Betreutes Wohnen: Arbeiten im privaten Umfeld

Samira Küsel, die WG-Leiterin, und Rick Stockrahm besprechen Termine in der kommenden Woche. Foto: Ann-Kristin Grobe

Betreutes Wohnen: Arbeiten im privaten Umfeld

Rick Stockrahm arbeitet als Aushilfe in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft (WG) für Menschen mit Behinderungen. Beim Besuch der WG in Berlin-Lichtenberg berichtet der Lehramtsstudent von seinem Arbeitsalltag.

Von Ann-Kristin Grobe

Noch ist es ruhig in der Wohnung. „Bis auf unsere beiden Rentner sind alle bei der Arbeit“, erklärt Rick Stockrahm. Der 27-jährige Lehramtsstudent arbeitet als Aushilfe in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft (WG) für Menschen mit Behinderungen in Berlin-Lichtenberg. Gerade bereitet er das tägliche Kaffeetrinken am Nachmittag vor. „Wenn die Bewohner*innen von der Arbeit nach Hause kommen, können sie bei Kaffee und Kuchen ausspannen“, erklärt Rick. Heute ist es sehr warm, deshalb gibt es Eis statt Kuchen. Sieben Bewohner*innen leben in der WG, drei Frauen und vier Männer im Alter von Anfang dreißig bis Mitte sechzig. Alle haben körperliche oder geistige Einschränkungen. Träger der WG ist die Stephanus gGmbH, ein gemeinnütziges Unternehmen der evangelischen Stephanus-Stiftung. Die Stiftung ist in Berlin und Brandenburg aktiv, allein im Verbund Pankow-Lichtenberg gibt es zehn ambulant betreute WGs. „Ambulant betreut, bedeutet, dass wir nicht rund um die Uhr da sind, sondern die Betreuungszeit an jedem Tag zwischen 9 und 20 Uhr liegt. Nachts sind die Bewohner allein. Der Pflegebedarf ist nicht hoch und kann von externen Dienstleistern gedeckt werden“, erklärt die WG-Leiterin Samira Küsel. Die studierte Heilpädagogin nutzt die ruhigen Minuten, um vom Leben und der Arbeit in der WG zu erzählen, während sich Rick um den Kaffee kümmert. „Unsere Hauptaufgabe ist es, die Bewohner und Bewohnerinnen in ihrer Selbstständigkeit zu unterstützen und diese, gerade bei den Älteren, soweit wie möglich zu erhalten.“ Unterstützend da sein, das bedeutet, den Bewohner*innen dabei zu assistieren, maximal selbstbestimmt zu leben.

Das zeigt sich zum Beispiel in der Arbeitsplatzwahl: Fünf Bewohner*innen arbeiten in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. Sie kommen mit Fahrdiensten oder fahren selbstständig zur Arbeit. Ihren Arbeitsplatz haben sie selbst gewählt. Bei einer Bewohnerin steht gerade ein Arbeitsplatzwechsel an: „Sie möchte gern was Neues machen. Wir waren dann zusammen beim Tag der offenen Tür einer anderen Werkstatt. Dort hat ihr der Kreativbereich sehr gut gefallen. Wir haben den Kontakt hergestellt, nun folgt bald ein Bewerbungsgespräch, dann ein Praktikum und, wenn alles klappt, wird sie ihren Arbeitsplatz wechseln.“

Vormittags das Administrative, nachmittags die Betreuung

Durch die Berufstätigkeit des Großteils der Bewohner*innen ist der Arbeitstag in der WG klar strukturiert: „Vormittags, wenn die Bewohner und Bewohnerinnen bei der Arbeit sind, kümmern wir uns um das Administrative: Der Kontakt zu den Ämtern und gesetzlichen Betreuern wird gepflegt, mit den Fahrdiensten und der Pflegestation werden Termine abgestimmt und bei Ärzten Termine vereinbart. Zudem planen wir Ausflüge und Unternehmungen“, erklärt Küsel. Ab dem frühen Nachmittag kommen dann die Bewohner*innen von der Arbeit zurück. Dann beginnt bei Kaffee und Kuchen die Hauptbetreuungszeit. „Falls die Bewohnerinnen und Bewohner von ihrem Arbeitstag berichten möchten oder sonstigen Redebedarf haben, ist das der richtige Rahmen.“ Es ist ein Angebot, dass die WG-Mitglieder annehmen können, aber nicht müssen. „Manche möchten sich vielleicht lieber von der Arbeit ausruhen und in ihr Zimmer gehen. Die Bewohner entscheiden generell selbst, ob sie an Aktionen teilnehmen und wie sie ihren Tag gestalten.“ Ansonsten stehen am Nachmittag Termine an: „Wir begleiten die Bewohner und Bewohnerinnen zu Arztterminen, gehen gemeinsam einkaufen oder unternehmen was, gehen zum Beispiel Eis essen.“ Manche Unternehmung muss angesichts der vielen Termine schon weit im Voraus geplant werden. Um 18 Uhr wird dann gemeinsam zu Abend gegessen, auch diese Teilnahme ist freiwillig.

