{"id":12103,"date":"2022-10-22T00:21:54","date_gmt":"2022-10-21T22:21:54","guid":{"rendered":"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=12103"},"modified":"2023-05-22T13:52:20","modified_gmt":"2023-05-22T11:52:20","slug":"licht-an-musik-aus-alle-rein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=12103","title":{"rendered":"\u201eLicht an, Musik aus, Alle rein\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kolja Wobig (Name auf Wunsch ge\u00e4ndert) ist seit 2012 bei der Polizei Berlin auf Abschnitten und in Einsatzhundertschaften als Schutzpolizist t\u00e4tig. Dabei f\u00e4hrt er h\u00e4ufig Streife im Nachtdienst. Im Interview erz\u00e4hlt er, warum die Polizei es vermeidet, Clubs zu betreten und wie sie bei einem ihrer h\u00e4ufigsten Nachteins\u00e4tze vorgeht: der h\u00e4uslichen Gewalt.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>von Lasse Hilse<\/em><\/p>\n<p><strong>Herr Wobig, von wann bis wann geht eine Nachtschicht in Berlin?<\/strong><\/p>\n<p>Da gibt es etliche Zeiten in der Nacht. Der sogenannte \u201eechte\u201c Nachtdienst ist grunds\u00e4tzlich der Zw\u00f6lfstundendienst, der geht von 18 bis 6 Uhr. Es gibt aber beispielsweise auch einen von 22 bis 6 Uhr und insbesondere bei der Einsatzhundertschaft einen von 16 bis 4. Aber meistens bewegen sich Nachtschichten im Rahmen zwischen 18 und 6 Uhr.<\/p>\n<p><strong>Unterscheidet sich eine Nachtschicht vom Dienst tags\u00fcber? Gibt es andere Delikte? Mehr Einbr\u00fcche beispielsweise?<\/strong><\/p>\n<p>Das kommt wirklich immer ganz drauf an, in welchem Bezirk man sich bewegt und welches Klientel dann dort unterwegs ist. Du kannst zum Beispiel meiner Meinung nach nicht Tegel mit Friedrichshain vergleichen. Andererseits kann man selbst das meiner Erfahrung nach nicht pauschal sagen.<br \/>\nWie ich es selbst mitbekommen habe, ist es relativ unvorhersehbar, was in einer Nachtschicht passieren wird. Bei einer Schicht von Freitag auf Samstag, bei der man wei\u00df: das Partyvolk ist unterwegs, es ist relativ viel los, die Clubs haben ge\u00f6ffnet, es ist gutes Wetter &#8211; da denkt man, es&nbsp;wird bestimmt was passieren, aufgrund des Alkoholkonsums und \u00c4hnlichem. Es gibt aber Tage die \u00fcberraschen einen, weil dann doch pl\u00f6tzlich absolut nichts los ist. Da versteht man quasi die Welt nicht mehr.<br \/>\nAb und an gibt es aber Tage, da hast du dann einen Tagesdienst um sieben Uhr morgens unter der Woche, wo du mehr zu tun hast als auf einer Nachtschicht am Wochenende. Man kann es also nicht pauschalisieren.<br \/>\nGrunds\u00e4tzlich haben Nachtschichten aber schon eine ganz andere Brisanz, vor allem am Wochenende. Weil die Leute sich da einfach anders verhalten. Aufgrund von Feierlaune, Alkohol, eventuell auch Bet\u00e4ubungsmittelkonsum.<\/p>\n<p><strong>Wird auch auf Sie als Polizist dann anders reagiert?<\/strong><\/p>\n<p>Anders generell ja, aber nicht zwingend immer negativ. Es gibt auch Leute, zum Beispiel auf der Warschauer Stra\u00dfe, die in Feierlaune sind und \u201cwhoooo!\u201d rufen und winken und sowas. Das ist aber nat\u00fcrlich die Ausnahme, die meisten sind je nach Alkoholisierungsgrad und genereller Haltung der Polizei gegen\u00fcber nicht sehr positiv eingestellt. Insbesondere dann nicht, wenn sie feiern wollen. Dann spiegelt die Polizei meistens den Miesmacher wider, und den wollen sie nat\u00fcrlich beim Feiern nicht haben.<\/p>\n<div id=\"attachment_12107\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-12107\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-12107\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/long-truong.jpg?resize=300%2C200\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/long-truong.jpg?resize=200%2C133&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/long-truong.