{"id":12255,"date":"2022-12-07T07:57:31","date_gmt":"2022-12-07T05:57:31","guid":{"rendered":"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=12255"},"modified":"2022-12-07T07:57:31","modified_gmt":"2022-12-07T05:57:31","slug":"die-schoeneberger-nachtlichter-bringen-licht-ins-dunkel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=12255","title":{"rendered":"Die Sch\u00f6neberger Nachtlichter bringen Licht ins Dunkel"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Bezirk Tempelhof-Sch\u00f6neberg hat eine hohe Kriminalit\u00e4tsrate, besonders im Bereich Drogen, Prostitution und Gewalt. Die Berichte \u00fcber Gewaltverbrechen im Kiez h\u00e4ufen sich und auch die Beschwerden im zust\u00e4ndigen Bezirksamt sind hoch. Seit 2020 sind die Nachtlichter eines der Pilotprojekte der Gewalt- und Kriminalit\u00e4tspr\u00e4vention in Tempelhof-Sch\u00f6neberg. \u201eHingucken statt weggucken&#8220; ist das Motto. Eine Nacht war die Autorin mit den Nachtlichtern unterwegs und durfte den Arbeitsalltag der &#8222;Augen und Ohren&#8220; im Kiez mitverfolgen.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>von Sarah Pilotti<\/em><\/p>\n<p>Berlin Sch\u00f6neberg, 21:00 Uhr. Es ist eine milde Augustnacht. Die Luft ist schw\u00fcl, Regen ist angesagt. Trotz des Sommermonats ist es bereits dunkel. Die Stra\u00dfen sind leer. Vor einem Kiosk in der Blumenthalstra\u00dfe nahe U Kurf\u00fcrstenstra\u00dfe sitzen ein paar Menschen, vertieft in eine Unterhaltung. Hamudi holt mich ab, denn der Bauwagen, in dem wir auf den Beginn der Nachtschicht warten, ist ein wenig hinter B\u00e4umen versteckt. Hamudi ist ein Sch\u00f6neberger Nachtlicht, neben Alichan, Kaneh und Volodymyr eines von Vier, die in der Nacht vom 20. auf den 21. August 2022 zwischen 21:00 Uhr und 03:00 Uhr im Kiez unterwegs sind. Das Ziel: Pr\u00e4senz zeigen und den Kiez ein wenig sicherer machen. Der Bezirk Tempelhof-Sch\u00f6neberg hat eine hohe Kriminalit\u00e4tsrate, besonders im Bereich Drogen, Prostitution und Gewalt. Die Berichte \u00fcber Gewaltverbrechen im Kiez h\u00e4ufen sich und auch die Beschwerden im zust\u00e4ndigen Bezirksamt sind hoch. Seit 2020 sind die Nachtlichter eines der Pilotprojekte der Gewalt- und Kriminalit\u00e4tspr\u00e4vention in Tempelhof-Sch\u00f6neberg. \u201eHingucken statt weggucken\u201c ist das Motto.<\/p>\n<p>Nach und nach treffen auch die anderen Nachtlichter ein, melden sich an und packen Diensthandy und Nachtlichter-Westen f\u00fcr die Schicht zusammen. Entlang der Kurf\u00fcrstenstra\u00dfe, vorbei am \u201eLSD\u201c machen wir uns auf den Weg in Richtung Tiny House am B\u00fcrgerplatz Ecke Fuggerstra\u00dfe\/Eisenacher Stra\u00dfe, wo die Schicht offiziell beginnt. W\u00e4hrenddessen machen sich die Nachtlichter ein erstes Bild vom Geschehen im Kiez. Sie schauen, an welchen Ecken sich Menschenmassen sammeln und welche Bars gut besucht sind, um sp\u00e4ter an diese Orte zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen. Volodymyr entdeckt auf dem Weg einen neuen Sp\u00e4ti und beginnt ein Gespr\u00e4ch mit dem Verk\u00e4ufer. \u201eIch habe mich kurz vorgestellt und ihm eine Karte dagelassen. Wenn etwas passiert, kann er sich melden\u201c. Auch das geh\u00f6re zu der Aufgabe der