Ernst-Reuter-Preis 1995

Fünf junge Wissenschaftler wurden für ihre herausragenden Dissertationen ausgezeichnet


Film und Macht

Von jeher hat sich die Amerikanistik intensiv mit Fragen der amerikanischen Kultur auseinandergesetzt. Auch Film und Fernsehen wurden als zentrale Medien der Selbstverständigung aufgefaßt und ins wissenschaftliche Interesse gerückt.

In seiner Dissertation hat sich Christof Decker dem amerikanischen Dokumentarfilm zugewandt; einem Filmgenre, das traditionellerweise eng mit Fragen und Problemen der demokratischen Öffentlichkeit in Verbindung steht.


Christof Decker


Decker, der Amerikanistik, Politologie, Psychoanalyse und Kommunikationswissenschaft in Frankfurt am Main, London und Berlin studierte, thematisiert in seiner Dissertation den Zeitraum von den sechzigern in die frühen achtziger Jahre, in dem - auch international - das Direct Cinema stilbildend war. Die Filme versprachen eine möglichst unmittelbare und direkte Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens, und die Dokumentaristen beschränkten sich darauf, das Geschehen distanziert zu beobachten. Deckerts Untersuchung zeigt, wie diese Haltung zunehmend reflexiver und komplexer wird, sobald das Private als Gegenstand des Interesses in den Vordergrund rückt. Wichtige lmpulse für diese Entwicklung kommen aus den gesellschaftskritischen Filmen, aber auch durch die zunehmende autobiographische und feministische Filmarbeit. Dennoch betont das Direct Cinema Aspekte der Performanz und Selbstdarstellung, die in kulturhistorischen Analysen - so von Richard Sennett und Christopher Lash - als problematische Tendenzen der amerikanischen Kultur verstanden werden. Die Ausführungen zu Filmtheorie und -geschichte werden demgemäß um die Frage erweitert, wie in einer stark durch kommerzielle Massenmedien geprägten Kultur demokratische Grundprinzipien der umfassenden Information und authentischen Partizipation umgesetzt werden können. Die ambivalente Macht des Films legt dabei keine einfachen Lösungen nahe.


Antworten auf Umweltfragen in den USA

Nach dem Diplom am Otto-Suhr-Institut ging Joachim Amm für ein Jahr nach Blacksburg (Virginia), um dort an der "Virginia Tech" mit dem Master of Arts abzuschließen. Zurück in Berlin beschäftigte er sich in seiner Doktorarbeit drei Jahre lang mit der Aufnahme der Umweltthematik durch die Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und Naturschutzorganisationen in den USA seit 1960.


Joachim Amm


Vor dem Hintergrund eines Werte- und Konfliktlinienwandels sowie eines gestiegenen Umweltbewußtseins analysierte Amm die Anpassungsfähigkeit des Systems der Interessenverbände an Umweltfragen. Amm fand heraus, daß sich das Verbändespektrum seit 1960 ausdifferenziert hat, wobei die Zahl der Natur- und Umweltverbände stärker zunahm als die der Gewerkschaften. Er konstatiert jedoch erhebliche Unterschiede in der Verarbeitungsweise der Thematik und hinsichtlich des Zeitpunktes des erstmaligen Aufgreifens ökologischer Themen.

Sowohl Wirtschaftsverbände als auch Gewerkschaften thematisierten die Umwelt, wenngleich auch auf sehr verschiedene Weise, überwiegend jeweils bereits in den sechziger Jahren, während sich viele der "alten" Naturschutzorganisationen erst zu Beginn der siebziger Jahre neuen ökologischen Themen zuwandten.

Der größte Teil der Wirtschaftsverbände steht der Umweltfrage jedoch seit Beginn der sechziger Jahre (und bis heute) mehr oder minder ablehnend gegenüber, wobei sich ein Positionswandel nur insoweit ergeben hat, als die Abwehrtaktiken verfeinert wurden und die öffentlichen Verlautbarungen im Ton moderater ausfallen.


Moleküle unter der Lupe

Jörg Wrachtrup hat eine Vorliebe und den Blick für die kleinen Dinge. Er ist Physiker und untersuchte schon in seiner Diplomarbeit einzelne Moleküle.

