Brief aus Jerewan



Wahrzeichen von Jerewan: Das Denkmal des Dawid von Sassun, Held des armenischen Nationalepos

Eine Taschenlampe würde ich in Armenien bitter nötig haben, warnten mich Freunde rechtzeitig vor Antritt einer Reise, die mich zu einem internationalen Kongreß nach Jerewan führen sollte. Denn seit fünf Jahren tappen die etwa 3,5 Millionen Einwohner Armeniens abends im Halbdunkel eine Folge der immer noch anhaltenden Transport- und Energieembargen Aserbaidschans. Mindestens eine halbe Million Armenier sind vor der Kälte, Dunkelheit und Arbeitslosigkeit geflüchtet, weitaus mehr ziehen zum Überwintern allherbstlich in beheiztere Regionen, vorzugsweise in die Rußländische Föderation.

Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Blockade haben die armenische Regierung bewogen, im Oktober 1995 das nach dem Erdbeben von 1988 abgeschaltete Atomkraftwerk Mezamor anzufahren. Fünf Jahre soll es aber noch dauern, bis das technisch veraltete, zudem auf einer tektonischen Falte gebaute Kraftwerk vom Greifswald-Typus wieder auf vollen Touren läuft. Inzwischen behilft sich die Bevölkerung mit Provisiorien: Propangas, Kerosinkocher, Petroleumlampen, Sparbirnen, Wasserspeicher und aus Trolleybussen ausrangierte Akkumulatoren bilden begehrte Handelsware.

Neidvoll registrierten georgische Kongreßteilnehmer die bessere Anpassung der Armenier an die Notlage. Denn auch in Georgien, das seine Erdgasschulden beim Lieferland Turkmenistan im Herbst 1994 nicht mehr bezahlen konnte, ist es inzwischen ungemütlich kalt geworden. Armenien, das die längste und härteste Erfahrung mit einem Energieboykott besitzt, vermeidet jedoch ängstlich das Wort Blockade, im Namen außenpolitischer Normalisierung seiner Beziehungen zu den Nachbarrepubliken Aserbaidschan und Georgien. Daß Privathaushalte noch immer nur geringfügig und zu völlig unvorhersagbaren Zeiten mit Strom versorgt werden, wird stattdessen als erzieherische Maßnahme gegen zahlungssäumige Endverbraucher hingestellt. Ausländische Besucher können für 30 bis 80 Dollar pro Nacht dieser Misere entrinnen: In den abgewohnten ehemaligen Intourist-Hotels beschränkt sich der Ausfall der Beleuchtung und Fahrstühle auf ein erträgliches Maß. Wasser gibt es dort immer, Heizung allerdings nie.


Von Dr. Tessa Hofmann, aus Jerewan/Armenien zurück


Seit dem Perestrojka-Jahr 1988 brachen ethnische Konflikte an den schon früher erkennbaren Bruchlinien der sowjetischen Verwaltungshierarchie aus. Proportional zum Unabhängigkeitsbestreben der südlichen Sowjetrepubliken versuchten die ihnen untergeordneten Autonomen Republiken und Gebiete, ihren politischen und wirtschaftlichen Status durch Loslösung aufzubessern und eine Revision der stalinschen Landkarte des Transkaukasus und Kaukasus zu erreichen. Berg-Karabach (armenisch: Arzach), Südossetien und Abchasien bilden seither zwar de facto eigenständige Ministaaten, eine dauerhafte politische Lösung wurde aber an keinem der drei "Brennpunkte" gefunden. Die völkerrechtlichen Grundsätze des nationalen Selbstbestimmungsrechts und der staatlichen Integrität prallen hier nach wie vor unvereinbar aufeinander, ebenso wie die unterschiedliche Ausrichtung an potentiellen oder faktischen Hegemonialmächten: Während sich die "nicht anerkannten" Kleinstrepubliken eher an Rußland orientieren, hoffen die "anerkannten" Republiken Armenien, Georgien und Aserbaidschan auf westliche Anbindung, wobei unter "Westen" nicht nur die USA und die Europäische Gemeinschaft, sondern auch die Türkei zu verstehen ist, Rußlands traditionelle Konkurrentin in dieser Region.

