Die Erwartungen von Studierenden und Universität sind nicht immer dieselben

Sprache lernen und sonst gar nichts


Noch nie waren sie so gut wie heute. Gemeint sind die Englisch- und Französischkenntnisse unserer Abiturientinnen und Abiturienten. Noch nie war die Zahl derjenigen, die einen Teil ihrer Schulzeit im englischsprachigen Ausland verbrachten so gro&szli g; wie heute. Glänzende Voraussetzungen für ein Anglistikstudium und Romanistikstudium also? Nicht unbedingt! Nur wenige der besten Absolvent/inn/en der Leistungskurse Englisch bewerben sich um einen Studienplatz für das Fach Anglistik bzw. Englisch. Für diejenigen, die sich immatrikulieren, ist die Anglistik oft nur ein Parkstudium, das nach ein bis zwei Semestern durch ein anderes Studienfach ersetzt wird oder ein Verlegenheitsstudium, an das viele zudem mit völlig falschen Erwa rtungen herangehen. Daß die Beschäftigung mit Literaturwissenschaft und Sprachwissenschaft in diesem Studium später eine zentrale Rolle spielt, entspricht oft nicht dem Wunsch der Studierenden nach einem weiteren Ausbau der Sprachbeherrschung.
In den anderen Sprachen, bzw. Philologien, die am Fachbereich für Neuere Fremdsprachliche Philologien studiert werden können (Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch) gibt es ähnliche Probleme. Die Zahl de rer, die hochmotiviert nach einem Leistungskurs Französisch das Studium dieses Faches aufnehmen, ist nicht sehr hoch. Da Französisch zudem meist zweite Fremdsprache ist und somit nicht während der gesamten Oberstufe belegt
werden muß, liegt das Eingangsniveau des Unterrichts, bei dem die Universität einsetzen kann, deutlich unter dem Niveau für das Fach Englisch. Da die Zentraleinrichtung Sprachlabor der FU Berlin für das Fach Französisch zudem einen Vorstudiensprachkurs anbietet, ist hier die Neigung, zunächst nur das Sprachausbildungsprogramm in Anspruch zu nehmen, besonders groß. Sowohl im Fach Englisch (Anglistik) als auch im Fach Französisch (Romanische Philologie) gibt es eine hohe Abbrecherquote nach ein bis zwei Semestern.

Die Klage von Studierenden, ihre Englisch- oder Französischkenntnisse seien zur Zeit des Abiturs besser gewesen als zur Zeit des Examens, ist häufig zu höre n.

