Setz- und Sandkastenspiele um die Hauptstadtzeitung

Berliner Weltpost-Spiegel


Erinnern wir uns: Unmittelbar nach dem Mauerfall spekulierte alle Welt darüber, welches der Berliner Blätter wohl aus dem Kampf um Marktanteile als Sieger und damit als überregionale Hauptstadtzeitung hervorgehen würde.

Drei meldeten Ansprüche an: Für die Berliner Zeitung verkündete deren damaliger Herausgeber Erich Böhme, sie solle die Washington Post Deutschlands werden. Nachdem die Verlagsleitung des Tagesspiegel noch vor 1989 in eine überdimensionierte Drucktechnik investiert hatte, stockte sie die Redaktion kräftig auf - in der Hoffnung, alte Auflagen und damit jene überregionale Bedeutung wieder zu erreichen, die das Blatt einmal lange vor dem Mauerbau hatte. Die Zeitung stand kurz vor dem Konkurs und verlor ihre Unabhängigkeit an einen neuen Mehrheitseigner, den Holtzbrinck-Konzern. Die Springer AG verlagerte den Standort der Welt von Bonn nach Berlin - für die Zeitung, die bereits einmal mit einer eigenen Lokalausgabe an der Spree beheimatet war, der zweite Umzug innerhalb weniger Jahre.

Doch keines der konkurrierenden Blätter kam seither dem hochgesteckten Ziel näher: Die Berliner Zeitung verlor in freiem Fall an Auflage zeitweise vor allem an die hauseigene Konkurrenz, das Ostberliner Boulevardblatt Kurier. Der Tagesspiegel kam aus seiner Nische nicht so richtig hinaus, in der er bereits vor 1989 festsaß. Die Welt wiederum konnte zwar durch Sonderverkäufe also z.B. an Fluggesellschaften - ihre Auflage jüngst um rund 10.000 Exemplare steigern. Die Berliner weigern sich indes beharrlich, zur Kenntnis zu nehmen, wie liberal das Blatt geworden ist, seit es von Thomas Löffelholz geführt wird. Nur ein Zehntel der Welt-Auflage wird in der Hauptstadt verkauft.

Eine amerikanische Branchenregel besagt, daß Tageszeitungen, die in ihrem Verbreitungsgebiet weniger als 40 Prozent Marktanteil haben, auf längere Sicht gesehen gefährdet sind. Umgekehrt winken satte Gewinne und eine sichere Zukunft erst, wenn eine Zeitung mindestens 60 Prozent Marktanteil erreicht hat. Diese Faustregel läßt sich zwar nicht ohne weiteres auf hiesige Verhältnisse übertragen, aus ökonomischen Zwängen wird dennoch eines Tages wahrscheinlich werden, was Kenner der Berliner Medienszene vorerst noch für undenkbar halten mögen: Die Hauptstadtzeitung, die in Berlin beheimatet ist und zugleich überregionale Ausstrahlungskraft entfaltet, wird Ergebnis einer schmerzlichen Fusion sein. Prinzipiell denkbar sind drei Spielarten:

1) Die "Weltpost"-Variante: Weil es dem Verlustbringer Welt nicht von alleine gelingt, in Berlin Fuß zu fassen, das Haus Springer aber andererseits auf sein politisch einflußreiches Flaggschiff nicht verzichten mag, werden Welt und Berliner Morgenpost zusammengelegt. In das "Weltpost"-Bündnis brächte die Morgenpost ihre lokale Kundschaft, die Welt dagegen eine überregionale Leserschaft aus ganz Norddeutschland ein. Der Vorzug dieses Modells: eine konzerninterne Lösung, die Leserschaften vereint, die ohnehin schon Springer-Kunden sind. Daß es gelingen kann, eine anspruchsvolle Regionalzeitung zu machen, die auf dem lokalen Markt die Qualitäten eines Catch all-Mediums hat und zugleich überregional bedeutsam ist, macht die Süddeutsche Zeitung seit langem erfolgreich vor.

