{"id":10948,"date":"2020-02-12T18:34:36","date_gmt":"2020-02-12T16:34:36","guid":{"rendered":"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=10948"},"modified":"2020-03-03T11:51:21","modified_gmt":"2020-03-03T09:51:21","slug":"berliner-clubsterben-ein-club-ist-kein-ort-fuer-gewinnmaximierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/?p=10948","title":{"rendered":"Berliner Clubsterben: \u201eEin Club ist kein Ort f\u00fcr Gewinnmaximierung\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dem Berliner Sage\/Kitkat-Club wurde der Mietvertrag gek\u00fcndigt, im Juni 2020 m\u00fcssen sie aus dem Standort an der U Heinrich-Heine-Stra\u00dfe ausziehen. Der Eigent\u00fcmer will neue Projekte verwirklichen, die Clubs wollen bleiben. Aktuell werden Verhandlungen \u00fcber eine m\u00f6gliche Verl\u00e4ngerung des Mietverh\u00e4ltnisses gef\u00fchrt. Unter dem Begriff \u201eClubsterben\u201c wird die Schlie\u00dfung Berliner Clubs schon l\u00e4nger thematisiert. Zeit, dass die Politik aktiv wird.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em> von Anna-Lena Rabbel, Beitragsbild: <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/artlikerussian\/?hl=de\">Razinkova Evgeniya<\/a><\/em><\/p>\n<p>Die Schlange ist lang, wie eigentlich jeden Samstag. Bis um die Stra\u00dfenecke warten Menschen aller Geschlechter und Herkunft auf Eintritt in die heiligen Hallen des Fetisch-Clubs. Der B\u00fcroangestellte mit Anzug und Brille steht neben der Domina im Lederoutfit, hinter ihnen eine Touristengruppe aus Spanien, die extra f\u00fcr eine Nacht im ber\u00fcchtigten Kitkat-Club eingeflogen ist. Aufregung und freudige Erwartung liegen in der Luft: Wird man es schaffen, an den strengen T\u00fcrstehern vorbei zu kommen? Aber bald k\u00f6nnte der B\u00fcroangestellte aus der Schlange hier einen neuen Arbeitsplatz anstatt einem Ort der sexuellen Befreiung vorfinden, denn dem Club wurde der Mietvertrag gek\u00fcndigt.<\/p>\n<h3>Ist die Party nach 26 Jahren vorbei?<\/h3>\n<p>Seit 13 Jahren befindet sich das 1994 gegr\u00fcndete Kitkat an der U-Bahn-Station Heinrich-Heine-Stra\u00dfe. Leute aus aller Welt treffen sich im Fetisch-Club, tanzen zu elektronischer Musik und erleben eine Form der sexuellen Freiz\u00fcgigkeit, die das Kitkat \u00fcber die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt gemacht hat. Ende 2019 wurden Ger\u00fcchte laut, dass es damit bald vorbei sein k\u00f6nnte: Ein M\u00fcnchner Investor und Miteigent\u00fcmer des Gel\u00e4ndes will den Komplex entwickeln. Dem Sage- und Kitkat-Club wurde die R\u00e4umlichkeiten gek\u00fcndigt, der Mietvertrag l\u00e4uft im Juni 2020 aus. Das enorme mediale Echo dr\u00e4ngt die Verantwortlichen dazu zu verhandeln. Laut Clubkommission-Sprecher Lutz Leichsenring werden nun M\u00f6glichkeiten einer Vertragsverl\u00e4ngerung besprochen, die bisher aber eher einseitig sein: \u201eEs sieht nicht so aus, als ob das Kitkat tats\u00e4chlich im Juni geschlossen wird, aber auch nicht nach einer Sicherung des Standorts f\u00fcr die n\u00e4chsten 20 Jahre.\u201c Die Miete soll steigen und der Vertrag jederzeit durch die Eigent\u00fcmer k\u00fcndbar sein. Diese Konditionen seien aber f\u00fcr ein Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeiten keine wirkliche Option.