Entrepreneurship unternehmerische Chancen entdecken und nutzen

Unternehmen Wasserhyazinthe


"Vorhandenes entdecken", nennt der amerikanische Wissenschaftler Israel Kirzner, den Vorgang des Entrepreneurship. Der Begriff ist nur scheinbar paradox. Etwas ist bereits vorhanden, muß also nicht mehr erfunden werden, kann aber dennoch in seiner Bedeutung und seinen Potentialen neu erkannt und entdeckt werden.


Der Rohstoff

Sergio Rial, Banker aus Brasilien, wird Chef der ABN-AMRO Bank in China. Er arbeitet sich in das Bankwesen des Landes ein, aber ihm fällt noch etwas anderes auf: Hühnerfüße. Ja, Hühnerfüße. Die werden in China gegessen, was in Brasilien kein Mensch tut. Auch in Argentinien und den anderen südamerikanischen Ländern nicht. Dabei sind Brasilien und Argentinien die führenden Hühnerproduzenten dieser Welt. Die Far Eastern Economic Review schrieb dann nüchtern: "Rial started to mediate the flows of chicken feet from South America to Asia." Sie können sich den Rest der Geschichte denken.

Auch die Idee der Teekampagne der Projektwerkstatt ist im Kern das Entdecken von Vorhandenem. Großpackungen sind nichts Neues, auch die radikale Beschränkung des Sortiments und des Vertriebs nicht. Die Kosteneinsparungen daraus sind aber so enorm, daß der Tee für die Kunden preiswerter wird und obendrein ein Wiederaufforstungsprojekt in Darjeeling finanziert werden kann.

Wie wäre es mit einem "Unternehmen Wasserhyazinthe"? Die Wasserhyazinthe ist eine Pflanze, die in tropischen Ländern in Flüssen und Seen wuchert, sich rasch vermehrt und die Gewässer verstopft. Für Einheimische wie Touristen ein alltäglicher Anblick. Ein Material, das frei verfügbar ist. Man findet den Rohstoff einfach vor, muß nicht säen, düngen, Zäune bauen, sondern braucht nur zu ernten. Und tut selbst noch etwas Nützliches. Für Ökonomen eine faszinierende Vorstellung.

Kunstvoll in ein Gerüst aus Rattan geflochten, lassen sich aus den getrockneten Stengeln der Wasserhyazinthe Sessel herstellen. Nicht irgendwelche, sondern sehr schöne und haltbare. Ein Teil des Holzeinschlags geht bekanntlich in den Bau von Möbeln. Die Wasserhyazinthe also als Ersatz für Holz und zwar als der billigere Rohstoff? Dem Holz entstünde so ein preislicher Konkurrent. Nicht mit dem Appell an die Vernunft allein, sondern auch mit einer ökonomischen, genauer: unternehmerischen Idee könnte man dem Holzeinschlag an den Kragen gehen. Diese Beispiele sollen auch zeigen: Es muß nicht immer High-Tech sein.


Das Produkt: In ein Gerüst aus Rattan geflochten, lassen sich aus den getrockneten Stengeln der Wasserhyazinthe Sessel herstellen.

In der Vergangenheit waren die Aufgaben des Bildungssystems und des Beschäftigungssystems klar voneinander getrennt. Das Bildungssystem vermittelte die Qualifikationen, das Beschäftigungssystem stellte die Arbeitsplätze zur Verfügung. In den letzten Jahren ist deutlich geworden, daß diese historische Arbeitsteilung nicht mehr funktioniert. Es scheint unabdingbar, daß das Bildungssystem sich zur Aufgabe macht, nicht nur Arbeitnehmerqualifikationen zu vermitteln, sondern auch solche Fähigkeiten zu entwickeln, die neue unternehmerische Ideen hervorbringen und über Unternehmensgründungen zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Daß Universitäten sich ändern müssen, zeigt auch die Untersuchung der Mainzer Wissenschaftler Simon und Faßnacht, die empirisch feststellten, daß selbst die Studenten der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät im Laufe ihres Studiums nicht etwa mehr, sondern immer weniger Interesse an Unternehmensgründung fanden.

Unternehmerische Qualifikationen sind nicht gleichzusetzen mit Managementqualifikationen. Ein Manager so gut er als Organisator auch sein mag ist noch kein Entrepreneur, der neue Horizonte aufschließt. Ein befähigter Unternehmer wird Probleme wie Umweltverschmutzung oder Chemie in Lebensmitteln wahrnehmen und in seinen Überlegungen berücksichtigen. Er wird versuchen, sich mit gesellschaftlichen Problemlagen und Trends auseinanderzusetzen, wie sie häufig gerade von den Unangepaßten und Außenstehenden an den Universitäten erkannt werden. Neue Ideen verrücken die Sichtweise der Wirklichkeit.

Der Spleen, sagt der Philosoph Schopenhauer, sei oft das Beste an einem Menschen. Sein kreativster Teil, mit dem große Energien freigesetzt werden können, ein Stück Utopie zu verwirklichen.

Was bedeutet das für Studierende in Zeiten, da die großen Unternehmen und der öffentliche Dienst Arbeitsplätze abbauen? Sie müssen die Universität nutzen, um ihre eigenen Arbeitsplätze zu schaffen. Und die Universität sollte sie dabei unterstützen. Neue Ideen, Experimente, brauchen Orte, die Offenheit, Spiel, Versuch ermöglichen.

Eine unternehmerische Idee zu erarbeiten und sich das Know-how anzueignen, um sie am Markt einzuführen, gehört sicher zu den spannendsten, lebendigsten und lernintensivsten Dingen, die man sich vorstellen kann.
Günter Faltin Sven Ripsas
Professor Günter Faltin ist Ökonom und lehrt Wirtschaftspädagogik an der FU. Er gründete 1985 das Unternehmen Projektwerkstatt mit der Idee der Teekampagne. Sven Ripsas ist langjähriger Mitarbeiter der Projektwerkstatt und Lehrbeauftragter am Fachbereich Erziehungswissenschaften. Seit April 1996 leitet er das Existenzgründer-Institut.


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