Regelmäßiger und verpflichtender Teil des Studienangebots ist ein-auf die Regelstudienzeit nicht anzurechnender-Vorstudiensprachkurs im Umfang von 16 Semesterwochenstunden seit einigen Semestern in den sogenannten Nullsprachen (Romanische P hilologie: Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch), d.h. in den fremdsprachlichen Fächern, in denen die Studierenden kaum oder keine sprachlichen Vorkenntnisse mitbringen. Eine erfolgreiche Abschlußprüfung nach einem Semester , mit der Möglichkeit einmaliger Wiederholung, gilt als Eingangsvoraussetzung für das weitere Studium. Da nicht alle benachbarten Universitäten so verfahren wie die FU, muß sich erst noch zeigen, ob die Studierenden diese Regelung wir klich als die Chance begreifen, als die sie gedacht ist, oder ob ein freier Zugang zu den entsprechenden Studiengängen ohne verpflichtende Vorstudienphase als attraktiver bewertet wird.
Zu den idealen Voraussetzungen für die sprachpraktische Seite des Studiums einer fremdsprachlichen Philologie gehört neben einer guten mündlichen Beherrschung der Fremdsprache und einer guten Ausdrucksfähigkeit auch der kompetente Umgang mit größeren Textmengen in der Fremdsprache. In Hinblick auf die Aufgaben eines vereinten Europas wird man besonders von Studierenden einer fremdsprachlichen Philologie auch die Bereitschaft erwarten, sich ein oder zwei weitere Fremdspra chen zumindest passiv anzueignen. Von dem ersten (oberen) Drittel unser Studierenden werden all diese Voraussetzungen in glänzender Weise erfüllt. Die Frage nach den Eingangsvoraussetzungen und der Studierfähigkeit stellt sich in den neuphilologischen Fächern im Grunde nur für das untere Drittel eines Jahrgangs. Mit der Einrichtung eines obligatorischen Sprachtests, dessen Ergebnisse auch als Zulassungsvoraussetzung gewertet werden, steht im Grunde eine prinzipielle Steuerungsmöglichkeit bereit.
Gerade für diese weniger begabten Studierenden und auch für die 'mittlere' Gruppe wäre ein zusammenhängender Auslandsaufenthalt von etwa einem Jahr eine absolute Notwendigkeit. Daß in unseren Studienordnungen ein solcher Ausl andsaufenthalt dringend empfohlen, aber nicht verbindlich gefordert wird, liegt ausschließlich daran, daß auch bei schwierigsten Verhältnissen von Studierenden keine staatliche Finanzierungsgarantie für einen solchen Aufenthalt gegeb en werden kann. Zwar gibt es mehrere leicht finanzierbare Programme für einen solchen Auslandsaufenthalt, wie z.B. das vom Pädagogischen Austauschdienst in Bonn organisierte Programm der Fremdsprachenassistenten und -assistentinnen. Da aber das Land Berlin seinerseits keine Fremdsprachenassistenten mehr an Berliner Schulen einstellen und bezahlen will, ist zu befürchten, daß dieser Weg in Zukunft auch unseren Studierenden verbaut wird.
Bisher war ausschließlich die Rede von den Erwartungen der Universität an die Sprachkenntnisse der Studierenden. Wie sieht die umgekehrte Perspektive aus? Die Erwartung, daß die Universität ein reichhaltiges und differenziertes S prachpraxisangebot in kleinen Gruppen zur Verfügung stellt, wird sicherlich im Grundstudium durch das Angebot der Zentraleinrichtung Sprachlabor erfüllt. Im Hauptstudium dagegen sind oder werden demnächst durch Wegfall oder Sperrung von vak anten Stellen Gruppenstärken von 50 bis 70 in den sprachpraktischen Übungen erschreckende Wirklichkeit. Hier sind sicherlich neue Überlegungen zu einem effizienten Einsatz von verfügbarem Lehrpersonal nötig.
Berechtigte Erwartungen der Studierenden gilt es auch zu berücksichtigen bezüglich einer sinnvollen Verzahnung von sprachpraktischen und wissenschaftlichen Veranstaltungen. Hier ist es vor allem der Wunsch nach möglichst vielen Veransta ltungen in der jeweiligen Fremdsprache, der zu berücksichtigen ist. Die Klage von Studierenden, ihre Englisch- oder Französischkenntnisse seien zur Zeit des Abiturs besser gewesen als zur Zeit des Examens, ist häufig zu hören. Der Wuns ch nach möglichst vielen wissenschaftlichen Veranstaltungen in englischer Sprache ist absolut berechtigt und im Einklang mit den Voraussetzungen der Studierenden. Natürlich wird die Diskussion in Seminaren zunächst weniger lebendig sein, di e Referate nicht ganz so elegant formuliert, aber solche kleineren Nachteile sollten in Kauf genommen werden. Im allgemeinen honorieren die Studierenden entsprechende Angebote durch guten Besuch. Für das Französische mit seinem niedrigeren Einga ngsniveau sieht die Situation etwas anders aus. Auch hier werden entsprechende Forderungen erhoben, entsprechen dann aber nicht unbedingt dem tatsächlichen Studierverhalten. Viele Lehrveranstaltungen in französischer Sprache werden als zu schwer empfunden und verzeichnen dementsprechend hohe Schwundquoten. In den sogenannten Nullsprachen schließlich sind wissenschaftliche Veranstaltungen in der Fremdsprache kaum möglich und sinnvoll.
Es wird eine wesentliche Aufgabe des Fachbereichs Neuere Fremdsprachliche Philologien sein, in den kommenden Jahren deutlicher als bisher auf seine Angebote, seine besonderen Möglichkeiten, sein Profil, aber auch auf seine spezifischen Anforderun g hinzuweisen und somit Studienverläufe vermeiden zu helfen, die zum Abbruch oder großer Enttäuschung führen.
Ekkehard König


Ekkehard König ist Professor am Institut für Englische Philologie und Dekan des Fachbereichs Neuere Fremdsprachliche Philologien


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