Die Bewohnerbesprechung als Gesprächsforum

Verpflichtend ist nur die jeden Montag stattfindende Bewohnerbesprechung. Dann werden gemeinsam Termine abgesprochen, die Woche und das Wochenende geplant. „Wenn jemand Lust auf einen Ausflug hat, wird das bei dem Treffen angesprochen.“ Auch ein gemeinsamer Urlaub wird mal vorgeschlagen. „In diesem Jahr haben wir ein paar schöne Tage in Heringsdorf verbracht, das war eine fantastische Reise, sehr harmonisch.“ Die Bewohnerbesprechung ist auch das Forum für Sorgen und Nöte, denn wie in jeder WG kann es auch mal kriseln: „Wir moderieren dann das Gespräch und suchen gemeinsam nach einer Konfliktlösung. Wichtig ist, dass jede Person ihr Anliegen und ihre Sicht darstellen kann. Wir vermitteln dann.“

Wie in jeder anderen WG führen die Bewohner*innen den Haushalt gemeinsam, soweit es denn geht. Wer was macht, wird gemeinsam abgesprochen und auf einem Plan in der Küche festgehalten. Dort hängt auch der Essensplan, der im Plenum montags festgelegt wird. Die Einkäufe und die Zubereitung erledigen die WG-Mitglieder und Mitarbeiter*innen gemeinsam.

WG-Casting wie auch in anderen WGs

Die Wohnung, in der die Gemeinschaft lebt, ist im Erdgeschoss eines gewöhnlichen Mietshauses und gehört einer der landeseigenen Berliner Wohnungsbaugesellschaften. Vor der Eröffnung der WG im Jahr 1997 wurde sie den Bedürfnissen der künftigen Bewohner*innen entsprechend ausgebaut. Alles ist barrierefrei erreichbar, die Zimmer der Bewohner*innen mit Mobilitätseinschränkung sind den gesetzlichen Bestimmungen gemäß größer. Alle WG-Mitglieder zahlen von ihrem Einkommen die Miete, die sich aus der Größe der Zimmer errechnet. Vier der heutigen Bewohner*innen leben von Beginn an, also seit 22 Jahren, in der WG. „Die alten Hasen, wie sie sich selbst nennen, äußern auch immer wieder den Wunsch, hier wohnen zu bleiben.“ Zwei weitere Bewohner*innen leben seit elf und seit acht Jahren hier, eine Bewohnerin ist erst seit Kurzem da. „Wenn jemand Neues in die WG ziehen möchte, kommt er zum Kennenlernen und zur Besichtigung. Wenn sich alle Bewohner und Bewohnerinnen ein Zusammenleben vorstellen können, kommt der Interessent zum Probeschlafen. Erst danach wird entschieden, ob er einzieht oder nicht.“

Neben Rick arbeitet noch eine weitere Aushilfe in der WG. Die Beiden unterstützen die Fachkräfte, vor allem in den Nachmittags- und Abendstunden sowie am Wochenende. Außerdem sichern Aushilfen oftmals, dass Ausflüge stattfinden können. Da drei Menschen mit Gehbehinderungen in der WG leben, müssen mindestens zwei Mitarbeiter*innen bei Ausflügen dabei sein.

Die Bewohner*innen kommen heim

Allmählich kehren alle Bewohner*innen von der Arbeit zurück. Sie freuen sich über den Besuch, für den sie vorab ihr Einverständnis erklärt haben. Stefan* ist der WG-Sprecher. Er trifft sich regelmäßig zum Austausch mit den Sprecher*innen der übrigen WGs in Pankow und Lichtenberg. Stefan lädt in sein Zimmer ein und zeigt stolz sein Keyboard. „Ich mache gern Musik!“ verkündet er und haut in die Tasten. Max, sein Mitbewohner, gesellt sich mit einem Eisbecher dazu. Er ist der Künstler in der WG, seine Bilder hängen überall. Auch in der Werkstatt, in der er arbeitet, malt er.

