{"id":11970,"date":"2022-10-21T23:48:38","date_gmt":"2022-10-21T21:48:38","guid":{"rendered":"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=11970"},"modified":"2022-11-22T17:42:40","modified_gmt":"2022-11-22T15:42:40","slug":"arbeiten-in-der-kinder-und-jugendhilfe-ein-einblick-in-den-berufsalltag-einer-sozialarbeiterin-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=11970","title":{"rendered":"Arbeiten in der Kinder- und Jugendhilfe &#8211; ein Einblick in den Berufsalltag einer Sozialarbeiterin in Berlin"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mehr als jedes f\u00fcnfte Kind in Deutschland w\u00e4chst in Armut auf. Damit das nicht so bleibt und gerade die Kleinsten und Schw\u00e4chsten in unserer Gesellschaft mehr Unterst\u00fctzung bekommen, gibt es soziale Einrichtungen wie den Kinder- und Jugendclub Bolle e.V.. Im sozialen Bereich werden verst\u00e4rkt Fachkr\u00e4fte gesucht, dar\u00fcber hinaus wird viel zu wenig dar\u00fcber berichtet, was f\u00fcr eine wertvolle Arbeit die Soziale Arbeit leistet. Kinder und Jugendliche sind die Zukunft unserer Gesellschaft, weshalb die Arbeit mit ihnen und gerade f\u00fcr sie von gro\u00dfer Bedeutung ist. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit Julia habe ich viele spannende Eindr\u00fccke \u00fcber ihren Beruf in der Kinder- und Jugendhilfe bekommen. Es geht um allt\u00e4gliche Herausforderungen, p\u00e4dagogische Grunds\u00e4tze und wie Corona ihren Berufsalltag grundlegend ver\u00e4ndert hat.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>von Sinah Kirsch<\/em><\/p>\n<p>Nach dem Abitur hat Julia ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Hamburger Heilsarmee gemacht und dabei bed\u00fcrftigen Obdachlosen geholfen. Da es sich f\u00fcr sie von Anfang an gut angef\u00fchlt sich, sich sozial zu engagieren, hat sie sich gleich danach f\u00fcr eine Ausbildung zur Sozialp\u00e4dagogin entschieden. In ihrer Ausbildung hat sie schnell erste Erfahrungen mit der Arbeit mit Kindern gesammelt. Durch das Anerkennungsjahr in Berlin, welches zu der Ausbildung dazugeh\u00f6rt, ist Julia schlie\u00dflich zur offenen Jugendfreizeiteinrichtung Bolle e.V. gekommen, wo sie 2017 angefangen hat zu arbeiten und schlie\u00dflich auch die Leitung des Teenie-Bereichs \u00fcbernommen hat.<\/p>\n<p>Der Kinder- und Jugendclub Bolle geh\u00f6rt dem Verein Stra\u00dfenkinder e.V. an, welcher in Berlin eine l\u00e4ngere Geschichte hat. Urspr\u00fcnglich wurde der Verein Stra\u00dfenkinder e.V. 1999 gegr\u00fcndet, da es rund um die Ged\u00e4chtniskirche 200-300 Stra\u00dfenkinder gab, um die sich niemand gek\u00fcmmert hat. Mit einem offenen Ohr und etwas zu Essen sowie zu Trinken haben die Gr\u00fcnder:innen damals angefangen, sich um die Kids zu k\u00fcmmern. Stra\u00dfenkinder e.V. hat verschiedene Arbeitsbereiche, wie die Stra\u00dfen Sozialarbeit in der Warschauer- und Kopernikusstrasse. Dort wird sich um junge obdachlose Menschen gek\u00fcmmert und ihnen geholfen einen Weg zur\u00fcck in die Gesellschaft zu finden. Dann gibt es das Jugendhaus Bolle in Marzahn, wo auch Julia arbeitet. Wie sie mir erz\u00e4hlt, haben sie drei Bereiche: Zum einen den der j\u00fcngeren Kinder von 6-10 Jahren. Dann einen der Teenies von 11-13 Jahren und noch einen der Jugendlichen von 13-18 Jahren. Am Tag betreuen sie 120 bis maximal 150 Kinder. Zus\u00e4tzlich gibt es ein Integrationsprojekt f\u00fcr Kinder mit Fluchthintergrund.<\/p>\n<p>Julia arbeitet 38 1?2 Stunden in der Woche und hat 27 Tage Urlaub im Jahr. An ihren gro\u00dfen strahlenden Augen und ihrer begeisterten Art merkt man schnell, wie viel ihr die Arbeit mit den Kids bedeutet. \u201eDie Erfolgserlebnisse motivieren mich jeden Tag aufs Neue. Mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten macht einfach Spa\u00df\u201c. Zu sehen, wie sich Beziehungen aufbauen und wir mit unserer Arbeit einen echten Mehrwert f\u00fcr die Gesellschaft schaffen, ist einfach toll\u201c.