Katastrophe oder Chance?

Das Gesetz zur Neuordnung der Universitätsmedizin (UniMedG) hat die FU-Medizin erheblich dezimiert: Das UKRV geht am 1. April zur Humboldt-Universität, und die FU-Vorklinik wird auf ein Drittel reduziert.


Dies ist ein katastrophaler Substanzverlust für die FU. Denn das Universitätsklinikum Rudolf Virchow (UKRV) war immer schon das spektakulärere der FU-Klinika - deutlich größer nach Stellen- und Finanzausstattung, vielfach mächtiger nach Publizität und Prätention und nach Abschluß der Bauarbeiten im Wedding das modernste Klinikum Europas. Das zukünftige HU-Großklinikum, in das die Charité den Nimbus der Tradition und das UKRV moderne Bausubstanz und Ausstattung einbringt, könnte zum "Schlachtschiff" der Berliner Hochschulmedizin werden. Der FU bleiben Einrichtungen, die nicht weiter dezimiert werden können, ohne an die Existenzgrenze zu geraten. Selbst wenn Pharmakologie, Toxikologie und die Klinik für Psychiatrie aus dem UKRV der FU erhalten bleiben, so fehlen dem neu zu bildenden FU-Fachbereich Humanmedizin manche Disziplinen gänzlich oder sind erheblich kleiner und weniger differenziert als in dem zukünftigen HU-Großklinikum. Daher müssen weitere Einsparungen auf die HU konzentriert werden, in der jetzt die abzubauenden Doppelangebote bestehen werden. Die personelle Ausstattung des Universitätsklinikums Benjamin Franklin (UKBF) ist ohnehin geringer als die von UKRV und Charité, so daß die Forderung nach gleichartigen Arbeitsbedingungen in FU- und HU-Medizin zu einer Verbesserung der Finanzierung des UKBF führen müßte. Damit ist kaum zu rechnen. Dennoch: Mit der Entscheidung für die "Elefantenhochzeit" hat die Politik - unausgesprochen - eine besondere Verpflichtung gegenüber der FU-Medizin übernommen.

FU-Medizin zweitklassig?

Das quantitative Ungleichgewicht zwischen den Medizinbereichen der beiden Universitäten ist ein gravierender Geburtsfehler der Neuordnung. Da fachliche Ergänzungen und wichtige Sanierungen im Steglitzer Klinikumsgebäude kaum zu finanzieren sind, der Mangel an Forschungsflächen nicht behoben wird, die Dezimierung der wissenschaftlichen Substanz in den Grundlagendisziplinen neue Entwicklungen kaum zuläßt, scheint die Entwicklung insgesamt zweifelhaft. Das quantitative Ungleichgewicht könnte zu einem qualitativen werden. Eine möglicherweise zweitklassige FU-Medizin aber wäre riskant, auch angesichts der bundesweiten Debatte um die Hochschulmedizin. So haben sich Kultusministerkonferenz und Wissenschaftsrat mit Überlegungen zu Worte gemeldet, in denen Schließungen einzelner Universitätsklinika (Fachjargon: "Entwidmung") nicht mehr ausgeschlossen werden. Die Hochschulmedizin steht bundesweit im Fadenkreuz der Gesundheits- wie auch der Finanzpolitik. In Berlin hätte man sie zum Zwecke struktureller Einsparungen insgesamt aus den Universitäten ausgliedern und in einer Medizinischen Hochschule zusammenführen können. Die Politik hat das nicht gewollt. Daher muß die FU jetzt ihren Medizinbereich so gestalten, daß eine weitergehende Dezimierung vermieden wird. Sonst geriete die FU insgesamt in die Gefahr noch größerer Substanzverluste, z.B. auch in den Naturwissenschaften.

