{"id":9193,"date":"2018-04-04T11:59:34","date_gmt":"2018-04-04T09:59:34","guid":{"rendered":"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=9193"},"modified":"2019-07-30T10:02:32","modified_gmt":"2019-07-30T08:02:32","slug":"antisemitismus-in-friedenau-und-eine-frau-die-sich-den-rechten-entgegenstellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=9193","title":{"rendered":"Antisemitismus in Friedenau &#8211; und eine Frau, die sich den Rechten entgegenstellt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit einigen Jahren werden im Berliner Stadtteil Friedenau Stolpersteine geschw\u00e4rzt und Gedenktafeln beschmiert. Immer wieder zeigen rechte Vandalen ihre Ablehnung gegen\u00fcber dem Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus: Es kommt zu Sachbesch\u00e4digungen, Drohungen, Einsch\u00fcchterungsversuchen. Doch davon l\u00e4sst sich die Friedenauer Anwohnerin Petra Fritsche nicht abschrecken. Tagt\u00e4glich setzt sie sich f\u00fcr die Gedenkpolitik in ihrem Bezirk ein.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><em>Von Ann-Kathrin Rust<\/em><\/p>\n<p>\u00bbL\u00dcGE\u00ab steht in gro\u00dfen gelben Druckbuchstaben quer \u00fcber der Scheibe des Informationskastens der Phillipus-Kirche in Berlin-Friedenau. Diesen Informationsaushang hat die evangelische Gemeinde dort zusammen mit der Initiativgruppe \u00bbStolpersteine in der Stierstra\u00dfe\u00ab in Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus aufgestellt. Sie kl\u00e4rt auf \u00fcber die Untaten des Naziregimes, die Deportationen und Ermordungen der Juden und auch \u00fcber die Stolpersteine, die ihnen zum Andenken \u00fcberall in den Stra\u00dfen Friedenaus zu finden sind. Was der Kirche sowie vielen Anwohnern ein pers\u00f6nliches Anliegen ist, scheint anderen jedoch ein Dorn im Auge zu sein. Denn immer wieder in den letzten Jahren wird das nachbarschaftliche Zusammenleben in Friedenau von rechtsmotivierten Vandalen belastet. Nicht nur der Informationskasten der Stolperstein-Initiative Stierstra\u00dfe wurde dabei schon mehrere Male zum Anschlagsziel der T\u00e4ter. Immer wieder wurden auch Stolpersteine in der ganzen Nachbarschaft geschw\u00e4rzt und Gedenktafeln beschmiert. Vor einigen Jahren wurde ein, in Friedenau ans\u00e4ssiger, Rabbiner vor den Augen seiner kleinen Tochter zusammengeschlagen und im letzten Jahr musste ein j\u00fcdischer Sch\u00fcler die Friedenauer Gemeinschaftsschule verlassen, nachdem er von seinen Mitsch\u00fclern aufgrund seines Glaubens gemobbt und misshandelt wurde. In Friedenau gibt es offensichtlich ein Problem mit Antisemitismus und das ist auch den Anwohnern bewusst.<\/p>\n<h3>Petra Fritsche setzt sich ein<\/h3>\n<p>Petra Fritsche ist Teil der Initiative und setzt sich aktiv f\u00fcr die Gedenkpolitik in ihrem Bezirk ein. Die 66-j\u00e4hrige Stolpersteinexpertin, die selbst schon mehrere B\u00fccher zu diesem Thema verfasst hat und einen Blog betreibt, gibt F\u00fchrungen in Friedenau und Grunewald, in denen sie anhand der Stolpersteine vom Schicksal j\u00fcdischer Opfer berichtet. Auch an Schulen h\u00e4lt sie Vortr\u00e4ge und organisiert seit Jahren neue Stolpersteinverlegungen \u00fcberall im Bezirk. Sie recherchiert selbst nach j\u00fcdischen Familien, die zu Zeiten des NS-Regimes in Friedenau ihr Zuhause hatten bis sie von der SS deportiert und ermordet wurden. Bis heute h\u00e4tte sie dazu schon mehr als 3000 Dokumente gesammelt, erz\u00e4hlt sie. Petra Fritsche setzt sich mit dem Leben jedes einzelnen