2) Die "Weltspiegel"-Alternative: Weil der Tagesspiegel sich als die kleinste der drei großen Berliner Regionalzeitungen besonders schwer tun wird, profitabel zu werden, fusioniert er mit der ebenfalls unprofitablen Welt. Auch so fänden zwei Partner zusammen, die sich in ihren Leserschaften ergänzen: Der Tagesspiegel bringt die piekfeinen, gebildeten (West-)Berliner als Mitgift, die Welt wiederum eine überregionale Klientel, die zwar politisch anders gefärbt ist, aber hinsichtlich Einkommen und Bildungsstand den Tagesspiegel-Lesern recht ähnlich sein dürfte. Ein solcher Zusammenschluß wäre dennoch erheblich risikoreicher als die erste Variante denn jahrelang hat der Tagesspiegel vor allem davon gelebt, daß es in West-Berlin treue Leser gab, die sich konsequent der schweigenden 80-Prozent-Mehrheit all derer verweigerte, die sich bei der Abstimmung am Kiosk für Springer-Blätter entschieden. Andererseits: Wer schon heute die beiden Blätter aufmerksam liest und vergleicht, wird zwar keinem sein spezifisches Profil absprechen, aber auch feststellen, daß viele Beiträge, die der Tagesspiegel veröffentlicht, ebensogut auch in der Welt stehen könnten (und vice versa).

3) Das "Berliner Spiegel"-Modell: Angesichts all der erkennbaren Anstrengungen, mit denen sich sowohl die Berliner Zeitung als auch der Tagesspiegel derzeit als liberale Hauptstadtblätter und Qualitätszeitungen zu positionieren versuchen, wäre es auch denkbar, den anspruchsvollen Teil der Ost- und der West-Berliner Leserschaften unter einem Zeitungsdach zusammenzuführen. Die brillanten Köpfe, die für beide Blätter in jüngster Zeit zusammengekauft wurden, würden sich im Fusionsfall allerdings wohl noch mehr in die Quere geraten, als sie das ohnehin vermutlich schon tun. Allein der Tagesspiegel hätte neuerdings drei Herausgeber und drei Chefredakteure in solch eine Liaison miteinzubringen gar nicht zu reden von all den klugen Köpfen, die die Berliner Zeitung jüngst für ihr Feuilleton der FAZ abgeworben hat.

Wenig wahrscheinlich ist dagegen, daß die Berliner Zeitung mit einem Springer-Blatt fusionieren könnte. Eine solche Elefantenhochzeit würde weder dem Kartellamt gefallen, noch würden die gänzlich unterschiedlichen Leserschaften der betroffenen Blätter einen derartigen Spagat nachvollziehen können.

Gewiß, derzeit mag es auch für die erstgenannten drei Varianten noch völlig absurd erscheinen, so unterschiedliche Lesergruppen und Redaktionskulturen verschmelzen zu wollen. Langfristig wird der ökonomische Fusionsdruck jedoch zunehmen. Es wäre dann sogar denkbar, daß sich die "Weltpost"- und die "Berliner Spiegel"-Variante durchsetzen, weil so zwei in etwa gleich große und schlagkräftige Einheiten entständen. Indes: Langfristig sind wir alle tot, lehrte bereits John Maynard Keynes, und wollte damit auch sagen, daß es ansonsten um unsere wissenschaftlichen Prognosefähigkeiten eher dürftig bestellt ist. Da die drei Giganten Gruner + Jahr, Springer und Holtzbrinck über gut gefüllte Kriegskassen verfügen und natürlich jeder den Ehrgeiz hat, in Berlin die beste Zeitung zu machen, kann der derzeitige, ziemlich mörderische Konkurrenzkampf um die Hauptstadtzeitung durchaus noch eine Weile andauern.

Stephan Ruß-Mohl


Stephan Ruß-Mohl ist Professor am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft im Arbeitsbereich Journalistische Praxis/Medienmanagement und wissenschaftlicher Leiter des Studiengangs Journalisten-Weiterbildung.


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