{"id":11614,"date":"2022-05-27T09:47:12","date_gmt":"2022-05-27T07:47:12","guid":{"rendered":"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=11614"},"modified":"2022-06-02T13:01:30","modified_gmt":"2022-06-02T11:01:30","slug":"interview-der-einfluss-der-corona-pandemie-auf-den-berufsalltag-einer-berliner-hausaerztin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=11614","title":{"rendered":"Interview: Der Einfluss der Corona-Pandemie auf den Berufsalltag einer Berliner Haus\u00e4rztin"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die ehemalige Not\u00e4rztin, Frau Dr. Fahim-Jebrini, arbeitet seit ein paar Jahren im Zentrum von Berlin als Internistin in einer Gemeinschaftspraxis. Wie alle medizinischen Berufsgruppen, hat sie als Haus\u00e4rztin die Corona-Pandemie aus einem anderen Winkel wahrgenommen. Mit viel Stress, Hemmungen und Angst haben auch Haus\u00e4rztInnen in den letzten Jahren zu k\u00e4mpfen gehabt. Auch wenn sich die mediale Berichterstattung oftmals auf andere medizinische Bereiche konzentriert hat, hat sich die Arbeit in einer Hausarztpraxis an das Virusgeschehen angepasst. Im Interview spricht Dr. Fahim-Jebrini dar\u00fcber, wie die Pandemie die Arbeit als Haus\u00e4rztin beeinflusst hat.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>von Ann-Sophie Podevin<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_11615\" style=\"width: 1930px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11615\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-11615\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/stethoscope-laptop..jpg?resize=1100%2C733\" alt=\"\" width=\"1100\" height=\"733\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/stethoscope-laptop..jpg?resize=200%2C133&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/stethoscope-laptop..jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/stethoscope-laptop..jpg?resize=400%2C267&amp;ssl=1 400w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/stethoscope-laptop..jpg?resize=600%2C400&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/stethoscope-laptop..jpg?resize=800%2C533&amp;ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/stethoscope-laptop..jpg?resize=1024%2C683&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/stethoscope-laptop..jpg?resize=1200%2C800&amp;ssl=1 1200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/stethoscope-laptop..jpg?fit=1920%2C1280&amp;ssl=1 1920w\" sizes=\"(max-width: 1100px) 100vw, 1100px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-11615\" class=\"wp-caption-text\">Stethoscope and Laptop Computer | <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/photos\/NFvdKIhxYlU\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Foto: National Cancer Institute<\/a><\/p><\/div>\n<p><strong>Inwiefern hat Corona die Arbeit als Haus\u00e4rztin in Berlin ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Man merkt den PatientInnen an, dass sie mehr Hemmungen haben zum Arzt zu gehen, da sie Angst davor haben, sich anzustecken. Daher versuchen die PatientInnen oftmals, ihre Anliegen erst einmal im Privaten zu l\u00f6sen und kommen dann erst bei gravierenderen Symptomen in die Praxis. Menschlich hat sich die Arbeit auch ver\u00e4ndert. Fr\u00fcher hat man sich die Hand gegeben, war pers\u00f6nlicher miteinander und es war allgemein mehr N\u00e4he da. Mittlerweile n\u00e4hert man sich als Arzt oder \u00c4rztin dem Patienten nur, wenn es wirklich sein muss und man versucht allgemein einen gewissen Abstand zueinander zu wahren. Auch die psychische Komponente spielt eine gr\u00f6\u00dfere Rolle, als man annimmt. Die PatientInnen sind angeschlagen, daher ist es umso wichtiger, noch mehr auf ihre Sorgen und ihre Verfassung einzugehen und die Menschen in gewisser Weise aufzufangen.<\/p>\n<p><strong>Welche Umstellungen gab es coronabedingt bei euch in der Praxis?