{"id":11848,"date":"2022-09-26T13:10:57","date_gmt":"2022-09-26T11:10:57","guid":{"rendered":"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=11848"},"modified":"2022-10-19T22:12:31","modified_gmt":"2022-10-19T20:12:31","slug":"aus-der-tuerkei-nach-berlin-arbeiter-der-nacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=11848","title":{"rendered":"Aus der T\u00fcrkei nach Berlin: Arbeiter der Nacht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit 1961 kamen viele T\u00fcrken nach Berlin als Gastarbeiter. Heute arbeiten viele von ihnen in unterschiedlichen Nachtjobs, die wichtig f\u00fcr die Nachtkultur der Hauptstadt sind. Im Gespr\u00e4ch \u00fcber Berlin kommen sie trotzdem nur selten vor.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>von Derin Kayabali<\/em><\/p>\n<p>Im heutigen Berlin gibt es eine gro\u00dfe Gemeinschaft von T\u00fcrken. Rund 200.000 Menschen haben in Berlin einen t\u00fcrkischen Migrationshintergrund oder einen t\u00fcrkischen Pass. Einige von ihnen sind mit ihren Leistungen in Deutschland und weltweit ber\u00fchmt geworden, wie der Schriftsteller Aras \u00d6ren, die Politikerin Dilek Kalayci von der SPD oder der Rapper Killa Hakan. Obwohl diese Menschen der t\u00fcrkischen Gemeinschaft Berlins mehr Sichtbarkeit verliehen haben, bleiben viele darin unerkannt: Die Menschen, die allt\u00e4gliche Arbeiten erledigen, insbesondere diejenigen, die nachts arbeiten m\u00fcssen.<\/p>\n<h3>Geschichte der T\u00fcrken in Berlin<\/h3>\n<div id=\"attachment_11851\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11851\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11851 size-medium\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/migration-60er-jahre.jpeg?resize=300%2C194\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"194\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/migration-60er-jahre.jpeg?resize=200%2C130&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/migration-60er-jahre.jpeg?resize=300%2C194&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/migration-60er-jahre.jpeg?resize=400%2C259&amp;ssl=1 400w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/migration-60er-jahre.jpeg?fit=500%2C324&amp;ssl=1 500w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-11851\" class=\"wp-caption-text\">Ein Foto der Migration in 60er Jahren | Foto:&nbsp;Derin Kayabali<\/p><\/div>\n<p>Die Migration aus der T\u00fcrkei nach Deutschland hat eine lange Geschichte. Die gr\u00f6\u00dfte Migrationswelle aus der T\u00fcrkei begann 1961 im Rahmen des Gastarbeiter-Anwerbeabkommens. Manche kamen aber auch schon fr\u00fcher nach Deutschland, insbesondere nach Berlin. In den letzten Jahren des Osmanischen Reiches zog es Studenten und junge Unternehmer hier her, um eine europ\u00e4ische Ausbildung zu erhalten.<\/p>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen junge Arbeiter und entschieden sich irgendwann zu bleiben. Es war die Zeit des Wirtschaftswunders, nach dem schnellen Wiederaufbau Deutschlands. In den 1960er Jahren unterzeichnete die westdeutsche Regierung mit der t\u00fcrkischen Regierung \u2013 auch auf Druck der Amerikaner hin, die in Incirlik eine Milit\u00e4rbasis einrichten wollten \u2013 einen Notenwechsel zur Umsetzung eines Gastarbeiterprogramms. Das Abkommen endete 1973, in dieser Zeit zogen viele Gastarbeiter nach Deutschland.<\/p>\n<p>Das beliebteste Ziel t\u00fcrkischer Arbeitnehmer in Deutschland war wieder Berlin. Nach Vertragsende wollten die Gastarbeiter nicht in die T\u00fcrkei ziehen, weil sie ihr Leben in Deutschland aufgebaut hatten, weil ihre Familie in Deutschland und weil Deutschland ihre neue Heimat war.<\/p>\n<h3>Die t\u00fcrkischen Nachtarbeiter im heutigen Berlin<\/h3>\n<p>T\u00fcrkischst\u00e4mmige Nachtarbeiter nehmen einen besonderen Platz in der Berliner Kultur ein, weil sie in Betrieben arbeiten, die Berlin von anderen St\u00e4dten in Deutschland unterscheiden, wie D\u00f6ner oder Sp\u00e4tis. Ohne diese Orte w\u00e4re Berlin nicht Berlin. Heutzutage gibt es in Berlin etwa 1000 D\u00f6ner Kebabs, die bis sp\u00e4t in der Nacht die Clubg\u00e4nger bedienen. Zeynep Turan arbeitet in einem solchen D\u00f6ner namens K\u00f6fte City am Mehringdamm. Die anderen Mitarbeiter nennen sie liebevoll \u201eZeynep Han?m\u201c (Han?m bedeutet hier Frau). Sie arbeitet dort seit zwei Monaten und hat fr\u00fcher als Nachtschwester und Wachmann gearbeitet. Sie und ihre Mitarbeiter bedienen fast 100 Besucher pro Nacht. Das Schwierigste f\u00fcr sie ist nicht die viele Arbeit, sondern die Kinder zu Hause. Sie ist alleinerziehende Mutter von f\u00fcnf Kindern und versucht so viel Zeit wie m\u00f6glich mit ihnen zu verbringen. \u201eF\u00fcr mich ist es wichtig, dass sie sich geliebt f\u00fchlen\u201c, betont sie.