Nachtlichter. Sie haben eine Telefonnummer, die \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich ist. Hat jemand Probleme, wird bel\u00e4stigt, angegriffen oder beobachtet eine Situation, die zu eskalieren droht, kann er*sie die Nachtlichter auf ihrem Diensthandy erreichen. Da sie im Kiez unterwegs sind, brauchen sie meist nicht lange, um vor Ort schlichtend einzugreifen. \u201eWir reden dann mit den Menschen und versuchen, die angespannte Situation zu deeskalieren. Das funktioniert am besten \u00fcber Kommunikation und h\u00e4ufig reicht das schon aus, um einen Konflikt zu verhindern\u201c, berichtet Hamudi, der mehrere Monate Berufserfahrung hat und sich in der Gegend gut auskennt. Auch Patrick Peikert-Rein, der Ansprechpartner f\u00fcr das Projekt \u201eNachtlichter\u201c im Rathaus Sch\u00f6neberg, sieht in der Kommunikation den Schl\u00fcssel zum Erfolg. \u201eDas Beste an dem Projekt ist, Konflikte im \u00f6ffentlichen Raum mit einem anderen Ansatz h\u00e4ndelbarer zu machen. Die Nachtlichter begegnen Menschen auf Augenh\u00f6he und helfen, Konflikten vorzubeugen, bevor sie eskalieren\u201c.<\/p>\n<p>Die erste Runde verl\u00e4uft ruhig und bis auf die Begegnung im Sp\u00e4ti f\u00e4llt nichts weiter auf. In dieser Nacht sind keine Menschenmassen unterwegs, laut Volodymyr eine Folge des Wetters. Er holt das Diensthandy raus und spricht einen Lagebericht ein, der zur Auswertung der Nachtschicht an das Koordinationsb\u00fcro geschickt wird. Am Tiny House angekommen, liegt ein Mann vor der T\u00fcr, der sich zum Schlafen auf der Veranda zusammengerollt hat. Die Nachtlichter wecken ihn mit M\u00fche, denn er ist stark alkoholisiert. Als er ansprechbar wird, versichern sie sich, dass keine Verletzungen vorliegen und kein Krankenwagen ben\u00f6tigt wird. Der Mann steht langsam auf und schl\u00fcrft zu einer der Tischtennisplatten auf dem B\u00fcrgerplatz. Dort legt er sich wieder schlafen. Durch die Anwesenheit der Nachtlichter ist er sicher vor Diebstahl oder Raub. Alichan und Kaneh haben in der Zwischenzeit angefangen, aufzubauen. Sie holen eine Kabeltrommel aus dem Tiny House und schlie\u00dfen sie neben der anliegenden Bar&nbsp;\u201eTabasco\u201c \u00fcber einen Verteilerkasten des Bezirksamts ans Stromnetz an. Dabei tragen sie Handschuhe, denn der B\u00fcrgerplatz ist ein beliebter Ort f\u00fcr Drogenkonsum- und Handel, Wildpinkler oder f\u00fcr die Aus\u00fcbung sexueller Praktiken. Vor dem \u201eTabasco\u201c stehen Tische und St\u00fchle, auf denen ein paar G\u00e4st*innen Platz genommen haben. Alichan geht aktiv auf sie zu und beginnt ein Gespr\u00e4ch. So k\u00f6nne er sich und die Arbeit schon mal vorstellen, Kontakte kn\u00fcpfen oder alte Bekanntschaften pflegen. Hamudi macht das auch oft. \u201eUm die Zeit ist normalerweise total viel los. Der B\u00fcrgerplatz ist an Wochenenden voll mit Menschen, die Alkohol trinken und sich am\u00fcsieren. Unter ihnen viele, die Drogen verkaufen oder konsumieren. Da kommt es gerne mal zu Auseinandersetzungen, teilweise fliegen Glasflaschen durch die Luft. Wenn ich die Leute kenne, kann ich die Situation und die Gefahrenlage besser einsch\u00e4tzen und auch bedachter auf die Personen reagieren. Ich habe einen pers\u00f6nlichen Bezug zu ihnen\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_12257\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-12257\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-12257\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/buergerplatz-fuggerstrasse.png?resize=300%2C225\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/buergerplatz-fuggerstrasse.png?resize=200%2C150&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/buergerplatz-fuggerstrasse.png?