Brief aus Tel Aviv


In einem Land, in dem der Pegelstand des "Yam Kineret", des See Genezareth, eine wichtige Nachrichtenmeldung ist, bedeutet Wasser Leben. Seine Abwesenheit steht nicht nur für wirtschaftlichen Niedergang, sondern auch für möglichen Krieg und Tod. Die Pipeline, die das Lebenselixier von seinem natürlichen Vorratstank im Norden des Landes in die Großstädte und zu den Feldern des Südens befördert, ist mit Stacheldraht gesichert und von Bewaffneten beschützt. In einem Land, in dem das Abbrennen von Wäldern noch immer als Waffe im politischen Kampf gegen den Staat Israel eingesetzt wird, scheint dies notwendig. Andererseits hat sich die israelische Regierung im zweiten Golfkrieg, als das unbeteiligte Land vom irakischen Diktator Saddam Hussein mit Raketen angegriffen wurde, das Recht vorbehalten, irakische Staudämme zu zerstören - eine Möglichkeit, die durchaus den Schrecken einer modernen Massenvernichtungswaffe erreicht. Wen wundert es da, wenn die Wasserrechte in den Verträgen, die Israel soeben mit seinen Nachbarn aushandelt und abschließt, einen besonderen Stellenwert einnehmen.

Die israelische Regierung schenkt aber nicht nur der Beschaffung und Verteidigung der knappen Wasservorräte besondere Aufmerksamkeit, auch der Verteilung widmet man sich hier mit einer in Mitteleuropa unbekannten Sorgfalt. So entwickelten israelische Wissenschaftler ein Bewässerungssystem, bei dem dünne Plastikschläuche wurzelnah im Boden verlegt werden. Die Schläuche haben winzige Löcher, die das wertvolle Gut direkt an seinen Bestimmungsort und somit vor Verdunstung geschützt, tropfen lassen. Pflanzen und Tierarten werden von speziellen Instituten auf ihren Wasserverbrauch getestet und in der hochspezialisierten und -technisierten Landwirtschaft eingesetzt. Andere Institutionen beschäftigen sich ausschließlich mit Grundlagenforschung.



Dr. Itzchak Choshniak vom Institut of Life Sciences der Universität Tel Aviv, versucht seit Jahren den Geheimnissen der Wüstentiere auf die Spur zu kommen. Was läßt sie der extremen Austrocknung in den Sommermonaten widerstehen? Wie schützen sie sich vor der Gefahr einer Wasservergiftung, wenn sie nach tage- oder wochenlangem Dursten endlich Wasser finden und dabei in wenigen Minuten bis zu einem Drittel ihres eigenen Körpergewichts trinken? Während ich im Labor an der Beantwortung solcher Fragen mitarbeite, werde ich immer wieder drastisch an das Grundproblem - Wassermangel - erinnert: Als ich zur Erzeugung eines Vakuums nach einer Wasserstrahlpumpe, wie sie in jedem deutschen Labor üblich ist, frage, ernte ich nur ungläubiges Gelächter. So etwas gibt es hier nicht, und es versteht auch niemand, wieso man für die Erzeugung eines einfachen Unterdruckes Wasser, also Leben, verschwenden sollte. Nach kurzer Suche finde ich einen Vakuumschlauch und die Röte weicht langsam aus meinem Gesicht...

Doch nicht nur die Wasserknappheit bedroht das Leben hier. Gewalt und Terror sind an der Tagesordnung, bestimmen die Lebensabläufe in diesem Land. Die Linienbusse werden mehrmals täglich von Spezialisten auf Bomben abgesucht. Der fünfstöckige Tel Aviver Busbahnhof wird ebenso streng bewacht, wie jedes andere öffentliche Gebäude. Das Öffnen meiner Aktentasche am Eingang zum Campus gehört zur Routine. Niemand käme hier auf den Gedanken, eine achtlos abgestellte Tasche mitzunehmen. Solche Gegenstände werden eher vom Polizeiroboter gesprengt als geklaut.

