Sozialpsychologische Funktionen von Politik und Krieg

Wo ist der Feind


Schon zwei einfache Befunde legen die Befürchtung nahe, mit der rationalen Entscheidung nach Interessenlagen sei es in Politik und Krieg nicht so weit her. Zum Beispiel die offenbar irrationale Wahlabstinenz erheblicher Teile der Wählerschaft, obwohl es im Ergebnis auch um ihr Leben geht, ganz zu schweigen vom fehlenden Engagement für die eigene Sache in Bürgerinitiativen oder ähnlichem. Oder die ebenso offensichtlich irrationale Begeisterung (wie bei Goebbels' Sportpalast-Rede), mit der Menschen in den Krieg und den eigenen Tod ziehen. Zu allen Zeiten gab es - besonders bei Kriegsbeginn - in vielen Völkern Soldaten als Freiwillige. Die Beispiele sind Legion. Doch diese Irrationalität ist nur scheinbar eine.

Sozialpsychologische Untersuchungen mit psychoanalytischen Konzepten und Methoden zeigen, daß Politik und Krieg wichtige psychische Funktionen für die Beteiligten haben. Sie kreisen um die Erhaltung oder Stabilisierung der Identität der Einzelnen und der ruppe, die in Krisen- und Übergangszeiten labil und bedroht ist. "Gruppe" heißt hier auch Großgruppe bis zur Größe einer Nation mit gemeinsamer Sprache, Geschichte, Kultur und Geopolitik.

Bei inneren Krisen, sei es eine schwierige wirtschaftliche Lage, seien es kulturelle oder religiöse Konflikte, Massenerkrankungen oder Naturkatastrophen gibt es nicht nur eine "reale" , Reaktion, das heißt soziale, politische oder militärische Maßnahmen, sondern immer auch eine psychologische, "massenpsychologische", gruppenpsychologische oder/und Reaktionen in der Psyche der Einzelnen.

Die Menschen reagieren affektiv mit Angst, Wut, Freude, Triumphgefühl, Verachtung oder Depressivität. Damit dynamisieren sie die realen Prozesse. Sie steigern sich in einen Kampf'rausch', sind nach Niederlagen traumatisiert oder chronisch depressiv. Die Beziehung zwischen der Gruppe/Masse und der Führung (zum Beispiel einer charismatischen Führung) ist durch typische Dynamiken bestimmt, auch in der Demokratie der Massenkommunikationsmittel und neuen Medien. Zu "Freunden" und "Feinden" werden ganz spezifische Beziehungen unterhalten . Der Krieg als "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln"(Clausewitz) und die Politik überhaupt sind psychosoziale Arrangements, mit denen die Angehörigen der jeweiligen Gruppe ihre inneren und äußeren Dynamiken regulieren, um sie ertragen und mit ihnen leben zu können.

Bekanntestes Beispiel ist die Projektion innerer aggressiver Konfliktspannungen auf äußere oder innere Feinde, die zu "Erbfeinden", "fremden Teufeln", "Unmenschen", "Heiden" oder "Ketzern" werden. Aber auch in alltäglichere politische Prozesse sind solche Arrangements eingebaut: die Angst um die Deutsche Mark und vor dem Euro, die "Flucht" aus der D-Mark ebenso wie Ängste und Identitätskrisen auf verschiedensten Regressions-Niveaus im Verlauf der deutschen Wiedervereinigung bei immer weiterschreitender Globalisierung und Interkulturalität.

Aber auch kleinere politische Ereignisse wie der "Coup" von Lafontaine, mit dem er sich den SPD-Vorsitz verschaffte oder die Verlaufskurven der Beliebtheit von Politikern, exemplarisch des US-Präsidenten und die Versuchung, die Kurve mit einer erfolgreichen militärischen Intervention wieder aufwärts zu wenden, oder die Bewegungen an der Börse: Alles ist immer untrennbar verknüpft mit gruppendynamischen und sozialpsychologischen Mechanismen und Prozessen. Nur wer sie mituntersucht, kann die Zusammenhänge und Prozesse verstehen.

Michael Wolf

Michael Wolf ist Provatdozent am Institut für Soziologie der FU, Psychoanalytiker und Supervisor und Organisationsberater sowie Professor für Psychologie an der FH Fulda.

Am Institut für Soziologie der FU findet in diesem Sommersemester ein Seminar "Psychoanalytische Beiträge zur Sozialpsychologie von Politik und Krieg" statt, das Teil einer Veranstaltungsreihe zu Themen der psychoanalytischen Sozialpsychologie ist. Die Themen sind u.a. Psychopathologie und Politik, Trauma und Politik, Konzept und Gehalt von "Politik" in politikwissenschaftlicher und sozialpsychologischer Sicht, psychoanalytisch-sozialpsychologische Perspektiven auf Feindschaft und Krieg, psychoanalytische Beiträge zur Erklärung von bestimmten Mechanismen und Praktiken in Politik und Krieg wie Feindschaft, Eskalation, Aggression, Indoktrination, Narzißmus und Führung, Politik, Macht, Sexualität und Geschlechterverhältnis sowie Ansätze zu einer psychoanalytischen Konflikt- und Politikberatung.


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