Das Wohn- und Esszimmer ist der Lebensmittelpunkt der WG. Die Bilder über dem Sofa hat Max gemalt. Foto: Ann-Kristin Grobe

Joachim und Rita leben als Paar in der WG, sie sind verlobt. Um ihnen mehr Raum für sich und ihre Partnerschaft zu geben, wurde mit dem Einbau einer Zwischentür ein eigener Wohnbereich eingerichtet. „So sind sie noch an die WG angeschlossen, können aber gleichzeitig als Paar so eigenständig wie möglich leben“, erklärt Küsel. Freudig präsentieren Joachim und Rita ihre Wohnräume.

Rentner Rüdiger sitzt am Küchentisch und stempelt seine Adresse auf Papierschilder. „Rüdiger hat hier sein Büro ausgelagert“, zwinkert ihm Rick zu. Rüdiger strahlt ihn an. Bald geht ihm die Stempelfarbe aus, langsam geht er mit seinem Rollator in sein Zimmer, um Tintennachschub zu holen. Rick hilft ihm bei der Befüllung.

Suche nach einer sinnvollen Tätigkeit

Dann setzt er sich nach draußen auf die Terrasse. Eine gute Gelegenheit, um mit ihm über seinen Job zu sprechen. Seit 2017 arbeitet Rick als Aushilfe bei der Stephanus-Stiftung, seit zwei Jahren in Teilzeit. Anfangs in zwei WGs, zwischenzeitlich auch mal in drei, jetzt nur noch in dieser. Vor seinem Aushilfsjob hatte Rick bis auf ein zweiwöchiges Praktikum an einer Förderschule keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderungen. Er studiert an der Humboldt-Universität zu Berlin Geschichte und Sport auf Lehramt, nicht etwa Heil- oder Sonderpädagogik. Wie kam es also dazu, dass sich Rick als Aushilfe in der WG bewarb? „Ich habe zwei Jahre für eine Bekleidungskette gearbeitet und in einem Café gekellnert. Das hat mir aber wenig Spaß gemacht und keine Zukunftsperspektive eröffnet. Daher wollte ich etwas Sinnvolleres machen.“ Die Stellenausschreibung der Stephanus gGmbH fand er zufällig. „Eigentlich wurde eine studentische Aushilfe mit der Fachrichtung soziale Arbeit, Sonderpädagogik oder ähnlichem gesucht. Mich reizte es, was Neues zu machen. Außerdem empfand ich die Stelle als sinnvolle Ergänzung zu meinem Studium. Daher habe ich mein Glück einfach mal versucht.“

Rick macht eine Pause auf der WG-eignen Hollywood-Schaukel. Foto: Ann-Kristin Grobe

Die Privatsphäre achten

An das Bewerbungsverfahren kann sich Rick noch gut erinnern: Erst sprach er mit der WG-Leitung, dann wurde er zur Vorstellungsrunde in die WG eingeladen. Rick lernte deren Bewohner*innen kennen und stellte sich ihren Fragen. „Wenn sie sich nicht hätten vorstellen können, dass ich in ihrer WG arbeite, wäre ich nicht genommen worden.“ Angesichts dessen, dass sich die Mitarbeiter*innen in den Privaträumen der Bewohner*innen bewegen, sei es ganz wichtig, dass sich alle gut verstehen. Dies ist ein weiterer Aspekt seiner Arbeit: Die Achtung der Privatsphäre. „Man muss sich unbedingt bewusst sein, dass man in einem privaten Umfeld arbeitet.“ Das wurde Rick bei einem Streit mit einem Bewohner deutlich: „Er sagte mir ganz klar, dass ich hier nur arbeite, er aber in der WG lebt. Danach muss ich mich schon richten.“ Distanz aufzubauen und zu wahren sei daher sehr wichtig. „So Selbstverständliches wie grundsätzlich bei den Bewohnern anzuklopfen und abzuwarten, ob wir hereingelassen werden, ist wichtig.“ Auch zwischenmenschlich gelte es, Distanz zu wahren. „Küssen zum Beispiel ist so eine Grenze. Da kann man dann auch sagen ‚Nein, das möchte ich nicht.‘ Aber eine Umarmung zur Begrüßung oder wenn jemand traurig ist, das geht natürlich schon.“ Distanz zu wahren, erreiche man am besten mit Aufrichtigkeit und Fairness: Ehrlich, direkt und unmittelbar zu sagen, was einen stört. „Viele, die keinen Kontakt zu behinderten Menschen haben, glauben, sie besonders schonen zu müssen. Dass das nicht nötig und unangemessen ist, merkt man im Laufe der Zeit.“

