Am Strand
Eine Annäherung an geographische Fragestellungen und Definitionen

Was gibt eigentlich den Anlass, sich mit der Beschaffenheit der Oberfläche unseres Planeten in Form einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin auseinander zu setzen - und vor allem: Warum kann dabei die Beschränkung auf die Geographie der durch Menschen hervorgebrachten Strukturen und Prozesse interessant oder gar spannend sein?
Erste Antworten auf diese Fragen versucht dieses einleitende Kapitel zu skizzieren.

Die Erde war ursprünglich, d.h. vor etwa 4,5 Mrd. Jahren, geschmolzenes Magma; dann kühlte sie allmählich ab und entwickelte eine feste Kruste mit Spalten, aus denen dann Lava und gefangene Gase an die Oberfläche drangen und die erste primitive Athmosphäre bildeten. Darin kondensierte Wasserdampf, stieg auf und fiel als Regen nieder, der schließlich tiefer gelegene Bereiche der jungen Erdoberfläche mit Ozeanen bedeckte. Das Temperaturniveau, das die Entstehung von Ozeanen ermöglichte, war nach neueren Daten vor etwa 4,4 Mrd. Jahren erreicht.
Vor rund 3,5 Mrd. Jahren bildeten sich in den Ozeanen erste primitive Lebensformen (Bakterien und Blaualgen), die sich im Laufe von vielen Millionen Jahren allmählich zur rezenten Vielfalt an Lebensformen entwickelte. Die jeweiligen Lebensformen hinterließen in m.o.w ausgeprägter Weise Spuren auf der Erdoberfläche. Eine drastische Veränderung ergab sich z.B. mit der "Erfindung" der Photosynthese und der Freisetzung von Sauerstoffmolekülen in den Ozeanen und der Athmosphäre; eine weitere mit der Besiedlung des festen Landes.
Doch nicht nur geologische, klimatische und biologische Prozesse hinterließen Spuren auf der Erde - dem von der Sonne aus gesehen dritten Planeten unseres Systems - auch kosmische Ereignisse haben wohl mehr als einmal das Gesicht unseres Planeten deutlich verändert. Vor rund 65 Mio. Jahren trat eine dieser Massenkatastrophen ein, die fast alle der bis dahin vorherrschenden tierischen Lebensformen der Saurier ausrottete. Kleinere Wesen, die die vorübergehenden katastrophalen Veränderungen der Lebensbedingungen überlebten, wuchsen schließlich in die Epoche der Säugetiere herein, in der auch wir Menschen leben.
Die Menschen sind also - absolut gesehen - Neuankömmlinge; unsere Vorfahren sind erst seit wenigen Mio. Jahren vorhanden und auch wenn wir immer mehr Fossilfunde haben, die die Entwicklung des Menschen belegen, so sind doch erst für die letzten 50.000 Jahre Belege für die Lebensweise dieser zunächst vollständig behaarten Zweibeiner bekannt - gewissermaßen nur ein kosmischer Wimpernschlag - aus der menschlichen Wahrnehmung heraus eine Ewigkeit.
In dieser kurzen - bezogen auf die Entwicklung von immer ausgefeilterer Technik noch viel viel kürzeren - Entwicklungsperiode der Erde, haben die Menschen immer deutlichere, teilweise vorher nie da gewesene Spuren auf der Oberfläche und auch im oberen Bereich der Erdkruste hinterlassen. Einem Teil dieser Spuren und mancher Regelhaftigkeit ihrer Entstehung widmete sich dieses Skript, das nun inhaltlich größtenteils in das Wikipedia-Projekt verlagert wurde.


(Ein Meeresstrand) Der folgende Teil der Einleitung entstand in enger Anlehnung an den Prolog in Peter Haggetts Lehrbuch "Geographie - Eine moderne Synthese".

Abb.1, Quelle: Internet...

