Brief aus New York

"This enterprise is the greatest contribution the Jewish community has undertaken for the commonweal of the American people."
Albert Einstein


Blick auf die nordöstliche Ecke des Albert Einstein College of Medicine (AECOM), ganz links ist das AECOM-Privatkrankenhaus, ganz rechts das Ullmann-Gebäude zu sehen

New York, New York. Diese Stadt ist viel besungen und noch häufiger beschrieben worden und besteht auch wenn viele Reiseführer diesen Eindruck vermitteln nicht nur aus Manhattan. So liegt das Albert Einstein College of Medicine (AECOM) im Norden von New York in der Bronx.

Wer nach New York kommt, sollte am besten einige Ratschläge über Bord werfen, denn wer sich an die Regeln der Reiseliteratur hält, darf zum Beispiel nach 20 Uhr nicht mehr in die U-Bahn steigen und muß oberhalb der 96. Straße in Manhattan nur noch mit dem Taxi unterwegs sein. So verliert man schnell Spaß, Zeit und viel Geld. Der nordöstliche Teil der Bronx, wo sich das AECOM befindet, ist friedlich, ja, einige hundert Meter weiter nördlich, geradezu vorstädtisch-kleinbürgerlich. Die Bronx hat schöne Gegenden zu bieten: City Island (Wohnort des an diesem College tätigen Oliver Sacks), den Bronx Zoo, den Botanischen Garten und für New Yorker essentiell das Yankee Stadium. Häßlich sind dagegen die verkommenen Wohngegenden im Süden, Schauplatz von Kämpfen zwischen rivalisierenden Drogenhändlern. Für $1.25 kommt man mit der U-Bahn nach Manhattan, je nach Ziel dauert die Fahrt 40 Minuten bis eine Stunde.

Das AECOM gehört zur Yeshiva University (Yeshiva = Talmudschule). Der Name sagt viel über den Ursprung dieser jüdischen Institution aus. Sie entstand Anfang des Jahrhunderts aus der Fusion des 1897 gegründeten Rabbinerseminars (RIETS) und einer 1886 von Yeshiva Eitz Chaim eröffneten Grundschule. Ihren jetzigen Namen trägt sie seit 1945. Hier werden noch immer Rabbiner ausgebildet, außer dem AECOM gibt es zwei Colleges (Yeshiva für Männer, Stern für Frauen), eine Law School, die Ferkauf Graduate School of Humanities und ein Institut für Soziologie. Das AECOM wurde 1955 mit Hilfe von Spenden anläßlich Albert Einsteins Geburtstag gegründet. Als Zentrum jüdischer Kultur spielt die Universität auch eine große Rolle innerhalb der jüdischen Gemeinde.


Von Benjamin Schäfer, z.Zt. New York


Besonders wer im AECOM-eigenen Wohnheim wohnt, muß sich an den Rhythmus des jüdischen Lebens gewöhnen. Viele der hier lebenden jüdischen Familien sind orthodox und richten sich nach den Regeln von Thora und Talmud. Der Sabbat beginnt pünktlich am Freitag abend und alle Einrichtungen des AECOM schließen um diese Zeit. Alle Feiertage des jüdischen Kalenders werden gleichermaßen beachtet.

Die Medical School, an der ich derzeit studiere, ist eine der Institutionen, die seit Jahren an dem von der Medizinischen Hochschule Hannover aus organisierten Biomedical Sciences Exchange Program (BMEP) teilnehmen. Das Austauschprogramm bietet eine der wenigen, wenn nicht sogar die einzige nicht auf Privatinitiative beruhende Möglichkeit, vor dem Praktischen Jahr als Medizinstudent in den USA zu studieren. Das Programm sieht einen achtmonatigen, in den meisten Fällen vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) unterstützten Forschungs- und Studienaufenthalt vor, wobei der Schwerpunkt wohl bei den meisten Teilnehmern (in diesem Jahr sind es rund 35) auf der Arbeit in einem Labor liegt. Andere, am Programm beteiligte Institutionen sind u.a. die "Ivy League" (so werden die Eliteuniversitäten der USA bezeichnet) sowie die Universitäten Harvard, Yale, Johns Hopkins, Cornell und Brown. Insgesamt hat die USA etwa 120 Medical Schools, die ungefähr genauso viele Ärztinnen und Ärzte ausbilden, wie die deutschen Universitäten. Das bedingt, daß die einzelnen Klassen hier wesentlich kleiner sind und besser betreut werden.

Die Ausstattung des AECOM mit Finanzen, Literatur und Lehrmaterial ist hervorragend. So besitzt die Bibliothek fast 200.000 Bände, bezieht rund 2.500 Zeitschriften, und es gibt mehrere Räume mit Computern, die den Studenten offenstehen. Darüber hinaus wird den Studenten auch die Möglichkeit geboten, über das College ermäßigte Theater- und Konzertkarten zu erstehen und Computer und vieles mehr billiger zu beziehen. Als Student wird man hier als ein wichtiger Bestandteil des Ganzen betrachtet und respektiert. Die Studenten identifizieren sich mit ihrer Universität und tragen T-Shirts mit dem Logo des AECOM und einem Porträt Albert Einsteins was sonst mit gewissem Stolz.



