Jahresarbeitszeit auf einem Hof
mit traditioneller Nutzung
(Selbstversorgung)

Quelle: CD-ROM Historische Demographie I, 1995, Fig. 15c.
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Unterschiedliche Arbeitsbelastung von Bäuerinnen je nach Einbeziehung von Ortschaften und Bauernhöfen in die sich ausweitenden Zulieferbereiche wachsender Städte in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Hier: im traditionell selbstversorgenden Kleinaspach.


Während Lauffen im Neckartal verkehrsmässig günstig zwischen Heilbronn (8 km) und Stuttgart (30 km) lag und seit 1848 mit beiden durch eine Eisenbahnlinie verbunden war - dadurch auch einen raschen industriellen Aufschwung erlebte -, befand sich Kleinaspach (28 km südöstlich von Heilbronn) in hügeligem Gelände und war von jedem grösseren Durchgangsverkehr abgeschnitten. Am ersten Ort wuchs die Bevölkerung (1907: 4549 Einwohner), am zweiten war sie rückläufig (1907: 948 Einwohner). Am ersten betrug der Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung nur noch 38%, am zweiten noch immer 73%. Am ersten Ort bestanden gute Möglichkeiten, hochwertige Agrar-Erzeugnisse in grossen Mengen sowohl an die nicht-landwirtschaftliche Bevölkerung am eigenen Ort zu verkaufen wie auch in den leicht zu erreichenden Städten Heilbronn und Stuttgart abzusetzen, während man am zweiten Ort im wesentlichen nur für die Eigenversorgung und für eine rückläufige Bevölkerung produzierte. Alles in allem hatte der Sog von Urbanisierung und Industrialisierung sowie die verbesserten Transportmöglichkeiten am ersten Ort zu einer "agraren Revolution", einer Intensivierung in der Landwirtschaft geführt, am zweiten dagegen zu Stagnation und Abwanderung (vgl. Haupt 1994 und Vögele 1996).

In den ortsspezifischen Abbildungen sehen wie die Bewirtschaftungsverhältnisse auf je einem "Durchschnittshof" einerseits in Lauffen und andererseits in Kleinaspach. Die Anbau-Areale sind vergleichbar. Zwar waren die Höfe am ersten Ort mit 5,36 Hektar im allgemeinen etwas kleiner als am zweiten mit 6,73 Hektar, doch wurden 0,72 Hektar für Zwischenfrucht (vor allem Futterrüben) doppelt genutzt, so dass ingesamt 6,08 Hektar zu bearbeiten waren. Dennoch ergaben zeitgenössische Interviews, dass eine Bäuerin in Lauffen zu Beginn der 1910er Jahre durchschnittlich 2294 Stunden Feldarbeit zu leisten hatte, während in Kleinaspach "nur" 1637 Stunden (vgl. hierzu die hervorragende Arbeit von Bidlingmaier 1918/1993).

Der gravierende Unterschied rührte daher, dass in Lauffen nicht nur 56,1% des Bodens intensiv bewirtschaftet und darüber hinaus 13,4% doppelt genutzt wurden (in Kleinaspach nur 23,1% und keine Doppelnutzung), sondern diese Intensivkulturen erheischten vor allem einen wesentlich höheren Einsatz von Frauenarbeit. Während ein Hektar Wiese rund 200 Frauenarbeitsstunden pro Jahr erforderte, so waren es bei Futterpflanzen bereits 300, bei Hackfrüchten (Kartoffeln oder Zuckerrüben) 375, im Garten sogar 1200 und bei Weinbau 1625 Stunden.


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