Verantwortungsvolle Aufgaben

Seine Arbeit nimmt Rick als vielseitig und verantwortungsvoll wahr: „Viele denken, Betreuung heißt Menschen von A nach B zu begleiten. Aber das allein ist es ja nicht. Da passiert ganz viel nebenbei in Gesprächen.“ So sei es wichtig den Bewohner*innen den sicheren Umgang in bestimmten Angelegenheiten zu vermitteln: „Wir klären etwa über die Gefahren von Alkohol auf.“ Unterstützung gibt es von Beratungsstellen. „Für viele Bereiche haben wir Ansprechpartner, eine Kollegin aus einer anderen WG leitet zum Beispiel den Arbeitskreis ‚Sexualität und Liebe‘. Diese Bedürfnisse fallen bei Menschen mit Behinderung ja auch nicht weg. Aber auch da müssen wir aufklären.“ Wichtig sei es, jeden Menschen als Individuum zu betrachten: „Es geht ja nicht nur um das Erhalten der Fähigkeiten und Kompetenzen der Bewohner und Bewohnerinnen, sondern natürlich auch darum diese zu erweitern.“

Viel über sich selbst gelernt

Überhaupt hat Rick seit Beginn seiner Tätigkeit in der WG viel gelernt, auch über sich selbst. „Der Kontakt zu den Bewohnern ist immer besser geworden und ich selbst bin inzwischen im Umgang viel routinierter. In Gesprächen an der Uni merke ich manchmal, dass viele gar nicht wissen, wie der Kontakt zu Menschen mit Behinderungen so ist, dass sie Angst haben, etwas falsch zu machen.“ Weiß Rick selbst mal nicht weiter, kann er Probleme oder Sorgen bei der wöchentlichen Teamsitzung ansprechen. Unterstützung erhalten die insgesamt neun Mitarbeiter*innen zudem durch eine regelmäßig stattfindende Supervision bei einer Gestaltungs- und Paartherapeutin: „Dort kann ich sowohl auf mich selbst als auch auf die Bewohner eingehen.“

Ob Rick nach dem Studium an einer Oberschule oder in einem Förderzentrum arbeiten wird, hat er noch nicht entschieden: „Ich bin geduldiger und gelassener geworden, nehme vieles mit Humor. All das, glaube ich, ist auch im schulischen Bereich wichtig.“ Er hat auch gelernt, andere Perspektiven einzunehmen: „Beim Überqueren einer Straße mit einer Ampel gilt ja: ‚Bei grün kannste gehen, bei Rot bleibste stehen.‘ Bei einem Ausflug neulich blieb ein Bewohner mitten auf der Straße stehen, weil die Ampel auf Rot sprang. Im ersten Augenblick gibst du ihm Recht, aber er kann da natürlich nicht stehen bleiben. Dich in die Bewohner*innen reinzudenken, das lernst du im Laufe der Zeit.“ Rick achtet mehr als früher darauf, wie er Sachverhalte ausdrückt und wie das eventuell rüberkommt: „Einfach und verständlich zu kommunizieren wird für mich auch später im Unterricht wichtig.“

Organisationsgeschick ist gefragt

Sein Studium mit den rund 20 Arbeitsstunden pro Woche zu vereinbaren erfordert von Rick Organisationsgeschick: „Ich versuche, meine Seminare und Vorlesungen immer auf ein, zwei Tage zu verteilen, was natürlich nicht in jedem Semester möglich ist.“ Von Vorteil seien die Wochenenddienste, an denen er zwei Tage in Vollzeit arbeiten kann. In seiner Freizeit muss Rick Abzüge machen: „Ich bin zum Beispiel nicht in einem Sportverein. Aber die Abende sind ja frei, und dann bleibt immer noch genug Zeit. Man muss den Tag strukturieren, das ist ganz wichtig.“

Im Hintergrund klappert Geschirr. Es ist 18 Uhr, Abendbrotzeit. Heute hilft Stefan beim Tischdecken. Eigentlich ist das Lisas WG-Amt. Doch sie ist gerade im Urlaub. Rick setzt sich zu den Bewohner*innen. Bei Salat und Broten werden Termine abgesprochen. Julia möchte sich in der kommenden Woche verabreden und fragt Samira Küsel nach einem möglichen Zeitfenster. Gemeinsam werden Pläne geschmiedet, bald ins Kino zu gehen, um die Neuverfilmung vom „König der Löwen“ zu sehen. Nach dem Essen wird gemeinsam der Tisch abgedeckt. Um 20 Uhr hat Rick Feierabend.

*Die Namen der Bewohner*innen wurden zum Schutz ihrer Privatsphäre geändert.

 

Ann-Kristin Grobe und studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Geschichte. Sie war vom warmherzigen Empfang und der Offenheit der WG-Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen begeistert und hat sich sehr über die Einladung zum alljährlichen WG-Sommerfest gefreut.