{"id":11200,"date":"2021-04-10T13:09:30","date_gmt":"2021-04-10T11:09:30","guid":{"rendered":"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=11200"},"modified":"2021-04-30T13:12:12","modified_gmt":"2021-04-30T11:12:12","slug":"koordinatorin-der-stolpersteine-initiative-charlottenburg-wilmersdorf-gisela-morel-tiemann-im-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=11200","title":{"rendered":"Stolpersteine in Charlottenburg-Wilmersdorf: Gisela Morel-Tiemann im Interview"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eWir Nachgeborenen tragen keine Schuld an den Verbrechen, die von Deutschen begangen wurden. Aber wir sind verantwortlich daf\u00fcr, dass sie nicht vergessen werden.\u201c&nbsp;Gisela Morel-Tiemann, 77 Jahre alt, Rentnerin und ehrenamtliche Koordinatorin der Stolperstein-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf, spricht \u00fcber die Stolpersteine im Bezirk und deren gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr die Erinnerungskultur in Deutschland.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>von Kristin Thimsen<\/em><\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Frau Morel-Tiemann, Sie wurden am 28.01.1944 geboren. Fast genau ein Jahr sp\u00e4ter, am 27.01.1945, wurde das Konzentrationslager in Auschwitz durch sowjetische Truppen befreit. Wann h\u00f6rten Sie zum ersten Mal etwas \u00fcber die schrecklichen Geschehnisse des Nationalsozialismus, die Konzentrationslager und den Holocaust? &nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gisela Morel-Tiemann:<\/strong> Ich geh\u00f6re der Generation des gro\u00dfen Schweigens an. Sowohl die Eltern als auch die Gro\u00dfeltern, niemand von ihnen hat in der Nachkriegszeit etwas erz\u00e4hlt. Und wenn was erz\u00e4hlt wurde, dann war niemand Nazi und niemand hat etwas gewusst, geh\u00f6rt oder gesehen. Ich hatte aber das gro\u00dfe Gl\u00fcck auf dem Gymnasium einen Geschichtslehrer zu haben, der uns erz\u00e4hlt hat, was er von der Nazizeit wusste. Es war nicht viel, aber immerhin mehr als die anderen Geschichtslehrer vermittelten. Bei denen war die Weimarer Republik schon kein Thema mehr und Hitler erst recht nicht.<\/p>\n<div id=\"attachment_11203\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11203\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-11203\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Bild-Interviewpartnerin.jpg?resize=300%2C257\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"257\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Bild-Interviewpartnerin.jpg?resize=200%2C172&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Bild-Interviewpartnerin.jpg?resize=300%2C257&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Bild-Interviewpartnerin.jpg?resize=400%2C343&amp;ssl=1 400w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Bild-Interviewpartnerin.jpg?resize=600%2C515&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Bild-Interviewpartnerin.jpg?fit=710%2C609&amp;ssl=1 710w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-11203\" class=\"wp-caption-text\">Gisela Morel-Tiemann bei der Verlegung der Stolpersteine in der Friedbergstra\u00dfe (Foto: Jan Lange)<\/p><\/div>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Wie kamen Sie dann von den Erz\u00e4hlungen Ihres Geschichtslehrers zu der ehrenamtlichen T\u00e4tigkeit mit Stolpersteinen im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Das Thema hat mich mein ganzes Leben begleitet. Ich habe vor \u00fcber 50 Jahren hier in Berlin am OSI Politik und Geschichte studiert. Im Jahr 2012 habe ich in meiner Stra\u00dfe mit noch 20 weiteren Bewohner*innen die \u201eStolpersteininitiative Friedbergstra\u00dfe\u201c gegr\u00fcndet. Denn mich hatte es verwundert, dass in allen umliegenden Stra\u00dfen bereits Stolpersteine verlegt worden waren, nur in meiner Stra\u00dfe nicht. Es stellte sich heraus, dass die Friedbergstra\u00dfe in der NS-Zeit von den Nazis in Steffeckstra\u00dfe umbenannt worden war. 1947 wurde sie wieder zur Friedbergstra\u00dfe. Grund daf\u00fcr war, dass es den Nationalsozialisten widerstrebte, eine Stra\u00dfe zur W\u00fcrdigung des liberalen Juristen und Politikers Heinrich von Friedberg zu benennen, zumal er j\u00fcdischer Herkunft war.