Opfers auseinander, recherchiert deren Geschichten und gibt sie an ihre Mitmenschen weiter. Bei jeder Verlegung h\u00e4lt sie eine kurze Ansprache in Gedenken an den Menschen, dessen Name in den goldfarbenen Stein eingraviert wurde. Zusammen mit den Mitgliedern der Initiative verteilt sie bei jeder Verlegung eines neuen Steins im ganzen Bezirk Einladungen an alle Bewohner. Neben Angeh\u00f6rigen der Opfer m\u00f6chten sie auch ihre Nachbarn dazu bewegen sich diesen Gedenkmomenten anzuschlie\u00dfen und ihre Mitmenschen vor allem daf\u00fcr sensibilisieren, warum die Stolpersteine dort vor den Eing\u00e4ngen der H\u00e4user verlegt werden.<\/p>\n<h3>Angreifbar durch \u00f6ffentliches Engagement<\/h3>\n<p>Ihr gro\u00dfes Engagement bringt Frau Fritsche jedoch schlie\u00dflich selbst in Gefahr, da sie sich \u00f6ffentlich als Sprecherin der Initiative zeigt. Sie betreibe gezielte \u00d6ffentlichkeitsarbeit, sagt sie, und das hat sie schlie\u00dflich ins Fadenkreuz der Neonaziszene gelenkt. Als sie eines Tages nach Hause kommt, steht in gro\u00dfen Buchstaben an ihrer Wohnungst\u00fcr \u00bbVorsicht! Judenfreundin\u00ab. Zun\u00e4chst ist die engagierte Rentnerin so geschockt, dass sie einfach die Wohnungst\u00fcr hinter sich schlie\u00dft und ausblendet, was offensichtlich Neonazis, wie zu Zeiten des Nationalsozialismus, dort an ihre T\u00fcr geschrieben haben. Als sie schlie\u00dflich von einem besorgten Nachbarn auf die Schmiererei angesprochen und ihr Briefkasten gesprengt wird, entscheidet sie sich daf\u00fcr die Polizei zu informieren. W\u00e4hrend in den n\u00e4chsten Monaten erneut Stolpersteine im Bezirk geschw\u00e4rzt werden, erh\u00e4lt Frau Fritsche schlie\u00dflich einen Drohbrief der sogenannten Anti-Stolperstein-Initiative, der ihr mitsamt aller Einladungen, die sie erneut anl\u00e4sslich einer Stolpersteinverlegungen verteilt hatte, in den Briefkasten gesteckt wird.<\/p>\n<h3>Der Staatsschutz ermittelt<\/h3>\n<p>\u00bbGestern geklebt &#8211; Heute schon wieder abgerissen: Innerhalb von nur vierundzwanzig Stunden haben wir vom Anti-Stolpersteinprojekt erneut die Friedenauer Stra\u00dfen von Eurer abscheulichen zionistischen Gutmenschen-Propaganda befreit\u00ab, schreiben die T\u00e4ter und drohen damit ihre Aktionen gegen die Stolperstein-Initiative auszuweiten. Ab sofort ermittelt auch der Staatsschutz. Denn was anf\u00e4nglich noch ein \u00bbdummer Jungenstreich\u00ab h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, ist nun ganz klar politisch motiviert. Die Ermittler vermuten den Hauptt\u00e4ter in der unmittelbaren Nachbarschaft. Ein Mitglied der Neonaziszene; und Frau Fritsche erkennt den jungen Mann, der ihr schlie\u00dflich von den Beamten auf einem Foto gezeigt wird. Sie hat ihn schon \u00f6fters in der Nachbarschaft gesehen und auch vor ihrem eigenen Wohnhaus war er ihr bereits \u00fcber den Weg gelaufen. In den folgenden Monaten werden die Stolpersteinverlegungen in Friedenau von Polizisten in Zivil begleitet, in der Hoffnung dabei unerkannt die T\u00e4ter zu \u00fcberf\u00fchren. Mehr als eine Spur bleibt den Ermittlern letztendlich jedoch nicht. Weder sie noch Frau Fritsche k\u00f6nnen dem vermeidlichen T\u00e4ter aus der Nachbarschaft etwas nachweisen. Die Ermittlungen verlaufen im Sand. Frau Fritsche, die sich zwar nicht einsch\u00fcchtern lassen will, r\u00e4t die Polizei jedoch sich vor\u00fcbergehend etwas mehr aus der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcckzuziehen. Ab sofort schreibt sie ihren