Positionen zur AS-Wahl am 18./19. Mai 2021

Zukunftsperspektiven für den Mittelbau

Wissenschaft zu betreiben ist eine spannende und erfüllende Tätigkeit. Allerdings ist der Berufsweg risikoreich: Die Personalpolitik der Hochschulen hat bisher vor allem bewirkt, dass wissenschaftliche Mitarbeiter*innen heute fast nur noch mit befristeten Verträgen beschäftigt werden. Das führt in einzelnen Fällen zu Kettenbefristungen bis zum Rentenalter, obwohl die Betroffenen mit dauerhaften Kernaufgaben der Hochschule betraut sind. Wir sind dagegen, dass die Hochschule Probleme aus steigendem Aufgabenvolumen und sinkender Finanzierung auf ihren Mittelbau abwälzt: Arbeitsverträge müssen so gestaltet sein, dass sie tatsächlich erfüllbar sind - einschließlich der Qualifikationsziele. Aus prekärer Beschäftigung heraus lassen sich Kreativität, Engagement und Identifikation mit der Universität nur mühsam entfalten. Wir arbeiten daher auf eine deutliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen des Mittelbaus hin: WiMis brauchen zusätzliche Karrierewege, die unabhängige Forschung ermöglichen - auch jenseits der Professur. Außerdem müssen für wissenschaftliche und wissenschaftsnahe Tätigkeiten auch unbefristete WiMi-Stellen vorgesehen werden, um die tariflichen Standards nicht zu unterlaufen.

Promotion ermöglichen und unterstützen

Dank der Graduiertenschulen und vieler Drittmittelprojekte haben sich die Wege zur Promotion diversifiziert. Bei dieser Vielfalt muss darauf geachtet werden, dass diese Wege auch alle zum Ziel führen. Die Promotion muss ermöglicht und unterstützt werden! In vielen Fächern arbeitet die Mehrheit der Beschäftigten auf befristeten Qualifikationsstellen in Drittmittelprojekten. Bei diesen steht neben umfangreichen Verwaltungsaufgaben das Projektziel im Vordergrund; in Projekten mit Industriebeteiligung verschwimmen Forschung und Produktentwicklung. Promotionen rücken dagegen in den Hintergrund und werden oft nur ungenügend betreut. Wir setzen uns für klar geregelte Promotionswege auch für Drittmittelstellen ein, die einen realistischen Zeitrahmen für die eigentliche Qualifizierung bieten. Auch Promovierende auf Haushaltsstellen oder in kleineren Projekten brauchen Mittel für Konferenz- oder Forschungsreisen, da dies Teil ihres Qualifikationsweges ist. Formell stehen die Angebote der Dahlem Research School inzwischen zwar allen Promovierenden zur Verfügung, doch ist die Finanzierung nur für Promovierende aus strukturierten Promotionsprogrammen gesichert. Eine Kostenübernahme der Workshopgebühren ist jedoch für alle Promovierenden nötig, wenn eine Zwei-Klassen-Promotion verhindert werden soll!

Für eine transparente und demokratische Universität

Die Mitbestimmung der Statusgruppen ist ein zentrales Element der Universität. Akademische Selbstverwaltung und demokratische Mitbestimmung erschöpfen sich nicht in der Möglichkeit, sich an Gremienarbeit zu beteiligen und die eigene Meinung kundzutun, sondern setzen transparente Entscheidungsprozesse voraus mit der Option, konkrete Veränderungen zu bewirken. Echte Mitbestimmung sichert Vielfalt und Innovationsfähigkeit, sie erhöht die Identifikation mit der Universität sowie das Engagement und die Motivation aller Beteiligten. Deshalb engagieren wir uns für eine Stärkung der demokratischen Mitbestimmung an der Freien Universität (FU)! Hierzu müssen auch adäquate zeitliche Ressourcen und Kommunikationsmöglichkeiten seitens der Universität bereitgestellt werden.

Open Access fördern

Open Access bedeutet, Forschungsergebnisse kostenfrei öffentlich zugängig zu machen. Die Großverlage missbrauchen ihre Macht, um überzogene Gebühren durchzusetzen. Forschung, die größtenteils aus öffentlichen Geldern finanziert wird, sollte auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Wir fordern, dass die FU Berlin stärker als bisher auf Open Access als Publikationsformat setzt und dafür zusätzliche Mittel bereitstellt.

Öffentliche statt "unternehmerische Universität"

Universitäten sind keine Unternehmen, sondern öffentliche Einrichtungen mit Bildungsauftrag und sozialer Verantwortung. Problematisch ist heute vor allem der inszenierte Pseudo-Wettbewerb mit reiner Output-Orientierung, hektischem Qualitätsmanagement, ineffektivem Controlling, folgenloser Evaluation und krampfhaftem Marketing. Wir sind für professionelle Verwaltung und effizienten Mitteleinsatz, wenden uns aber gegen Quasi-Bildungsmärkte, die mit kostenträchtigen Anreizstrukturen einseitig auf Drittmitteleinwerbung setzen. Dieses System bindet zu viel Zeit und Arbeitskraft, verschenkt kreatives Potenzial, lässt zu wenig Raum für kritische Theoriearbeit und Forschung und erschwert die wissenschaftliche Kooperation über Hochschul- und Fachgrenzen hinweg.