Promoviert hat er jetzt mit einer Arbeit zur optischen Messung von Elektronenspinresonanz. Dabei gelang ihm das Kunststück, diese Methode an einem einzelnen Molekül durchzuführen. Mit modernen Methoden der ultrahoch aufgelösten optischen Spektroskopie wird dabei ein einzelnes MoleküI isoliert, das zunächst in ein festes Trägermaterial eingebettet und von unzählbaren anderen Molekülen umgeben ist.


Jörg Wrachtrup


Dies gelingt nur, wenn die Probe auf eine Temperatur knapp über dem absoluten Temperaturnullpunkt abgekühlt wird. Unter diesen Bedingungen kann dieses MoleküI dann über Stunden beobachtet werden. Elektronenspinresonanz und in neuerer Zeit Kernspinresonanz an einzelnen Molekülen sind eine der wesentlichen Stützen in der analytischen Chemie und auch in der Medizin und waren bisher nur an Proben möglich, die sehr viel größere Substanzmengen enthielten.

Die Arbeit stellt einen wesentlichen Fortschritt auf einem Gebiet der Einzelmolekülmessung dar. Wesentlicher Motor der Entwicklung ist dabei weniger die Physik, sondern vielmehr die Chemie, angesichts der Hoffnung, eine ultraempfindliche Spurenanalyse zu entwickeln. Gleiches gilt für die Biologie, wo beispielsweise versucht wird, einzelne Moleküle in einer lebenden Zelle nachzuweisen, oder aber die Entzifferung des menschlichen Genoms mit Hilfe dieser Methode in sehr viel kürzerer Zeit durchzuführen.


Olympia unter Hitler

Thomas Alkemeyer


Mit Fragen der ästhetischen Faszination im nationalsozialistischen Deutschland hat sich Thomas Alkemeyer bereits während seines Studiums der Germanistik, Sport- und Sozialwissenschaften an der FU beschäftigt. Seit nunmehr zehn Jahren geht er solchen Fragen als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sportwissenschaften intensiver nach. In seiner Promotionsarbeit schließlich analysierte Alkemeyer die Prozesse der Aneignung und Umdeutung der olympischen Ideologie, Symbole und Rituale durch den NS-Staat. Pierre de Coubertin, der Begründer der modernen olympischen Bewegung, hatte die Olympischen Spiele als ein Fest zur Ersatzverzauberung der Moderne konzipiert. Die Veranstalter von 1936 machten aus ihnen ein politisches Gesamtkunstwerk, das den Mythos, die Architektur, die Wettkämpfe, die Zuschauer und die Massenmedien vollständig einbezog. Unter den Gesetzen des Spektakels gingen Olympismus und Nazismus eine enge Verbindung ein. Alkemeyer zeigt, daß die Spiele von 1936 der Selbstinszenierung des Regimes, der Ästhetisierung und Mythisierung von Politik und Gesellschaft dienten.


Tumoren auf der Spur

Forschungsergebnisse des letzten Jahrzehntes ergaben, daß die Bindung von Darmkrebszellen an ihre Umgebung das Tumorwachstum beeinflußt. Bernd von Lampe, der seit Januar vergangenen Jahres Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Humanmedizin ist, hat durch Versuche mit Nacktmäusen herausgefunden, daß bei Darmkrebszellen, die einen bestimmten Rezeptor (Integrin) auf ihrer Oberfläche besitzen, das Tumorwachstum stark verlangsamt wird.


Bernd von Lampe


Über die Verteilung von Integrinen auf Darmkrebszellen war bisher wenig bekannt. Zunächst untersuchte von Lampe, ob es bei der Entstehung von Darmkrebs zu einer veränderten Ausprägung der Rezeptoren auf der Zelloberfläche der bösartigen Zellen kommt. In immunhistologischen Untersuchungen an Schnitten aus normaler Schleimhaut, aus gutartigen Adenomen und bösartigen Karzinomen des menschlichen Dickdarmes fand sich eine verminderte Anfärbung unterschiedlicher Integrinrezeptoren in den Karzinomen. Zellkulturexperimente belegten, daß diese Integrinrezeptoren auf Darmkrebszellen funktionell bedeutsam sind, da sie die Bindung an wesentliche Bestandteile der Zellumgebung vermitteln. Von Lampes Untersuchungen sprechen dafür, daß die verminderte Ausprägung von Integrinen bei der Entstehung von Darmkrebs pathogenetisch relevant ist.

FU:N


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