Famulaturbericht aus Ghana

Keine Angst vor Afrika?!


Eine Famulatur ist ein unbezahltes Praktikum. Medizinstudenten müssen laut Approbationsordnung vier Famulaturen zur Anmeldung für ihr 2. Staatsexamen vorweisen. Insgesamt hospitieren sie acht Wochen im Krankenhaus, vier Wochen in einer Arztpraxis und vier Wochen in einer Einrichtung des öffentlichen Gesundheitswesens. Grundsätzlich können alle Famulaturen auch im Ausland gemacht werden.

"Mensch, bist Du mutig. Paß' bloß auf, daß Du gesund bleibst." Solche Tips und andere besorgte Ratschläge kamen von Verwandten, Freunden und Bekannten, als feststand, daß ich alleine in das "Entwicklungsland" Ghana fahren würde, um dort am Universitätskrankenhaus Korle-Bu in Accra eine achtwöchige Famulatur in der Kinderheilkunde (Pädiatrie) zu machen.

Je näher der Tag der Abreise rückte, um so nervöser wurde ich. Ich hatte zwar eine offizielle Bestätigung vom DAAD (Deutschen Akademischen Auslandsdienst), daß ich einen Fahrtkostenzuschuß erhalten würde, aber aus Ghana hatte ich keine Nachricht erhalten. Zwei Wochen vor meiner Abreise lernte ich während eines Kurses am Berliner Tropeninstitut einen Dozenten aus Ghana kennen. Ich erzählte ihm meine Ängste und Sorgen vor dieser Fahrt ins Ungewisse. Daraufhin rief er seinen Onkel in Accra (Hauptstadt von Ghana) an und beauftragte ihn, mich vom Flughafen abzuholen.

Am Flughafen erwarteten mich Onkel und Neffe, die sich während meines ganzen Aufenthaltes und besonders am Anfang sehr nett um mich kümmerten. So begegnete mir gleich am Anfang eine für Ghana typische Familienstruktur: das Onkel-System. Die wohlhabenderen älteren Familienmitglieder sorgen für jüngere und ärmere Nichten, Neffen und andere Verwandte.

Zunächst einmal war ich wie erschlagen von dieser lauten, heißen und mit Menschen völlig überfüllten Stadt. Es existiert kein wohlorganisiertes öffentliches Transportsystem, sondern es gibt Sammel-Taxis und Tro-Tro (Kleinbusse), die bestimmte Routen abfahren, d.h. man stellt sich an den Straßenrand und wartet bis das entsprechende Fahrzeug vorbeikommt. Dazu muß man aber mit der Stadt einigermaßen vertraut sein und wissen, welche Stationen auf welchen Routen liegen. Das ist als Fremder nicht leicht, da oft keine Straßennamen vorhanden sind und selbst Taxifahrer oft nicht informiert sind.

Die ersten zwei Wochen benötigte ich, um mich sowohl an dieses merkwürdige Verkehrschaos, an das tropische Klima, als auch an das so anders betonte Englisch (Amtssprache) zu gewöhnen. Mittlerweile hatte ich schon mein "pediatric rotation" begonnen, d.h. ich ging jeden Tag mit den Studenten auf Station, wo Patienten aufgenommen und untersucht wurden. Diese Patienten mußten dann während der "teaching wardround" (einer Mischung aus "bedside-teaching" und Lehrvisite) dem Chefarzt vorgestellt werden. Zusätzlich fanden morgens und nachmittags Vorlesungen und zweimal in der Woche ein Tutorium und Unterricht in der Ambulanz statt.

Die Zustände im Krankenhaus waren gewöhnungsbedürftig. Die Armut war überall deutlich zu spüren. Da kein Krankenversicherungssystem existiert, müssen Medikamente, Katheter, Braunülen usw. von den Patienten bzw. von den Angehörigen gekauft werden. Waren die Angehörigen dazu nicht in der Lage, konnte das Kind nicht behandelt oder nur anbehandelt werden. Die meisten Kinder kamen mit Malaria, Meningitis, nephrotischem Syndrom, Pneumonien und Leukämien meistens in Verbindung mit Fehlernährung.

Da ich mir auch einen Eindruck darüber verschaffen wollte, wie die Menschen auf dem Lande leben, nahm ich an der von den Studenten organisierten "National Health Week" teil. Kleine Gruppen von 4-5 Studenten wurden über die Distrikte des Landes verteilt. Das Motto in diesem Jahr war "A Vision for the Nation - Prevention of Blindness". Unsere Arbeit bestand darin, Dörfer und Schulen zu besuchen, über Augenkrankenheiten (Glaukom, Trachom) und einfache Hygiene aufzuklären und Screening-Untersuchungen der Augen durchzuführen. Nicht nur ich, sondern auch die einheimischen Studenten waren überrascht, unter welchen einfachen Bedingungen (ohne Strom und Wasser) die Menschen in den Dörfern leben.

Die letzten zwei Wochen meines Aufenthaltes in Ghana habe ich dann auf dem "Hospital Ship Onipa Nua" verbracht. Dieses Schiff versorgt die entlang des Volta-Sees lebende Bevölkerung mit einfacher medizinischer Hilfe. Auch hier ist mir die gastfreundliche und herzliche Art der Ghanaesen aufgefallen.

Die Ghanaesen sind sehr liebenswürdige, herzliche und Weißen gegenüber sehr aufgeschlossene Menschen. Ich habe mich überall willkommen und, wenn ich alleine gereist bin, auch immer sehr sicher gefühlt.

Annette Schrauder


Annette Schrauder studiert im sechsten klinischen Semester Medizin.


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