Jeden Abend gehe ich auf dem Rückweg von meinem Hebräisch-Sprachkurs, RUlpanS genannt, an jener Stelle auf der Dizengoffstrasse vorbei, an der ein islamischer Fundamentalist in der rush-hour sich und einen voll besetzten Autobus in die Luft sprengte. Die Leichenfetzen der nach Dutzenden gezählten Opfer mußten die Rabbiner noch von den Fassaden der dritten Stockwerke abkratzen. Die Schatten der einschlagenden Fleisch- und Knochenklumpen sind bis heute geblieben. Der Baum vor den frisch renovierten Geschäften ist ast- und blattloser Zeuge dieses Verbrechens. Als deutscher Pazifist und Besserwisser hat man es hier schwer, denn in Israel ist die Gewalt täglich und unmittelbar, nicht im Auslandsteil der taz oder hinter den bunten Bildern der Tagesschau versteckt. Sie zwingt zu unangenehmer, weil positionsverändernder Stellungnahme.

Als ich mich im Ulpan für den folgenden Tag mit der Mitteilung entschuldigte, ich müsse auf die Beerdigung eines drei Jahre jüngeren Bekannten, erregte das Anteilnahme, aber kein Erstaunen. Menschen meines Alters sterben hier wöchentlich. Zu jeder halben und vollen Stunde werden die laufenden Radios in Autobussen, Privatwohnungen, Mensen und am Arbeitsplatz lauter gestellt, die Menschen halten kurz den Atem an. Ist der erste Satz des Nachrichtensprechers undramatisch, erfolgt kollektives Ausatmen. Keine neuen Gewaltopfer, Friedensopfer, kein sinnloses Abschlachten menschlichen Lebens heute - noch nicht.

An einem Sonntag, dem geschäftigen ersten Tag der sechstägigen israelischen Arbeitswoche, sprengen zwei islamisch-fundamentalistische Irre mit einer heimtückischen Doppelbombe eine Gruppe Soldaten und Soldatinnen (Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 21 Jahren) und die ihnen zur Hilfe eilenden Retter in die Luft. Eine besonders widerliche und zynische Variante des islamischen Terrors, die die menschliche Regung der Hilfe mit dem Tod des Helfers bestraft. An diesem Abend wird das palästinensische Fernsehen Bilder von feiernden Extremisten aus Gaza übermitteln, die in speziell aufgebauten Trauerzelten die "Heldentat" ihres "Märtyrers" feiern. Es herrscht Oktoberfeststimmung. Mir wird schlecht.

Zwei Wochen später sitze ich im Überlandbus. Da bemerke ich, wie die Mitfahrenden um mich herum wortlos die Köpfe drehen, alle in eine Richtung starren: Wir passieren den Ort des Anschlags, an dem die Menschen nicht aufhören, Blumen niederzulegen, Kerzen anzuzünden.

Wie reagiert ein Staat, dessen Volk vor 50 Jahren gewaltsam von Deutschen ausgelöscht werden sollte, auf solche Anschläge, auf Gewalt? Hat nicht die tragische Geschichte dieses Volkes gezeigt, daß Gewalt mit Gewalt begegnet werden muß? Ich bewundere den Fernsehauftritt des Premierministers Rabin an jenem blutigen Sonntag. Mit sonorer Stimme verkündet er den aufgebrachten Menschen, daß er mit den Palästinensern weiterverhandeln wird, ungebeugt, nicht unberührt. Der Mann muß sich in weniger als zwei Jahren einer demokratischen Wahl stellen, ein Vorgang, dem sich bis heute keiner seiner arabischen Verhandlungs- und Friedenspartner unterzieht. Rabin weiß, daß sich im Lande der Friedensnobelpreisträger nach Wut und Trauer die rational richtige Entscheidung durchsetzen wird. Sogar die konservative Opposition weiß es schon, kämpft mühsame Rückzugsgefechte. Alle wissen es, aber keiner spricht es aus: 'Ja, Israel wird Land gegen Frieden tauschen, selbst dann noch, wenn der Frieden kalt und blutig ist.' Es hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß militärische Siege, und seien sie noch so glanzvoll, kein friedliches Miteinander ermöglichen, daß das Auftreten als Besatzungsmacht auch einen westlichen Staat, eine zivilisierte Gesellschaft, eine demokratische Armee auf Dauer moralisch korrumpiert. Diese Einsicht war anscheinend ohne die Intifada nicht mehrheitsfähig. Heute ist sie es. Daran werden auch die Extremisten beider Seiten nichts ändern können. Sie vergrößern lediglich die im Lande reichlich vorhandenen Friedhöfe. Dies zu sehen ist schmerzlich und tröstlich zugleich, denn das Ergebnis wird dem palästinensischen und dem israelischen Volk jenen gemeinsamen Frieden bringen, nach dem sich die friedliebenden Mehrheiten beider Nationen so sehr sehnen.