<\/strong><\/p>\n<p>PatientInnen mit Infektionssymptomen oder anderen noch so kleinen Hinweisen auf das Virus wurden zu einem bestimmten Zeitfenster, der Infektionssprechstunde, einbestellt. Somit konnten wir auch die Anliegen der PatientInnen in gewisser Weise voneinander trennen. Die regul\u00e4ren Sprechstunden wurden insbesondere w\u00e4hrend des Lockdowns eingeschr\u00e4nkt, da man auf einmal selber zus\u00e4tzlich private Verpflichtungen, wie zum Beispiel die Kinderbetreuung, unter einen Hut bringen musste. Deswegen wurden Sprechstunden, die zum Beispiel am sp\u00e4ten Nachmittag stattfanden, komplett gestrichen. Es wurde au\u00dferdem stark darauf geachtet, dass PatientInnen sich nicht zu lange gemeinsam im Wartezimmer aufhielten, was jedoch nicht immer zu vermeiden war. In unserer Praxis wurden au\u00dferdem Samstagssprechstunden f\u00fcr das Impfen eingerichtet, damit wir damit hinterherkommen.<\/p>\n<p><strong>Wie f\u00fchlt man sich in so einer Zeit als Haus\u00e4rztin?<\/strong><\/p>\n<p>Man steht stark unter Druck und ist dauerhaft angespannt. W\u00e4hrend meiner Arbeit bin ich st\u00e4ndig in Kontakt mit vielen Menschen und auch wenn man gut gesch\u00fctzt ist, ist man als \u00c4rztin einer hohen Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Da sind die Gedanken automatisch bei der eigenen Familie und man macht sich Sorgen, da man ungerne das Virus mit nach Hause bringen m\u00f6chte. Vor allem, weil man auf \u00c4rzte und \u00c4rztinnen nicht verzichten kann. Die Arbeit ging genauso weiter, Corona kam dann einfach noch dazu. Andere Anliegen gibt es ja immer noch.<\/p>\n<p><strong>Politik in Zeiten der Corona-Pandemie f\u00fcr medizinische Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>In der Corona-Pandemie gab es politische Ma\u00dfnahmen, die der medizinischen Arbeit Unterst\u00fctzung bieten sollte. Die Medien haben viel \u00fcber verschiedenste medizinische Bereiche berichtet. Der Fokus lag jedoch oftmals auf den extremen Seiten der Pandemie \u2013 Krankenh\u00e4user, Kliniken, Altenheime. Die Haus\u00e4rztInnen sind hierbei sehr untergegangen und tauchen nur selten in der medialen Berichterstattung auf. Auch wenig aus der Politik h\u00f6rt man wenig \u00fcber die Hausartzpraxen, die in dieser Zeit, wie andere medizinische Nischen, unter Extrembedingungen arbeiten mussten.<\/p>\n<div id=\"attachment_11616\" style=\"width: 1930px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11616\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-11616\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/vaccine-covid-19.jpg?resize=1100%2C734\" alt=\"\" width=\"1100\" height=\"734\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/vaccine-covid-19.jpg?resize=200%2C133&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/vaccine-covid-19.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/vaccine-covid-19.jpg?resize=400%2C267&amp;ssl=1 400w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/vaccine-covid-19.jpg?resize=600%2C400&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/vaccine-covid-19.jpg?resize=800%2C534&amp;ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/vaccine-covid-19.jpg?resize=1024%2C683&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/vaccine-covid-19.jpg?resize=1200%2C801&amp;ssl=1 1200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/vaccine-covid-19.jpg?fit=1920%2C1281&amp;ssl=1 1920w\" sizes=\"(max-width: 1100px) 100vw, 1100px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-11616\" class=\"wp-caption-text\">Impfstoff Covid-19 | <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/photos\/cOH3j5lQDYo\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Foto: Towfiqu barbhuiya<\/a><\/p><\/div>\n<p><strong>Gab es durch politische Ma\u00dfnahmen Schwierigkeiten in der Praxis? Wie f\u00fchlt man sich als Haus\u00e4rztin in der Politik aufgehoben?<\/strong><\/p>\n<p>Es gab einige Probleme, vor allem wegen der Impfstofflieferungen. Bei uns in der Praxis kam es leider \u00f6fter dazu, dass Termine vergeben wurden, die dann doch nicht stattfinden konnten, weil der Impfstoff gefehlt hat. Im Hintergrund gibt es da nat\u00fcrlich viel Unzufriedenheit, zum Beispiel hinsichtlich der Eind\u00e4mmung der Biontech-Impfstoffs. Dadurch entstanden Konflikte, die die Haus\u00e4rzte mit den PatientInnen ausbaden mussten.