{"id":11056,"date":"2020-08-27T12:35:10","date_gmt":"2020-08-27T10:35:10","guid":{"rendered":"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=11056"},"modified":"2020-10-05T16:34:41","modified_gmt":"2020-10-05T14:34:41","slug":"zeit-fuer-einen-umbruch-frauen-als-unternehmerinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=11056","title":{"rendered":"Zeit f\u00fcr einen Umbruch: Die Welt der Unternehmerinnen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Frauen sind zwar auf dem Papier gleichberechtigt, k\u00e4mpfen aber nach wie vor mit Benachteiligungen in der Arbeitswelt und damit verbundenen geringen Aufstiegschancen. Die Selbstst\u00e4ndigkeit bietet somit f\u00fcr immer mehr Frauen eine zun\u00e4chst vielversprechende Alternative. Jeanette Zeidler von der &#8222;Gr\u00fcnderinnenzentrale&#8220; gibt Einblick in die Barrieren der Unternehmerinnen-Welt.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>Von Sarah Maria Gruber<\/em><\/p>\n<p>Gender-Pay-Gap, unbezahlte Reproduktionsarbeit und die \u201eGl\u00e4serne Decke\u201c sind Begriffe, an denen Frauen auf ihrem Weg die Karriereleiter hoch kaum vorbeikommen. Aus dem \u00fcberholten Grundverst\u00e4ndnis des 20. Jahrhunderts, dass die Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen eher als Zuverdienst angesehen wird, entwickelte sich eine anhaltende Benachteiligung f\u00fcr Frauen am Arbeitsmarkt. Ein Ausweg: Gr\u00fcnderin werden! Doch auch hier legt das System aus weiblicher Sozialisation, mangelnden Kita-Pl\u00e4tzen und ungleicher Kapitalverteilung Steine in den Weg.<\/p>\n<h3>Der Schritt in die Existenzgr\u00fcndung<\/h3>\n<p>Jeanette Zeidler befasst sich durch ihre Arbeit in der <a href=\"https:\/\/gruenderinnenzentrale.de\/\">Gr\u00fcnderinnenzentrale<\/a> in Berlin seit Jahren damit, was es hei\u00dft, als Frau in die Selbstst\u00e4ndigkeit zu gehen. Das Projekt ist vor allem ein Vernetzungsangebot, das 2006 aus der Genossenschaft &#8222;Weiberwirtschaft&#8220;, dem gr\u00f6\u00dften Gr\u00fcnderinnenzentrum Europas, entstand. Finanziert wird es vom Senat Berlin, dem Europ\u00e4ischen Sozialfond und einem kleinen zu erwirtschaftenden Eigenanteil.<\/p>\n<p>Als Erstanlaufstelle f\u00fcr alle gr\u00fcndungsinteressierten Frauen hat die Gr\u00fcnderinnenzentrale seit ihrem Start \u00fcber 24.000 Frauen mit Fragen zum Thema Selbstst\u00e4ndigkeit unterst\u00fctzt, durch eigene Veranstaltungen mehr als 9.300 Frauen einen Treffpunkt erm\u00f6glicht und \u00fcber 3.500 Orientierungsgespr\u00e4che gef\u00fchrt \u2013 und das mit lange nur zweieinhalb, nun drei Personalstellen. Frau Zeidler ist stolz auf diese Arbeit.<\/p>\n<h3>Stichwort: Strukturelle Benachteiligung<\/h3>\n<div id=\"attachment_11059\" style=\"width: 493px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11059\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11059\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitragsbild1_Gruber.jpg?resize=483%2C322\" alt=\"\" width=\"483\" height=\"322\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitragsbild1_Gruber.jpg?resize=200%2C133&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitragsbild1_Gruber.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitragsbild1_Gruber.jpg?resize=400%2C267&amp;ssl=1 400w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitragsbild1_Gruber.jpg?resize=600%2C400&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitragsbild1_Gruber.jpg?resize=800%2C533&amp;ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitragsbild1_Gruber.jpg?resize=1024%2C683&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitragsbild1_Gruber.jpg?resize=1200%2C800&amp;ssl=1 1200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitragsbild1_Gruber.jpg?fit=1920%2C1280&amp;ssl=1 1920w\" sizes=\"(max-width: 483px) 100vw, 483px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-11059\" class=\"wp-caption-text\">\u201eEin Anteil von 40% Unternehmensgr\u00fcndungen durch Frauen mag mehr als erwartet erscheinen: Das liegt daran, dass Frauen die gr\u00fcnden, seltener medial repr\u00e4sentiert werden.