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/long-truong.jpg?resize=400%2C267&amp;ssl=1 400w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/long-truong.jpg?resize=600%2C400&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/long-truong.jpg?resize=800%2C533&amp;ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/long-truong.jpg?resize=1024%2C683&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/long-truong.jpg?resize=1200%2C800&amp;ssl=1 1200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/long-truong.jpg?w=2200 2200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/long-truong.jpg?w=3300 3300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/long-truong.jpg?fit=5472%2C3648&amp;ssl=1 5472w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-12107\" class=\"wp-caption-text\">Clubs betritt die Polizei nur im Notfall. | <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/photos\/Y5PXVs1LpY4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Foto: Long Truing&nbsp;<\/a>\/&nbsp;<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/publicdomain\/zero\/1.0\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CC0 1.0<\/a><\/p><\/div>\n<p><strong>Das gilt dann vermutlich auch, wenn die Polizei nachts in einen Club muss?<\/strong><\/p>\n<p>Genau deswegen versucht man m\u00f6glichst selten \u00fcberhaupt in einen Club reinzugehen. Erstens gilt das Hausrecht. Sprich, wenn wir nicht wirklich akut irgendetwas haben, warum wir rein m\u00fcssen, wird es nicht getan. Es gibt ja auch die T\u00fcrsteher, Security, wie immer man sie nennen will. Die \u00fcben das Hausrecht aus. Wenn wir keine Strafverfolgung oder \u00e4hnliches haben, dann werden wir sehr selten in solche Etablissements reingehen. Man ist dann doch nur der Miesepeter und es kann zu Solidarisierungseffekten kommen. Das will die Polizei nat\u00fcrlich verhindern. Es bedarf also einer gewissen Einsatzbrisanz beziehungsweise einem Sachverhalt, der es unvermeidbar macht, reinzugehen.&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Werden Clubs ansonsten also von der Polizei ignoriert?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Was man beispielsweise gelegentlich macht ist, dass man sich auf den Anfahrts- und Abfahrtswegen von diesen Clubs aufstellt. Einfach nur um zu schauen, wie der Anmarsch ist und wie viele Leute \u00fcberhaupt in dieser Nacht da sind. Um sich einen \u00dcberblick zu verschaffen und zu sehen, ob alles gesittet abl\u00e4uft. Nat\u00fcrlich nur, wenn es die Einsatzlage zul\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Was waren in der Vergangenheit Gr\u00fcnde, einen Club doch zu betreten? \u00dcbermannte Sicherheitskr\u00e4fte im Club?<\/strong><\/p>\n<p>Das w\u00e4re ein Grund, dann m\u00fcssten sie uns aber schon selber rufen, weil wir meistens davon ja innerhalb des Clubs nichts mitbekommen. Bei einem meiner Eins\u00e4tze war es in der Schlange zu Auseinandersetzungen und im weiteren Verlauf auch zu einer Raubtat gekommen. Das stellt einen Verbrechenstrafbestand dar, der wiegt nat\u00fcrlich ein bisschen mehr als eine einfache KV [K\u00f6rperverletzung].<br \/>\nWir hatten eine Personenbeschreibung und waren in Zivil. Wir mussten also nicht auff\u00e4llig in Uniform in diesen Club rein. Wir haben kurz mit dem Sicherheitspersonal vor Ort gesprochen, denen die Lage erkl\u00e4rt und ihnen gesagt, dass wir mit ihnen eine Clubbegehung machen und gucken, ob wir ihn finden.<br \/>\nWenn man einen Club begeht, versucht man also es unterschwellig zu machen. Nicht: \u201cLicht an, Musik aus, Alle rein\u201d. Nat\u00fcrlich nur dann nicht, wenn es die Lage zul\u00e4sst. In dem Fall war es so, ich glaube die meisten die ausgelassen gefeiert haben, haben nicht mal gemerkt, dass es einen Polizeieinsatz gab.<\/p>\n<div id=\"attachment_12108\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-12108\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-12108\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/max-fleischmann.jpg?resize=300%2C200\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/max-fleischmann.jpg?resize=200%2C133&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/max-fleischmann.