Brief aus Edinburgh


Die Silhouette einer Stadt, die viele mit einer Theaterkulisse vergleichen. Das Castle, auf schroffem Fels gebaut, thront mächtig über der Stadt. Im Vordergrund die National Gallery und der Princess garden, einer der ganz wenigen Parks im Stadtzentrum.


Was denkt der Fremde gewöhnlich über Schottland? Fallen ihm zuerst Dudelsack, Kilt oder doch der oft erwähnte Geiz der Schotten ein? Oder das letzte Kinoerlebnis, so es "Braveheart" heißt dieses große Epos Über ein Land, das noch immer von seiner Unabhängigkeit träumt, und das in der Filmversion von Mel Gibson kürzlich zu Oscar-Ehren gekommen ist? Schottland und seine Hauptstadt Edinburgh sind all das und auch wieder nicht.


Von Karen König, z. Zt. Edinburgh

Überlege ich, was Edinburgh so faszinierend macht, könnte ich sagen: Es ist die wunderschöne Lage der von Wasser und Bergen umgebenen Stadt, die ihr den Beinamen "Athens of the North" eingetragen hat. Es gäbe freilich noch einen anderen Grund für den Vergleich mit der griechischen Hauptstadt. Haben doch die Schotten ihre Akropolis in Edinburgh errichten wollen. Fertiggeworden allerdings sind sie nicht damit, und so stehen die paar Säulen für viele einmal mehr für den Geiz der Schotten, denn am Geld scheiterte das Vorhaben zuletzt. Ein echter Schotte allerdings weiß, daß der Ruf des Geizes auf ganz andere Art in die Welt kam. Sie selbst haben es ausposaunt, um so ihre oft bittere Armut in all den Jahrhunderten zu verbergen.

Möglicherweise ist es aber noch mehr die blutige Geschichte, all die Greuel, die so scheint es mir jedenfalls manchmal noch heute den alten Pflastersteinen anhaften. Es läßt sich nicht rational erklären: Edinburgh, für viele eine Theaterkulisse, ist weit mehr. Ein Geheimnis liegt in der Stadt, welches sich nur dem enthüllt, der geduldig und neugierig sich auf das Unbekannte einläßt.


Der David-Hume Tower beherbergt die Faculty of Arts. Die moderne Architektur ist so typisch für den Campus wie untypisch für die City.

Weniger geheimnisvoll ist allerdings das Wetter, und es ist keine Marotte der Briten, fortwährend darüber zu sprechen. Ich selbst stöhne oft genug Über den Regen und Über das manchmal erdrückende Grau.

Nicht nur Irland, auch Schottland ist berühmt für seine Pubs, die bei gutem und bei schlechtem Wetter Schotten und Fremde gleichermaßen anziehen. Ein Gespräch läßt sich immer anknüpfen, und sind die ersten Sprachschwierigkeiten, vor allem wegen des starken schottischen Akzentes überwunden und gibt es übers Wetter nichts mehr zu sagen, dann geht es vornehmlich um Politik und Fußball. Schnell wird einem einmal mehr bewußt, daß man sich im nördlichen Land des Vereinigten Königreiches aufhält. Das Wort "England" läßt ein Unbehagen aus und sofort wird mit großer Geste abgewunken, so als müßte nun doch wirklich klar sein, wovon hier die Rede ist. Das schottische Bier, das in Deutschland wohl selbst den Hopfen- und Malzfreunden eher unbekannt ist, wird in Unmengen konsumiert, was auch daran liegen mag, daß der Alkoholgehalt wesentlich geringer ist als in Old Germany. "Mc Ewan's" wird direkt in Edinburgh gebraut und oft liegt ein süßlicher Geruch Über der Stadt.

Edinburgh ist nicht nur eine Stadt der Kultur, dies vor allem alljährlich im Sommer zum "Festival of Arts", es hat auch einen ausgezeichneten akademischen Namen. Die Geschichte der "University of Edinburgh" reicht zurück bis 1583 und kann zu ihren berühmten Absolventen Charles Darwin, Arthur Conan Doyle, Sir Walter Scott und Robert Louis Stevenson zählen. Heute hat die Universität, eine von dreien in Edinburgh, etwa 16000 Studenten und ist bei einer Einwohnerzahl von 500.000 einer der größten Arbeitgeber der Stadt. Dazu kommen der Tourismus und die Businessbranchen, wie Banken und Versicherungen.

