...1614...1618...

Der Himmel über "Die vier Jahreszeiten" von Joos de Momper


Der Sternenhimmel

1616

Frühling - Sommer - Herbst - Winter

Illustrationen: StarryNight 2.1 & -- jd --


Ereignisse

3.10.1614
Totale Sonnenfinsternis, sichtbar in Mitteleuropa (siehe unten)
1615
Veröffentlichung Keplers "Nova stereometria doliorum vinariorum" (siehe unten)
Hexenprozeß gegen Katharina Kepler in Weil der Stadt
1.1616
Diskurs Galileo Galileis über "Ebbe und Flut"
5.3.1616
Dekret Papst Paul V. gegen den Kopernikanismus mit Bannung des Werkes
"De Revolutionibus Orbium Coelestium" auf den Index (Aufhebung 1835)
27.8.1616
Totale Mondfinsternis, sichtbar in Mitteleuropa (siehe unten)
1616
Veröffentlichung Keplers "Auszug aus der uralten Messekunst Archimedis"
1617
Herausgabe des Werkes "Ephemerides novae pars I." von Johannes Kepler
15.5.1618
Entdeckung des 3. Keplerschen Gesetzes (siehe ...1619...1620...)
23.5.1618
Prager Fenstersturz - Beginn des 30jährigen Krieges
17.8.1618
Perihel des Kometen 1618 I (siehe unten)
26.10.1618
Perihel des Kometen 1618 III (siehe unten)
8.11.1618
Perihel des Kometen 1618 II (siehe unten)
1618
Veröffentlichung Keplers "Epitomes Astronomiae Copernicanae pars I."

Die Sonnenfinsternis vom 3.10.1614

Blick zur Sonne in Antwerpen, 3.10.1614 um 11 Uhr 30 Ortszeit

In der Regel finden Sonnen- und Mondfinsternisse etwa zweimal im Jahr im Abstand von einem halben Jahr statt, da zu diesen Zeitpunkten jeweils Erd- und Mondbahn sich schneiden. Wenn Mond und Sonne dann bei Tag an der richtigen Stelle sind, erfolgt ein seltenes Schauspiel: eine totale Sonnenfinsternis. Sofern man allerdings eine totale Sonnenfinsternis erlebt hat und etwa am selben Ort bleibt, ist die Wahrscheinlichkeit, daß man eine weitere erlebt, nicht schlecht: Nach dem schon den Babyloniern bekannten Saros-Zyklus stehen Sonne und Mond nach einem Zeitraum von 6585 Tagen scheinbar wieder an der gleichen Stelle, allerdings nur in einem Bereich von 1200 bis 1400 Jahren.

Häufiger als totale Sonnenfinsternisse kann man schonmal eine partielle Sonnenfinsternis sehen, bei der die Sonne nur zum Teil verdeckt wird, so wie vielleicht Joos de Momper nach 1605 am 3. Oktober 1614.

Das obige Bild verweist auf eine Quicktime-Sequenz, die den gesamten Verlauf der Bedeckung zeigt, gesehen von Antwerpen aus.

Die maximale Bedeckung betrug in Antwerpen etwa 60-70% um 11 Uhr 30 Ortszeit. Diese Situation zeigt das obige Bild. Die Sonnenfinsternis begann für Antwerpen etwa um 10 Uhr 15 und endete etwa um 12 Uhr 45.

Die Ähnlichkeit dieser Sonnenfinsternis mit der von 1605 deutet an, daß die Totalitätszone ebenfalls ähnlich wie neun Jahre zuvor lag. Sie verlief quer über Spanien, das Mittelmeer und die Sahara. Nordöstlich der spanischen Ortschaft Caravaca wenige Minuten früher war das Schauspiel Realität geworden, daß mitten am Tage die Sterne erschienen. Im folgenden Ausschnitt ist am linken unteren Bildrand Jupiter und am rechten Bildrand Merkur zu sehen.