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/max-fleischmann.jpg?resize=400%2C267&amp;ssl=1 400w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/max-fleischmann.jpg?resize=600%2C400&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/max-fleischmann.jpg?resize=800%2C533&amp;ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/max-fleischmann.jpg?resize=1024%2C683&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/max-fleischmann.jpg?resize=1200%2C800&amp;ssl=1 1200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/max-fleischmann.jpg?w=2200 2200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/max-fleischmann.jpg?w=3300 3300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/max-fleischmann.jpg?fit=6000%2C4000&amp;ssl=1 6000w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-12108\" class=\"wp-caption-text\">Blaulicht. Es leuchtet blau. | Foto: <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/photos\/4wcI3YQAWpI\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Max Fleischmann<\/a>&nbsp;\/ <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/publicdomain\/zero\/1.0\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CC0 1.0<\/a>&nbsp;<\/p><\/div>\n<p><strong>Was sind nachts die h\u00e4ufigsten Eins\u00e4tze?<\/strong><\/p>\n<p>H\u00e4usliche Gewalt, K\u00f6rperverletzungen und Raubtaten. Verkehrsunf\u00e4lle hat man seltener, die hat man eher zur Rush Hour, wenn die Leute nach der Nacht noch groggy sind. HGs [H\u00e4usliche Gewalt] geh\u00f6ren nachts mit den zu den Haupteinsatzanl\u00e4ssen, neben dem unzul\u00e4ssigen L\u00e4rm, der sich manchmal nat\u00fcrlich auch aus einer HG ergibt. So werden HGs manchmal auch zuerst von den Nachbarn gemeldet, als unzul\u00e4ssiger L\u00e4rm.<\/p>\n<p><strong>Wie geht die Polizei bei h\u00e4uslicher Gewalt vor?<\/strong><\/p>\n<p>Wir probieren erstmal, die Nachbarn zu befragen. Es gibt auch Situationen, da rufen die Kinder an, oder manchmal die betroffene Frau oder der betroffene Mann, also das Opfer. In den F\u00e4llen wissen wir direkt, wo wir hinm\u00fcssen. Wenn es die Nachbarn sind, dann versuchen wir kurz R\u00fccksprache zu halten, wo es genau ist. Nat\u00fcrlich nur, wenn wir es nicht schon selber h\u00f6ren.<br \/>\nWenn wir h\u00f6ren, dass im Hausflur bereits richtig Bambul\u00e9 ist, mit Schreien, Schl\u00e4gen, Beleidigungen und wir die Wohnung zweifelsfrei lokalisieren k\u00f6nnen, dann wird schnell an die T\u00fcr herangetreten und erstmal geklopft. Falls wir dann als Reaktion Hilfeschreie wahrnehmen, m\u00fcssen wir nat\u00fcrlich davon ausgehen, dass momentan eine Straftat gegen Leib oder Leben einer Person durchgef\u00fchrt wird. Dann greift der klassische \u201cGefahr im Verzug\u201d Begriff und wir k\u00f6nnen die T\u00fcr gewaltsam \u00f6ffnen.<\/p>\n<p><strong>Und sobald Sie die Wohnung betreten haben?<\/strong><\/p>\n<p>Es wird erstmal die ganze Lage eingefroren. Dann wird geguckt was vorliegt. Die Parteien werden r\u00e4umlich getrennt und unabh\u00e4ngig voneinander befragt. Auf jeden Fall ist es in einer fremden Wohnung immer wichtig auf Eigensicherung zu achten. Weil man nie wei\u00df, was sind das f\u00fcr Leute, wie ticken sie. Die sind gerade hochemotional, die hatten grad einen Streit, der auf einer Beziehungsbasis stattfindet, also sehr hochgekocht ist. Und die wissen, wie ihre Wohnung geschnitten ist. Wir nicht, wir kommen da rein, in eine unbekannte Situation. Das ist ein bisschen schwieriger.<br \/>\nMeistens sind auch Alkohol oder Drogen im Spiel. Au\u00dferdem sind Sachen wie K\u00fcchenmesser frei zug\u00e4nglich, dementsprechend muss man auch darauf immer ein bisschen ein Auge haben. Dass man sie immer begleitet und sieht was sie machen. Nichts w\u00e4re fataler, als wenn eine Person kurz in ein Nebenraum geht und mit einer beliebigen Waffe wiederkommt.<br \/>\nEs wird also erstmal eingefroren. Man versucht rauszubekommen, wer der Aggressor ist und was die Umst\u00e4nde sind. Und dann kommt es zu einer Wegweisung, woraufhin diese Person die Wohnung bis zu 14 Tage nicht mehr betreten darf.<\/p>\n<p><strong>Kommt das immer vor?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, nicht immer. Es kommt wirklich h\u00e4ufig vor. Problematisch daran ist, dass sich die Wogen oft schnell gl\u00e4tten. Diese Wegweisung gibt der gesch\u00e4digten Person nur die Chance, in dieser Zeit Abstand zu nehmen und Beh\u00f6rdeng\u00e4nge zu machen. Einen Titel gegen die andere Person zu erwirken, um Abstand zu gewinnen, ein Kontaktverbot zu erwirken. Das alles dauert leider seine Zeit, weil die B\u00fcrokratie in Berlin und auch Deutschland im Allgemeinen nicht grad die Schnellste ist. Wenn der Aggressor in dieser Zeit Kontakt aufnimmt, w\u00e4re das sofort ein Verbot gegen das Gewaltschutzgesetz und er k\u00f6nnte in Gewahrsam genommen werden.