Die Beobachtung

Was hat ein Foto von badenden Menschen an einem Meeresstrand mit Geographie zu tun? Es erscheint doch zumindest fraglich, hier einen guten Ansatz für die Beschäftigung mit der Geographie der Menschen finden zu können? Nun, allein eine wirklich präzise Beschreibung der Strandszenerie liefert tatsächlich eine Fülle von Anhaltspunkten für geographische Fragestellungen:

  1. Was ist wo?
  2. Welche Elemente sind statisch, welche dynamisch?
  3. Wie läßt sich der "Raum Meeresstrand" definieren?
  4. Wie kann man einen Standort auf dem Strand bestimmen?
  5. Was ist der Unterschied zwischen Standort und Ort (z.B. der Aufnahme)?
  6. Wie läßt sich der betrachtete Raum gliedern, welche räumlichen Muster lassen sich erkennen?
  7. Welche Prozesse tragen zum Entstehen der räumlichen Muster bei?
  8. Wie entwickeln sich räumliche Muster im Zeitverlauf?
  9. Wie lassen sich die Prozesse erklären, die zur Entstehung der beobachteten Strukturen geführt haben?
    und schließlich
  10. Was läßt sich an allgemeingültigen Erkenntnissen daraus ableiten?

In einem ersten Schritt müßte man fragen, wie eigentlich der Strand individuell wahrgenommen wird und wie im Unterschied dazu eine "wissenschaftliche" Wahrnehmung des Strandes aussehen könnte. Nach der Wahrnehmung selbst folgt eine erste Analyse des Wahrgenommenen.
Sowohl die Eigenschaften dieses Strandes sind nicht unveränderlich, wie auch die Nutzer des Strandes weder gleichmäßig, noch dauerhaft über die Fläche verteilt sind. Weitere Erkenntnisse über die Eigenschaften dieses Standortes kämen hinzu, wenn der Strand über einen längeren Zeitraum von einem erhöhten Standpunkt aus beobachtet würde. Sie können sich einen Zeitablauf an einem Meeresstrand in Form eines kleinen Videos anschauen: MPEG (MPEG I, universell, 193 kb)

Die folgenden Kartenskizzen (Abb. 2 bis 5) verdeutlichen ebenfalls die interessierenden Prozesse:


Abb. 2

Abb. 3
Man erkennt Veränderungen in der Dichte der "Strandbevölkerung" (Strandgäste je Flächeneinheit) und in ihrer räumlichen Verteilung. Beide Veränderungsvorgänge haben offensichtlich etwas mit der Tageszeit und den unterschiedlichen Eigenschaften an verschiedenen Standorten der betrachteten Region "Strand" zu tun.
Die Verteilung der Strandnutzer und die Veränderungen der Nutzung im Tagesverlauf sind aus der Vogelperspektive und in der dargestellten, vereinfachten Form gut zu erkennen.
Wie aber kann man die räumliche Verteilung der Strandbevölkerung und die Veränderung am besten messen und darstellen?

Abb. 4

Abb. 5

Es gibt verschiedene Möglichkeiten zur Messung eines Merkmals in der Fläche, von denen die Verwendung eines Zählrasters häufig die günstigste darstellt, obwohl sie bei einer überschaubaren Anzahl von Raumeinheiten und einer derart kleinen Grundgesamtheit (d.h. Gesamtzahl der zu betrachtenden Untersuchungsobjekte) sicherlich entbehrlich wäre.

