EX & TOP

Joachim Schwarzer


Draußen ist Berlin. Vom Büro des SPD-Vorsitzenden im 6. Stock des neuen Willy-Brandt-Hauses in der Wilhelmstraße blickt man hinunter auf die U-Bahn, die lautlos dahinfährt. Joachim Schwarzers Büro gleich nebenan bietet dieselbe schöne Aussicht wie das von Oskar Lafontaine, für den Schwarzer seit Jahresbeginn arbeitet. Leiter des Planungsstabes und Leiter des Büros des Vorsitzenden der SPD darf er sich nennen. Die Parteizentrale nahe am Halleschen Tor ist ganz neu und wird noch einige Zeit zu einem großen Teil leer bleiben. Während einer "Übergangszeit", in der das Land faktisch zwei Hauptstädte hat, hat die SPD zwei Parteizentralen: in Bonn und Berlin. Und solange Bundesregierung und Bundestag mehr am Rhein als an der Spree sind, ist dies auch Schwarzer. Immerhin: "Die SPD ist die erste Bundespartei, die neben ihrem Sitz in Bonn ihr Domizil auch in Berlin besitzt. Das ist in den neuen Ländern als wichtiges Zeichen für die innere Einheit gesehen worden."


Als Büroleiter von Lafontaine ist Joachim Schwarzer ständig im Einsatz. Zerstreuung braucht er nebenher kaum.

Schwarzer ist 1952 in Neukölln geboren, besuchte hier das Gymnasium und studierte danach VWL an der FU. Nach einem Wirtschaftsreferendariat in Düsseldorf ging er nach Bonn, war dort zunächst im Bundeswirtschaftsministerium, später bei der SPD-Bundestagsfraktion persönlicher Referent von Hans Apel und Ingrid Matthäus-Maier. "Bonn ist eine schöne Stadt. Und wenn man einen stressigen Beruf hat, so wie ich, ist es angenehm in einer Umgebung zu leben, die nicht ganz so stressig ist." An Berlin muß sich der Berliner da erst wieder gewöhnen.

Als Büroleiter von Lafontaine ist Schwarzer ständig im Einsatz: Organisieren, Reden und Presseerklärungen schreiben, an Sitzungen teilnehmen. Das zehrt an der Kraft, aber das ist auch Lust, so daß man "wenig an Zerstreuung nebenbei braucht, um dem Leben Würze zu geben".

Auch als Student konnte Schwarzer sich Zerstreuung nur selten leisten. Wenn er nicht gerade büffelte, mußte er Geld verdienen: auf dem Bau und als Postbote. Ohne Bafög aber wäre ans Studieren gar nicht zu denken gewesen. Das Geld, das der Vater als Busschaffner (so was gab es damals noch bei der BVG) verdiente, hätte nicht ausgereicht. "Aus eigener Erfahrung weiß ich deshalb, was Chancengleichheit heißt." Seine Partei garantiere diese. "Es wird keine Bafög-Zinsen und keine Studiengebühren geben", betont Schwarzer. Sparen würde er bei Steuersubventionen, in der Rüstung und beim Staatsapparat. "Investitionen in die Ausbildung der jungen Generation hingegen sind Investitionen in die Zukunft des ganzen Landes." Über diese hat schon der Student in seiner Abschlußarbeit räsoniert. Um die Kritik am Monopolbegriff der Stamokap-Theorie ging es damals. "Das Ganze war doch sehr abstrakt und hatte mit praktischer Politik nichts zu tun", meint Schwarzer heute.

Das Studium sei insgesamt zu theoretisch, die Uni biete eine Art Schutzraum für die Studenten. Das wirkliche Leben sei das nicht. Schwarzer findet dieses in der Arbeit für die SPD. Unmittelbar nach dem Studium wird er 1977 Mitglied, denn: "Man muß sich entscheiden für welche Interessen man eintritt." Das Angebot, Redenschreiber des Wirtschaftsministers Otto Graf Lambsdorff (FDP) zu werden, lehnt er deshalb ab. Auch innerhalb der SPD sagt Schwarzer nicht zu allem Ja und Amen; doch erfordere andererseits die Funktion des Beraters eine große Harmonie im Denken, die sonst unvermeidlichen Reibungsverluste wären niemandem zuzumuten. "Man muß selbstbewußt seine Auffassung vertreten, aber man muß auch die Führungsposition des Politikers akzeptieren".

Schwarzers Ziel, das ist ein SPD-Wahlsieg in zwei Jahren. "Wir werden gemeinsam darauf hinwirken, daß es endlich den überfälligen Wechsel gibt." Wunschkanzler?: "Diese Frage stellt sich heute nicht."

Holger Heimann


Ihre Meinung:

[vorherige [Inhalt] [nächste


Zurück zur -Startseite