Ethik in der Marktwirtschaft

"Die Wilden fressen einander,
die Zahmen betrügen einander"


Adam Smith hat als erster Ökonom das System der Marktwirtschaft im 18. Jahrhundert beschrieben und propagiert. Seitdem hat man dieser Ordnung auch den Vorwurf gemacht, sie sei prinzipiell unmoralisch, oder besser unethisch bei "Moral" denkt man eher an Sex, bei "Ethik" an Geld.

Schon die Grundannahmen sind unakzeptabel: der persönliche Egoismus, den die Ökonomen als Verhalten akzeptieren, aber auch das Gegeneinander statt eines Miteinanders, das Prinzip des Kampfes auf den Märkten: "Die Wilden fressen einander und die Zahmen betrügen einander, und das nennt man den Lauf der Welt", so Schopenhauer. Smith selbst hatte darauf Antworten: Ein Bestandteil des Egoismus sei die "Sympathie" unter den Menschen, das Bedürfnis nach Geselligkeit, Anerkennung, Liebe, so der Inhalt seines Hauptwerks, der "Theorie der ethischen Gefühle". Und das Gegeneinander, der Kampf werde im Ergebnis ein Miteinander: Die "unsichtbare Hand" über dem Markt sorgt dafür, daß jeder seinem Egoismus nachlebt, aber am Ende des Austauschs sind alle Beteiligten zufrieden.


Mußte Widerspruch von Schopenhauer hinnehmen: Adam Smith

Im 19. Jahrhundert war dann der Vorwurf der Ausbeutung im Marktkapitalismus am lautesten. Die Arbeiter seien schutzlos der persönlichen Willkür und der ökonomischen Ausbeutung durch die Unternehmer ausgeliefert, und diese Ungleichheit der Lebensrechte und Einkommen müsse abgeschafft werden. Sozialismus als eine gesamtheitliche Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft erschien als die bessere, gerechtere Alternative. Die Antworten darauf waren einerseits die radikalen Experimente eines Staatssozialismus, andererseits aber auch in langen Auseinandersetzungen ein umfassendes System von Sozialpolitik, das in Deutschland etwa 1890 installiert worden ist. Zahlreiche individuelle Schutzrechte und kollektive Versicherungen, aber auch Umverteilungsmechanismen der Marktergebnisse sind danach geschaffen worden, die heute unter dem schillernden Begriff der "sozialen Marktwirtschaft" zusammengefaßt sind.

Heute, im ausgehenden 20. Jahrhundert, wird ein dritter Vorwurf laut: Auf dem Markt werden nur wirtschaftliche Güter mit Preisen gehandelt, dabei wird die Umwelt vernachlässigt, am Ende führt das zur Gefährdung oder Zerstörung der Lebensgrundlagen der Menschheit insgesamt. Dann müßte man also den Markt abschaffen, bevor er sich und uns selbst zerstört. Auch hierauf haben die Ökonomen reagiert: Die Umweltwirkungen werden zu "externen Effekten" erklärt, mit Preisen versehen (Umlagen, Abgaben, Steuern) und so in das Marktsystem einbezogen. "Umwelt- und Ressourcenökonomie" ist die Antwort.

Und die Zukunft? Francis Fukuyama hat vom "Ende der Geschichte" gesprochen: Als einziges habe sich der Marktkapitalismus endgültig historisch bewährt. Aber: wir befinden uns mitten im Übergang von der Industriegesellschaft in eine Dienstleistungs- und Kommunikationsgesellschaft. Da liegt die Zukunft wie ein Ziel im Nebel, das sich womöglich auch noch bewegt.

Jenseits dieses Getümmels von Angriffen und Verteidigung des Marktsystems erscheint der Blick auf den ideengeschichtlichen Hintergrund, auf dem es entstanden ist, wichtig. Das ist vor allem der Individualismus in der Phase der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Der Mensch ist seitdem für sich selbst als Souverän verantwortlich, zuerst als Bürger aber dann auch als Marktteilnehmer. Er bleibt andererseits auch soziales Wesen, Teil des organisierten Zusammenlebens der Menschen. Für diese Rolle hat Kant den sogenannten "kategorischen Imperativ" formuliert, der für praktisches Handeln die Selbstgesetzgebung der Vernunft des Einzelnen einfordert, den hohen Anspruch, daß die Maximen des eigenen Handelns den Grundlagen einer allgemeinen Gesetzgebung entsprechen sollten.

Philosophen haben diesem Anspruch das Attribut einer "düsteren Pflichtethik" angehängt. Tatsächlich ist das aber auch die Geisteshaltung, die Max Weber in seinen Aufsätzen über die protestantische (calvinistische) Ethik als geistige Grundlage der kapitalistischen Unternehmer des 19. Jahrhunderts beschrieben hat.

Manchmal wird gerade die Verletzung solcher Prinzipien wie die Täuschung, der Raub, der Mißbrauch von Vertrauen auf dem Markt belohnt. Für gewöhnlich aber steht ein Wirtschaftssubjekt, und besonders ein Unternehmen in zahlreichen wirtschaftlichen Beziehungen mit Kunden, Lieferanten, Mitarbeitern, Behörden etc., die auf Dauer angelegt sind und als Grundlage ein gewisses Vertrauen voraussetzen. Die neue Institutionenökonomie spricht von "begrenzter Rationalität", die dem "Opportunismus" des reinen amoralischen Verhaltens (etwa wie bei Schopenhauer oben) entgegensteht. Wer ethische Prinzipien wiederholt und grob verletzt, muß damit rechnen, von seiner Umwelt dafür sanktioniert zu werden; das hat wirtschaftliche Nachteile zur Folge. Oder umgekehrt: Wer heute glaubhaft besonders umweltfreundlich produziert, oder andere ethische Vorzüge aufweist, kann damit auch wirtschaftliche Vorteile haben: die Unternehmen mit einer Öko-Bilanz, das phosphatfreie Waschmittel, der rückstandskontrollierte Tee.

Das Marktsystem ist nicht von vornherein ethisch: Ein westdeutscher Stahlkonzern hat einst den Stacheldraht geliefert, mit dem die DDR ihre Grenzen sicherte; Alfred Müller-Armack hat uns das in seinem Seminar an der Kölner Universität berichtet. Es hat sich aber als anpassungs- und lernfähig erwiesen, und solange das der Fall bleibt, werden wir mit diesem reparaturfreundlichen Gefährt wohl noch eine Weile weiter fahren.

Wolfgang Dietrich Winterhager


Wolfgang Dietrich Winterhager ist Professor am Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsgeschichte des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft.


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