Jeder der genannten Konflikte ging mit kriegerischen Handlungen, Massenvertreibungen, Blockaden sowie krassesten Menschenrechtsverletzungen einher, im östlichen Transkaukasus zudem mit der Verschleppung von Tausenden Zivilisten aller Altersgruppen durch Angehörige der jeweils gegnerischen Bevölkerungsgruppe. Um sich armenische Geiseln zu verschaffen, entführten Aserbaidschaner 1993 und 1994 Dutzende Armenier georgischer und anderer Staatsbürgerschaft aus Zügen, Flughäfen und in einem Fall aus einer psychiatrischen Anstalt in Saratow. Hunderte verschleppter Armenier wurden in aserbaidschanischen Gefängnissen oder Lagern Opfer entwürdigender Behandlung und Folter.

In warme Kleidung eingemummelt, versammelten sich vom 24. bis 26. Oktober 1995 an die 75 Menschen in einem jahrelang unbeheizten Jerewaner Hotel, um Möglichkeiten der psycho-medizinischen Rehabilitation von "Überlebenden von Folter und organisierter Gewalt" zu erörtern so die neutral formulierte Umschreibung des Phänomens ethnisch motivierter Geiselnahme und Verschleppung. Viele der Teilnehmer besaßen persönliche Erfahrungen mit "ethnischen Säuberungen" und Gewalt. Ehrengast der Organisatoren, des offiziell nicht-staatlichen armenischen "Fonds gegen Rechtsverletzung" war denn auch der in Kopenhagen gegründete "Internationale Rat zur Rehabilitation von Folteropfern", der in Jerewan ein neues Behandlungszentrum einrichten wird. Bereits jetzt werden in Armenien Opfer des Abchasien-Konflikts behandelt, ungeachtet ihrer Nationalität und gemeinsam betreut von Hilfsorganisationen aus Abchasien und Georgien. Während sich die Praktiker der Rehabilitation Mediziner, Psychologen, internationale Hilfswerke relativ pragmatisch verständigen konnten, fiel es der Arbeitsgruppe der Juristen und "Menschenrechtler" schwerer, zu konkreten Ergebnissen zu gelangen. Denn hier ging es um die "konfliktologische" Deutung der Gewaltursachen und im Idealfall um ihre künftige Prävention. Die Opfer von Blockaden, also Abchasien, Südossetien, Berg-Karabach und Armenien, waren sich einig über die Notwendigkeit internationaler Ächtung von Blockademaßnahmen als völkerrechtswidrig. Angehörige einstiger autonomer Gebiete und Republiken votierten für ein internationales "Recht kleiner Völker", deren Schutz nicht nur im Transkaukasus schmerzlich vermißt wird. Hochgradig konfliktträchtig war dagegen das Thema der Rückkehr bzw. Rückführung von Flüchtlingen, angefangen von den Statistiken bis hin zu Fragen der Durchführung. Die Republiken Aserbaidschan und Georgien gehen von bis zu einhundert Prozent höheren Flüchtlingszahlen aus als, unter Berufung auf sowjetische Bevölkerungserhebungen, Abchasien und Berg-Karabach, die zudem fürchten, daß mit Unterstützung der OSZE oder der Vereinten Nationen, Georgien bzw. Aserbaidschan weit mehr "Flüchtlinge" der jeweiligen Staatsvölker in die Konfliktgebiete "zurückführen" könnten, als dort je gelebt haben.

Meine Aufgabe, die von wechselseitigem Mißtrauen, Ängsten und Verbitterung geprägten Konfliktparteien zu einem gemeinsamen Arbeitsergebnis zu bringen, wäre noch schwieriger verlaufen, wären auch die geladenen Vertreter Aserbaidschans und Inguschetiens nach Jerewan gereist. Aber die aserbaidschanischen Gäste Vertreter der oppositionellen aserbaidschanischen Sozialdemokratie, des "Komitees für Frauenrechte Aserbaidschans" sowie des Helsinki-Komitees hatten sich mit einer Reise nach "Jugoslawien" entschuldigt. Inoffiziell war zu erfahren, daß sie im Falle einer Armenien-Reise mit Racheakten im eigenen Land hätten rechnen müssen.


Ehrentafel für gefallene Studenten an der Universität von Berg-Karabach


Nach Kongreßabschluß bot sich die Möglichkeit, einen der vielzitierten "Brennpunkte", die unter Kriegsrecht regierte Republik Berg-Karabach, zu besuchen. Die letzten 85 Kilometer der Fahrt, von der einstigen aserbaidschanischen Grenze bis zur Karabach-Kapitale Stepanakert, verdeutlichten drastisch, wie sehr Straßenbau ein Bestandteil sowjetischer Nationalitätenpolitik war. Derartig mutwillig vernachlässigte Straßen, so unser Fahrer, finde man im Transkaukasus sonst nur noch in Dschawachk (georgisch: Dschawacheti), einer überwiegend von Armeniern bevölkerten Grenzregion Georgiens.