Wie reagieren nun aber die Israelis auf die tägliche Gewalt, auf permanente Anspannung und drohenden Tod? Sie leben. Sie leben jeden Tag, als wäre es ihr letzter, als gäbe es kein Morgen. Bausparkassen müssen es hier sehr schwer haben. Tel Aviver Cafés, Kneipen, Pubs, Jazzclubs und Diskotheken sind voll, verstopft, quellen auch wochentags über von jungen Menschen, die es heute abend wissen wollen, erleben müssen, was dieses sprudelnde, flimmernde, flirrende New York des Mittelmeers an genau diesem Abend zu bieten hat. Und am nächsten. Und am Wochenende wird der fiebrige 24-Stundenrhythmus der gesamten Woche noch auf die Spitze getrieben: Jetzt fangen Parties nicht schon um ein Uhr nachts an, sondern um fünf oder sechs Uhr morgens. Vorher haben die meisten Teilnehmer aus 'Termingründen' noch keine Zeit... Eine Stadt brodelt, eine Stadt ohne Pause.

Überhaupt, diese Menschen. Zu Beginn meines Ulpan zählen wir in meiner Klasse nicht weniger als 13 verschiedene Muttersprachen, wobei etwa die Hälfte der Schüler kein Englisch versteht. Daher wird im Unterricht ausschließlich Ivrith gesprochen. Muß doch einmal ausnahmsweise eine Frage genauer geklärt werden, so finden sich immer Freiwillige, die englische Erklärungen ins Spanische, über Französisch und Hocharabisch in gesprochenes Arabisch, über Türkisch ins Kurdische oder ins Russische übersetzen. Äthiopier helfen Vietnamesen in einer Sprache, die ich nach längerem Nachdenken als Englisch identifiziere. Der moslemische Türke sagt dem religionslosen Berliner ebenso vor, wie die jüdisch-orthodoxe Wissenschaftlerin aus Paris dem Christen aus Peru.

In Israel ist Einwanderung die Regel; wenn nicht die persönliche, so doch die von Eltern oder Großeltern überlieferte Lebensgeschichte. Das Verständnis für die Probleme der Neueinwanderer ist keine linksintellektuelle Wochenendbeschäftigung, sondern kollektive Erfahrung. Die multikulturelle Gesellschaft braucht man in Israel nicht nach Bevölkerungsprozenten zu messen, das Ergebnis aber wäre wahrlich einzigartig.

An einem Donnerstagabend finde ich mich in einer Runde mit einem Schweizer Freund, seiner israelischen Partnerin und einigen Briten, Australiern und Niederländern, einem Bulgaren und einem Amerikaner. Die erste Stunde solcher Zusammenkünfte verbringt man meist damit, daß jeder seine Geschichte erzählt. Über diese Geschichten könnte ich Bücher schreiben, denn sie erzählen alle von Verfolgung, Vertreibung, Vernichtung, Hoffnung, Aufbruch zu Neuem, Kulturschock und Orientierungslosigkeit im Orient, von wiederholten Anfängen und den Irritationen bei der Einordnung in eine fremdvertraute Gesellschaft mit ihren unbekannten Gesetzen und Umgangsformen. Doch bevor ich diese Bücher anfange, will zunächst ein anderes beendet sein. Es trägt den Arbeitstitel "Der Wassertransport am Vormagenepithel der Wiederkäuer".

Was fehlt: Die ausgleichende Erwähnung des verabscheuungswürdigen Terroranschlages von Hebron. Das Lob für meine hervorragenden Arbeitsbedingungen und den bei uns unbekannten Teamgeist meiner Kollegen und Vorgesetzten. Der Internetanschluß der veterinärmedizinischen Fakultät der FU Berlin. Die Änderung der PLO-Charta, in der bis heute die gewaltsame Vernichtung des Staates Israel gefordert wird.

Ralf Unna


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