Abb. 6

Abb. 7

Nachdem ein Zählraster (Abb. 6) über die zu untersuchende Region gelegt ist (z.B. ein Gitternetz mit einer Kantenlänge von 10 m), kann man in einem ersten Schritt die Anzahl der in jeder Zähleinheit vorhandenen Personen erfassen (Abb. 7). Bei einer geringen Zahl von Zähleinheiten (wie im vorliegenden Fall), lassen sich die Ergebnisse dieser Bevölkerungsdichtemessung noch gut überblicken. Bei einer steigenden Zahl von Untersuchungseinheiten ist es jedoch erforderlich, die gewonnene Information weiter aufzubereiten. Hier soll eine Darstellung in Form einer
Choroplethenkarte (griech. choros=Raum, plethos=Dichte, Menge) verwendet werden - eine in der Geographie häufig eingesetzte Form der thematischen Karte. Dazu werden die Zählergebnisse zunächst klassifiziert, anschließend die Zähleinheiten den Klassen zugeordnet und schließlich die Klassenzuordnung über Flächenfüllungen (Farbe/Muster) graphisch dargestellt (Abb. 8). Es sei an dieser Stelle nur kurz darauf hingewiesen, daß selbstverständlich die Größe und Form der Zähleinheiten und die Wahl der Klassengrenzen die Ergebnisse beeinflussen. Wenn verschiedene Räume miteinander verglichen werden sollen, ist es daher unbedingt erforderlich, einheitliche Untersuchungs- und Darstellungsmethoden zu verwenden.
Die Information ist nun in Kartenform bereits deutlich einfacher zu erfassen und zu interpretieren. Gleichzeitig ist aber auch ein Informationsverlust aufgetreten, denn die Bildung von Klassen hat die Nuancen der ursprünglichen Verteilung verwischt (Zählquadranten mit einer Person und solche mit fünf Personen haben jetzt die gleiche Werteausprägung).

Abb. 8

Abb. 9

Neben der Darstellung in Form einer absoluten Verteilung kann eine Darstellung in Bezug auf einen Referenzwert sinnvoll sein. Als Beispiel für einen Referenzwert ist hier die Verteilung im Bezug auf das arithmetische Mittel dargestellt worden:

  1. Nach der Berechnung des Mittelwertes für die Bevölkerungsdichte (Summe der gezählten Personen dividiert durch die nutzbare Gesamtfläche der Untersuchungsregion) werden
  2. die Zählergebnisse in Bezug auf diesen Referenzwert aufbereitet und dargestellt (Abb. 9).


Wissenschaftliche Fragestellung

In einem weiteren Schritt muß nun nach einer Erklärung für die beobachteten räumlichen Verteilungsvorgänge gesucht und müssen Vermutungen über die zugrundeliegenden Verteilungsmechanismen geäußert werden. Was könnte dafür verantwortlich sein, daß die Strandbesucher sich in zwei Teilräumen konzentrieren und was steuert den Ablauf der Verteilung im Raum? Diese Fragen sind Beispiele für typische geographische Fragestellungen.

In einem wissenschaftlichen Forschungsprozeß folgt nach der Bestimmung eines Untersuchungsgegenstandes - in unserem Beispiel also der Formulierung einer Frage - die Formulierung einer Hypothese, d.h. die Beschreibung einer vermuteten Antwort. Eine solche Hypothese könnte lauten:
Es gibt Umweltmerkmale, die dazu beitragen, daß die Strandbesucher sich in bestimmten Strandregionen konzentrieren und andere meiden.
Zweifellos ist es so, daß sich die Besucher bei der Standortwahl zum Wasser hin orientieren. Weiterhin ist ersichtlich, daß ein Zugang zum Strand nur an einer einzigen Stelle zwischen den Dünen von der Straße her möglich ist. Bei der Suche nach weiteren Umweltmerkmalen des Strandes und ihrer räumlichen Verteilung läßt sich eine Fülle von weiteren möglichen erklärenden Variablen ausmachen. Um den Einfluß potentieller erklärender Variablen auf den Untersuchungsgegenstand Bevölkerungsverteilung messen zu können, muß man die räumliche Verteilung dieser Variablen mit der räumlichen Verteilung der Bevölkerung vergleichen. Eine derartige Untersuchung, ein Vergleich der räumlichen Verteilung zweier Variablen (hier z.B. Bevölkerungsverteilung und Umwelteigenschaften) wird als Untersuchung auf räumliche Kovarianz bezeichnet. Hierzu wird ein paarweiser Vergleich der Verteilungen, also z.B. ein Vergleich zweier Verbreitungskarten vorgenommen.