Ich bin eine von 2.700 "international students", wobei die deutschen Studenten am zahlreichsten sind. Was mich im sogenannten Lehrbetrieb erstaunt hat, ist die große Hilfsbereitschaft, die mir von Beginn an entgegengebracht wurde. Dozenten wie Tutoren sind bemüht, niemanden in der Anonymität versinken zu lassen. Ich erinnere mich, wie nach einer meiner ersten Philosophievorlesungen, der lecturer besorgt zu mir kam und fragte, ob ich folgen könne oder ob er langsamer sprechen solle. Ich war zunächst vor allem eines: Überrascht. Und ich fragte mich, ob ausländischen Studenten an der Freien Universität wohl Gleiches widerfährt.

Das Studium hier ist verschulter als in Deutschland. Die Studenten haben weniger Freiräume. Es gibt first bis fourth-year course und somit sind die Auswahlmöglichkeiten im Vergleich zu deutschen Universitäten nicht sehr groß. Ein Effekt des für alle ähnlichen Stundenplans ist es, daß der Großteil der Studenten nach vier Jahren abschließt.

Es wird auch neben dem Studium gejobbt, doch zu Bedingungen, für die wahrscheinlich niemand in Deutschland auch nur aufstehen würde. Zu den klassischen Jobs gehört es, im Supermarkt die Regale aufzufüllen oder als Zimmerservice im Hotel zu arbeiten. Der durchschnittliche Stundenlohn beträgt ein bißchen mehr als drei Pfund (etwa 7,50 DM). Viele Studenten müssen denn auch Kredite aufnehmen, um die Studiengebühren (fees) bezahlen zu können.


Zu Edinburgh gehören die wunderbaren alten Taxis. Wie die Stadt strahlen sie Ruhe und den Charme einer anderen, einer vergangenen Zeit aus.

Automatisch mit seiner Matrikelnummer erhält jeder Student einen e-mail-Anschluß. Dort, wo die Computer stehen, trifft sich insbesondere die international community. Will doch ein jeder den Freunden in der weiten Welt Kunde tun, wie großartig Edinburgh und seine Universität sind.

Doch die Liebe zur alma mater hat Grenzen und hält niemanden davon ab, des Nachts von Pub zu Pub zu ziehen, der Live-Musik zu lauschen und dem Scottish beer zu frönen. Im Gedrängel um "Fish and Chips" beginnt dann schon der neue Tag, und man sollte nicht meinen, zu früher Stunde morgens um 3 Uhr allein in der Schlange zu stehen.

Was auch zu Edinburgh gehört, sind die wunderbaren alten Taxis. Es sind Automobile aus einer anderen Zeit, die noch Ruhe und Charme ausstrahlen. Sie bieten nicht nur Platz für mindestens fünf Leute, auch die Beine können in voller Länge ausgestreckt werden und manchmal möchte ich gar nicht mehr aussteigen.

Die Zeit ist stehengeblieben in Edinburgh, so scheint es. Die Altstadt, mit dem berühmten Castle, ist schnell erlaufen und dennoch immer wieder neu. Orte sind zu entdecken, die ihren mittelalterlichen Charme nicht verloren haben. Manchmal meint der Spaziergänger noch das Hufgeklapper zu hören oder Menschen zu sehen, die sich in dunklen Winkeln verbergen.

All das ist vielleicht Edinburgh, das Alte und das Neue, und vielleicht ist Harmonie das treffende Wort. Die Stadt strahlt sie aus, und der aufmerksame Besucher bekommt eine kleine Ahnung davon.

Nun hat Mel Gibson Schottland nach Hollywood gebracht und die Leute sind noch stolzer auf ihr Land als zuvor. Sie träumen einmal mehr den alten Traum von der Unabhängigkeit von England. Und gut fürs Geschäft ist es auch, zumindest für das touristische.

Karen König

Karen König studiert seit 1991 an der FU Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie und Religionswissenschaft. Seit Oktober 1995 ist sie an der Faculty of Arts der Edinburgh University. Hier studiert sie Deutsc he Literatur und Philosophie.


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