Patientengeschichte

Infusionen statt Jägerschnitzel


"An einem schönen Tag im März 1994 habe ich einen kleinen Tischgrill von der Fensterbank genommen und mich daran so verhoben" daß ein Wirbel angebrochen war. Das hat allerdings erstmal niemand gemerkt. Ich bekam immer stärkere Bauchschmerzen" hatte keinen Stuhlgang mehr und wurde immer dicker." Buchstäblich in letzter Minute wurde Monika Weingärtner* im Urban-Krankenhaus operiert. Dreiviertel ihres Dünndarms waren abgestorben und mußten entfernt werden.

Wieder zu Hause" ging es der 56jährigen drastisch schlechter. Monika Weingärtner konnte kaum noch normale Nahrung zu sich nehmen" Ernährungshinweise hatte man ihr nicht gegeben. "Ich bin mir die Hacken nach Aletebrei und allen möglichen weichen Milchprodukten abgelaufen" aber alles kam wieder raus wie Wasser"" erzählt Hans Weingärtner" der seine Frau rund um die Uhr betreute. Drei Wochen später" von 74 auf 49 Kilo abgemagert" hatte die schwer herz- und asthmakranke Frau wieder einen Herzinfarkt und gleichzeitig einen Asthmaanfall.


Monika Weingärtner wurde 13 Wochen lang im Klinikum künstlich ernährt. Danach setzte sie ihr Ernährungsprogramm mit Infusionen und der Hilfe von Ehemann Hans zu Hause fort.

Völlig geschwächt kam die Patientin wieder ins Urban-Krankenhaus" doch von dort überwies man sie sehr bald ins Klinikum Benjamin Franklin. Weingärtner wurde hier zunächst 13 Wochen lang stationär parenteral ("am Darm vorbei" = künstlich) ernährt. Denn das Klinikum verfügt seit 1988 über das einzige Zentrum für ambulante parenterale Ernährung (Home Parental Nutrition Center) in Berlin. Diese Einrichtung wurde Anfang der 70er Jahre aus den USA in Deutschland übernommen. "Vorher wurden Patienten wie Frau Weingärtner entweder gar nicht mehr operiert oder sie verhungerten nach der Operation"" erklärt Oberarzt Dr. Andreas Kopf aus dem Ärzteteam des Zentrums in der Abteilung für Anaesthesiologie und operative Intensivmedizin.

Wieder zu Hause kam Monika Weingärtner das ausgetüfftelte Ernährungsprogramm nach Anleitung und in Absprache mit ihren Ärzten zugute. Über eineinhalb Jahre belieferte ein Apotheker sie täglich mit den eigens für sie zusammengemixten Infusionsbeuteln im Kreuzberger Kiez" wo sie seit 25 Jahren wohnt. "Anfangs kam täglich eine Schwester" um die Beutel an- und abzuhängen. Bald konnten mein Mann und ich das aber alleine" und die Schwester kam nur noch alle zwei Wochen" um den Katheter mit Alkohol zu spülen." Denn Komplikationen bei der parenteralen Ernährung entstehen vor allem durch den Katheter. Bei längerfristiger künstlicher Ernährung wird der Katheter in eine der großen Venen gelegt und bis zur dicksten Hohlvene kurz vor dem Herzen geschoben. Dort ist der Durchfluß am größten und die Verstopfungsgefahr entsprechend gering. Dennoch ist es sehr wichtig" daß die Patienten zu Hause alle Hygienevorschriften beachten.

Ihre Infusionen ließ Monika Weingärtner immer nachts durchlaufen" damit sie sich am Tag frei bewegen konnte. Während sie anfangs jede Nacht einen Beutel brauchte" konnte diese Menge im Laufe der Monate allmählich reduziert werden. "Da mein Magen in Ordnung ist" und mein Restdarm mit 95 cm gerade noch lang genug ist" um Nahrung zu verdauen" konnte ich während der künstlichen Ernährung auch etwas essen - allerdings fettlos und in vielen kleinen Portionen." Während sie auf ihr geliebtes Jägerschnitzel ganz verzichten mußte" hat die Mutter zwei erwachsener Söhne trotz aller Diätpläne ab und zu Kartoffelchips geknabbert - und vertragen. Seit dem Frühjahr ernährt sie sich wieder ohne Infusionen.

Im Augenblick ist Monika Weingärtner zum ersten Mal seit 1994 durchgehend seit sechs Monaten zu Hause. Die gelernte Schneiderin freut sich jeden Tag darüber" in ihren eigenen vier Wänden zu sein. Die meiste Zeit verbringt sie strickend" stickend oder lesend in ihrem Lieblingssessel. Ihre Bewegungsfreiheit außerhalb der Wohnung ist allerdings noch eingeschränkt" da sie Schwierigkeiten hat" den Stuhlgang zu kontrollieren. "Vor einigen Monaten habe ich bei der Goldenen Eins eine Traumreise in die Karibik gewonnen. Da mußte ich meinen Mann und meinen Sohn fahren lassen. Mein Wunsch ist es zunächst" wieder einmal die Verwandten an der holländischen Grenze zu besuchen."

Inzwischen übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die ambulante künstliche Ernährung von rund 350 DM pro Tag. Die Versorgung zu Hause ist immer noch günstiger als in der Klinik. Für die Patienten ist aber nicht der Kostenfaktor" sondern die Erhöhung ihrer Lebensqualität am wichtigsten.

Betina Meißner

* Name von der Redaktion geändert


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