\u201c Foto: Karolina Grabowska, pixabay.com<\/p><\/div>\n<p>Diese Zahlen bringen neben Stolz auch Hintergrundwissen. Frau Zeidler gibt einen Einblick in die Schwierigkeiten, die Frauen in der Unternehmenswelt begleiten. Warum in Deutschland der Anteil von Gr\u00fcndungen durch Frauen nur 40% betr\u00e4gt, erkl\u00e4rt sie zum einen \u2013 erwartbar \u2013 mit Geld. Ein Pay-Gap von \u00fcber 20% zu Ungunsten von Frauen und eine Verm\u00f6gensverteilung, die M\u00e4nnern den L\u00f6wenanteil zuspricht, erschwert die Chancen ein Unternehmen zu gr\u00fcnden, zumal ein finanzielles Polster gerade am Anfang unabk\u00f6mmlich ist.<\/p>\n<p>Hinter dem Faktor Geld steckt aber weit mehr. \u201eEs ist auch eine Frage der Sozialisation. Es ist ja unbestritten, dass Frauen immer noch als die Lieben und Netten \u2013 die, die sich k\u00fcmmern \u2013 aufgezogen werden\u201c, so Zeidler. Damit ist gemeint, dass Frauen nach wie vor die alleinige Rolle der Mutter und Hausfrau zugewiesen wird. F\u00fcr viele Frauen ist der Verzicht auf Erwerbst\u00e4tigkeit demnach oft auch gar keine bewusste Entscheidung. Hinzukommen Kita-Betreuungszeiten, die eine Vollzeit-Anstellung einer Mutter unm\u00f6glich machen und ein Ehegattensplitting, das Frauen zur Teilzeit animiert. \u201eDiese Strukturen sind so aufgebaut, dass sich schwer etwas \u00e4ndern kann.\u201c<\/p>\n<h3>Einmischen und mitmischen<\/h3>\n<p>Zu den Strukturen geh\u00f6rt auch der Mangel an Mitspracherecht auf den h\u00f6heren Etagen, dort wo Entscheidungen getroffen werden. Laut der Statista Datenbank lag der Frauenanteil in den Aufsichtsr\u00e4ten bei Deutschlands 100 gr\u00f6\u00dften Unternehmen 2019 bei 29,4%. 2018 betrug der Anteil weiblicher Unternehmensf\u00fchrung von Unternehmen ab 10.000 Mitarbeiter*innen lediglich 16,8%. Dieser Trend setzt sich auch in der Politik fort: mit einem Frauenanteil von 30,7% im Deutschen Bundestag ist etwa die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung unterrepr\u00e4sentiert. Diese Zahlen legen dar: Frauen brauchen mehr Teilhabe. \u201eEs ist wichtig, dass Frauen in die Selbstst\u00e4ndigkeit gehen, damit Sie einfach auch mehr Geld verdienen und ganz ehrlich, auch ihren Einfluss vergr\u00f6\u00dfern\u201c, so Zeidler.<\/p>\n<h3>\u201eKeine Lust mehr auf diese Strukturen\u201c<\/h3>\n<p>Eine Gruppe der Gr\u00fcnderinnen beschreibt Zeidler als die, die auf eben diese Strukturen keine Lust mehr haben. Trotz einer gewissen Bequemlichkeit, die das Angestellten-Dasein mit sich bringt, durch etwa bezahlten Urlaub und Krankenstand, f\u00e4llt die Entscheidung f\u00fcr einen Wechsel. \u201eDie Frauen sehen, sie kommen nicht mehr weiter, wenn M\u00e4nner mit weniger Berufserfahrung und Qualifikation zu ihren Vorgesetzten werden.\u201c Manche wollen sich auch einfach einen Traum erf\u00fcllen und endlich das tun, was sie nie umsetzen konnten. Und dann sind da nat\u00fcrlich junge M\u00fctter, die sich von der Selbstst\u00e4ndigkeit mehr Flexibilit\u00e4t versprechen.<\/p>\n<h3>Selbstverst\u00e4ndlich Unternehmerin<\/h3>\n<div id=\"attachment_11057\" style=\"width: 470px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11057\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11057\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Beitragsbild2_Gruber.jpg?resize=460%2C311\" alt=\"\" width=\"460\" height=\"311\"  data-recalc-dims=\"1\"><p id=\"caption-attachment-11057\" class=\"wp-caption-text\">W\u00e4hrend Selbstst\u00e4ndigkeit in anderen L\u00e4ndern quasi zur Kultur geh\u00f6rt, hat sie in Deutschland eher einen Sonderstatus, so Zeidler. Kaum jemand geht hierzulande direkt nach dem Schulabschluss zur Existenzgr\u00fcndung \u00fcber.