Trendumkehr am OSI

Studierende im Grundstudium fühlen sich jetzt gut betreut


Das OSI geriet 1991 in die Schlagzeilen. Mehrere Studien hatten ergeben, daß die Ausbildungssituation bei den Berliner Politologen kein Ruhmesblatt war. Die Studierenden, die gerade die Zwischenprüfung abgelegt hatten, urteilten eindeutig: Über 60% der Befragten fühlten sich überhaupt nicht oder nicht genügend in das wissenschaftliche Arbeiten eingeführt, und 70% (!) aller schriftlichen Hausarbeiten wurden nicht besprochen oder das Gespräch darüber als unakzeptabel bewertet.

Inzwischen hat an vielen Unversitäten eine breite Diskussion über die Verbesserung der Lehre einiges bewirkt: Evaluierungen wurden realisiert und punktuell Reformansätze versucht so auch am OSI. Inzwischen ist die Debatte ruhiger geworden und umso spannender ist deshalb die Frage: Sturm im Wasserglas oder hat sich qualitativ und im Urteil der Studierenden etwas verändert?

Wir fragten deshalb 95 Studierende, die im Frühjahr 1995 ihr Vordiplom abgelegt hatten, in einer schriftlichen Befragung vor allem nach den Betreuungsleistungen der Lehrenden bei den Hausarbeiten. Nach der Studie von 1991 schien hier der entscheidende Schwachpunkt zu sein. Den Studierenden wurde eine Liste derjenigen Lehrveranstaltungen überreicht, die sie absolviert hatten. Sie sollten bei jeder Veranstaltung, bei der sie einen Schein erworben hatten, ankreuzen, ob ihre Hausarbeit besprochen oder nicht besprochen worden ist (mündlich oder schriftlich). Anschließend sollten sie Schulnoten für das Gespräch über die Hausarbeit verteilen. Die Akzeptanz für den Fragebogen war sehr groß. Von 95 Studierenden antworteten 87. Ein berechtigter oder unberechtigter Zorn mit durchgehend schlechter Beurteilung war nur bei zwei Fragebögen auszumachen.

87 Absolventinnen und Absolventen der Zwischenprüfung haben am OSI in Proseminaren und Vorlesungen ihres Grundstudiums 746 Leistungsnachweise erbracht. 581 Scheine wurden durch Hausarbeiten, der Rest durch Klausuren erreicht (die in der Regel nicht besprochen werden).

Wir haben alle Urteile ausgewertet, die mehr als vier Bewertungen für die Lehrenden aufweisen. In unserer Bilanz haben wir nur diejenigen Dozentinnen und Dozenten aufgeführt, die mindestens 2/3 aller Hausarbeiten besprochen haben und von den Studierenden gut bewertet wurden. Damit bleibt eine nicht sehr kleine Gruppe von Lehrenden unerwähnt, die überhaupt nicht oder wenig genannt oder doch überwiegend negativ eingestuft wurden. Hinzu kommen diejenigen, die weniger als 2/3 der Arbeiten besprochen haben. Alle diejenigen sind positiv zu erwähnen, die im Grundstudium die Hauptlast der Überblicksvorlesungen tragen. Sie werden kaum sichtbar, weil sie neben den Vorlesungen nur in wenigen Fällen Proseminare veranstalten können.

Fast ist von einer spektakulären Trendumkehr zu berichten: 76 % aller Hausarbeiten werden jetzt besprochen, nur 22 % bleiben unkommentiert. Die Gespräche über die Arbeiten werden von 67 % mit der Schulnote 1-2, 26 % mit 3-4 und 7 % mit 5-6 bewertet.


Good news eher für den Mittelbau


Die Lastenverteilung bei den zu besprechenden Hausarbeiten ist zwischen Hochschullehrern und Mittelbau ausgeglichen. Die Studierenden bewerten die Betreuungs- und Besprechungsleistungen des Mittelbaus eindeutig besser als diejenigen der Hochschullehrer: Unter den sehr gut bis gut (1-2) bewerteten Dozentinnen und Dozenten (14) sind nur drei Hochschullehrer / Privatdozenten, unter denjenigen bis 2,5 (27) auch nur neun Hochschullehrer / Privatdozenten.

Auffallend ist, daß ca. 20% der Hochschullehrer im Grundstudium weder über Vorlesungen noch Proseminare Spuren hinterlassen oder daß sie schlecht bewertet wurden. Das kann sehr unterschiedliche Gründe haben. (Überlastung mit Nebenfachstudenten, Konzentration auf Lehramtsstudiengänge, wenig Angebote im Grundstudium, u.a.m.).

Die oft von Hochschullehrern, die im Grundstudium Lehrveranstaltungen anbieten, vorgetragene Überlastungsthese, die keine ausreichende Betreuung mehr zulasse, scheint sich erneut nur zum Teil zu bestätigen. Die durch Proseminararbeiten belasteten Lehrenden landen zur Hälfte in den vorderen Rängen der Beurteilung. Aber es gibt bei den belasteten Lehrenden im Grundstudium auch einige Kollegen, die einen relativ hohen Anteil von nicht besprochenen Arbeiten aufweisen, während sie sonst gut beurteilt werden.

Erneut bestätigt sich die These, daß Dozentinnen ihre Dienstleistungen in der Lehre ernster und im Urteil der Studierenden erfolgreicher wahrnehmen. Unter den sehr gut bis gut bewerteten Dozenten und Dozentinnen (14) sind überproportional viele Frauen - nämlich sechs! Unter denjenigen bis 2,5 (27) immerhin neun. Aber: Keine Hochschullehrerin oder Privatdozentin kann sich vorn plazieren. Nur eine einzige Dozentin taucht bei den "schlechtesten Schulnoten" überhaupt auf - sonst nur Männer. Diejenigen, die Arbeiten nicht besprechen, sind nur Männer. Im merkwürdigen Gegensatz zu diesem Befund steht, daß die stärker belasteten Lehrenden ausschließlich Männer sind.

Fazit: Die Schnecke des Fortschritts in der Betreuung der Hausarbeiten war schneller als erwartet. Die Lehrenden fühlten sich individuell einem erheblichen produktiven Druck ausgesetzt und haben mit entschieden mehr Engagement reagiert: der Mittelbau mehr als die Hochschullehrer, die Dozentinnen mehr als die Dozenten. Trotz erheblicher Personalkürzungen ist der individuelle Faktor des Engagements in der Lehre nicht zu übersehen.

Peter Grottian

Der Autor ist Hochschullehrer am Otto-Suhr-Institut und dort Vorsitzender der Ausbildungskommission


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