Modellstudiengang erhält 75.000 DM vom Stifterverband

Hier stimmt die Biochemie


"Studienplanverkürzung", "Studienplan-Entrümpelung" - zwei Stichworte der Studienreformdebatte. Wenn Sparzwänge die Politik beherrschen, wird aus der Reform leicht eine Deform; es sei denn, man packt den Stier bei den Hörnern und macht das Beste daraus. So geschehen bei den Biochemikern der FU. Während andernorts in guter alter Tradition Studieninhalte über Jahrzehnte nicht verändert werden und die aktuelle Entwicklung außerhalb der Uni stattfindet, nahm man die Reform in Angriff.

Ungewöhnlich war der Berliner Studiengang schon immer. Hier werden Biochemiestudenten schon im Hauptstudium in "echte" Forschungslabors geschickt. Dort lernen sie noch vor dem Diplom neue Entwicklungen und Methoden kennen und stecken ihre Nase direkt ins Forschungsgeschehen. Möglich wird dies durch ein System von Mitarbeitspraktika, das es den Studenten erlaubt, nahezu die Hälfte ihrer Pflichtpraktika im Hauptstudium in der Forschung, innerhalb und außerhalb der FU, ja sogar innerhalb und außerhalb Deutschlands, zu absolvieren. Dies ist natürlich nur durchführbar, wenn die Studenten mit einer soliden Wissensbasis ins Hauptstudium entlassen und währenddessen von ihren Professoren beraten und mit dem nötigen allgemeinen Hintergrund in Theorie und Praxis versorgt werden. Das Berliner Grundstudium ist daher fest strukturiert und gibt allen Studierenden einen gleichmäßigen, grundlegenden Kenntnisstand als Voraussetzung für das freie Hauptstudium.

Trotzdem: ein neuer Studienplan. Nun hat aber die gewaltige Dynamik des Faches nicht nur jede Menge neuer Daten und Erkenntnisse beschert, sondern auch das wissenschaftliche Spektrum von einer ursprünglichen reinen Bio-Chemie um eine wachsende Anzahl molekular- und zellbiologischer Aspekte erweitert. Die Biochemie greift immer stärker in biologische und medizinische Forschungsgebiete hinein. Die chemisch-analytischen und präparativen Arbeiten der frühen Jahre spielen dagegen schon längst keine so zentrale Rolle mehr. Deswegen müssen gerade auch in der Biochemie von Zeit zu Zeit die allgemeinen wissenschaftlichen Grundlagen überdacht und neu definiert werden. Das wurde vor ein paar Semestern von der Biochemie-AG - einer Gruppe engagierter Studenten - mit Unterstützung ihrer Professoren in Angriff genommen. Gleichzeitig sollte der Studiengang von alten administrativen Hindernissen gesäubert und weiterhin für eine gute Studierbarkeit gesorgt werden.

Biophysikalische Methoden und Versuchsteile sind aus der biochemischen Forschung heute gar nicht mehr wegzudenken. Deswegen kann jetzt als zweites Diplomprüfungsfach neben den klassischen chemischen Fächern auch Biophysik gewählt werden. Angeregt durch den Einzug von vielerlei mathematischen Verfahren und hochentwickelten Computeranalysemethoden wurde der Fächerkatalog für die im Hauptstudium anzuerkennenden Veranstaltungen und auch für das dritte Diplomprüfungsfach um die theoretische Biochemie erweitert. Dadurch soll die Beschäftigung mit Verfahren wie Molecular Modelling oder Theorien von komplexen Systemen und Selbstorganisationsphänomenen ermöglicht und unterstützt werden. Außerdem gibt es bereits im Grundstudium einen Wahlpflichtbereich, in dem weitere biologisch, biophysikalisch oder medizinisch orientierte Lehrveranstaltungen belegt werden können.

Im neuen Studienplan wurde die Anzahl der Vordiplomsprüfungen von ursprünglich sechs auf fünf reduziert. Eine weitere Prüfung kann durch Anrechnung von Klausur- und Praktikumsnoten eingespart werden. Durch eine vorsichtige Umstrukturierung des Grundstudiums, das nun auch erstmals eine viersemestrige Biochemievorlesung enthält, ließ sich dieses ohne Qualitätsverlust von fünf auf vier Semester verkürzen. Das Studium in Berlin kann nun in neun Semestern (inklusive Diplomarbeit) abgeschlossen werden.

Und wozu das alles? Der neue Studienplan ist das Ergebnis gründlicher Beratungen zwischen Professoren, Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitern in der Ausbildungskommission des Fachbereiches Chemie und der Abstimmung in studentischen Vollversammlungen. Das Ergebnis ist ein wesentlich gestraffter, der aktuellen Wissenschaftsentwicklung angepaßter, im besten Sinne des Wortes reformierter Studiengang.

So sah es auch der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft: Er honorierte die Reform durch Bereitstellung von jährlich 25.000 DM über einen Zeitraum von drei Jahren, zur "Förderung des Vorhabens Biochemiestudiengang - Berliner Modell". Dieses Geld soll unter anderem zur Finanzierung von Tutorstellen eingesetzt werden -in Zeiten knapper Kasse ein willkommenes Geschenk.

Der von allen Beteiligten in langer Arbeit entwickelte und aktualisierte Berliner Diplomstudiengang Biochemie hat Modellcharakter für viele andere existierende und neuentstehende Studiengänge vor allem in den zentralen Punkten:

- Fundierte Ausbildung im Grundstudium. Im Grundstudium wird die Wissensbasis für das spätere Studieren und Arbeiten vermittelt. Darum muß dafür gesorgt werden, daß Studienanfänger mit einem sehr heterogenen Hintergrund zum Vordiplom auf dem gleichen Stand sind.

- Zeitgemäße Studieninhalte, um die Studenten nicht mit unnötigem oder veraltetem akademischen Ballast zu erdrücken.

- Kurze Ausbildungszeiten, die durch eben diese Inhalte ermöglicht werden. Das Kunststück besteht darin, kurze Ausbildungszeiten durch einen schlanken Studienplan zu verwirklichen, in dem alle wichtigen Inhalte vermittelt werden und das universitäre Niveau erhalten bleibt. Denn blindwütiges Abhacken der letzten Semester kann nur zu einer Verstümmelung der Ausbildung führen.

- Flexibilität und Offenheit im Hauptstudium, um die Studenten schon während der Ausbildung an die aktuelle Forschung und ihren späteren Beruf heranzuführen. Diese Offenheit muß in einem naturwissenschaftlichen Studium selbstverständlich auf die originären, grundlegend wissenschaftlichen Aspekte der Ausbildung gerichtet sein. Gleichzeitig müssen aber auch in gewissem Umfang schon während des Studiums erste Kontakte zur Industrie möglich sein, denn dort finden viele Wissenschaftler ihren Arbeitsplatz, und die gegenseitige Befruchtung von universitärer und industrieller Forschung ist heute notwendiger denn je.

Zwar wußte schon Richard P. Feynman: "Letztlich ist die Lehre dort am besten, wo sie am wenigsten vonnöten ist." Wenn aber auch die Qualität jeder Ausbildung vom Studenten selbst abhängt, kann die Lehre immerhin einiges unternehmen, diesen Studenten zu motivieren und sinnvoll anzuleiten. Der Berliner Studiengang Biochemie trägt dazu bei.

Die Studenten der Biochemie-AG und die Professoren des Instituts für Biochemie des FB Chemie


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