Namen und ihre Telefonnummer nicht mehr auf die Einladungen. Diese Ma\u00dfnahme macht zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits keinen Unterschied mehr. Nur wenige Monate sp\u00e4ter rei\u00dfen die Anh\u00e4nger des \u00bbAnti-Stolperstein-Projektes\u00ab erneut die Einladungen zu den Verlegungen der Gedenksteine ab und verfassen einen neuen, diesmal nun deutlich konkreteren Drohbrief an Frau Fritsche:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbSicherlich hast du unser Present schon in deinem Briefkasten gefunden. Unmittelbar nach deren Aushang wurde eure Schampropaganda in der Wieland- und Sponholzsr. am Montag entfernt. [&#8230;] Glaubt ruhig weiter an das M\u00e4rchen vom Einzelt\u00e4ter. Wir werden nicht nachlassen, euch ehrloses Dreckspack bei euren volksverr\u00e4terischen und nestbeschmutzerischen Schuldkultaktionen zu sabotieren und Eure Symbole zu sch\u00e4nden, mit denen ihr unser sch\u00f6nes Friedenauer Stadtbild vergewaltigt. [&#8230;] Und weil ihr f\u00fcr Worte nicht zug\u00e4nglich seid, hoffen wir euch mal pers\u00f6nlich \u00fcber den Weg zu laufen, w\u00e4hrend keine Zeugen in der N\u00e4he sind. Bei der Gelegenheit k\u00f6nnen wir euch dann mit Nachdruck von unserer Position \u00fcberzeugen!&nbsp;Also Fritsche, du kleine aufgeblasene und selbstdarstellerische Juden-Nutte, vielleicht schaust du dich auf dem Fahrrad nach deinen Sparkassenbesuchen an der Kaisereiche besser mal \u00f6fters nach hinten um&nbsp;[&#8230;]&nbsp;Anti- Stolperstein-Projekt Friedenau.\u00ab (Text und Schreibweise wurden aus dem Drohbrief \u00fcbernommen.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Auf jede Aktion der Initiative folgt eine Gegenaktion der rechten Szene. Die Polizei schlie\u00dft auch nicht aus, dass einige Angriffe auf die Initiative und die Stolpersteine von Trittbrettfahrern begangen werden, die sich durch die Vorgehensweise der Neonazis zu Eigentaten motiviert f\u00fchlen. Frau Fritsche h\u00e4tte letztlich nur die M\u00f6glichkeit, ihre Arbeit zum Selbstschutz aufzugeben, jedoch entscheidet sie sich weiterhin f\u00fcr ihre Ideale einzustehen und sich nicht einsch\u00fcchtern zu lassen.<\/p>\n<h3>Die Friedenauer zeigen, was sie von rechten Vandalen halten<\/h3>\n<div style=\"width: 381px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"fusion-preview-image\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/IMG_2666-2.jpg?resize=371%2C278\" alt=\"\" height=\"278\" width=\"371\"  data-recalc-dims=\"1\"><p class=\"wp-caption-text\">Wie hier in der Stierstra\u00dfe, liegen \u00fcberall in Friedenau Stolpersteine zum Gedenken an deportierte und ermordete j\u00fcdische Familien. Foto: Ann-Kathrin Rust<\/p><\/div>\n<p>Petra Fritsche ist jedoch nicht allein. Neben ihren Mitstreitern aus der Initiative wird sie auch von Dilek Kolat und der f\u00fcr Friedenau zust\u00e4ndigen SPD unterst\u00fctzt. Als Reaktion auf die pers\u00f6nlichen Angriffe veranstalten sie einen Info-Abend in Solidarit\u00e4t mit Frau Fritsche. Dass ihre eigene Motivation ihre Nachbarschaft auch selbst anzustecken scheint, sieht Petra Fritsche, als sie eines Tages \u00fcberraschend auf eine Kindergartengruppe st\u00f6\u00dft, die zusammen mit ihrer Erzieherin, die zuvor erneut geschw\u00e4rzten Stolpersteine blank putzen. Die Kinder h\u00e4tten ihr dann erkl\u00e4rt, dass die Steine an Menschen erinnern sollen, zu denen man ungerecht und gemein gewesen w\u00e4re und dass sie helfen wollen diese wieder sauber zu machen. Dass sie durch