Der Ort der Theologie im Haus der Wissenschaften

Theologie nach Auschwitz


Der Verzicht auf eine theologische Fakultät gehört im Vergleich zur deutschen Universitätstradition zu den Besonderheiten der Freien Universität Berlin. Für das Ansehen der FU bedeutete dieser Mangel bis in die 60er Jahre hinei n ein schweres Handicap, ließ er doch Zweifel an der Universalität der hier geleisteten Erkenntnisbemühung gerade auch im Vergleich zur Konkurrenz Unter den Linden aufkommen. Die FU hat jedoch aus der anfänglich empfundenen Not sehr b ald eine Tugend gemacht und nach neuen Modellen der Verankerung religionswissenschaftlicher und theologischer Forschung und Lehre gesucht.

In Anlehnung an amerikanische Vorbilder wurden neben der säkularen Religionswissenschaft konfessionell gebundene theologische Lehrstühle in der Philosophischen Fakultät eingerichtet. Eine Lösung, die in mehrfacher Hinsicht modellhaf t war: Theologische Forschung und Lehre sollte hier, angesichts der Mitverantwortung der Wissenschaften für den Nationalsozialismus, an der Aufarbeitung dieser Unheilsgeschichte im Rahmen des Reflexionszusammenhangs der Philosophischen Fakultät mitarbeiten. Einer "freien" Universität entsprechend wurden Evangelische und Katholische Theologie als "kleine Fächer" mit konkurrierenden religionswissenschaftlichen Ansätzen konfrontiert und durch die Fächer Judaistik und Islamwissen schaften ergänzt. Anstelle einer monolithischen Theologischen Fakultät entstand so ein Konzert religionswissenschaftlicher Fächer, das in Deutschland seinesgleichen sucht. "Multi-kulturalität" wurde hier - lange bevor dies ein Schlagwo rt wurde - in Forschung und Lehre praktiziert.

Nicht jeder Fakultätstheologe schien für die Aufgabe geeignet, Evangelische Theologie im Kontext der Philosophischen Fakultät zu lehren. Auswärtige Gutachter verlangten, der hier zu berufende Theologe dürfe sich "nicht im engen Sinn in die Theologie verkapseln", sondern müsse "die Sache der Theologie im weiteren Horizont der Wissenschaften überhaupt und der allgemeinen Probleme der gegenwärtigen Wirklichkeit durchdenken und vertreten". Damit sei dann auch der "ih m zufallenden speziellen Aufgabe der Ausbildung von Religionslehrern ... am besten gedient". Von einem theologischen "Systematiker" wurde dabei nicht primär die "Beteiligung an den rein innertheologischen Diskussionen" erwartet, sondern ein "Bewegtse in von den seitens der Philosophie und des modernen Denkens erwachsenden Problemen" und der "Mut, in der systematischen Theologie neue Wege zu beschreiten". Im übrigen müsse die Systematik-Professur sobald wie möglich durch eine Professur f ür Historische Theologie ergänzt werden.

Der dann berufene Helmut Gollwitzer, ein Vertreter des radikalen Flügels der Bekennenden Kirche, entsprach in hervorragender Weise den Anforderungen, die hier an die Theologie gestellt wurden. In seiner Antrittsvorlesung im November 1957 bestimmt e er den Ort der "Theologie im Hause der Wissenschaften" in "Solidarität" mit der "hier zu leistenden Arbeit an der Bestimmung dessen, was Wissenschaft ist". Die Sorge seines Lehrers Karl Barth, er werde "im Rahmen jener so ausgesprochen ïwestlichenÍ Universität" seine Unabhängigkeit einbüßen, wurde von Gollwitzer eindrucksvoll widerlegt: Bedeutsam über die Geschichte der FU hinaus wurde etwa sein Festvortrag im Audimax der FU zum 10. Jahrestag der Staatsgründung Israel s im Frühjahr 1958. Es war eine öffentliche Demonstration der Solidarität mit dem Judenstaat, dem die Adenauer-Regierung die diplomatische Anerkennung verweigerte. 1961 gehörte Gollwitzer zu den Gründern der heute von seinem Nachf olger Friedrich-Wilhelm Marquardt geleiteten Arbeitsgemeinschaft "Juden und Christen" beim Deutschen Evangelischen Kirchentag.