Blick zur Sonne nahe Caravaca, 3.10.1614 ca. 11 Uhr 23 (GMT)


Die Keplersche Faßregel

Integral von a bis b = b-a/6 ( f(a) + 4*f(a+b/2) + f(b) )

Die Keplersche Faßregel

Mit dem Umzug nach Linz als Landvermesser 1612 waren die Probleme für Kepler längst nicht zu Ende. Kaiser Matthias hatte ihn zwar als kaiserlichen Mathematiker bestätigt, das Gehalt aus der kaiserlichen Kasse floß jedoch nur spärlich oder überhaupt nicht. Zudem konnte er seinen astronomischen Untersuchungen nur noch als Nebenbeschäftigung nachgehen, denn die Aufgaben als Landvermesser verlangten unter anderem die Anfertigung von Landkarten von Österreich, der Steyermark und Kärnten und die Ausbildung adeliger Jugendlicher in Mathemaktik, Philosophie und Geschichte.

1613 heiratete er die 24jährige Waise Susanne Reuttinger aus dem Linzer Nachbarort Eferding. Im selben Jahr erschien seine Schrift "Über das wirkliche Jahr, in welchem Gottes Sohn im Leibe Mariä Menschengestalt annahm". Darin stellte er die heute noch akzeptierte Theorie auf, daß der Stern von Betlehem eine dreifache Konjunktion von Jupiter und Saturn im Jahre 7 v.Chr. in den Fischen war, der die Weisen aus dem Morgenland gefolgt sind.

Bei seiner Hochzeitsfeier fiel ihm die Seltsamkeit der Inhaltsbestimmung der Weinfässer auf. So gab Kepler 1615 das Werk "Nova stereometria doliorum vinariorum" (Neue Raummeßmethode für Weinfässer) heraus.

Darin enthalten ist die Keplersche Faßregel, die eine Vereinfachung bei der numerischen Berechnung von Integralen stetiger Funktionen darstellt. Allgemein wird ein solches numerisches Integral von a bis b berechnet, indem die Strecke a b in mehrere, gleichlange Abschnitte geteilt wird und dann die Fläche der Rechtecke unter den einzelnen Streckenabschnitten nach der sogenannten Tangenten-Formel addiert werden. Je kleiner die Abschnitte sind, desto genauer ist die Näherung.

Für Faßumrisse und andere einfache Kurven vereinfachte Kepler die numerische Intergration, indem er für die Näherung nur den ersten, mittleren und letzten Wert nahm, die Länge des Fasses in sechs Teile teilte, das Rechteck unterhalb des ersten und letzten Wertes nahm, die anderen vier Rechtecke mit der Höhe des mittleren Wertes berechnete und diese sechs Rechtecke addierte. Die untere Graphik zeigt, daß sich die Unterschiede zwischen der Fläche der Rechtecke und der tatsächlichen Fläche unter der Kurve nicht ganz, aber fast aufheben.

Das Volumen des Fasses konnte mit dem so berechneten Integral näherungsweise bestimmt werden, indem das Integral als erzeugende Fläche mit dem Weg des Flächenschwerpunkts malgenommen wird. Diese Art der Volumenberechnung wird nach dem schweizer Mathematiker Paul Guldin (1577-1643) Guldinsche Regel genannt.

Schema zur Keplerschen Fassregel

Beispielgraph zur Keplerschen Faßregel

Am 29. Dezember 1615 erreichte Kepler ein Brief seiner Schwester Margarete, daß seine Mutter Katharina der Hexerei angeklagt sei. Der Brief war am 22. Oktober 1615 abgeschickt worden. Katharina Kepler wohnte seit 1576 im protestantischen Leonberg nahe dem ebenfalls protestantischen Weil der Stadt, wo im Zeitraum von 1615 bis 1629 mindestens 38 alte Frauen als Hexen auf dem Scheiterhaufen im Rahmen einer schwäbischen Form der Altersversorgung getötet worden waren. In Leonberg selbst sollen allein im Winter 1615 sechs Frauen mit dieser Anklage verbrannt worden sein, wobei beide Orte zusammen kaum mehr als tausend Einwohner hatten.

Kepler mußte seine gesamte Autorität als kaiserlicher Hofmathematiker aufwenden und 1617 sogar in Leonberg vorstellig werden, damit der Prozeß nicht ein schnelles und unglückliches Ende nahm.