<br \/>\nProblematisch ist nur, sofern die Person, die als Opfer in Erscheinung getreten ist, die anderen Person einfach wieder in die Wohnung l\u00e4sst; dann ist die Ma\u00dfnahme hinf\u00e4llig. Es basiert alles auf Freiwilligkeit, wir k\u00f6nnen niemanden zwingen, keinen Kontakt zu einer anderen Person zu haben. Meistens ist deshalb nach dem Aussprechen einer Wegweisung die Person am n\u00e4chsten Tag &#8211; wenn nicht sogar am gleichen Tag &#8211; wieder da. Weil sie sich einfach wieder vertragen. Oder weil sie sagen: \u201cWir sind in einer Beziehung, wir lieben uns, das war ja nur ein Ausrutscher\u201d. Meistens ist es aber der zehnte Ausrutscher.<\/p>\n<p><strong>Ist immer offensichtlich, wer Aggressor und wer die gesch\u00e4digte Person ist?<\/strong><\/p>\n<p>Fr\u00fcher gab es den Grundsatz: Der Mann verl\u00e4sst immer die Wohnung, weil immer der Mann die Frau schl\u00e4gt. Heute wei\u00df man, dass das nicht immer der Fall ist, sondern h\u00e4usliche Gewalt auch umgekehrt vorkommt. Deswegen wird erstmal gefragt: Wie ist es dazu gekommen. Und anhand der Personalien \u00fcberpr\u00fcfen wir dann auch die polizeiliche Geschichte der Personen. Wir schauen, ob es schon Eintr\u00e4ge gibt. Wenn ja, wie waren die gestrickt? H\u00e4ufig sind es Wiederholungstaten und daraus kann man sich ein Bild machen. Dazu kommt unsere Erfahrung aus fr\u00fcheren Eins\u00e4tzen. Meistens finden wir heraus, wer die Aggression gestartet hat.<\/p>\n<p><strong>Man braucht also eine ganze Menge Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und Deeskalationsverm\u00f6gen?<\/strong><\/p>\n<p>Absolut. Wenn man da ankommt und quasi mit herrschender Faust irgendwas machen will und sehr die Autorit\u00e4tsperson raush\u00e4ngen l\u00e4sst, dann kommt man nicht weit. Meistens wird auch daf\u00fcr Sorge getragen, dass auch eine weibliche Beamtin mit vor Ort ist, sofern es sich um ein Heteropaar handelt. Eine Frau, die gerade von einem Mann geschlagen wurde, die m\u00f6chte oder kann vielleicht nicht direkt wieder mit einem Mann sprechen. Da wird versucht, auf gleichem Augenlevel und mit viel Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen daran zu arbeiten, dass man die Sache so geschmeidig wie es blo\u00df geht l\u00f6st. Demnach handelt es sich bei diesen Eins\u00e4tzen meistens auch um sehr, sehr Langwierige. Wenn man zu einer HG kommt, bei der es eine gr\u00f6\u00dfere Auseinandersetzung gab, dann dauert die Bearbeitung wirklich so sechs Stunden. Weil man sich Zeit l\u00e4sst und versucht, alles entspannt \u00fcber die B\u00fchne zu bringen.<\/p>\n<div id=\"attachment_12104\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-12104\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-12104\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jonas-augustin.jpg?resize=300%2C215\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"215\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jonas-augustin.jpg?resize=200%2C143&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jonas-augustin.jpg?resize=300%2C214&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jonas-augustin.jpg?resize=400%2C286&amp;ssl=1 400w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jonas-augustin.jpg?resize=600%2C429&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jonas-augustin.jpg?resize=800%2C572&amp;ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jonas-augustin.jpg?resize=1024%2C732&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jonas-augustin.jpg?resize=1200%2C858&amp;ssl=1 1200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jonas-augustin.jpg?w=2200 2200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jonas-augustin.jpg?w=3300 3300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jonas-augustin.jpg?fit=4657%2C3330&amp;ssl=1 4657w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-12104\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Der Beruf ist immer noch m\u00e4nnerdominiert und es gibt zu wenig weibliche Polizistinnen&#8220;. | <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/photos\/yLnWOF88zsY\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Foto: Jonas Augustin<\/a>&nbsp;\/&nbsp;<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/publicdomain\/zero\/1.0\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CC0 1.0<\/a><\/p><\/div>\n<p><strong>Wird bei der Zuweisung des Einsatzes schon darauf geachtet, dass mindestens eine Frau dabei ist?