Prof. Marcos Rojkino mit Nachwuchs aus deutschen Landen

Nach meiner Ankunft am 22. August letzten Jahres und einem Treffen der diesjährigen BMEP-Teilnehmer in Maine, einem sehr bewaldeten, im Norden gelegenen Bundesstaat der USA, und einigen obligatorischen administrativen Gängen (ohne eine gültige ID Card kann man hier fast gar nichts machen), begann ich meine Arbeit. Ich forsche auf der 6. Etage des Ullman Gebäudes, im Liver Research Center bei Professor Rojkind, einem gebürtigen Mexikaner. Ich beschäftigte mich hier mit molekularbiologischen Mechanismen, die an der Entstehung von Leberfibrose und -zirrhose beteiligt sind. Im Februar und März arbeite ich im Zuge meiner klinischen "Electives" (Electives sollte man sich wie Wahlfächer vorstellen: sie werden von amerikanischen Studenten im 4. Jahr absolviert.) zuerst in der Gynäkologie/Geburtshilfe und danach auf der Aufnahmestation einer der Universitätskliniken. Anfang April werde ich dann wieder ins Labor zurückkehren.

Den Sinn eines solchen Aufenthalts sehe ich hauptsächlich im Erlernen wissenschaftlicher Methoden über die medizinische Doktorarbeit hinaus. Gleichzeitig wird mir die Möglichkeit geboten, das amerikanische System des "Bedside teachings" kennenzulernen und davon zu profitieren. "Bedside teaching", der Unterricht am Krankenbett, wurde vor etwa 100 Jahren in den USA eingeführt. Die Idee stammt ursprünglich aus England. Um diese Lehrmethode umsetzen zu können, mußte das gesamte Lehrsystem der Medical Schools reformiert werden.

Die im Liver Resarch Center arbeitenden Wissenschaftler geben ein gemischtes Bild ab: in meinem Labor ist nur eine meiner Kolleginnen und Kollegen Bürgerin der Vereinigten Staaten, ansonsten arbeite ich mit zwei Spaniern und einer Chinesin zusammen. Im angrenzenden Labor arbeiten drei Chinesen und ein Japaner. Gebürtige US-Amerikaner, die man im Liver Center zu Gesicht bekommt, sind meist Professoren. Dies reflektiert einerseits die wissenschaftliche Landschaft (nach meinem Wissen werden mehr als die Hälfte der biomedizinischen Promotionen von Ausländern "foreign aliens", wie man sie hier liebevoll nennt gemacht, und die Hälfte der 11.000 Ärzte in der Facharztausbildung in New York City sind Ausländer), andererseits ist es ein Abbild der New Yorker Gesellschaft.

Um es etwas zu übertreiben: neben sehr viel Spanisch, Russisch und Chinesisch könnte man den Eindruck gewinnen, daß hier Amerikanisch nur von einer Minderheit gesprochen wird. Das bekannteste Beispiel dafür geben wohl die Taxifahrer der "Yellow Cabs" ab, deren mangelnde Sprachkenntnisse nur von ihrem Unwissen über Verkehrsordnung und Stadtplan übertroffen wird. Dabei ist es erwähnenswert, daß die Amerikaner von offizieller Seite versuchen, tolerant mit dieser Vielfalt umzugehen. So ist es zum Beispiel möglich, bei der örtlichen Telefongesellschaft einen Übersetzer zu verlangen; viele große Gesellschaften haben eine Telefonnummer für "Hispanics", die oft nur Spanisch sprechen. Dies ist leider auch ein Zeichen dafür, wie schwer die Integration dieser verschiedenen Nationalitäten ist. Die scharfen Grenzen zwischen den Bevölkerungsgruppen in New York führen einem das Scheitern der Idee von den USA als einem "melting pot" vor Augen.

Die Stadt selbst hat in ihrer Vielfalt einiges zu bieten. Interessant ist sie vor allem als Kultur- und Bildungszentrum. In New York gibt es über 50 Bildungsstätten und hier haben berühmte Universitäten ihr Zuhause, wie Columbia, Cornell und die New York University, die in den letzten Jahren besonders auf dem Gebiet der schönen Künste zur Ivy League aufgeschlossen hat. Nicht zuletzt müssen auch noch die City University of New York (CUNY) mit dem Mount Sinai Medical Center und die State University (SUNY) erwähnt werden.

Zusammen mit dem schon fast unübersehbaren Angebot an Museen, Galerien, Konzerten, Theateraufführungen und Opern, bei denen man als deutscher Großstädter nur ins Staunen geraten kann, war dies der Grund, daß ich mich für eine Medical School in New York beworben habe. Als Berliner kann ich mich hier (fast) zu Hause fühlen.

Benjamin Schäfer


Benjamin Schäfer studiert seit 1991 an der FU Ihre Meinung:

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