<\/p>\n<h3>Kunterbunt- vielf\u00e4ltig &#8211; einf\u00fchlsam<\/h3>\n<div id=\"attachment_11973\" style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11973\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11973 size-full\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/rutsche.jpeg?resize=240%2C317\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"317\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/rutsche.jpeg?resize=200%2C264&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/rutsche.jpeg?resize=227%2C300&amp;ssl=1 227w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/rutsche.jpeg?fit=240%2C317&amp;ssl=1 240w\" sizes=\"(max-width: 240px) 100vw, 240px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-11973\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Sinah Kirsch<\/p><\/div>\n<p>Die Kinder, die zu Bolle kommen, sind ein bunt gemischter Haufen zwischen 6 und 18 Jahren. Jede:r bringt f\u00fcr sich etwas ganz Besonderes mit und macht die Arbeit so abwechslungsreich und herausfordernd. Die Kinder kommen aus unterschiedlichen sozialen und famili\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen. Mangelnde Zuneigung und Liebe, h\u00e4ufiger Streit und Gewalt, sexueller und\/oder psychischer Missbrauch oder Mobbing in schulischen und privaten Kontexten sind Probleme, die die Kinder schon in jungen Jahren haben. Viele von ihnen wachsen zudem in finanziell prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen auf, was ein gro\u00dfes Ma\u00df an Fein- und Mitgef\u00fchl auf Seiten der Sozialarbeiter:innen erfordert. Einen typischen Arbeitsalltag gibt es nicht, denn das Angebot welches Bolle den Kindern bietet, ist zu vielf\u00e4ltig. Wenn man versucht den Arbeitsalltag zu beschreiben, sieht es meistens so aus, dass die Kids nach der Schule zu Bolle kommen. Dann werden sie bei den Hausaufgaben betreut und gemeinsam mit ihnen ihre Freizeit gestaltet. Bei Bolle gibt es eine Medienwerkstatt, in der verschiedene Medienprojekte, wie etwa Kurzfilme, realisiert werden. Es gibt ein gro\u00dfes musikalisches Angebot, bei dem die Kids Gitarren-, Keyboard- und Schlagzeugunterricht nehmen k\u00f6nnen. Weiterhin werden den Kids verschiedene Sportangebote angeboten und um die handwerklichen F\u00e4higkeiten zu f\u00f6rdern, gibt es eine Fahrrad- und Holzwerkstatt. Dar\u00fcber hinaus gibt es jedes Jahr eine Sommer- und Projektfreizeit. Hier k\u00f6nnen teilweise dann auch die Eltern mitkommen. Der urspr\u00fcngliche Gedanke ist bei allem, dass die Kids nicht auf der Stra\u00dfe landen und ihnen stets mit Wertsch\u00e4tzung und N\u00e4chstenliebe entgegentreten wird.<\/p>\n<h3>P\u00e4dagogische Grunds\u00e4tze<\/h3>\n<div id=\"attachment_11972\" style=\"width: 251px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11972\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11972 size-full\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/klettergeruest.jpeg?resize=241%2C303\" alt=\"\" width=\"241\" height=\"303\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/klettergeruest.jpeg?resize=200%2C251&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/klettergeruest.jpeg?resize=239%2C300&amp;ssl=1 239w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/klettergeruest.jpeg?fit=241%2C303&amp;ssl=1 241w\" sizes=\"(max-width: 241px) 100vw, 241px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-11972\" class=\"wp-caption-text\">Foto:&nbsp;Sinah Kirsch<\/p><\/div>\n<p>Bei Bolle ist die Gewaltfreiheit ein wichtiger Grundsatz. Viele von den Kids erleben zuhause Gewalt und diese angelernten Verhaltensweisen bringen sie nat\u00fcrlich mit zu Bolle. Es geht darum, klare Strukturen aufzubauen und den Kindern Halt und Unterst\u00fctzung zu vermitteln. Dies geschieht auch dadurch, dass eine klare Streitkultur etabliert wird. Auch der achtsame Umgang mit der Natur und Gegenst\u00e4nden werden vermittelt, wie etwa beim gemeinsamen Einkaufen oder beim gemeinsamen Kochen. Dass Bolle einen klaren Erziehungsauftrag hat, wird durch Julias Wort schnell klar. Dass es manchmal anstrengend sein kann, ist auch klar. Einmal war eine Mitarbeiterin mit 33 Teenies allein, als diese eine Pr\u00fcgelei anfingen, \u201eda muss man dann schon echt die Nerven bewahren\u201c. Nat\u00fcrlich spielen bei den Jugendlichen auch Drogen eine Rolle, weshalb Bolle mit anderen Vereinen zusammenarbeitet, und versucht pr\u00e4ventiv vorzusorgen.