&nbsp; Zum 75. Jahrestag der Pogromnacht 1938, am 10. November 2013, haben wir 19 Stolpersteine in der Friedbergstra\u00dfe verlegt. Seither engagiere ich mich f\u00fcr das Stolperstein-Projekt und nun auch seit zweieinhalb Jahren ehrenamtlich als Koordinatorin der Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf.<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Besteht die Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf ausschlie\u00dflich aus ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Bei uns in Berlin ist es so, dass jeder Bezirk eine eigene Stolpersteine-Initiative hat und manche sind beispielsweise an kommunale Museen angebunden. Jedoch arbeiten die meisten ehrenamtlich und wir hier in Charlottenburg-Wilmersdorf arbeiten komplett ehrenamtlich. Wir sind eine Initiative von um die 20 aktiven Menschen, die meisten sind im Rentenalter.<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Kann sich jeder, der will, bei Ihnen in der Initiative einbringen?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Ja, sehr gerne. Gerade um den 09. und 10. November und 27. Januar herum hatten wir viele Anfragen von zum Gl\u00fcck auch j\u00fcngeren Leuten, die gerne am Stolperstein-Projekt mitmachen wollen. Und denen erkl\u00e4re ich dann, was die Initiative ist, wie wir arbeiten, was unsere Aufgaben sind. Es kann sich dann jeder bzw. jede gerne an der Stelle einbringen, wo er oder sie gerne will. Schwierig ist es momentan wegen Corona, da wir keine Treffen haben k\u00f6nnen und somit alles online stattfinden muss. Da ist die \u201eEinarbeitung\u201c der neuen Mitglieder komplizierter.<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Als Koordinatorin arrangieren Sie die Zusammenarbeit unter den Ehrenamtlichen in der Initiative. Was genau sind Ihre Aufgaben als Koordinatorin?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Genau. Ich kann Ihnen sagen, ich habe mich nicht um diese Aufgabe gerissen, weil es sehr viel ist und auch durchaus keine erfreuliche Arbeit. Zu meinen Aufgaben geh\u00f6rt z.B. alle Antr\u00e4ge in Sachen Stolpersteine entgegenzunehmen, den ersten Kontakt mit den Interessierten zu haben und dann die konkreten W\u00fcnsche nach Stolpersteinen zu listen. Zudem organisiere ich die Termine zur Verlegung der Stolpersteine. Dabei stehe ich unter anderem im Austausch mit dem B\u00fcrgermeister, dem Bezirksamt und der Polizei. Die einzelnen Rechercheaufgaben werden dann von den unterschiedlichen Mitgliedern der Initiative \u00fcbernommen. Diese setzen sich mit den Antragsteller*innen in Verbindung. Das k\u00f6nnen Nachkommen sein, Hausgemeinschaften, einzelne interessierte B\u00fcrger *innen oder selbst gegr\u00fcndete Initiativen. Aber irgendwann muss dann alles wieder zusammenlaufen.<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Das bedeutet, egal wer hier im Bezirk einen Stolperstein verlegt haben m\u00f6chte, muss den Antrag vorab an Sie bzw. an die Stolperstein-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf stellen?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Richtig. Jedoch werden sp\u00e4ter alle Inschriften f\u00fcr die Stolpersteine nochmals durch die Stolpersteinkoordinierungsstelle in Berlin \u00fcberpr\u00fcft, das sind bezahlte Leute. Sie koordinieren die zw\u00f6lf Bezirksinitiativen, die es in Berlin gibt. Zudem halten sie den direkten Kontakt zum K\u00fcnstler Gunter Demnig und nehmen auch Anfragen, unter anderem aus dem Ausland, entgegen. Au\u00dferdem gibt die Stolpersteinkoordinierungsstelle Berlin beispielsweise Recherchetipps oder Workshops f\u00fcr das Biografie schreiben.<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Wer ist dann f\u00fcr die weitere Recherche der Stolpersteine verantwortlich?