<\/strong><\/p>\n<p>Es wird versucht. Wenn nicht, wird m\u00f6glichst schnell \u00fcber die Einsatzleitzentrale gefragt, ob in der N\u00e4he ein anderer Wagen mit einer weiblichen Kollegin ist. Wenn schon eine dabei ist, ist es nat\u00fcrlich perfekt. Es kann nat\u00fcrlich sein, dass die weibliche Person in der Wohnung die T\u00e4terin ist. Dann m\u00fcsste es gegebenenfalls weitere Ma\u00dfnahmen geben, wie eine Durchsuchung, auch zu unserer Eigensicherung. Da gilt das Gleichgeschlechterprinzip, dass also eine Frau nicht von einem Mann durchsucht werden darf oder andersrum.&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie haben gerade gesagt \u201ees wird versucht\u201c. Gibt es zu wenig weibliche Einsatzkr\u00e4fte?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaub\u2018 auf dem Abschnitt ist es relativ ausgewogen. Auf der Einsatzhundertschaft ist es ein bisschen was Anderes. Da waren bei mir im Zug von circa drei\u00dfig Leuten vielleicht zwei Polizistinnen. Dann ist es nat\u00fcrlich nicht so einfach mit solchen Situationen. Das ist dem Umstand geschuldet, dass der Beruf immer noch m\u00e4nnerdominiert ist und es zu wenige weibliche Polizistinnen gibt, ja.<\/p>\n<p><strong>Sie haben eben die Eigensicherung im Zusammenhang mit der HG angesprochen, haben Sie brenzlige Situation in diesen Eins\u00e4tzen erlebt?<\/strong><\/p>\n<p>Bei einem meiner Eins\u00e4tze habe ich auf dem Couchtisch unter einer Zeitung ein Messer gesehen. Da wollte der Aggressor gerade hin greifen. Ob er das einsetzen wollte, wei\u00df man nat\u00fcrlich nicht, da kann man nicht in den Kopf schauen. Aber der Griff ging dahin und dementsprechend kam die Reaktion. Da wurde er dann kurz von uns auf den Boden gelegt und musste den Rest des Abends in Handfesseln auf der Couch verbringen.<\/p>\n<p><strong>Ihre Waffen haben Sie und Ihre Kolleg:innen also nicht gezogen?<\/strong><\/p>\n<p>Nee, dazu h\u00e4tten wir auch gar nicht die Zeit gehabt. Wir standen direkt an ihm dran. Die ersten zwei, drei haben sich raufgeschmissen und alles war unter Kontrolle.<br \/>\nW\u00e4re er etwas weiter entfernt gewesen, w\u00e4re es eine ganz andere Situation gewesen. Dann h\u00e4tte man schauen m\u00fcssen, wie es sich entwickelt. Das Reizstoffspr\u00fchger\u00e4t innerhalb einer Wohnung einzusetzen ist nat\u00fcrlich nicht das Non-Plus-Ultra, da schadet man sich meistens selbst mehr als dem Anderen. Da muss man schauen, wie man die Situation l\u00f6st.<br \/>\nEs ist auch schon \u00f6fter vorgekommen, bei mir zum Gl\u00fcck nicht, dass sich HGs schnell zu einer Geiselnahme entwickelt haben. Deswegen muss man immer sehr aufpassen, wie alles gestrickt ist. Weswegen man aber eben versucht, die Parteien sofort auseinanderzubringen und r\u00e4umlich zu trennen. Auch so zu trennen, dass sie keinen Blickkontakt zueinander haben und sich nicht gegenseitig h\u00f6ren k\u00f6nnen. Sofern das in der Wohnung m\u00f6glich ist.&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wird den als Opfern in Erscheinung getretenen Personen noch in irgendeiner Form \u00fcber den Einsatz hinaus geholfen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Es gibt Handlungsempfehlungen beziehungsweise Qualit\u00e4tsstandards f\u00fcr Einsatzlagen der HG. Das ist wie eine Auflistung an Sachen, an die wir zu denken haben. Beispielsweise dass Frauenh\u00e4user vorgeschlagen werden, die BIC-Hotline empfohlen wird, dass Brosch\u00fcren ausgeh\u00e4ndigt werden et cetera.