Analyse


Man erkennt, daß das Merkmal Verschmutzung (z.B. Picknickabfälle vom Vortag) bereits einen großen Teil der Verteilung von Strandbesuchern erklären kann (Abb. 10).
[Genau genommen verhält sich die Varianz der Umwelteigenschaften sehr ähnlich wie die Varianz der Besucherverteilung].
Es muß jedoch offensichtlich weitere erklärende Merkmale geben. Eine weitere Immissionsbelastung, nämlich der Straßenlärm, könnte zur Erklärung der eingetretenen Bevölkerungsverteilung beitragen. Man erkennt auf Abb. 11 eine (exponentielle) Abnahme des Schalldrucks mit zunehmender Entfernung von der Straße: Je geringer die durchschnittliche Lärmbelastung, desto höher ist die 'Bevölkerungsdichte' am Strand.
Abb. 10
Schließlich wird die räumliche Bevölkerungsverteilung noch durch die Ausstattung des Strandes mit 'gastronomischer Infrastruktur' tangiert, wie Abb. 12 zeigt. Rund um die Eisstände scharen sich (an einem heißen Sommertag) die Badegäste, während in der Nähe des Imbißstandes (mit seinen dauernden Ausdünstungen) niemand sein Lager aufgeschlagen hat.
Abb. 11 Abb. 12

Neben den hier bereits dargestellten unmittelbar meßbaren absoluten Raumeigenschaften treten jedoch noch weitere hinzu, die wir zusätzlich in die Suche nach möglichen Erklärungsmustern einbeziehen müssen. Die relative Lage der Badegäste zueinander läßt sich einerseits für die Messung der Verteilung im Bezug auf einen Referenzpunkt (den Standort eines bestimmten Strandbesuchers) verwenden, andererseits stellt sie auch ein erklärendes Merkmal für die Verteilung der Badegäste zueinander dar.

Man kann die relative Lage der Badegäste zueinander beschreiben, indem ausgehend von einem Badegast die Distanz zum nächsten, zum übernächsten etc. gemessen und ausgewertet wird - auch dies eine typische geographische Methode zur Bestimmung und Erklärung von räumlichen Verteilungen.

Menschen haben - wie die meisten Tiere - ein ausgeprägtes Territorialverhalten, welches dazu führt, daß die mittlere Distanz, die Personen zueinander einnehmen (allerdings in Abhängigkeit vom jeweiligen Kulturkreis) etwas über ihre Beziehung zueinander aussagt: Fremde werden i.a. größere Distanzen zueinander einhalten als Verwandte oder Freunde, die Distanzen zwischen unterschiedlichen Altersgruppen werden erfahrungsgemäß größer sein als die Distanzen zwischen Angehörigen der gleichen Altersgruppe usw.
Abb.13 (Quelle: HAGGETT, 1991)

Für die Erklärung der Verteilung der Badegäste an unserem fiktiven Strand bedeutet dies nun, daß sich mehrere Verteilungsmechanismen überlagern:

  1. Ausgehend vom Zugang zum Strand zwischen den Dünen (Diffusionszentrum) findet ein expansiver Diffusionsprozeß statt.
  2. Die einzelnen Badegäste versuchen zeitgleich in Abhängigkeit von den
    - physischen Standortgunst- und -ungunstfaktoren (soweit erkennbar) und
    - der "Bevölkerungsdichte" an den einzelnen Strandstandorten
    ihren Standort zu optimieren.