<\/p>\n<p>Es gibt auch einen gro\u00dfen Unterschied zwischen Kliniken und Hausarztpraxen, wenn es um die Unterst\u00fctzungen geht. Von der Politik gab es in den Praxen eine Hygieneziffer, die bei PrivatpatientInnen mit abgebucht werden durfte, um den finanziellen Aufwand, den man in der Praxis wegen der Coronabedingungen betreibt, auszugleichen, was jedoch nicht genug ist.<\/p>\n<p><strong>Gab es oft Konflikte zwischen PatientInnen und den \u00c4rzten?<\/strong><\/p>\n<p>Es gab m\u00e4chtig Stress. Viele PatientInnen haben sich bei den \u00c4rzten beschwert, weil sie zum Beispiel Biontech anstelle von Moderna geimpft bekommen wollten. Biontech ist einfach der beliebtere Impfstoff und auf einmal wird dieser nicht mehr geliefert, weil noch so viel von einem anderen Impfstoff \u00fcbrig war. Da gab es dann leider zu viele Termine, die man aus Mangel nicht mehr bedienen konnte, was f\u00fcr die PatientInnen dann nat\u00fcrlich frustrierend war.<\/p>\n<p><strong>W\u00fcrdest du dir mehr von der Politik w\u00fcnschen?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man so eine Impfkampagne durchzieht, kann man nicht einfach den Impfstoff eind\u00e4mmen. Man muss den PatientInnen m\u00f6glichst viele Anreize bieten und den gew\u00fcnschten Impfstoff erm\u00f6glichen, ansonsten ist das ein Widerspruch. Ich w\u00fcrde mir auch mehr Transparenz und mehr Aufkl\u00e4rung w\u00fcnschen. Es fehlt zum Beispiel vor dem Impfen die Informations\u00fcbertragung. Vor der Impfpflicht brauchen die Menschen mehr Informationen zu den Impfungen, \u00fcber die Verl\u00e4ufe von Krankheiten oder aber auch Nebenwirkungen und \u00fcber den Sinn davon. Ihre \u00c4ngste und Zweifel m\u00fcssen ernst genommen werden. Mehr \u00fcberzeugen, anstatt zu verpflichten. Vor allem muss man mehr auf die zur\u00fcckhaltenden Leute eingehen. Die Bedenken anh\u00f6ren und nicht direkt runterspielen. Deswegen fand ich die Versammlung von unserem Bundespr\u00e4sidenten mit den Impfskeptikern sehr gut, weil man da sehen konnte, wie die Politik einen Schritt auf die Menschen zugegangen ist.<\/p>\n<p><strong>Wie findest du die Vorhersagen zum Ende der Pandemie?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, dass die PatientInnen sehr m\u00fcde sind und einen Lichtblick brauchen. Das brauchen wir alle. Menschen, die wirklich eine Ahnung von der Thematik haben, k\u00f6nnen meiner Meinung nach solche Vorhersagen aussprechen. Vor allem, wenn diese auf Forschungen und theoretischen Grundlagen basieren und diese auch belegen. Jedoch sollte man solche Aussagen nicht nutzen, um sie als Druckmittel zu nutzen oder Angst zu verbreiten. Man merkt in der Praxis, dass die PatientInnen nat\u00fcrlich auch mit der Angst zu k\u00e4mpfen haben.<\/p>\n<p><strong>Machst du deine Arbeit denn immer noch gerne?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin jedes Mal aufs neue dankbar f\u00fcr meine T\u00e4tigkeit. Gegen das Coronavirus kann ich an sich gar nicht wirklich viel machen, aber wenn man wenigstens auf die Psyche der PatientInnen eingehen kann, oder die Angst nehmen kann, dann hat man wenigstens das Gef\u00fchl etwas Positives beizutragen. Ich bin zum Gl\u00fcck auch nicht von der Existenz bedroht und als \u00c4rztin kann man einfach etwas Gutes beitragen. Daf\u00fcr bin ich jeden Tag dankbar.<\/p>\n<hr>\n<p><span style=\"color: #003366;\"><strong>Ann-Sophie Podevin<\/strong> studiert im 5. Semester Englische Philologie und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universit\u00e4t Berlin. In der Medienberichterstattung zu der Corona-Pandemie wurde ihrer Ansicht nach zu wenig auf die Haus\u00e4rztInnen eingegangen, weswegen ihr Interesse geweckt wurde, sich hiermit n\u00e4her zu besch\u00e4ftigen.<\/span><\/p>\n<hr>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ehemalige Not\u00e4rztin, Frau Dr. Fahim-Jebrini, arbeitet seit ein paar Jahren im Zentrum von Berlin als Internistin in einer Gemeinschaftspraxis. Wie alle medizinischen Berufsgruppen, hat sie als Haus\u00e4rztin die Corona-Pandemie aus einem anderen Winkel wahrgenommen. Mit viel Stress, Hemmungen und Angst haben auch Haus\u00e4rztInnen in den letzten Jahren zu k\u00e4mpfen gehabt. 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