<\/p><\/div>\n<p>Viele Frauen, die den Schritt in die Unternehmensgr\u00fcndung wagen, k\u00e4mpfen auch mit ihrem Selbstverst\u00e4ndnis. \u201eDie brauchen oft Jahre, bevor sie sich trauen, sich selbst als Unternehmerin zu bezeichnen\u201c, heraus aus einem \u201ebescheidenen Frauen-Dasein, das es zu erf\u00fcllen gilt\u201c, erkl\u00e4rt Frau Zeidler.<br \/>\nUm diesem zur\u00fcckhaltenden Selbstbild entgegenzuwirken, organisiert die Gr\u00fcnderinnenzentrale Vernetzungsveranstaltungen zum Thema und bewirbt den Hashtag #ichbinunternehmerin: \u201eWir m\u00f6chten Frauen ermutigen, sich selber als Unternehmerin zu sehen, zu bezeichnen und sich als solche der Welt zu pr\u00e4sentieren, damit das Bild vom Unternehmertum auch eins vom Unternehmerinnentum wird!\u201c<br \/>\nDiese Angebote finden Anklang: \u201eDie Rubrik der Unternehmerinnen-Portraits ist die meistbesuchteste auf unserer Website!\u201c Zudem kooperiert die Gr\u00fcnderinnenzentrale mit der Initiative &#8222;FRAUEN unternehmen&#8220; des Bundesministeriums f\u00fcr Wirtschaft und Energie, bei der Vorbild-Unternehmerinnen ausgezeichnet werden, die durch ihr Wirken Vorbild f\u00fcr andere Frauen sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>\u201eWer soll die Situation f\u00fcr Frauen \u00e4ndern, wenn nicht Frauen?\u201c<\/h3>\n<p>Das Team der Gr\u00fcnderinnenzentrale besteht ausschlie\u00dflich aus Frauen, ebenso wie das der <a href=\"https:\/\/weiberwirtschaft.de\/home\/\">&#8222;Weiberwirtschaft&#8220;<\/a>. Auf die Frage hin, was Frauensolidarit\u00e4t f\u00fcr sie bedeute, antwortet Frau Zeidler entschieden: \u201eWer soll die Situation f\u00fcr Frauen \u00e4ndern, wenn nicht Frauen?\u201c Das erl\u00e4utert sie anhand ihrer eigenen Erfahrung, wonach M\u00e4nner diese Probleme oft einfach auch gar nicht verstehen k\u00f6nnen, weil diese f\u00fcr sie nicht existieren. \u201eIhr seid doch gleichberechtigt, was wollt ihr denn jetzt noch!\u201c, zitiert sie eine Standardphrase.<\/p>\n<h3>Das gro\u00dfe Ziel vor Augen<\/h3>\n<p>Das Ziel, das Frau Zeidler und ihre Kolleginnen verfolgen: Die Arbeit der Gr\u00fcnderinnenzentrale \u00fcberfl\u00fcssig machen. Der Wunsch: Gleichberechtigung f\u00fcr alle Menschen. \u201eDas w\u00fcrde diesem Land und seiner Wirtschaft verdammt gut tun.\u201c Doch Frau Zeidler verweist auf ein Zitat von Katja von der Bey, Leiterin der Weiberwirtschaft: \u201eWenn wir so weitermachen wie in den letzten 20 Jahren, dauert es in etwa 900 Jahre, bis das Verh\u00e4ltnis von M\u00e4nnern und Frauen ausgeglichen ist.\u201c So schnell wird die Gr\u00fcnderinnenzentrale wohl nicht \u00fcberfl\u00fcssig werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frauen sind zwar auf dem Papier gleichberechtigt, k\u00e4mpfen aber nach wie vor mit Benachteiligungen in der Arbeitswelt und damit verbundenen geringen Aufstiegschancen. Die Selbstst\u00e4ndigkeit bietet somit f\u00fcr immer mehr Frauen eine zun\u00e4chst vielversprechende Alternative. Jeanette Zeidler von der &#8222;Gr\u00fcnderinnenzentrale&#8220; gibt Einblick in die Barrieren der Unternehmerinnen-Welt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":11058,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[501,497],"tags":[898,130,908,493,909,910,312],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Titelbild_Gruber.jpg?fit=1920%2C1330&ssl=1","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11056"}],"collection":[{"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11056"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11056\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11125,"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11056\/revisions\/11125"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/11058"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11056"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11056"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11056"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}