Sie versuchen also z.B. möglichst nah am Wasser und möglichst weit weg von der Straße, außerhalb des verschmutzten Bereiches, möglichst weit weg von "Fremden" und gleichzeitig möglichst nah bei Freunden/Verwandten einen Platz zu finden. Das "beanspruchte Territorium" wird dabei um so größer sein, je geringer die bereits vorhandene Bevölkerungsdichte ist (zeigt also eine Abhängigkeit von der Tageszeit), die Ansprüche werden um so mehr zurückgeschraubt, je stärker die optimalen Standorte bereits durch andere Gäste belegt sind


Untersuchungsmaßstab

Alle bisher gewonnenen Erkenntnisse lassen sich anwenden auf das Modell Strand. Mit dem Wechsel des Betrachtungsmaßstabes müßten jedoch unsere Untersuchungs- und Darstellungsmethoden verändern werden. Doch nicht nur der räumliche Maßstab spielt für die gewonnenen Erkenntnisse eine Rolle, sondern auch der zeitliche.
Betrachtet man ein und dieselbe Untersuchungsregion über einen längeren Zeitraum, werden weitere Raumeigenschaften sichtbar.

Eine Analyse der Bevölkerungsdichte des Strandes über einen Zeitraum von beispielsweise 100 Jahren zeigt eine stetige, immer stärkere Zunahme der Badegäste am beobachteten Strand. Dies könnte auf eine immer bessere Erschließung dieses Strandes für die Besucher, aber auch auf ein verändertes Freizeitverhalten der Menschen zurückzuführen sein.

Abb.14, (Quelle: Haggett, 1991, verändert)


Abb.15, (Quelle: Haggett, 1991, verändert)
Betrachtet man die Bevölkerungsdichte des Strandes im Verlauf eines Jahres läßt sich ein typischer saisonaler Verlauf der Strandnutzung erkennen. In den Monaten Mai bis September liegt die durchschnittliche Besucherfrequenz erheblich über dem Wert für die übrigen Monate. Gleichzeitig könnten wir Aussagen über die Lage unseres Strandes immerhin soweit präzisieren, daß er auf der Nordhalbkugel zu liegen scheint.
Über den Zeitraum einer Woche betrachtet, fällt dagegen die Zunahme der Strandnutzung am Wochenende besonders ins Auge, die uns Vermutungen z.B. über die vorherrschende gesellschaftliche Organisationsform anstellen ließe.
Abb.16, (Quelle: Haggett, 1991, verändert)

Abb.17, (Quelle: Haggett, 1991, verändert)

Wird der Strand jedoch über einen wesentlich kürzeren Zeitraum - beispielsweise eine Stunde - betrachtet, sind kaum noch Veränderungen in der Dichte der Nutzer erkennbar.

Dieses Beispiel zeigt, daß eine mögliche Beobachtung (hier: Dynamik einer Merkmalsausprägung) auch abhängig vom zeitlichen Maßstab sein kann und damit die möglichen Hypothesen und Analysen von diesem Maßstab abhängen. Nur mit der Kenntnis des Betrachtungsmaßstabes lassen sich also Hypothesen über bestehende Zusammenhänge aufstellen und testen. Vergleicht man die Trends der Bevölkerungsdichte in den Abbildungen 14 - 17, wird deutlich, daß man auf der Basis des jeweiligen zeitlichen Untersuchungsmaßstabes zu völlig unterschiedlichen Prognosen kommen müßte: Die beobachteten Trends sind Funktionen des Zeitmaßstabes.
Selbstverständlich sind solche Untersuchungsergebnisse ebenfalls sehr stark abhängig vom räumlichen Betrachtungsmaßstab. Gewöhnlich werden in der Geographie drei Kategorien von Betrachtungs-/Untersuchungsmaßstäben unterschieden:


Modellbildung

Das in Haggetts Lehrbuch und in diesem Skript verwendete Beispiel eines Meeresstrandes für eine Einführung in Fragestellungen der Humangeographie weist gegenüber anderen möglichen Ausschnitten der Wirklichkeit einige Vereinfachungen auf. Es zeigt beispielhaft einige einfache Zusammenhänge, die sich auch in komplexeren Beispielen von Mensch-Umwelt-Beziehungen finden lassen. Das Strandbeispiel ist damit ein Modell der darzustellenden Wirklichkeit. Doch was ist ein Modell?

