Wissenstransfer Hochschule Wirtschaft:
Eine kritische Bilanz

Bringschuld der Universitäten ÷
Holschuld der Wirtschaft


Der Forderung, den im Elfenbeinturm gehorteten Wissensschatz in die Volkswirtschaft einzubringen, hat sich die Freie Universität frühzeitig gestellt und bereits 1984 eine Transferstelle eingerichtet. Aus unzähligen Kooperationsverträgen, Hunderten von Messebeteiligungen, Instituts- und Betriebspräsentationen, Gründung von An-Instituten, Durchführung von Ideenwettbewerben, Auslobung von Preisen u.v.a.m. ergab sich eine ÷auch im Vergleich zu anderen deutschen Hochschulen ÷ beachtenswerte Anzahl vorzeigenswerter Transferleistungen. Trotzdem können wir uns mit amerikanischen Institutionen nicht messen. Warum eigentlich?

Eine Ursache für unsere bescheidenen Erfolge auf diesem Gebiet liegt in den unterschiedlichen Lebensvorstellungen. Für amerikanische Studenten ist die Selbständigkeit immer eine interessante Berufsperspektive. Dabei viel Geld zu verdienen ist ein offen ausgesprochenes Ziel. Die Professoren machen es ihnen vor: Forschungsergebnisse werden in eigenen oder gemeinsam mit Mitarbeitern gegründeten Unternehmen wirtschaftlich verwertet. Deutsche Hochschulabsolventen bevorzugen die nichtselbständige Tätigkeit in der Wirtschaft oder im Öffentlichen Dienst. Auch sie folgen dem Vorbild ihrer Hochschullehrer: Eigene Firmengründungen parallel zur universitären Forschungs- und Lehrtätigkeit sind die Ausnahme.


Raus aus dem Elfenbeinturm, rein in die Messehalle: Alle Jahre wieder präsentieren sich die Berliner Hochschulen mit ihrem Stand auf den Hannover-Messen Industrie und CeBit

Die Finanznot der Universitäten und das Heer arbeitsloser Akademiker fordern jedoch ein Umdenken. Studenten beginnen über eine spätere Selbständigkeit nachzudenken, der Einsicht folgend, daß Selbständigkeit immer noch besser ist als Arbeitslosigkeit. Weiterhin haben einige Hochschullehrer erkannt, daß sich viele Forschungsvorhaben nur über Kooperationen mit der Wirtschaft oder Refinanzierung aus eigenen Firmen und Patentverwertungen durchführen lassen. Da meist weder die Studenten noch die Hochschullehrer über die notwendigen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse verfügen, müssen die universitätseigenen Transferstellen bei den ersten Schritten zu einer erfolgreichen Firmengründung Hilfestellungen geben: Vermittlung von Kontakten zu Firmen und Kapitalgebern und Orientierungshilfen durch den Dschungel existierender Förderungsmaßnahmen. Hierin liegt ein Schwerpunkt der zukünftigen Arbeit der Transferstellen.

Ein erfolgreicher Transferprozeß setzt nicht nur eine Bringschuld der Universitäten, sondern auch eine Holschuld der Wirtschaft voraus. Hier sind klare Defizite zu erkennen. Die Auslagerung von industrienahen Forschungsprojekten in die Universitäten wird viel zu wenig genutzt und scheitert häufig an einem grundsätzlichen Dilemma: Industriebetriebe können sich einen Marktvorsprung nur erobern, wenn die dazu notwendigen Forschungsergebnisse geheim bleiben, für einen Wissenschaftler gilt das Gegenteil: publish or perish. Hier müssen Lösungen gesucht werden, die beiden Seiten gerecht werden.

Eine kritische Analyse sollte Erfolge nicht zerreden. Tatsächlich betreiben Universitäten Wissenstransfer im großen Stil. Vor allem ihre Absolventen bringen den aktuellen Wissensstand in die Wirtschaft ein. Darüber hinaus profitiert die Wirtschaft von der Expertise auf verschiedenste Weise: Gastvorträge, Seminare und anderen Weiterbildungsveranstaltungen, Erstellung von Gutachten, Beraterverträge im Forschungs- und Entwicklungsbereich bzw. bei

Unternehmensberatungen seien als Beispiele genannt. Die Wirtschaft und die Professoren bevorzugen diese informelle und unkomplizierte Zusammenarbeit, da institutionelle Kooperationen durch die Landeshaushaltsordnung und viele arbeits- und versicherungsrechtliche Probleme stark behindert werden. Ob es dem Gesetzgeber je gelingen wird, ein Regelwerk zu erlassen, das eine institutionelle Zusammenarbeit schnell und unbürokratisch zuläßt, wird abzuwarten sein.

Was folgt? Eine Universität wird sich nicht auf die Schaffung von Wissen als Kulturgut beschränken können, sondern wird nur überleben, wenn sie den geforderten Beitrag zur Wohlstandssicherung geleistet haben wird. Unser Hauptaugenmerk gilt nach wie vor der hohen Qualität unserer Absolventen und unserer Forschungsleistungen.

Allerdings wird die Bewertung unserer Institution als Ganzes auch davon abhängen, wie erfolgreich wir Ideen unserer Wissenschaftler der Wirtschaft präsentieren, wieviele volkswirtschaftlich nutzbringende Kooperationen sich daraus ergeben und wie wir unsere Wissenschaftler bei der Umsetzung ihrer Ideen in Produkte, Firmen und letztlich Arbeitsplätze unterstützen werden.


Klaus Roth
Klaus Roth ist Leiter der Abteilung Forschungs-förderung und Forschungsvermittlung der FU.


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