Aus der Katastrophe kann eine Chance für die FU-Medizin werden, wenn diese mit dem Ziel eines neuen Leistungsniveaus und in engem Verbund mit den nicht-medizinischen Bereichen gestaltet wird. Denn die Zukunft der FU-Medizin ist nicht nur finster: Während viele Kräfte in UKRV und Charité durch innere Machtkämpfe gebunden sein werden, wird sich die FU auf Substanzgewinnung konzentrieren können. Wenn die verbliebenen Ressourcen konsequent genutzt, Ziele klug geplant, die dafür angemessenen Strukturen errichtet und so die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit derart gefördert werden kann, daß dies auch der Lehre und der Krankenversorgung zugute kommt, kann die FU-Medizin erstklassig werden und auf politischer Ebene Priorität bei Ausstattungsentscheidungen beanspruchen.

Die "Nabelschnur" zur Universität wird dünner

Der Vergleich zeigt das UKBF bereits jetzt trotz geringerer Staatszuschüsse und schwächerer Personalausstattung als das gegenüber dem UKRV nach DFG-Einwerbung ("input") und Impact-Faktoren ("output") in der Forschung leistungsstärkere. Und die Grundlagenmedizin hat durch ihre Lehre und die gewachsene Kooperation in der Forschung Profil bewiesen und wird durch Toxikologie und Pharmakologie deutlich gestärkt. Der Kern einer neuen Entwicklung ist also vorhanden. Bei der Neugestaltung ist die Stellung der Medizin innerhalb der FU insgesamt zu bedenken. Gesetze und FU-interne Entscheidungen führten in letzter Zeit zunehmend dazu, Einrichtungen (z.B. Zahnklinik) und Zuständigkeiten (z.B. für Lehrkrankenhäuser) in die Klinika zu geben und deren Eigenständigkeit noch zu vergrößern. Jetzt wird diese Separation verstärkt: Sämtliche Einrichtungen des Fachbereichs Grundlagenmedizin werden aus der zentralen Universitätsverwaltung ausgegliedert. Der neue Fachbereich Humanmedizin wird so mindestens haushaltstechnisch von der Uni weitestgehend getrennt. Die "Nabelschnur" zur Universität wird dünner. Soll die neue FU-Medizin mit über 100 Professuren fast eine kleine Hochschule innerhalb der FU werden oder sollte ihre Einbindung eher verstärkt werden? Für die FU-Medizin ist die Zusammenführung der theoretischen und klinischen Disziplinen eine neue und schwierige Aufgabe, weil sie seit den 70er Jahren in viele (zeitweise bis zu sieben!) Fachbereiche zergliedert worden war und sich daher ihrer übergreifenden Aufgabenstellungen vielfach nicht mehr bewußt ist. Auch hier müssen neue Traditionen entwickelt werden.

Das alte Selbstverständnis des UKBF muß ebenso wie das der Grundlagenmedizin zugunsten des neuen Bereichs erweitert, das Denken in den Kategorien des Krankenhauses durch die "corporate identity" eines Fakultäts-Verbundes ersetzt werden. Die Wirtschaftsführung muß sich an den gemeinsamen Zielen von Forschung, Lehre und Krankenversorgung orientieren. Gelingt dies, so wird sich auch der strukturelle Interessenskonflikt zwischen Klinikumsvorstand (für das Krankenhauswesen zuständig) und Fachbereichsrat (für Forschung und Lehre zuständig) auflösen lassen. Die Kompetenzen des Fachbereichs werden durch die Regelungen des UniMedG zur Wirtschaftsführung erweitert. Er sollte dies für leistungsorientierte Ausstattungsentscheidungen nutzen. Dafür müssen die Bemessungskriterien - u.U. durch Außenbegutachtung - geschärft werden. Kriterien von "Leistung und Belastung" sollten noch mehr Gewicht gewinnen - bis an den Sockel der gesetzlich garantierten Mindestausstattung. Denn der Staatszuschuß wird in den nächsten Jahren eher schrumpfen als wachsen. Nur wenn die Grundausstattung verfügbar gemacht werden kann, könnte dem demnächst auslaufenden Sonderforschungsbereich (SFB) 174 ein Neuantrag folgen oder ein Graduiertenkolleg in Ergänzung zum neuen SFB 366 entstehen. Wichtige Berufungen - Immunologie, Virologie u.a. - müssen in diesen Planungszusammenhang gestellt werden. Die Vielfalt der Medizin - von der Molekularbiologie bis zur Medizingeschichte - macht ein differenziertes Instrumentarium der Leistungsbewertung nötig. Der "output" muß mehr als der "input" gewertet werden und - wo immer möglich - die Qualität mehr als die Quantität.

