Broschüre zum Mythos: Die Reden der Kennedys an der FU

"Let us deal with the realities as they are"


In den sechziger Jahren haben John F. Kennedy und Robert F. Kennedy Berlin und die Freie Universität besucht. In Anwesenheit von Kathleen Kennedy-Townsend, Vize-Gouverneurin von Maryland und älteste Tochter Robert F. Kennedys, stellte die FU im vergangenen Monat eine Dokumentation ihrer Reden vor. Sie enthält die Ansprachen im englischen Original und soweit vorhanden in deutscher Übersetzung. Eine interessante Quelle nicht nur für Historiker.


Die Tochter von Robert F., Kathleen Kennedy-Townsend hier bei der Vorstellung der neuen FU-Dokumentation ist in die Fußstapfen ihres Vaters getreten. An der FU sprach sie über aktuelle Probleme der amerikanischen Innenpolitik.

Am 22. Februar 1962 nahm Robert F. Kennedy, seinerzeit Justizminister der Vereinigten Staaten von Amerika, die Einladung der Ernst-Reuter-Gesellschaft der Förderer und Freunde der FU an. Seine Rede im Auditorium Maximum des Henry-Ford-Baus der FU ehrte George Washington und Ernst Reuter als Streiter für die "Sache der Freiheit" und verglich, u.a. unter diesem Aspekt, das kommunistische mit dem westlichen System. Dabei rief er zu einem ungehinderten Wettbewerb im Bereich der Ideen auf.


Der Onkel: John F. 1963 an der FU.

John F. Kennedy besuchte am 26. Juni 1963 Berlin. Vor dem Rathaus Schöneberg sprach er die legendären Worte "Ich bin ein Berliner!" Im Anschluß, nachmittags gegen 15.30 Uhr, verlieh ihm die Freie Universität durch ihren Rektor Ernst Heinitz bei einem Festakt vor dem Henry-Ford-Bau die Ehrenbürgerwürde der FU. Dabei sprach Kennedy über die gesellschaftliche Verantwortung von Gelehrten und Gebildeten für die Verwirklichung von jenen Werten, Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit , denen sich auch die Freie Universität verschrieben hat, wie ihr Wappen kundtut.


Der Vater: Robert F. 1963 an der FU.

Auf den Tag genau ein Jahr danach war es wieder Robert F. Kennedy, der zu einer Gedenkveranstaltung zu Ehren seines im November zuvor ermordeten Bruders die FU besuchte. Dabei wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät verliehen. In seiner Ansprache erinnerte er an Präsident Kennedy und sprach u.a. über fünf "Verbündete" der Freiheit: Mut, Stärke, die Fähigkeit zu Phantasie und Erneuerung, die Bildung der nachfolgenden Generationen sowie das Engagement des einzelnen.

Fast 30 Jahre später, am 2. Dezember 1992, war übrigens John F. Kennedys Neffe Joseph Kennedy, Abgeordneter der Demokratischen Partei im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten, zu Gast in der FU. Im Otto-Suhr-Institut diskutierte er über Ausländerfeindlichkeit. Den bekanntesten Satz seines Onkels würde dieser jedenfalls nach Joseph Kennedys Vermutung heute anders sagen: "Ich bin ein Ausländer!"

An einigen Stellen unterscheiden sich die in Englisch gehaltenen Reden von ihren offiziösen deutschen Übersetzungen. Robert F. Kennedys Rede aus dem Jahr 1962 wurde in der deutschen Übersetzung die Überschrift "Nur das Gesetz kann uns die Freiheit geben" hinzugefügt, ohne daß sich dies als Schwerpunkt in der englischen Rede aufdrängt. Die Angaben über Dozenten ostdeutscher Universitäten, die in den Westen auswanderten, schwanken stark: Im englischen Original kamen 285 Dozenten von der Humboldt-Universität und 100 aus Leipzig, in der Übersetzung dagegen nur 275 aus Berlin und dafür 199 aus Sachsen. Die englische Zusicherung, Berlin werde durch den Schutz der Alliierten nicht lediglich existieren ("merely exist"), wird mit "wird nicht vegetieren" noch gesteigert. "East Germany" wird zu "Mitteldeutschland", einem Ausdruck, der die Existenz eines Ost-Deutschlands jenseits der Oder-Neiße-Linie impliziert. Der "affront" durch den Mauerbau wird in der deutschen Fassung zum "Schlag ins Gesicht".

Von der Rede John F. Kennedys existieren mindestens drei unterschiedliche Übersetzungen. Dokumentiert ist hier die vollständigste und genaueste Version. War sich Kennedy sicher, zu den geschlechtsneutral bezeichneten "future rulers" zu sprechen, wurden daraus in der deutschen Fassung die "Männer, die in Zukunft die Geschicke dieses Landes leiten werden." Bereits 1963 sprach Kennedy vom Anerkennen der Realitäten so wie sie sind ("[...] let us deal with the realities as they actually are [...]"). Dieses 'Anerkennen der Realitäten' wurde in der späteren Ostpolitik der Bundesrepublik zu einer stehenden Redewendung, die in der Übersetzung der "realities" als "fertig werden mit den Gegebenheiten" nicht erkennbar wird.

Joachim Liebers / Christian Walther

Die 48-seitige, reichhaltig illustrierte Dokumentation ist für 5 DM (Scheck, Schein oder Briefmarken) bei der Pressestelle der FU, Kaiserswerther Straße 16-18, 14195 Berlin erhältlich.


Ihre Meinung:

[vorherige [Inhalt] [nächste