Beirut - Antike Stadt der Zukunft

Archäologen beteiligen sich am größten städtischen Grabungsprojekt der Welt


"Paris des Nahen Ostens", "Perle der Levante", "Tor zum mittleren Osten" - das waren bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges 1975 geläufige Bezeichnungen für Beirut, die die einzigartige Position, das Flair und die Bedeutung der libanesischen Hauptstadt umschrieben. Die Kriegshandlungen, verbunden mit starken Zerstörungen im zentralen Stadtbereich, führten jedoch dazu, daß Beirut in den folgenden eineinhalb Jahrzehnten fast alle wichtigen Funktionen verlor. Nach dem 1991 erfolgten Friedensschluß steht primär die architektonische Neugestaltung des Beirut Central District (BCD) um den Place des Martyrs im Mittelpunkt der Reaktivierungsmaßnahmen. Die vorbereitenden infrastrukturellen Maßnahmen werden zum großen Teil von der zu diesem Zweck gegründeten Aktiengesellschaft Solidere finanziert und organisiert. Die weitgehende Entfernung der ursprünglich im BCD vorhandenen Bausubstanz des 19. und 20. Jahrhunderts führten zu der für Archäologen einmaligen Situation, ein seit mehreren Jahrtausenden durchgängig besiedeltes Stadtgebiet großflächig untersuchen zu können. Zufallsfunde hatten bereits früher Hinweise auf Siedlungstätigkeit ab dem 7. Jahrtausend v. Chr. gegeben. Schriftliche Quellen belegen zudem Kontakte mit Ägypten und der vorderasiatischen Staatenwelt des 3.- 1. Jahrtausend v. Chr. Einen Höhepunkt der Siedlungsgeschichte bilden die knapp eintausend Jahre zwischen dem Beginn des Hellenismus und islamischer Eroberung (3. Jh. v. Chr. Mitte 7. Jh. n. Chr.). 1992 erfolgte daher ein internationaler Aufruf zur Teilnahme an Rettungsgrabungen unter der Schirmherrschaft der UNESCO, dem eine Reihe ausländischer Institutionen folgte. Nach Sondierungen vor Ort 1994 nahmen Archäologen der FU und der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (ALU) auf Einladung des libanesischen Antikendienstes im Sommer 1995 die Arbeiten in Beirut auf.

Die Ausgrabungen der FU/ALU-Kooperation, finanziell gefördert von Solidere und der Gerda Henkel Stiftung, konzentrierten sich auf ein ca. 1.500 Quadratmeter großes Gelände, das unter dem Namen Place Debbas in der Vorkriegszeit Teil eines Geschäfts- und Amüsierviertels in Hafennähe gewesen war. Ziel der Grabungsarbeiten war die Erfassung der gesamten Siedlungsabfolge in diesem südlich des ursprünglichen Stadtkerns gelegenen Bereichs.

Der Umfang des Grabungsbereichs und der begrenzte Arbeitszeitraum (2 Monate) erforderten den zeitweiligen Einsatz ungewöhnlicher "Werkzeuge". Zur Entfernung des Oberflächenschutts und zur Planierung des Geländes wurden Bagger, Raupen und LKWs eingesetzt, die etwa 4.500 Kubikmeter Erdaushub bewegten und entfernten. Mit Hilfe syrischer Arbeiter konnten dann die feinteiligen archäologischen Untersuchungen in traditioneller Weise durchgeführt werden.

Die Ergebnisse der FU/ALU-Grabungen belegen, daß das Gebiet des Place Debbas eine ungewöhnliche Siedlungsabfolge aufweist.


Große Komplexe entdeckt


Unterhalb einer spätosmanischen Schicht aus dem 19. Jahrhundert, die durch verschiedene in späteren Zeiten angelegte Kanalsysteme gestört war, fanden sich große Baukomplexe aus spätrömisch-frühbyzantinischer Zeit (3 . /4. 6. Jh. n. Chr.). Die Gebäude, aus Bruch- und Hausteinen errichtet und mit farbigem Gips verputzt, bestanden aus zentralem Hof mit Abwasserleitung und umliegenden kleineren Räumen, von denen einige aufgrund der Funde (u. a. ein Öllampenmodel, Schlackenreste und verschiedene Werkzeuge und Geräte) wohl als Werkstätten zu deuten sind. Die umfangreichen Keramik- und Glasfunde wurden vor Ort einer vorläufigen Klassifizierung unterzogen. Auffallend sind hier zahlreiche Amphorenfragmente. Erst die abschließende Auswertung dieser wichtigen Fundkomplexe wird jedoch zu einer feineren Einteilung führen können. Die Münzfunde belegen vor allem das 4. Jh. n. Chr. als wichtige Siedlungsphase.


4.500 Kubikmeter Erdaushub mußten entfernt werden, bevor mit den feinteiligen Untersuchungen in traditioneller Weise begonnnen werden konnte.


Neben diesen stratifizierten, d. h. schichtbestimmten Funden deuten zahlreiche Streuscherben römischer und hellenistischer Keramik (terra sigillata und Attic black glaze) auf ein unmittelbar benachbartes Siedlungsareal aus diesem Horizont, von dem am Place Debbas offenbar nur die Ausläufer zu fassen waren. In die römische Zeit dürften auch einige Bestattungen unterhalb der Hauptsiedlungsschicht gehören. Ihnen waren kleine Grabgefäße beigegeben.


Besiedlung schon zwischen 50.000 und 20.000 v. Chr.


Unerwartet war die Entdeckung zahlreicher spätpaläolithischer Steingeräte unterhalb der Bauschichten. Diese in den Zeitraum zwischen 50.000 und 20.000 v. Chr. zu datierenden Werkzeuge belegen die menschliche Nutzung des BCD-Gebietes bereits zu diesem Zeitpunkt. Entsprechende Funde traten im innerstädtischen Bereich Beiruts bisher nur an einer einzigen weiteren Stelle auf.

Generell läßt sich feststellen, daß durch die Arbeiten am Place Debbas eine unerwartet umfangreiche südliche Bebauung des spätrömisch-frühbyzantinischen Berytus nachgewiesen werden konnte. Ebenso wie in anderen Grabungsstellen in Beirut ließen sich jedoch auch hier keine Hinweise auf das große Erdbeben im 6. Jh. n. Chr., durch das weite Stadtgebiete vollständig zerstört wurden, finden. Die Absenz späterer Siedlungsperioden, d.h. das Fehlen islamischer Schichten, stimmt mit dem auch aus historischen Quellen bekannten Bedeutungsrückgang der Stadt seit dem Beginn der frühislamischen Zeit überein, die sich in einem stark reduzierten Siedlungsgebiet manifestiert.

Zur Klärung weiterer stratigraphisch-chronologischer Fragen, insbesondere auch der älteren Perioden, werden die Berliner und Freiburger Archäologen 1996 weitere Untersuchungen in Beirut durchführen.

Dr. Karin Bartl

Die Autorin ist Hochschulassistentin am Seminar für Vorderasiatische Altertumskunde der FU und leitet gemeinsam mit Prof. Dr. Marlies Heinz, Professorin für Vorderasiatische Altertumskunde am Orientalischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, die archäologischen Untersuchungen in Beirut.



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