<\/p>\n<h3>Kein Einzelfall<\/h3>\n<p>Ein Schicksal, dass sich Sage und Kitkat mit vielen Berliner Clubs teilen. Im Januar wurde bekannt, dass sich der Berliner Club Grie\u00dfm\u00fchle in einer \u00e4hnlich prek\u00e4ren Mietsituation befindet und aktuell nur noch eine Nutzungsvereinbarung mit dem Eigent\u00fcmer besteht. Der Begriff \u201eClubsterben\u201c geistert schon l\u00e4nger durch die Berliner Medien. Bisher mussten bereits die Bar25, das King Size und das Stadtbad Wedding schlie\u00dfen, um nur einige prominente Beispiele zu nennen. Die Gr\u00fcnde sind immer gleich: Nicht verl\u00e4ngerte Vertr\u00e4ge, steigende Mieten und Sanierung im Zuge der Gentrifizierung. Dazu kommen Beschwerden der Anwohner und L\u00e4rmschutzklagen. Einige argumentieren, dies sei der Lauf der Dinge: Manche Einrichtungen verschwinden und neue entstehen. Aber durch immer weiter schwindende Freifl\u00e4chen bleibt wenig Raum f\u00fcr Neues.<\/p>\n<h3>Auf einer Stufe mit Pornokinos und Casinos<\/h3>\n<p>In einer von den Gr\u00fcnen angesto\u00dfenen Debatte wird dar\u00fcber gesprochen, ob sich Traditionsclubs als Kulturgut baurechtlich sch\u00fctzen lassen. Aktuell werden sie als \u201eVergn\u00fcgungsst\u00e4tte\u201c gef\u00fchrt und stehen damit rechtlich auf einer Stufe mit Pornokinos, Casinos und Table Dance Bars. Am 12. Februar wird der Antrag im Bauausschuss des Bundestages angeh\u00f6rt. Christian Goiny, der medienpolitische Sprecher der CDU, k\u00e4mpft aktuell f\u00fcr eine Koordinierungsstelle, die zwischen Hauptverwaltung, Bezirks\u00e4mtern und Clubs vermitteln soll. Die Politik sollte laut ihm mehr tun: \u201eWir erleben leider ein schleichendes Aussterben der Berliner Clubszene. Die aktuellen K\u00fcndigungen des Sage Clubs und des KitKatClubs sind zwei weitere traurige Belege daf\u00fcr\u201c, so Goiny.<\/p>\n<div id=\"attachment_10958\" style=\"width: 191px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10958\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-10958\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_7801.jpg?resize=181%2C273\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"273\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_7801.jpg?resize=199%2C300&amp;ssl=1 199w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_7801.jpg?resize=200%2C301&amp;ssl=1 200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_7801.jpg?resize=400%2C602&amp;ssl=1 400w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_7801.jpg?resize=600%2C903&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_7801.jpg?resize=680%2C1024&amp;ssl=1 680w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_7801.jpg?resize=800%2C1204&amp;ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_7801.jpg?resize=1200%2C1806&amp;ssl=1 1200w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_7801.jpg?fit=1232%2C1854&amp;ssl=1 1232w\" sizes=\"(max-width: 181px) 100vw, 181px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><p id=\"caption-attachment-10958\" class=\"wp-caption-text\">Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission<br \/>Foto: privat<\/p><\/div>\n<h3>Ist die Politik auf dem richtigen Weg?<\/h3>\n<p>Die Clubkommission lobt ein h\u00f6heres Bewusstsein f\u00fcr die Thematik auf allen Ebenen. Vor 20 Jahren habe das noch ganz anders ausgesehen. Berlin sei anderen St\u00e4dten weit voraus, was die \u00f6ffentliche Wahrnehmung und den Kontakt mit der Politik angeht. Vor allem aus der Kulturpolitik kommt Unterst\u00fctzung, gr\u00f6\u00dftenteils aus ideellen Gr\u00fcnden. Das Nachtleben der Hauptstadt symbolisiert f\u00fcr viele Berliner Freiheit. Leichsenring \u00e4u\u00dfert dennoch Kritik an der Politik: \u201eDas eine sind warme Worte, das andere sind Budgets.\u201c Trotz der \u00f6ffentlich positiven Darstellung z\u00e4hlen am Ende Handlungen, also Gesetze und Geld.