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Im Prinzip w\u00fcnschen wir uns, dass die Menschen, die Stolpersteine verlegen lassen wollen, selbst recherchieren, weil das eine pers\u00f6nliche Beziehung zu dem Opfer aufbaut. Irgendwann hat man das Gef\u00fchl man kenne die Person, sie wird f\u00fcr einen wieder lebendig und das ist ganz wichtig f\u00fcr die Erinnerungsarbeit. Es ist ein gesellschaftliches Projekt. Kein Projekt was von oben runter, von der Politik initiiert ist, sondern ein Projekt, das von der Bev\u00f6lkerung getragen ist und immer wieder erweitert wird.<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Werden bei der Recherche f\u00fcr Stolpersteinverlegungen auch die Nachkommen kontaktiert?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Ja, bei der Recherche soll man sich auch bem\u00fchen Nachkommen zu finden. Unter anderem geht das \u00fcber die Gedenkst\u00e4tte Yad Vashem in Jerusalem oder auch \u00fcber das Holocaust-Museum in Washington. Es ist wichtig, da es auch Nachkommen gibt, sehr wenige, die keine Stolpersteine verlegt haben wollen und gegen deren Willen verlegen wir dann auch nicht.<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Nachdem die Recherchearbeiten abgeschlossen sind, wird dann der Stolperstein verlegt?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Genau. Nur haben wir derzeit eine Warteliste von vier bis f\u00fcnf Jahren. Deshalb machen wir momentan auch keine \u201eWerbung\u201c f\u00fcr Stolpersteine. Nicht in Schulen und nicht an Universit\u00e4ten. Aber Geschichtslehrer*innen machen mit ihren Sch\u00fcler*innen Projekte. Da bem\u00fchen wir uns, diese Steine vorzuziehen, da die Sch\u00fcler*innen oft nur ein oder zwei Jahre zusammen im Kurs sind. Genauso werden Angeh\u00f6rige, die \u00fcber 80 beziehungsweise 90 Jahre alt sind, auf der Warteliste bevorzugt behandelt.<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Was bedeuten die Stolpersteine f\u00fcr die Nachkommen?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Ich sehe, wie wichtig es den Nachkommen ist. Gerade bei Ermordeten, die kein Grab haben. Mit den Stolpersteinen haben die Menschen dann einen Ort, wo sie sagen k\u00f6nnen: \u201aHier haben meine Vorfahren zuletzt gl\u00fccklich und zufrieden gelebt.\u2018 Wir hatten auch Stolpersteinverlegungen, bei denen z.B. Nachkommen aus Israel, den USA und England dabei waren. Die Nachkommen kannten sich davor nicht. Sie haben erst durch diese Verlegung voneinander erfahren. Das sind dann solche Erlebnisse, bei denen man immer noch G\u00e4nsehaut bekommt.<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> In Charlottenburg und Wilmersdorf haben vor dem zweiten Weltkrieg prozentual die meisten Menschen j\u00fcdischer Herkunft gewohnt. Deshalb liegen auch \u00fcber 3.400 der ca. 8500 bereits verlegten Stolpersteine in Berlin hier im Bezirk. Inwiefern w\u00fcrden Sie sagen haben damals die Menschen hier im Bezirk ihren j\u00fcdischen Glauben ausgelebt?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Das stimmt, \u00fcber 8 Prozent in Charlottenburg und fast 14 Prozent der Einwohner in Wilmersdorf damals waren j\u00fcdisch, jedoch dicht gefolgt von Sch\u00f6neberg und Mitte. Sehr viele der Menschen j\u00fcdischer Herkunft in Charlottenburg und Wilmersdorf waren \u00fcberhaupt nicht religi\u00f6s. So wie viele Christen heute. Sie sind vielleicht einmal zum Rosch Haschana in die Synagoge gegangen, aber nicht jeden Samstag. Und wenn, dann waren sie \u00fcberwiegend liberale Gemeindemitglieder, w\u00e4hrend in Mitte es eher \u00fcberwiegend konservative bis erzkonservative Juden waren.<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Was waren die Unterschiede zwischen den konservativen bis erzkonservativen Menschen j\u00fcdischen Glaubens in Berlin Mitte und den eher liberalen Juden in Charlottenburg und Wilmersdorf?