Gute Arbeitsbedingungen für gute Lehre

Ein wesentlicher Teil der Lehre an der Freien Universität wird vom wissenschaftlichen Mittelbau und von Lehrbeauftragten getragen. Für beide müssen gute Arbeitsbedingungen geschaffen werden.

Für WiMis auf Qualifikationsstellen bedeutet das, Weiterbildung und Engagement für gute Lehre muss auch im weiteren Karriereverlauf gebührend anerkannt werden. Für LfbAs und WiMis mit Schwerpunkt Lehre müssen Deputate auf maximal 12 LVS reduziert werden, um die Qualität der Lehre zu sichern und Einbezug in bzw. Mitarbeit an Forschung zu ermöglichen.

Wir wehren uns grundsätzlich gegen eine Zweckentfremdung von Lehrbeauftragten zur Sicherung der grundständigen Lehre! Lehraufträge müssen entsprechend dem Aufwand für Vor- und Nachbereitung der Lehrveranstaltungen inklusive Teilnahme an Fortbildungen und für die Studierendenbetreuung sowie Abnahme von Prüfungen angemessen vergütet werden. Dies gilt es FU-weit an allen Fachbereichen, Zentralinstituten und Zentraleinrichtungen umzusetzen. Dauerhaft engagierte Lehrbeauftragte brauchen sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse!

Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie

Die steigenden Anforderungen im wissenschaftlichen Betrieb führen oft zur Unvereinbarkeit von Familie und wissenschaftlichem Beruf. Eine familienfreundliche FU muss dafür sorgen, dass Eltern ihre Elternzeit ohne Nachteile nutzen können. Dies gilt insbesondere für WiMis in Drittmittelprojekten, denen Vertragsverlängerungen infolge von Mutterschutz und Elternzeit bisher nur ausnahmsweise gewährt werden. Für Beschäftigte auf Haushaltsstellen ist die familienpolitische Komponente aus dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz in vollem Umfang anzuwenden. Auch wenn sich die FU zu einer - eigenwillig eingeschränkten - Anwendung durchgerungen hat: Familienfreundliche Beschäftigungspolitik sieht anders aus! Bedarfsgerechte Betreuungsangebote für Kinder sind konsequent auszubauen. Gerade Familien können ohne stabiles Einkommen sowie einhaltbare, aber auch flexible Arbeitszeiten kein ausgeglichenes Verhältnis von Berufs- und Privatleben erreichen. Wir verstehen unter "Familie" alle Lebensgemeinschaften, in denen Menschen füreinander sorgen und Verantwortung übernehmen. Familie und Beruf dürfen auch in der Wissenschaft kein Widerspruch sein!

Chancengleichheit herstellen und "Diversity" fördern

"Diversity" beschreibt die Vielfalt und Heterogenität von Menschen entlang verschiedener Dimensionen wie Gender, soziale und geographische Herkunft, sexuelle Orientierung, Weltanschauung, Alter oder Beeinträchtigung. Die GEW-Mittelbauinitiative setzt sich ein für einen verantwortlichen Umgang mit Diversität an unserer Universität im Sinne eines partizipativen Prozesses, der eine kritische Auseinandersetzung mit Rassismus und Diskriminierung, Antidiskriminierung, Chancengleichheit, Internationalisierung und Interkulturalität anstrebt. Wir wollen dazu beitragen, dass strukturelle Rahmenbedingungen sozialer Ungleichheit sichtbar werden, und machen uns stark für Chancengleichheit und Abbau von Diskriminierung an der FU. Wir verlangen die vollumfängliche Anwendung der familien- und sozialpolitischen Komponenten des WissZeitVG, die Ausschöpfung der Maximalbefristungsdauer und ihre Anwendung für Drittmittelbeschäftigte.

Corona & WissZeitVG & gute Arbeitsbedingungen

Bedingt durch die Covid-19 Pandemie wurden auch das wissenschaftliche Personal sowie Lehrbeauftragte in Lehre und Forschung vor neue Herausforderungen gestellt. In der Lehre hat sich der Arbeitsaufwand durch die Umstellung auf Onlineformate drastisch erhöht und Forschende, die in Laboren oder im Gelände arbeiten, werden in ihren Forschungsvorhaben eingeschränkt. Ein großes Problem ist dabei die Situation der Beschäftigten auf befristeten Stellen und die zusätzliche Doppelbelastung durch Care-Arbeit. Die Beschaffung der technischen Ausstattung sowie zusätzlicher laufender Kosten im Home-Office sowohl für wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch für Lehrbeauftragte sollte durch eine Pauschale wenigstens teilweise kompensiert und die Verlängerung der Befristungsdauer nach Änderung des WissZeitVG muss von der Freien Universität für alle befristeten Stellen umgesetzt werden. Wir brauchen unbürokratische, FU-einheitliche Regelungen, damit jeder Doktorand unabhängig von seinem Status (Stipendium, Drittmittel, Haushaltstelle) ausreichende Verlängerung erhält, um seine Promotion abzuschließen (z.B. über die Schaffung eines Notfonds für Drittmittelbeschäftigte, deren Projekte Corona bedingt abgebrochen wurden).