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/buergerplatz-fuggerstrasse.png?resize=400%2C300&amp;ssl=1 400w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/buergerplatz-fuggerstrasse.png?resize=600%2C451&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/buergerplatz-fuggerstrasse.png?fit=695%2C522&amp;ssl=1 695w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-12257\" class=\"wp-caption-text\">B\u00fcrgerplatz Fuggerstr.\/Eisenacher Str. | Foto: Sarah Pilotti&nbsp;<\/p><\/div>\n<p>Die Nachtlichter starten w\u00e4hrend ihrer Schicht mehrere Runden, um in der Umgebung nach dem Rechten zu sehen. Die Routen sind genau vorgegeben. Unter der Woche schauen sich die Koordinatoren des Projekts den Kiez an, sprechen mit Bar- und Restaurantbesitzern und vermerken darauf basierend Orte, auf die die Nachtlichter zu den Hauptausgehzeiten ein&nbsp;Augenmerk legen sollen. So gibt es keine Standardrouten, sie werden je nach Wochenende und Geschehnissen vorheriger Schichten angepasst. \u201eWir teilen uns immer in Zweierteams auf, von denen im Wechsel ein Team die Runde dreht und das andere Team beim Tiny House bleibt, um als Ansprechpersonen f\u00fcr Menschen mit Problemen da zu sein\u201c, erkl\u00e4ren Volodymyr und Hamudi, als wir die erste Route abgehen. In der Kartenansicht auf dem Diensthandy sind GPS- Punkte eingezeichnet, die passiert werden m\u00fcssen. Als wir an den Punkten vorbeikommen, leuchten sie gr\u00fcn auf und geben das Signal, dass wir dort waren. Einer der GPS-Punkte ist das \u201eBulls\u201c, eine Szenebar f\u00fcr LGBTQIA+-Menschen, vor dem sich eine Menschentraube gebildet hat. Rauchend stehen die Besucher*innen in fancy Outfits mit Flaschen in der Hand vor der T\u00fcr und begutachten uns mit neugierigen Blicken. Ein St\u00fcck vor uns raunt ein*e G\u00e4st*in skeptisch&nbsp;ihrer*seiner Begleitung etwas zu, der Blick wandert absch\u00e4tzig an uns herunter. Auf Misstrauen und Neugier sto\u00dfen Volodymyr und Hamudi h\u00e4ufiger, da die Arbeit der Nachtlichter noch nicht vielen Menschen bekannt ist. Trotzdem wird das Projekt gut angenommen. \u201eWir haben das Gef\u00fchl, dass unsere Arbeit wirklich etwas bewirkt, da wir viele Streits schlichten k\u00f6nnen, bevor Schlimmeres passiert. Die Menschen sind uns gegen\u00fcber freundlich gesinnt und diejenigen, mit denen wir ins Gespr\u00e4ch kommen, sind dankbar f\u00fcr die Hilfe.\u201c Sie f\u00fchren fort, dass es auch Nachtlichter gibt, die mit Sexarbeitenden ins Gespr\u00e4ch kommen und sich nach deren Wohlergehen erkundigen. \u201eEs freut die Sexarbeiter*innen, wenn sich jemand auch f\u00fcr die individuellen Hintergr\u00fcnde interessiert. Sonst steht h\u00e4ufig nur die Dienstleistung im Vordergrund und nicht die Pers\u00f6nlichkeit.