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> In Charlottenburg und Wilmersdorf lebte vorwiegend ein gehobenes B\u00fcrgertum, K\u00fcnstler, Akademiker, in Mitte lebten im Wesentlichen sogenannte \u201eOstjuden\u201c. Bev\u00f6lkerungsgruppen, die wenig oder gar nichts miteinander zu tun hatten. Auch heute ist das den B\u00fcrgern oftmals nicht bewusst. Beispielsweise werden Stolpersteinverlegungen auch gelegentlich von Musik begleitet. Da gibt es dann manchmal Hausbewohner, die unbedingt Klezmermusik haben wollen. Klezmer ist aber eher die Musik des Ostjudentums. Die j\u00fcdischen Menschen, die hier im Bezirk gewohnt haben, haben eher Bach, Mozart und Beethoven geh\u00f6rt, bestimmt nicht Klezmer. Menschen, die Stolpersteine verlegen lassen wollen und selbst recherchieren, lernen nicht nur viel \u00fcber die Nazizeit einerseits, sondern auch \u00fcber j\u00fcdisches Leben andererseits.<\/p>\n<div class=\"block-item side title-block\" style=\"background: #ebebeb; padding: 12px 18px;\">\n<h3>Stolpersteine<\/h3>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/www.stolpersteine.eu\/\">Stolpersteine<\/a> sind ein Projekt des deutschen K\u00fcnstler <a href=\"http:\/\/www.gunterdemnig.de\/\">Gunter Demnig<\/a> zum Gedenken an alle Opfer des Nationalsozialismus: Menschen j\u00fcdischen Glaubens, Menschen im politischen oder kirchlichen Widerstand, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Sinti und Roma, oder Opfer des Euthanasieprogramms. Dabei werden 10&#215;10 cm gro\u00dfe Messingplatten vor den letzten freiwilligen Wohnadressen (nicht vor sogenannten \u201eJudenh\u00e4usern\u201c) der in der NS-Zeit verfolgten, deportierten und ermordeten Menschen verlegt. Das Motto des K\u00fcnstlers ist ein Spruch aus dem Talmud: \u201eEin Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.\u201c Seit 1992 wurden \u00fcber 75.000 Stolpersteine in mehr als 25 L\u00e4ndern Europas verlegt.<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Wie sch\u00e4tzen Sie heute die Erinnerungskultur der Bewohner*innen in Charlottenburg-Wilmersdorf ein?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Puh, das ist eine schwierige Frage. Ich sehe die vielen Antr\u00e4ge, die wir f\u00fcr Stolpersteine bekommen. Da sage ich nat\u00fcrlich, dass das Interesse gro\u00df ist. Ich sehe aber auf der anderen Seite auch, dass nur die Leute, die an der Erinnerung an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft interessiert sind, sich bei uns melden. Wie viele sind das auf die Gesamtbev\u00f6lkerung gerechnet? Wahrscheinlich ziemlich wenige.&nbsp;<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Werden hier im Bezirk viele Stolpersteine ausgegraben oder anderweitig gesch\u00e4digt?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Im Vergleich zu manchen anderen Bezirken haben wir nicht so viele F\u00e4lle, wo Stolpersteine ausgegraben oder gesch\u00e4digt werden, obwohl es in Charlottenburg-Wilmersdorf auch Gegenden mit rechtsradikalen Clustern gibt. Da passiert dann schon mal was am 9. November oder 27. Januar. Aber es ist nicht zu vergleichen mit Bezirken, wo an solchen Daten 20 oder 30 Stolpersteine gestohlen werden. Hier im Bezirk wurde der letzte Stolperstein vor f\u00fcnf Jahren gestohlen. Aber es kommt schon mal vor, dass Stolpersteine bei Bauarbeiten verloren gehen oder besch\u00e4digt werden. Diese werden dann auf unsere Kosten oder aus sogenannten freien Spenden ersetzt.<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> K\u00f6nnen Sie sich an eine Stolpersteinverlegung erinnern, die Ihnen besonders im Kopf geblieben ist?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Ja! Als wir bei mir in der Stra\u00dfe die Stolpersteine verlegt haben, kamen Bewohner*innen des Hauses zur Verlegung. Nummer sieben war das. Unter anderem auch ein kleines M\u00e4dchen, es war wohl so zw\u00f6lf Jahre alt. Sie schaute sich die Stolpersteine an, las die Inschriften und bemerkte, dass ein Junge dabei war, der mit zehn Jahren von seinen Eltern nach Holland geschickt worden ist. Der Name des Jungen war Heinz Joachim. Die Eltern wollten dadurch sein Leben retten. Er wurde aber nicht gerettet. Er wurde mit 14 Jahren in der T\u00f6tungsst\u00e4tte Sobibor ermordet. Und dieses M\u00e4dchen las die Inschrift und las die Zahlen auf dem Stolperstein und sagte entsetzt: \u201aDer war ja fast genau so alt wie ich. F\u00fcr den m\u00f6chte ich gerne die Rose legen\u2018. Das sind so Momente, da muss man dreimal schlucken.