In Stepanakert, jetzt von etwa 50.000 Menschen bewohnt, erinnern fast nur noch grüne Kreuze auf Fensterscheiben an den Krieg, der hier vom Dezember 1991 bis Mitte Mai 1994 tobte. Besonders tief haben sich der Bevölkerung die Luftangriffe des Jahres 1992 und der Beschuß Stepanakerts von höher gelegenen aserbaidschanischen Ortschaften ins Gedächtnis gegraben. Die materiellen Spuren hat man erstaunlich schnell und energisch getilgt: Fast sämtliche Ruinen sind abgetragen, neues Fensterglas ersetzt die provisorischen Plastikverkleidungen. Doch der überfüllte "Märtyrerfriedhof" am Stadtrand macht deutlich, daß Berg-Karabach fast eine ganze Generation junger Männer für seine Unabhängigkeit von Aserbaidschan opfern mußte. In der Eingangshalle der Universität ersetzt eine Wand mit den schwarzgerahmten Fotos gefallener Studenten die einstige sowjetische "Ehrentafel". 80 Studenten, so der Universitätsdirektor Lewon Episkoposjan, sind gefallen.

Obwohl jetzt, im Jahr des Waffenstillstands, auch wieder einige junge Männer die Universität bezogen haben, ist sie doch weitgehend eine "Frauenuniversität" geblieben. Und sie ist jung. Zur Sowjetzeit durfte Stepanakert keine eigene Universität besitzen (im übrigen auch keine einzige Kirche, kein Theater, keine Fernseh- und Rundfunkanstalt). Hochschulbildung verschafften sich Karabacher Armenier in Moskau oder Jerewan, im näheren Baku blieben sie meist chancenlos. 1992, mit der de-facto Unabhängigkeit, wurde die einstige Pädagogische Hochschule Stepanakerts zur Universität erhoben, mit derzeit 1896 Studenten und 15 Fachrichtungen, von denen jedoch die medizinische Fakultät nach Jerewan ausgelagert ist. Mangel herrscht an allem. Den Wirtschaftswissenschaften fehlt es an Lehrkräften, den übrigen "Fakultäten" zumindest an Büchern, wissenschaftlichen Kontakten und Weiterqualifikation des Lehrkörpers.

So kommt Lewon Episkoposjan auch schnell zur Sache: Ob nicht die Freie Universität Berlin helfen könne? Mit deutschsprachigen Lehrbüchern für die Germanisten, mit Nachschlagewerken oder Deutschlehrern, die für ein bis zwei Monate in Stepanakert unterrichten? Mit Praktika für Stepanakerter Germanistik-Lehrkräfte? Mit Archäologen und Kunsthistorikern, die in Karabach uneingeschränkt graben dürften?

Ehe ich mich versehe, finde ich mich in einem der ungeheizten Lehrsäle wieder. Diese jungen Frauen haben, im Unterschied zu Anglisten, noch nie einen "native speaker" des Deutschen getroffen. Während sich in Jerewan eine gut ausgestattete amerikanische Privatuniversität (500 Studenten der Wirtschaftswissenschaften) im ehemaligen Gebäude des Obersten Sowjet etabliert hat und nichtstaatliche armenische Organisationen um Unterstützung aus dem TACIS-Programm der Europäischen Gemeinschaft wetteifern, geht Stapanakert fast leer aus, denn bis hierher verirren sich die überseeischen und westeuropäischen Hoffnungsträger nur selten. Und nachdem die Germanistik-Studentinnen ihre Sprachhemmungen überwunden haben, benutzen sie in ihren Fragen das Futurum: Was wird mit uns, unserer Ausbildung, unserer beruflichen Zukunft, unserem Land?

Wer kann helfen oder hat Ideen zur Hilfe? Bitte wenden an: Dr. Tessa Hofmann, Tel.: 030/851 64 09 (privat) oder 030/838 42 08 (dienstl.), Mainauer Str. 9, II, 12161 Berlin, Fax: 030/851 79 74


Dr. Tessa Hofmann ist Wissenschaftliche Angestellte am Osteuropa-Institut und Leiterin des Dokumentationszentrums und der Koordinationsgruppe Armenien (Gesellschaft für bedrohte Völker). Sie hat mehrere Bücher zur armenischen Geschichte und Kultur veröffentlicht.


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