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Online-Begleitartikel zur Sonderausstellung "Von der Evolution vergessen? - Lebende Fossilien


 

Haben "lebende Fossilien" eine Zukunft?

von Prof. Dr. Kurt Heißig

Bayerische Staatssammlung für Paläontologie und Historische Geologie
Ludwig-Maximilians-Universität München
Richard-Wagner-Str. 10
80333 München

 


Viele sogenannte lebende Fossilien haben die Eigenschaft, daß sie eine zeitweilige Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen relativ lange aushalten, jedoch auf die Dauer sehr spezifische Umweltparameter benötigen. Sowohl der Nautilus als auch der Limulus sind in Aquarium sehr schwer zu halten, obgleich sie in der Natur teilweise einen recht wechselhaften Lebensraum bewohnen. Ob dies bedeutet, daß sie auf die Umweltbeeinflussung durch den Menschen empfindlich reagieren, läßt sich nicht generell sagen. Man muß vielmehr folgende Fragen beantworten, um etwas über die Zukunftsaussichten einer bestimmten Art sagen zu können:

1. Gibt es eine spezifische Interaktion des Menschen mit dem betroffenen Organismus? - Dies kann zu Lasten der Art gehen, wie etwa der Handel mit Nautilus-Schalen, aber auch zugunsten, wie etwa die Haltung des Ginkgo-Baums in Parkanlagen.

2. Beeinflußt der Mensch die Nahrungsgrundlagen einer Art? -Die Zurückdrängung tropischer Regenwälder bedroht nicht nur "lebende Fossilien" wie etwa die Tapire und manche Nashörner, sondern auch zahlreiche andere Arten. Eine Verbesserung von Ernährungsgrundlagen kann menschlicher Einfluß nur für Arten bringen, die flexibel auf neue Angebote reagieren. Dies ist bei "lebenden Fossilien" meist nicht der Fall, da sie die Stabilität ihres Körperbaus wenigstens teilweise einer nahezu vollkommenen Anpassung an eine bestimmte, ebenso stabile Umwelt und Nahrung verdanken.

3. Verändert der Mensch andere Umweltparameter mehr oder weniger flächendeckend im Verbreitungsgebiet einer Art? Mit dieser Frage stellt sich die Frage der Menschheitsentwicklung selbst. Die ständige Zunahme der Weltbevölkerung wird auf die Dauer keinen Lebensraum unverändert lassen. Selbst der ungeheure Raum der Weltmeere ist auf die Dauer von chemischen Veränderungen der verschiedensten Art bedroht. Geht diese Entwicklung ungebremst weiter, so wird sich nicht nur die Zahl der "lebenden Fossilien", sondern die der Tier- und Pflanzenarten insgesamt drastisch verringern. Dies gilt in der Reihenfolge: Festländisch, fluviatil, flachmarin, hochmarin, Tiefseebewohner. Aber auch im festländischen Bereich gibt es menschennähere und menschenfernere Bereiche, deren Bedrohungspotential entsprechend verschieden ist.

Insbesondere die letzte Frage hat nichts mit den spezifischen Eigenarten "lebender Fossilien" zu tun. Sie verrät aber einiges über die Zukunftsaussichten in nächster und fernerer Zeit: Tierische "lebende Fossilien" auf den Kontinenten werden nur überleben können, wenn sie klein und anpassungsfähig genug sind, um als Kulturfolger weiterzuexistieren. Dafür war das Javanashorn, durchaus ein Tier mit recht altertümlichem Bauplan, zu groß. Es existiert nur noch im Schutzgebiet. Leben Tiere in für Menschen schwer zugänglichen Regionen, sind die Aussichten besser. Pflanzen hingegen sind vom Verhalten des Menschen stärker abhängig. Was für den Parkbaum Ginkgo gesagt wurde, gilt auch für die Araukarien.

"Lebende Fossilien" im Süßwasser sind ohnehin selten, da dieser Lebensraum viel stärkeren Schwankungen und Biotopveränderungen unterworfen war und ist als andere Bereiche. Hier spielen auch spezifische Unterschiede im Verhalten des Menschen gegenüber verschiedenen Arten eine entscheidende Rolle. So ist der Schlammfisch der nordamerikanischen Flüsse bisher durch den Einfluß des Menschen kaum betroffen worden, während der Stör durch intensive Befischung dezimiert wurde. Geht man allerdings zu nachhaltiger Kaviar-Bewirtschaftung über, haben die Störe wieder bessere Zukunftsaussichten.

Auch das Flachmeer war zu häufig raschem Wechsel unterworfen, als daß sich dort viele "lebende Fossilien" hätten halten können. Je weniger spezialisiert eine Art und je größer der Lebensraum eines Individuums in Relation zu seinem Raumbedarf ist, desto weniger leicht ist die Art zu bedrohen. So könnte der Limulus eigentlich noch lange die endlosen Sandstrände seiner beiden Verbreitungsgebiete bevölkern, denn er ist weder eßbar noch muß auf lebende Tiere Jagd gemacht werden, um seine getrockneten Panzer zu verkaufen. Allerdings scheint die generelle Verschmutzung seines Lebensraumes die Individuenzahl bereits spürbar dezimiert zu haben.

Das offene Meer und die Tiefsee sind bzw. waren bis heute relativ sichere Refugien "lebender Fossilien". Selbst eine recht eng begrenzte Verbreitung wie bei Latimeria muß prinzipiell noch keine ernsthafte Bedrohung der Art darstellen, sofern die Bejagung durch den Menschen unterbleibt.

Für "lebende Fossilien" ist es vielleicht ein Vorteil, daß sie oft genug in scheinbar katastrophensicheren Lebensräumen beheimatet sind, wo der Mensch zumindest derzeit nur relativ selten eindringt. Für die "lebenden Fossilien" besteht aber mit Sicherheit ein Nachteil darin, daß die in der Vergangenheit bewiesene geringe Entwicklungsdynamik sie auch in Zukunft daran hindert, sich Veränderungen des Lebensraumes anzupassen oder aus einem zerstörten Lebensraum in einen anderen auszuweichen.



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letzte Änderung 05.12.1998 durch R. Leinfelder Copyright