Die Entwicklung einer "Theologie nach Auschwitz" steht bis heute im Zentrum der Institutsarbeit; zu erwähnen wäre hier insbesondere Marquardts mehrbän-diger Entwurf einer Dogmatik im christlich-jüdischen Verhältnis, aber auch e ine Reihe bedeutsamer Dissertationen. Daneben findet auch die am Institut geleistete Auseinandersetzung mit Leben und Werk des von den Nazis ermordeten Dietrich Bonhoeffer größte internationale Beachtung. Hingegen ist der Schwerpunkt "Feministi sche Theologie" den jüngsten Stellenstreichungen bereits weitgehend zum Opfer gefallen.

Wie für die FU insgesamt, so wurde die Studentenbewegung auch für das Institut für Evangelische Theologie zur prägenden Erfahrung. Gollwitzer zählte zu den wenigen Hochschullehrern, die den Revoltierenden mit Sympathie begegnet en. Dies mußte zum Konflikt mit der Kirchlichen Hochschule (KiHo) führen, deren Professoren sich in ihre "feste Burg" verkapselten und ihre protestierenden Studenten in Scharen zur FU abwandern ließen. Mit der heute kaum mehr bestrittenen These, daß zwischen "Theologie und Sozialismus" bei Karl Barth ein Entsprechungsverhältnis bestanden habe, stieß Gollwitzers damaliger Assistent Marquardt bei den Kollegen von der KiHo in der politisch aufgeheizten Atmosphäre jener Jahre auf Widerspruch. Für Gollwitzer Anlaß, 1971 seinen Lehrauftrag an der KiHo niederzulegen.

Zum 30jährigen Gründungsjubiläum der FU 1978 schrieb Gollwitzer jedoch auch seiner Universität die kritisch-skeptische Frage ins Stammbuch, ob sie noch "eine wirklich freie Universität" sei.

Heute ist die weitere Mitwirkung der Evangelischen Theologie im religionswissenschaftlichen Konzert jedoch gefährdet: Der Akademische Senat beschloß die Reduktion des Faches auf eine symbolische "Repräsentanz" von einer Professur (statt bisher vier) - ein Rückfall hinter die Anfänge des Instituts, der an die Substanz geht. Die Einstellung der Lehramtsstudiengänge stellt das Selbstverständnis des Faches als ein auf kirchliche Praxis bezogenes in Frage. Schlüssige Konzepte für die Aufgaben eines solchen Miniatur-Instituts konnten bisher von keiner Seite vorgelegt werden. Strukturelle Überlegungen, wie sie etwa von der Kommission für Entwicklungsplanung (EPK) angestellt wurden, spielten bei der aussc hließlich von finanziellen Erwägungen diktierten Beschlußfassung keine Rolle. Werden die Pläne verwirklicht, dann bliebe das kleinste theologische Institut und das einzige ohne definierten Auftrag im deutschen Sprachgebiet übrig - ein Exotikum ("weniger als ein Feigenblatt"), dessen Lebensfähigkeit sich erst noch erweisen müßte. Es fällt schwer, diese Beschlußlage mit der andererseits von allen Seiten beteuerten "Wertschätzung" für die Arbeit des Instituts in Einklang zu bringen.

Andreas Pangritz


Andreas Pangritz ist zur Zeit Gastprofessor für Systematische Evangelische Theologie an der Freien Universität berlin. Thema seiner Dissertation waren die Gefängnisschriften des Berliner Theologen Dietrich Bonhoeffer, der wegen sei ner Beteiligung am politischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus ermordet wurde


Ihre Meinung:

[vorherige [Inhalt] [nächste


Zurück zur -Startseite