ihr Engagement auch die kleinsten Mitglieder unserer Gesellschaft erreicht, h\u00e4tte Frau Fritsche selbst nicht gedacht. Aber auch die Gro\u00dfen zeigen, was sie von den rechten Vandalen halten und reagieren kreativ und mit Stil auf die Attacken. Als die Stolpersteine vor der Phillipus-Kirche mit schwarzem Lack bemalt werden, entscheidet sich der Pfarrer der Kirche wei\u00dfe Rosen und Kerzen zu kaufen, die er neben die geschw\u00e4rzten Stolpersteine legt. \u00bbDas sah dann wirklich sehr sch\u00f6n aus\u00ab, erinnert sich Frau Fritsche und auch an die etlichen Bewohner, die dadurch viel eher auf die Denkm\u00e4ler aufmerksam wurden und ihre Anteilnahme zeigten. Wenn auch nicht alle Friedenauer so engagiert und zielstrebig sind wie Petra Fritsche, so ist der Zuspruch, den sie von ihren Mitmenschen f\u00fcr ihre Arbeit erf\u00e4hrt, umso gr\u00f6\u00dfer. Besonders wenn erneut Steine in Friedenau geschw\u00e4rzt und Denkm\u00e4ler beschmiert werden, reagieren die Anwohner emp\u00f6rt und ver\u00e4rgert, berichtet Frau Fritsche. Manchmal sagt sie, f\u00fchle sie sich etwas unwohl dabei auf der Stra\u00dfe den Boden zu putzen, weil die Passanten sie zun\u00e4chst etwas verwundert ansehen. Sobald ihren Mitmenschen jedoch klar wird, warum die \u00e4ltere Dame dort auf allen Vieren hockt, bedanken sie sich f\u00fcr ihren Einsatz und sprechen ihr ihre Anerkennung aus. Auch Kinder fragen sie oft neugierig, was sie denn dort eigentlich mache und was denn diese Steine zu bedeuten h\u00e4tten. Petra Fritsche ist dann froh, mehr Menschen auf die Stolpersteine aufmerksam machen zu k\u00f6nnen und das Gedenken an die unz\u00e4hligen Menschen, die so viel Leid erfuhren, zu bewahren.<\/p>\n<h3>Gemeinsam standgehalten<\/h3>\n<p>In den letzten Monaten wurde es gl\u00fccklicherweise etwas ruhiger um die Stolpersteine und auch Frau Fritsche selbst geriet nicht mehr weiter ins Visier der Neonazis. Das k\u00f6nne daran liegen, dass in der letzten Zeit keine weiteren Steine mehr verlegt wurden, bedenkt sie, aber auf der anderen Seite haben die T\u00e4ter vielleicht auch gemerkt, dass ihre Aktionen einfach kontraproduktiv f\u00fcr ihre eigenen Ziele sind. Letztendlich bringen sie die Friedenauer mit ihren rechtsradikalen Angriffen immer mehr zusammen und best\u00e4rken ihren Willen, sich f\u00fcr ihre beeindruckende Nachbarin Petra Fritsche und das Gedenken in ihrem Bezirk einzusetzen.<\/p>\n<hr>\n<p><span style=\"color: #003366;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-9282 alignleft\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/FullSizeRender-e1518877475526.jpg?resize=150%2C150\" alt=\"\" height=\"150\" width=\"150\"  data-recalc-dims=\"1\"><strong>Ann-Kathrin Rust<\/strong> studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaft sowie Nordamerikastudien und Deutsche Philologie an der FU Berlin. Aktuell ist sie im 5. Semester und plant in diesem Jahr ein Auslandspraktikum zu absolvieren, bevor sie ihre Bachelorarbeit schreibt.<\/span><\/p>\n<hr>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Jahren werden im Berliner Stadtteil Friedenau Stolpersteine geschw\u00e4rzt und Gedenktafeln beschmiert. Immer wieder zeigen rechte Vandalen ihre Ablehnung gegen\u00fcber dem Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus: Es kommt zu Sachbesch\u00e4digungen, Drohungen, Einsch\u00fcchterungsversuchen. Doch davon l\u00e4sst sich die Friedenauer Anwohnerin Petra Fritsche nicht abschrecken. 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