<\/p>\n<h3>\u201eEin Club ist kein Ort f\u00fcr Gewinnmaximierung\u201c<\/h3>\n<p>Grund f\u00fcr die Unterst\u00fctzung von Seiten der Politik ist nicht nur der Erhalt einer freien Clubkultur. Der Partytourismus ist ein f\u00fcr Berlin nicht zu untersch\u00e4tzender Wirtschaftsfaktor. Ein Viertel der Touristen kommen zum Feiern, ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt. 2019 wurden durch die Partytouristen 1,48 Milliarden Euro erwirtschaftet, dazu kommen indirekte Ums\u00e4tze von Hotels, der Gastronomie und Sp\u00e4tk\u00e4ufen. Das Argument des Geldes versteht Leichsenring zwar, aber es \u201ef\u00fchlt sich an wie Ausverkauf\u201c. Der wirtschaftliche Aspekt sollte bei der Erhaltung der Clubszene nicht im Vordergrund stehen. Er kann dennoch nachvollziehen, warum Investoren lieber andere Projekte realisieren wollen: \u201eDa gibt es einfach weniger Probleme und mehr Geld &#8211; ein Club ist kein Ort f\u00fcr Gewinnmaximierung.\u201c<\/p>\n<h3>Hoffnung f\u00fcr das Kitkat<\/h3>\n<p>Dass es auch anders geht, zeigt der neue Eigent\u00fcmer von \u201eCl\u00e4rchens Ballhaus\u201c: Der \u00fcber 100 Jahre alte Traditions-Tanzladen bleibt auch nach der Sanierung erhalten. Eine L\u00f6sung, die auch im Falle des Kitkat-Sage-Clubs erstrebenswert w\u00e4re. Sascha Disselkamp, Betreiber der Sage-Clubs, spricht mit potentiellen K\u00e4ufern \u00fcber die Er\u00f6ffnung eines Hospizes auf dem Gel\u00e4nde. Bei gutem Bau gebe es hier auch keine Probleme mit dem L\u00e4rmschutz. Dieses Projekt ist zwar derzeit noch nicht in Planung, soll aber symbolisieren, dass es eine sinnvolle Nutzung abseits von Hotel und B\u00fcrofl\u00e4che geben kann. Mit dem richtigen Investor k\u00f6nnten sich an verschiedenen Standorten Kultur und Soziokultur vereinen. Die Frage, die sich also Politik, Investoren und Betreiber stellen sollten lautet: \u201eWas kann man mit Fl\u00e4chen machen, ohne den Club zu verlieren?\u201c<\/p>\n<hr>\n<p><span style=\"color: #003366;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-10986 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_8463.jpg?resize=150%2C150\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_8463.jpg?resize=66%2C66&amp;ssl=1 66w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_8463.jpg?resize=150%2C150&amp;ssl=1 150w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_8463.jpg?zoom=2&amp;resize=150%2C150 300w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_8463.jpg?zoom=3&amp;resize=150%2C150 450w, https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_8463.jpg?fit=1242%2C1515&amp;ssl=1 1242w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #003366;\">Anna-Lena Rabbel <\/span><\/strong><span style=\"color: #003366;\">&nbsp;studiert Publizistik- und Politikwissenschaften an der <\/span><span style=\"color: #003366;\">FU Berlin. Sie lebt aktuell in Kreuzberg und sch\u00e4tzt die Berliner Freiheit.<\/span><\/p>\n<hr>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem Berliner Sage\/Kitkat-Club wurde der Mietvertrag gek\u00fcndigt, im Juni 2020 m\u00fcssen sie aus dem Standort an der U Heinrich-Heine-Stra\u00dfe ausziehen. Der Eigent\u00fcmer will neue Projekte verwirklichen, die Clubs wollen bleiben. Aktuell werden Verhandlungen \u00fcber eine m\u00f6gliche Verl\u00e4ngerung des Mietverh\u00e4ltnisses gef\u00fchrt. Unter dem Begriff \u201eClubsterben\u201c wird die Schlie\u00dfung Berliner Clubs schon l\u00e4nger thematisiert. 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