Doch im August 1620 wurde seine dreiundsiebzigjährige Mutter trotzdem gefangengenommen und für vierzehn Monate im Kerker zu Güglingen inhaftiert. Kepler reiste nach Güglingen. Er konnte jedoch nur bewirken, daß Katharina Kepler der abgeschwächten Form der Folter unterworfen wurde. Sie konnte die Richter von ihrer Unschuld überzeugen und wurde im Oktober 1621 freigesprochen. Nur ein halbes Jahr später starb sie.


Die Mondfinsternis vom 27.8.1616

StarryNight Screendump

Blick zum Mond in Antwerpen, 27.8.1616, 2 Uhr 45 morgens Ortszeit

Wenn bei einer Sonnenfinsternis ein bestimmter Landstrich auf der Erde im Halbschatten des Mondes liegt, so ist die Sonnenfinsternis partiell wie im obigen Bild aus Antwerpen vom 3.10.1614. Wenn der Landstrich im Vollschatten des Mondes liegt, so spricht man von einer totalen Sonnenfinsternis und der Anblick ist etwa wie im obigen Bild aus Caravaca vom gleichen Tag.

Wenn der Mond im Halbschatten der Erde liegt, so erfolgt eine leichte Verdunkelung des Mondes. Im Vollschatten der Erde kommt es dann zur deutlichen Verfinsterung mit einer stärkeren oder schwächeren Rotfärbung. Bei einer vollständigen Mondfinsternis wandert der Mond immer erst durch den Halbschatten, dann durch den Vollschatten und danach wieder durch den Halbschatten.

Deshalb ist eine totale Mondfinsternis wie die am 27. August 1616 in mehrere Phasen unterteilt, nämlich die Phase "Eintritt in den Halbschatten" bzw. "Beginn der Mondfinsternis" (in Antwerpen am 27.8.1616 um ca. 0 Uhr 15), "Eintritt in den Vollschatten" (ca. 1 Uhr 15) "(Beginn der) Totalität" (ca. 2 Uhr 35), "Austritt aus dem Vollschatten" bzw. "Ende der Totalität" (ca. 3 Uhr), "Austritt aus dem Halbschatten" (ca. 4 Uhr 20) und "Ende der Mondfinsternis" (ca. 5 Uhr 20 nach Monduntergang).

Mit Klick auf das obige Bild von 2 Uhr 45 während der Totalitätsphase wird eine Bildsequenz aufgerufen, die den gesamten Verlauf der Finsternis von 1616 zeigt.


Die drei Kometen von 1618

Am 23. Mai 1618 wurden auf dem Prager Hradschin zwei Kaiserräte aus dem zweiten Stock des Palastes geworfen und damit ein Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten in Europa initiiert, der dreißig Jahre Krieg über den Kontinent brachte und dessen Irrsinn noch heute in Nordirland weitergeführt wird.

Von Prag ausgehend, das für einen Winter von Protestanten eingenommen wurde, führte der Krieg vor allem durch ganz Deutschland, die Niederlande, Frankreich und Dänemark mit Verwüstung, Seuchen und Plünderungen und endete 1648 mit dem "Westfälischen Frieden" in Münster mit der Zerstückelung des ersten Deutschen Reiches.

Die drei Kometen von 1618, gesehen von ca. 2 AE oberhalb der Ekliptik

In der zweiten Hälfte des Jahres 1618 erschienen am Himmel drei Kometen, von denen die ersten zwei schnell wieder verschwanden, von denen aber der dritte lange Zeit am Himmel zu sehen blieb. Als Boten des Unglücks schien jeder ein Jahrzehnt des Krieges zu repräsentieren, der da kommen sollte. Es waren die ersten Kometen nach der Erfindung des Teleskops, und so war es nur folgerichtig, daß eine große Diskussion um die unterschiedliche Erscheinung der Schweifsterne bzw. Haarsterne entbrannte.

Kometen sind vom Aufbau her schmutzige Schneebälle, die aus mit Wassereis durchsetztem Gestein bestehen und deren Herkunft aus dem Raum hinter Pluto vermutet wird. Wenn ein solcher Schneeball in die Nähe der Sonne gerät, verdampfen das Wassereis und die darin gelösten Gase und reißen Staubpartikel aus dem Kometen, die das Sonnenlicht reflektieren und den Staubschweif bilden.