"Ein Modell ist eine idealisierte Darstellung (Repräsentation) der Wirklichkeit und wird gebildet, um bestimmte Eigenschaften von ihr aufzuzeigen." (Haggett, 19912:52). Eine wesentliche Eigenschaft ist dabei die Vereinfachung, die es häufig überhaupt erst ermöglicht, eine zu analysierende Situation zu überschauen und zu begreifen. Der Vorgang der Modellbildung selbst ist dabei eine "typisch menschliche" Herangehensweise. Da das menschliche Gehirn nur eine begrenzte Verarbeitungs- und Speicherkapazität aufweist, werden die meisten (alltäglichen) Entscheidungen auf der Basis bereits gemachter Erfahrungen oder durch das Weglassen von Unwesentlichem - durch Vereinfachungen also - getroffen. Fehlt die Erfahrung oder erfordern anscheinend bekannte Situationen Lösungen, die sich von bereits bekannten Lösungsschemata stark unterscheiden, neigen Menschen - insbesondere in Streßsituationen oder in beim Vorliegen komplexer Zusammenhänge - zu Fehlentscheidungen (vgl. RIEDL, R., 1980, DÖRNER, G., 1992). Die Modellbildung hilft daher, sich auf die wesentlichen Eigenschaften der Untersuchungssituation zu beschränken und Zusammenhänge leichter zu erkennen. Auch Karten, wie die in Abbildung 8 dargestellte, sind Modelle, doch werden in der Geographie nicht nur Karten, sondern häufig auch mathematische Modelle für die Erklärung von (Wirkungs)Zusammenhängen eingesetzt, wie z.B. zur Erklärung und Prognose von Bevölkerungsentwicklungen.

Modelle dienen uns jedoch nicht nur dazu, die Wirklichkeit zu repräsentieren, sondern auch dazu, m.o.w. zeitgleich Arbeitshypothesen für das Verstehen einer Situation zu entwickeln.
Eine ausschließlich verkleinerte Abbildung der Realität - wie das Foto in Abb.1 - bezeichnet man als ikonisches (bildhaftes) Modell.
Ein Analogmodell, wie z.B. die Abb. 3, beinhaltet bereits eine weitergehende Abstraktion. Hier ist der Strand und sind die Strandbesucher durch Symbole bzw. Begrenzungslinien repräsentiert.
In einem Symbolmodell wird die Wirklichkeit noch weiter abstrahiert. Eine Choroplethenkarte wie in Abb.8 oder typische thematische Karten in Atlanten sind gute Beispiele für Symbolmodelle. Symbolmodelle sind bereits so weit von der Wirklichkeit entfernt, daß man aus Eigenschaften des Modells nicht mehr direkt auf Eigenschaften der Realität schließen kann, wie weiter vorne erläutert.

Abb.18 (Quelle: Haggett, 1991, verändert)

Zusammenfassung

Nachdem in diesem Kapitel einige "typisch geographische" Betrachtungsweisen der Welt skizziert wurden, sollen in den folgenden Kapiteln einige der - aus Sicht der Autoren - wesentlichen Themenbereiche der Humangeographie ausführlicher diskutiert werden.
In den weiteren Kapiteln wird häufiger auf diese Einleitung zurückverwiesen bzw. aufgrund der spezifischen Möglichkeiten des gewählten Mediums "Hypertext" dahin verbunden. Doch auch wenn solche direkten Verbindungen innerhalb dieses Skripts eine möglicherweise bequemere Art der Auseinandersetzung mit Humangeographie erlaubt, sollten auch die "klassischen links" zur Literatur nicht unbeachtet bleiben (Wenn Sie noch nie mit einer Bibliothek gearbeitet haben, wäre jetzt ein günstiger Zeitpunkt, dies nachzuholen).

[cb]


Literatur zu diesem Kapitel (bzw. das Original des Beispiels):
HAGGETT, P. (19912): Geographie - Eine moderne Synthese. Stuttgart.