Ein gravierender Engpaß im UKBF besteht bei den Forschungsflächen: Die Streichung der geplanten Forschungscontainer ist ein politischer Skandal auch angesichts der wiederholten Forderungen des Wissenschaftsrats und forschungspolitisch unklug: Kliniknahe Forschung ist für klinische Forschung unverzichtbar. Aus guten Gründen wurde bei der Planung des Steglitzer Klinikums die Integration von Forschungslabors und Krankenstationen, von theoretischen Instituten und Kliniken in einem Baukörper vorgesehen. Nähe ist immer noch eine der wichtigsten Voraussetzungen für wissenschaftliche Zusammenarbeit. Innovation in zukunftsträchtigen Forschungsfeldern ist gerade in Zeiten schrumpfender Haushalte und schwieriger Umstrukturierungen nötig. Zusammenarbeit mit den medizin-nahen Fächern der FU-Naturwissenschaften ist daher eine wichtige Planungsaufgabe. In den neuen Feldern z.B. der "Molekularen Medizin" sind solche Kooperationsansätze auch mit außeruniversitären Einrichtungen vielversprechend.

Ein anderes Profil als die HU-Medizin entwickeln

Neue Kooperationen führen auch zu neuen Inhalten und Methoden von Ausbildung und Lehre. Das Selbstverständnis des neuen Fachbereichs Humanmedizin mit wissenschaftlichen Schwerpunkten um die vorhandenen SFBs sowie einer engen Zusammenarbeit mit den Naturwissenschaften legt es nahe, sich in besonderer Weise um eine an den wissenschaftlichen Grundlagen der Medizin orientierte Lehre zu kümmern. Es muß nicht schaden, wenn die FU-Medizin in dieser Hinsicht ein anderes Profil als die HU-Medizin entwickelt. Die Promotionsordnung für Naturwissenschaftler in der Medizin könnte hier wegweisend werden. Die geistes und gesellschaftswissenschaftlichen Bezüge der Medizin sollen in dem Universitäts-übergreifenden Zentrum für "Human und Gesundheitswissenschaften" verdeutlicht werden. In einer in größerem Rahmen kooperierenden Hochschulmedizin in Berlin wäre das Zentrum ein Zeichen der Gemeinsamkeit gewesen. Ob eine nach dem UniMedG gestaltete Berliner Medizinlandschaft sich zu solcher Gemeinsamkeit zusammenfinden kann, wird sich erweisen müssen. Die FU-Medizin wird mindestens zunächst auf ihr eigenes Profil bedacht sein müssen. Die Neugestaltung erfordert große Anstrengungen, aber sie ist nicht unlösbar. Für die inhaltliche Profilierung wären zwei parallele Wege nützlich: Die innere Korsettierung durch eine fachbereichseigene Strategiekommission und die äußere Unterstützung durch einen "Wissenschaftlichen Beirat" von Experten anderer, auch ausländischer Universitäten. Die Zukunft der FU-Medizin wird aber vor allem von dem Ausmaß an Konsens und persönlichem Engagement aller Beteiligten abhängen. Sie wird auf die Bereitschaft von FU-Leitung und zentralen Gremien angewiesen sein, den neuen Fachbereich bei seiner Aufgabe von Identitätsentwicklung und Profilierung zu unterstützen.

Prof. Dr. Peter Gaehtgens


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