<\/p>\n<h3>Corona und die Auswirkungen<\/h3>\n<div id=\"attachment_11974\" style=\"width: 251px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11974\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11974 size-full\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/spielplatz.jpeg?resize=241%2C269\" alt=\"\" width=\"241\" height=\"269\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/spielplatz.jpeg?resize=200%2C223&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/spielplatz.jpeg?fit=241%2C269&amp;ssl=1 241w\" sizes=\"(max-width: 241px) 100vw, 241px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-11974\" class=\"wp-caption-text\">Foto:&nbsp;Sinah Kirsch<\/p><\/div>\n<p>Auch Corona hat sich stark auf den Arbeitsalltag im sozialen Bereich ausgewirkt und viele Mitarbeiter:innen sowie Sozialhilfeempf\u00e4nger:innen hart getroffen. Die eh schon verwundbarsten unserer Gesellschaft wurden durch die Schlie\u00dfung der sozialen Einrichtung mit ihren Problemen allein gelassen. Die Kids mussten durch den Lockdown zuhause bleiben und der zuvor strukturierte Alltag fiel abrupt weg. Manche Kids waren f\u00fcr die Mitarbeiter:innen auch einfach nicht mehr zu erreichen. Die Hausaufgabenbetreuung haben Julia und ihre Kolleg:innen provisorisch \u00fcber Handy ?s und Laptop ?s gemacht. Zum Gl\u00fcck wurden einige Ger\u00e4te gespendet, da viele Kinder keinen digitalen Zugang haben. Schwierigkeiten gab es zus\u00e4tzlich bei Kids mit Migrationshintergrund, da die Sprachbarrieren \u00fcber die Distanz noch schwieriger zu \u00fcberbr\u00fccken sind. Auch von Verschw\u00f6rungstheorien ist Julia \u00f6fters mal was zu Ohren gekommen. All dies sind Probleme, die sich sehr schwer \u00fcber die Distanz l\u00f6sen lassen. Es war ein stetiges Auf und Ab und die Kreativit\u00e4t der Mitarbeitenden wurde immer wieder aufs Neue herausgefordert. Manche Kids haben sie schlie\u00dflich zuhause besucht und Pakete gegen Langeweile verteilt. Tendenziell hat Julia festgestellt, dass depressive Verstimmungen bei den Kindern zugenommen haben. Weiterhin kann man schon sagen, dass sich Probleme, die es schon vor Corona gab, durch die Pandemie verschlimmert haben.<\/p>\n<p>Die Pandemie hat noch einmal mehr verdeutlicht, wie wichtig die Arbeit im sozialen Bereich ist. Sie f\u00e4ngt Probleme ab, vermittelt zwischen Menschen und zeigt Menschen, die nicht so einen einfachen Start ins Leben haben, Perspektiven auf. Wer also Menschen liebt und nach einem Beruf mit Sinn und einem Mehrwert f\u00fcr die Gesellschaft sucht, ist in der Sozialen Arbeit genau richtig.<\/p>\n<hr>\n<p><span style=\"color: #003366;\"><strong><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-11975\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/sinah-kirsch.png?resize=150%2C150\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/sinah-kirsch.png?resize=66%2C66&amp;ssl=1 66w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/sinah-kirsch.png?resize=150%2C150&amp;ssl=1 150w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/sinah-kirsch.png?zoom=2&amp;resize=150%2C150 300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/sinah-kirsch.png?fit=314%2C419&amp;ssl=1 314w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" data-recalc-dims=\"1\" \/>Sinah Kirsch<\/strong> studiert im sechsten Semester Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Theaterwissenschaften. Seit drei Jahren lebt sie in Berlin und interessierte sich sehr f\u00fcr soziale Themen.<\/span><\/p>\n<hr>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr als jedes f\u00fcnfte Kind in Deutschland w\u00e4chst in Armut auf. Damit das nicht so bleibt und gerade die Kleinsten und Schw\u00e4chsten in unserer Gesellschaft mehr Unterst\u00fctzung bekommen, gibt es soziale Einrichtungen wie den Kinder- und Jugendclub Bolle e.V.. 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