\u201c<\/p>\n<p>Doch im Team gibt es auch kritische Stimmen. Da die Nachtlichter keine Weisungsbefugnis haben und Passant*innen nicht gegen ihren Willen von \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen verweisen d\u00fcrfen, kann die Arbeit auch deprimierend und frustrierend sein. \u201eMan gibt sich viel M\u00fche, aber manchmal erf\u00fcllt es einfach nicht den gew\u00fcnschten Zweck\u201c, erl\u00e4utert Alichan, als wir zur\u00fcck am Tiny House sind. Er w\u00fcrde sich w\u00fcnschen, in manchen Momenten mehr rechtliche Befugnisse zu haben, um einen gr\u00f6\u00dferen Einfluss auf die Sicherheit im Kiez zu nehmen. \u201eWir sehen aber auch, dass es h\u00e4ufig keine rechtliche Autorit\u00e4t ben\u00f6tigt, um Personen zurechtzuweisen. Es kommt stark darauf an, mit welcher Einstellung wir in die Situation gehen. Unsere pers\u00f6nliche Autorit\u00e4t hilft uns dabei weiter, da die Leute wissen, dass wir ihnen nichts B\u00f6ses wollen, aber auch nicht alles mit uns machen lassen\u201c, erg\u00e4nzt Volodymyr. Erfahrungsgem\u00e4\u00df reagieren die Szenekiezer meistens positiv auf die Nachtlichter und befolgen deren Handlungsempfehlungen. Doch es kommt auch vor, dass reine Kommunikation nicht weiterhilft.<\/p>\n<div id=\"attachment_12256\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-12256\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-12256\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/lsd-kufuerstendamm.png?resize=300%2C225\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/lsd-kufuerstendamm.png?resize=200%2C150&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/lsd-kufuerstendamm.png?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/lsd-kufuerstendamm.png?resize=400%2C300&amp;ssl=1 400w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/lsd-kufuerstendamm.png?resize=600%2C450&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/lsd-kufuerstendamm.png?resize=800%2C600&amp;ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/lsd-kufuerstendamm.png?fit=984%2C738&amp;ssl=1 984w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-12256\" class=\"wp-caption-text\">LSD an der U Kurf\u00fcrstenstra\u00dfe | Foto:&nbsp;Sarah Pilotti<\/p><\/div>\n<p>\u201eLetzte&nbsp;Woche kam eine junge&nbsp;Frau zu uns, die ein St\u00fcck&nbsp;mitlaufen wollte, weil sie&nbsp;verfolgt wurde. Vor&nbsp;einiger Zeit ist ein&nbsp;Kollege sogar&nbsp;Augenzeuge geworden,&nbsp;wie jemand vorm \u201eLSD\u201c&nbsp;erstochen wurde. Das hat&nbsp;ihn mental fertig&nbsp;gemacht\u201c. Der Kiez ist beim LSD an der U Kurf\u00fcrstenstra\u00dfe&nbsp;gezeichnet von gewaltt\u00e4tigen Angriffen homophober Natur, von gro\u00dfen Schl\u00e4gereien, die in bewaffneten Auseinandersetzungen enden k\u00f6nnen. In solchen Situationen k\u00f6nnen die Nachtlichter nur dem Ordnungsamt oder der Polizei Bescheid geben. Die N\u00e4chte im Regenbogenkiez sind nicht ungef\u00e4hrlich. Die Teams bestehen aktuell nur aus m\u00e4nnlich gelesenen Personen, die sich zutrauen, teilweise hohe Risiken einzugehen, um zu schlichten.