<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Was ist bei dem Projekt der Stolpersteine der Unterschied zu einer Gedenkst\u00e4tte oder einem Museum?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Ein Besuch in einer Gedenkst\u00e4tte oder in einem Museum ist eine bewusste Entscheidung. Man muss dorthin gehen wollen. Wohingegen man bei einem Stolperstein durch eine Stra\u00dfe geht, man sieht so einen Stein und er weckt die Aufmerksamkeit, ohne dass man selbst etwas daf\u00fcr tun muss. Man stolpert geistig dar\u00fcber. Zudem sind Gedenkst\u00e4tten, Museen etc. immer Projekte, bei denen der Staat eine wesentliche Rolle spielt. Stolpersteine sind ein gesellschaftliches Projekt. Ein Projekt, das von unten her aufgebaut ist und nicht von oben herab. Es ist nicht nur ein Kultur- und Gedenkprojekt, sondern es ist auch eine soziale Skulptur, die st\u00e4ndig erweitert wird.<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Welche Bedeutung schreiben Sie den Stolpersteinen als gr\u00f6\u00dftes dezentrales Denkmal der Welt zu?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Es waren sechs Millionen Menschen. Sechs Millionen j\u00fcdische Menschen, die Opfer des Nationalsozialismus wurden. Wenn man alle anderen Nazi-Opfer mitrechnet \u2013 und auch die Kriegstoten \u2013 das kann man sich nicht vorstellen. Aber eine einzelne Person, ein Individuum, das gibt eine ganz andere M\u00f6glichkeit sich damit zu identifizieren. Eine Adresse, sechs Menschen wohnten dort. Vater, Mutter und vier Kinder, das j\u00fcngste Kind gerade mal ein Jahr alt. Das geht einem dann schon anders unter die Haut, als wenn man h\u00f6rt, sechs Millionen. Denn sechs Millionen ist so unvorstellbar, dass man es schnell ausblendet. Man blendet aus, dass immer wieder ein Leben eines Mannes, einer Frau, eines Kindes erloschen wurde, dass sechs Millionen mal einzelne Menschen ermordet wurden.<\/p>\n<p><strong>MedienLabor:<\/strong> Welchen Beitrag w\u00fcrden Sie sagen k\u00f6nnen die Einwohner*innen aus Charlottenburg-Wilmersdorf als die nachfolgende Generation leisten, um die Erinnerungskultur aufrechtzuerhalten?<\/p>\n<p><strong>Morel-Tiemann:<\/strong> Wir Nachgeborenen tragen keine Schuld an den Verbrechen, die von Deutschen begangen wurden. Aber wir sind verantwortlich daf\u00fcr, dass sie nicht vergessen werden. Wir m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass sich solche menschenverachtenden Ideologien nicht nochmal in den K\u00f6pfen der Menschen festsetzen k\u00f6nnen. Antisemitismus, Rassismus waren ja nie weg aus der deutschen Gesellschaft und sind es heute immer noch nicht \u2013 im Gegenteil. Die aktuelle politische Situation macht mir Angst.&nbsp; Insofern muss man, wo immer man kann, auch etwas gegen das Vergessen tun. Und eine Sache, die man dagegen tun kann, sind die Stolpersteine.<\/p>\n<p>Eine kleine Facette, aber immerhin.<\/p>\n<p><strong>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/strong><\/p>\n<hr>\n<p><span style=\"color: #003366;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11202 size-thumbnail alignleft\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Autorenportrait.jpg?resize=150%2C150\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"  data-recalc-dims=\"1\"><strong>Kristin Thimsen<\/strong> studiert im sechsten Semester Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Politikwissenschaft. Sie tr\u00e4umt davon, nach ihrem Studium \u00fcber den ganzen Globus verteilt Geschichten von den Menschen erz\u00e4hlen zu d\u00fcrfen, die sonst nicht geh\u00f6rt oder gesehen werden.<\/span><\/p>\n<hr>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWir Nachgeborenen tragen keine Schuld an den Verbrechen, die von Deutschen begangen wurden. 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