten im Gegensatz zu Saigon ÷ einen beschaulichen eher kleinstädtischen Eindruck. Darin spiegelt sich der Umstand, daß auch heute noch 90 Prozent der etwa 67 Millionen Einwohner auf dem Lande leben. Schon wenige Kilometer außerhalb von Hanoi dominiert der Reis- und Gemüseanbau, betrieben mit Ochsen und auf der Basis von Jahrtausende alten Bewässerungssystemen. Dennoch wies die Landwirtschaft als Vorreiter der Reformen, die schon 1991 zur weitgehenden privaten Bewirtschaftung des Bodens geführt hatte, hohe Produktivitätszuwächse sowie ein steigendes Produktionsvolumen auf. Die Märkte in Hanoi spiegelten dies durch ihr großes, vielfältiges Angebot wieder. Doi Moi, wie die vietnamesische Variante der Perestroika genannt wird, hatte bereits 1985/86 begonnen und zeigte gerade in der Landwirtschaft positive Ergebnisse. Wobei der Transformationsprozeß in Landwirtschaft und Industrie erheblich dadurch vereinfacht wird, daß Vietnam einen mit keinem unserer osteuropäischen Nachbarn vergleichbaren Grad an Konzentration und Zentralisierung der Produktion erreicht hat.

Rikschas und Fahrräder dominierten den wuseligen Verkehr, der schon damals für die engen Gassen der Altstadt zu viel war. Der Stolz der Familien waren die laut hupenden Mopeds, die dann auch dem Transport der gesamten Kleinfamilie dienten. Autos waren die Ausnahme und stellten ein soziales und politisches Privileg der ansonsten schlecht bezahlten höheren Staatsfunktionäre dar. Bis heute ist die Zahl der Mopeds, Autos, Minibusse und Taxen ÷ nicht zuletzt aufgrund umfangreicher ausländischer Direktinvestitionen und einer zunehmenden Zahl von Entwicklungshilfeprojekten ÷um ein Vielfaches gestiegen. Und es bleibt zu hoffen, daß diesem steigenden Verkehr nicht irgendwann die Altstadt weichen muß, die auch heute noch den geschäftigen, unverwechselbaren Kern Hanois ausmacht.

Hanoi ist eine Verwaltungsstadt. Wer das pulsierende Geschäftszentrum Vietnams sehen will, der muß nach Saigon fahren. Hier sind der Wunsch nach Veränderung ebenso wie das Tempo derselben sowie die Einkommen ungleich größer als in Hanoi. Das Einkommensgefälle zugunsten Saigons ist ein Erbe aus der vorsozialistischen Zeit, welches nach der Wiedervereinigung nicht abgebaut werden konnte und heute wieder ansteigt.

Trotz aller regionalen Unterschiede teilen alle Vietnamesen die Erfahrung der ökonomischen Instabilität von mehr als 25 Jahren. Die Zeit des Sozialismus war geprägt durch einen sich ständig regenerierenden Geldüberhang, der allein zwischen 1979 und 1985 zu drei gescheiterten Versuchen einer Währungsreform geführt hat. Mit dem Beginn von Doi Moi verschärfte sich das Inflationsproblem, weil zusätzlich zu dem alten Problem der fehlenden geldpolitischen Steuerung noch steigende Budgetdefizite auftraten. Wie in vielen ehemals sozialistischen Ländern führten die Reformen zu sinkenden Steuereinnahmen bei den Staatsbetrieben ohne daß dies durch steigende Steuerzahlungen aus privaten Produktions- und Handelstätigkeiten ausgeglichen wurde. Beides endete 1989 in einer Hyperinflation, die einen vierten Währungsschnitt erzwang. Verlierer der monetären Instabilität waren die Bezieher fester Einkommen ( Lohn, Rente und Stipendien). Fast jeder, ob Mann oder Frau hatte, zu Beginn der 90er Jahre mindestens zwei Jobs, um das Auskommen der Familie zu sichern. Dabei gehört dieses Einkommen immer noch zu den niedrigsten weltweit, da Vietnam ÷ trotz hoher Wachstumsraten seit Mitte der 80er Jahre ÷ immer noch zu einem der ärmsten Länder der Welt zählt. Im Verlauf des Reformprozesses kam es zu einer immer größeren Differenz zwischen den gutverdienenden und den Familien in den mittleren und unteren Einkommensgruppen. Wobei die relative Einkommensposition von Rentnern, Staatsangestellten und dabei insbesondere von Frauen sich relativ verschlechtert hat.

Die Überwindung der ökonomischen und vor allem der monetären Instabilität ist die zentrale Voraussetzung für einen erfolgreichen Transformations- und Entwicklungsprozeß. Genau in der Analyse der Ursachen für die Instabilität sowie in der Formulierung der Entwicklungs- und Transformationsbedingungen liegt die Stärke der Schule von Professor Hajo Riese. Daher war das GTZ (Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) Projekt zur Unterstützung der Zentralbank beim Aufbau eines funktionsfähigen zweistufigen Bankensystems eine willkommene Gelegenheit für uns, einen aus unser Sicht zentralen Beitrag für die Lösung des Transformations- und Entwicklungsproblems gleichermaßen zu liefern. Das Projekt dient dem Aufbau der institutionellen Bedingungen für eine angemessene geldpolitische Steuerung der Ökonomie durch die Zentralbank und der Etablierung der Steuerungsinstrumente der Geldpolitik sowie der Qualifikation und Beratung der vietnamesischen Partner. Da die Stabilität des monetären Sektors ein ausgeglichenes Budget und somit auch ein funktionsfähiges Steuersystem verlangt, ist es besonders erfreulich, daß das Zentralbankprojekt durch ein weiteres deutsches Projekt zum Aufbau des Steuersystems unterstützt wird. Die wahrscheinliche Verlängerung des Projekts bis 1999 (bisherige Laufzeit 1997) schafft gute Chancen, daß die Bedingungen für eine monetäre Stabilität mit unserer Hilfe und derjenigen unserer deutschen Kooperationspartner (Bundesbank, Bundeskreditanstalt sowie diverse Geschäftsbanken) geschaffen werden können. Ob es dann tatsächlich zur monetären Stabilität kommt, hängt ganz wesentlich auch von der vietnamesischen Wirtschaftspolitik ab.

Mathilde Lüken-Klaßen/Andreas Hauskrecht

Andreas Hauskrecht ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gastprofessur Deutsche Bank, Internationale Währungs- und Geldpolitik am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft. Mathilde Lüken-Klaßen ist wissenschaftliche Assistentin am Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsgeschichte.


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