<\/p>\n<p>In der 100-Tage Bilanz der Pilotprojekte \u201eRegenbogenkiez\u201c aus dem Jahr 2020 lassen sich aber Besserungen erkennen. \u201eDie Beschwerden von Anwohnenden beim Bezirksamt gegen die Partyszene im Kiez sind weniger geworden, auch nach den Corona-Lockdowns, als die Lokalit\u00e4ten wieder \u00f6ffnen durften\u201c, so Patrick Peikert-Rein. \u201eDie Polizeieins\u00e4tze sind zur\u00fcckgegangen, weil durch die Nachtlichter so manch strafbare Handlungen gar nicht erst passieren. Auch die G\u00e4st*innen von Hotels im Kiez f\u00fchlen sich sicherer und wohler.\u201c Trotzdem g\u00e4be es im Kiez eine hohe Dunkelziffer an Verbrechen, die gar nicht erst zur Strafanzeige gebracht w\u00fcrden. Daf\u00fcr lassen sich vor allem die Stigmatisierung von Prostitution und Queerness anf\u00fchren, dar\u00fcber hinaus die eigene Beteiligung an kriminellen Handlungen. Viele Betroffene, die Gewalt aufgrund ihrer Arbeit oder ihrer (sexuellen) Identit\u00e4t erleben, haben h\u00e4ufig Gr\u00fcnde, diese nicht zur Anzeige zu bringen. Menschen, die sich bislang nicht geoutet haben, m\u00f6chten nicht riskieren, dass ihr Umfeld davon erf\u00e4hrt, wie sie sich in ihrer Freizeit ausleben. Andere haben ein gro\u00dfes Misstrauen gegen\u00fcber der Polizei. Sie haben schlechte Erfahrungen gemacht oder f\u00fchren selbst illegale T\u00e4tigkeiten aus, wie illegale Prostitution oder Drogenhandel und m\u00fcssen die strafrechtliche Verfolgung der eigenen Person bef\u00fcrchten. Diese Menschen sind h\u00e4ufig ohne angemessenen Schutz von Gewalt bedroht. Die Nachtlichter k\u00f6nnen hier die Sicherheit im \u00f6ffentlichen Raum erh\u00f6hen, sowie auf Hilfsangebote sozialer Stiftungen verweisen, die ohne Polizeikontakte Hilfe oder anonyme Anzeigen erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Nach Beenden der letzten Route kommen wir gegen halb drei wieder am Tiny House an. Alichan und Kaneh rollen die Kabeltrommel zusammen, r\u00e4umen die St\u00fchle von der Veranda ins Innere und schlie\u00dfen ab. Es geht zur\u00fcck zur Blumenthalstra\u00dfe in den Bauwagen, wo sich die Nachtlichter vom Dienst abmelden und die letzten Berichte ins Diensthandy sprechen, um dann in den Feierabend zu gehen. Insgesamt war es eine ruhige Nacht, die nicht besonders repr\u00e4sentativ ist f\u00fcr die Herausforderungen, denen sich die Nachtlichter in anderen Schichten stellen m\u00fcssen. Trotzdem lie\u00df sich ein guter Eindruck gewinnen, mit welchen Problemen der Bezirk und die Menschen vor Ort t\u00e4glich zu k\u00e4mpfen haben und in welcher Rolle die Nachtlichter dabei unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. \u201eWir sind die Augen und Ohren im Kiez. Wenn Hilfe ben\u00f6tigt wird, sind wir zur Stelle.\u201c<\/p>\n<hr>\n<p><span style=\"color: #003366;\"><strong>Sarah Pilotti <\/strong>studiert Geschichte und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Besonders gern schreibt sie Reportagen und Portraits oder f\u00fchrt Interviews zu gesellschaftlichen Themen &#8211; Hauptsache ein Genre, bei dem man mittendrin ist und sich viel mit den Menschen darin und deren Hintergr\u00fcnden besch\u00e4ftigt.<\/span><\/p>\n<hr>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Bezirk Tempelhof-Sch\u00f6neberg hat eine hohe Kriminalit\u00e4tsrate, besonders im Bereich Drogen, Prostitution und Gewalt. 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