<\/p>\n<div id=\"attachment_11849\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11849\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-11849\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/cafe-von-oezlem.jpg?resize=300%2C225\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/cafe-von-oezlem.jpg?resize=200%2C150&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/cafe-von-oezlem.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/cafe-von-oezlem.jpg?resize=400%2C300&amp;ssl=1 400w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/cafe-von-oezlem.jpg?resize=600%2C450&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/cafe-von-oezlem.jpg?resize=800%2C600&amp;ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/cafe-von-oezlem.jpg?resize=1024%2C768&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/cafe-von-oezlem.jpg?resize=1200%2C900&amp;ssl=1 1200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/cafe-von-oezlem.jpg?w=2200 2200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/cafe-von-oezlem.jpg?w=3300 3300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/cafe-von-oezlem.jpg?fit=4032%2C3024&amp;ssl=1 4032w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-11849\" class=\"wp-caption-text\">Kumru Kuruyemi?, Cafe von \u00d6zlem | Foto:&nbsp;Derin Kayabali<\/p><\/div>\n<p>Sie ist nicht die einzige Nachtarbeiterin dieser Art. \u00d6zlem Polat ist eine weitere alleinerziehende Mutter, die so viel wie m\u00f6glich bei ihren beiden Kindern sein m\u00f6chte. Sie hat seit sechs Jahren ein eigenes Caf\u00e9 am Mehringdamm. Dort arbeitet sie mit ihrem Vater, zusammen arbeiten sie manchmal dreizehn Stunden am Tag und in der Nacht. Sie verkaufen auch N\u00fcsse und Kr\u00e4uter f\u00fcr Tee. Dieses Caf\u00e9 h\u00e4tte genauso in Istanbul statt in Berlin stehen k\u00f6nnen. Die Atmosph\u00e4re erinnert an die Gesch\u00e4fte auf dem Gro\u00dfen Basar. Besonders schwierig f\u00fcr sie war die Pandemie. Mit dem geschlossenen Gesch\u00e4ft hat sie sehr schwere Zeiten erlebt. \u201eMit staatlicher Hilfe haben wir die ersten Monate \u00fcberstanden und dann jeden Tag unsere Arbeit fortgesetzt\u201c, sagt sie mit stolzem Ton.<\/p>\n<p>Neben ihren \u00c4hnlichkeiten als alleinerziehende M\u00fctter, die sp\u00e4t in der Nacht arbeiten, sind auch ihre Familiengeschichten \u00e4hnlich. Zeyneps Familie stammt aus Afyon und zog 1970 nach Deutschland. Sie wurde in Berlin geboren und wuchs hier auf. Auch \u00d6zlems Familie zog w\u00e4hrend der ersten Migrationswelle nach Berlin, aus Sivas. Wie Zeynep ist sie in Berlin geboren und hat ihr ganzes Leben hier verbracht. Beide Frauen sind Berlinerinnen, die den Bezug zu ihrer kulturellen Vergangenheit nicht verloren, sondern durch ihre Arbeit in ihre Stadt gebracht haben.<\/p>\n<h3>Eine multikulturelle Zukunft f\u00fcr Berlin<\/h3>\n<p>Seit Anfang des 20. Jahrhunderts sind viele T\u00fcrken nach Deutschland gekommen, um sich eine Zukunft aufzubauen, entweder als selbstst\u00e4ndige Unternehmer, neugierige Studenten oder Gastarbeiter. Aber die T\u00fcrken sind nicht die einzige Minderheit heutzutage in Berlin. Wie Zeynep und \u00d6zlem gibt es Menschen anderer Nationalit\u00e4ten, deren Familien seit vielen Jahren in Berlin leben und zum kulturellen Reichtum Berlins beitragen. Gute Beispiele daf\u00fcr sind wieder in der Berliner Nacht zu finden.<\/p>\n<p>In Sp\u00e4tis arbeiten nicht nur T\u00fcrken, sondern auch Araber oder Kurden. Neben den D\u00f6ner Kebabs gibt es auch Falafel-Buden, die oft von Libanesen oder Israelis betrieben werden. Es gibt viele vietnamesische Imbisse, die oft nachts besucht werden. Die Gesch\u00e4fte, in denen die Migranten arbeiten, sind nicht nur einfache Einrichtungen, sondern auch Repr\u00e4sentationen einer anderen Kultur. Diese Menschen, die tausende Stunden an diesen Orten arbeiten, machen Berlin zu der multikulturellen Stadt, die sie ist. Auch wenn Zeynep und \u00d6zlem mit vielen Widrigkeiten konfrontiert sind \u2013 ihre Arbeit ist ein wesentlicher Bestandteil des Berliner Nachtlebens.<\/p>\n<hr>\n<p><span style=\"color: #003366;\"><strong> Derin Kayabali<\/strong> (21) studiert Philosophie und PuK im Nebenfach im 4. Semester. Als internationaler Student aus der T\u00fcrkei ist er sehr an der t\u00fcrkischen Kultur von Berlin interessiert.<\/span><\/p>\n<hr>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 1961 kamen viele T\u00fcrken nach Berlin als Gastarbeiter. 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