Einige der Gase geben bei der Verdampfung zudem selbst Licht ab und bilden den Gasschweif des Kometen. Betrachtet man jedoch den Kern eines Kometen mit einem Teleskop, so sieht man nur einen sternförmigen Lichtpunkt, weil die angeregte Koma des Kometen in ihrer Helligkeit alles andere überstrahlt.

Sowohl die Natur als auch die Herkunft der Kometen war 1618 noch unbekannt. Zur Entschlüsselung der gasförmigen Natur des Schweifs mußte erst die Spektralanalyse erfunden werden, zu der zuerst wiederum Isaac Newton die Natur des Lichts und der Lichtbrechung mittels Prisma erkunden mußte.

1619 veröffentlichte Johannes Kepler in Linz die Schrift "De Cometis", in der er die drei Kometen von 1618 beschreibt.

Einer der größten Diskussionen aus der Ferne führten der Jesuitenpater Horatio Grassi und Galileo Galilei, dessen Überlegungen in "Il Saggiatore" (Die Goldwaage) 1623 den Ausdruck mit einer weiteren Verteidigung des Kopernikanismus, diesmal gegen das Tychonische System, finden.

Aus diesen und weiteren überlieferten Dokumenten mit Positionsangaben konnten die Orbitalelemente der Kometen rekonstruiert werden, mit denen die obigen Bahnen berechnet sind. Bei Kometen mit ihren oftmals stark exzentrischen Elipsenbahnen oder Hyperbeln sind die wichtigsten Orbitalelemente ihre Exzentrizität, die Neigung zur Ekliptik (Inklination) die kleinste Entfernung zur Sonne und das dazugehörige Datum.

Obwohl in der Realität extrem unwahrscheinlich wird zur Vereinfachung der Berechnungen bzw. als erste Hypothese für unbekannte oder nur ungenau bekannte Kometen eine Exzentrizität von 1 angenommen. Das bedeutet bezogen auf die Form der Bahn eine exakte Parabel (vergl. ...1607...).

Der erste Komet war nur Ende August in der Abenddämmerung zu sehen und verschwand danach unter dem Horizont. Seinen sonnennächsten Punkt erreichte er am 17. August mit etwa 0,51 AE.

Der zweite Komet hätte eine zeitlang am Abendhimmel mit einem Teleskop sichtbar sein können, für daß bloße Auge blieb er aber zu schwach. Erst Ende November bis über den Dezember hinweg wurde er nach seinem Perihel am 8. November mit ca. 0,38 AE sichtbar und strebte dabei gegen Norden.

Der dritte Komet hatte Anfang September etwa eine für das bloße Auge erkennbare Helligkeit und war am Abendhimmel zu sehen. Die Helligkeit nahm bis Mitte Oktober zu, und ab Mitte November wechselte der Komet dann an den Morgenhimmel, um dort ähnlich wie der zweite Komet schwächer werdend wieder in die Tiefen des Alls zu verschwinden. Den sonnennächsten Stand hatte er am 26. Oktober mit 0,74 AE.

Die folgenden drei Bilder zeigen jeweils etwa den erdnahesten Stand der Kometen. 1618I erreichte ihn im August mit etwa 0,52 AE, 1618II Anfang Dezember mit 0,36 AE und 1618III Mitte November mit 0,18 AE. Für alle drei Kometen wurde eine einheitliche Helligkeit von 5M0 angenommen. Die Bahndaten stammen von Voyager II 2.0.

1618I nahe Perigäum

1618II nahe Perigäum

1618III nahe Perigäum


- Zum "Himmels-Index",
- zum Jahr ...1603... (Die Jahreszeiten, zum Sternenhimmel und Bayers "Uranometria" 1603),
- zum Jahr ...1605...1607... (Die Sonnenfinsternis 1605 und der große Komet von 1607),
- zum Jahr ...1609... (Die Mondfinsternis 1609 und Keplers "Astronomia nova"),
- zum Jahr ...1610...1613... (Galileis "Sidereus Nuncius" und die Jupiter-Neptun-Konjunktion 1613),
- zum Jahr ...1619...1620... (Keplers "Harmonices Mundi" und die Mondfinsternisse von 1620),


-- jd --