<br \/>\nWenn diese Person das erste Mal in dieser Situation gewesen ist und man ihr sowas an den Kopf knallt wie: \u201cErwirken Sie einen Titel, gehen Sie zum Gericht und machen Sie dies und jenes\u2026\u201d &#8211; damit k\u00f6nnen die meisten nicht viel anfangen. Deswegen, wenn man ihnen die Brosch\u00fcre gibt beziehungsweise sie damit bei der Hotline einen Ansprechpartner finden, dann ist den Leuten mehr geholfen, als wenn man sie mit irgendwelchen Betitelungen oder Verwaltungskram vollm\u00fcllt, den sie gar nicht verstehen. Auch die Lage l\u00e4sst das manchmal gar nicht zu, weil sie noch viel zu emotionalisiert sind.<\/p>\n<p><strong>Gibt es auch falsche Alarme?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das kommt vor. Es kamen schon Anrufe, da meinten die Nachbarn: \u201cIch glaub\u2019 die hauen sich die K\u00f6pfe ein!\u201d Und da war\u2019s dann der Fernseher. Oder es wurde recht erschrocken von einem Mann im Handtuch aufgemacht. Die haben da gerade richtig den Intercourse geprobt. Und in einer Lautst\u00e4rke, dass da Leute dachten, die t\u00f6ten sich.<br \/>\nMan guckt dann nat\u00fcrlich trotzdem, ob es Allen gut geht, oder die Situation doch eine HG ist. Aber ansonsten gibt es dann ein Du-Du, dass es ganz sch\u00f6n laut war. Und dann ziehen wir wieder von dannen.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcrden Sie Nachbarn raten, die sich nicht sicher sind, ob sie gerade Ger\u00e4usche einer HG h\u00f6ren?<\/strong><\/p>\n<p>Im Zweifel immer die 110 rufen. Immer. Da geht die Sicherheit absolut vor. Wenn es sich dann als etwas Anderes herausstellt, ist das kein Problem. Es ist immerhin der Job der Polizei dem nachzugehen, daf\u00fcr sind wir da. Nachbarn sollten sich also niemals scheuen, den Notruf zu w\u00e4hlen. Lieber einmal mehr anrufen als einmal zu wenig. Ansonsten kann es schnell zu sp\u00e4t sein.<\/p>\n<p><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch, Herr Wobig!<\/strong><\/p>\n<p>Sehr gerne!<\/p>\n<hr>\n<p><span style=\"color: #003366;\"><strong><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-thumbnail wp-image-12106 alignleft\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/lasse-hilse.jpg?resize=150%2C150\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/lasse-hilse.jpg?resize=66%2C66&amp;ssl=1 66w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/lasse-hilse.jpg?resize=150%2C150&amp;ssl=1 150w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/lasse-hilse.jpg?resize=200%2C200&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/lasse-hilse.jpg?resize=300%2C300&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/lasse-hilse.jpg?fit=350%2C350&amp;ssl=1 350w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" data-recalc-dims=\"1\" \/>Lasse Hilse<\/strong> studiert Japanstudien und Publizistik und Kommunikationswissenschaft. Er interessiert sich besonders f\u00fcr die Kultur und Politik Japans und S\u00fcdostasiens im Allgemeinen, begeistert sich aber auch f\u00fcr Subkulturen wie Goth und Metal.<\/span><\/p>\n<hr>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolja Wobig (Name auf Wunsch ge\u00e4ndert) ist seit 2012 bei der Polizei Berlin auf Abschnitten und in Einsatzhundertschaften als Schutzpolizist t\u00e4tig. Dabei f\u00e4hrt er h\u00e4ufig Streife im Nachtdienst. Im Interview erz\u00e4hlt er, warum die Polizei es vermeidet, Clubs zu betreten und wie sie bei einem ihrer h\u00e4ufigsten Nachteins\u00e4tze vorgeht: der h\u00e4uslichen Gewalt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":12105,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[497,537,500],"tags":[1068,620,118,565,1048,228],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/kevin-woblick-e1661863611684.jpg?fit=3460%2C2306&ssl=1","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12103"}],"collection":[{"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12103"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12103\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12203,"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12103\/revisions\/12203"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12103"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12103"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12103"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}