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Evolution und Kreationismus

Kurze Stellungnahmen von Reinhold Leinfelder zum Buch:
Kutschera, U. (ed.) (2007): Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen. Reihe Naturwissenschaft und Glaube Bd. 1. Berlin Münster (LIT-Verlag)

Inhaltsverzeichnis und weitere Buchinfos hier


Als Autor eines Kapitels dieses Buches ist mir folgender Kurzkommentar wichtig:

Die im Buch versammelten Einzelartikel zum Thema ”Kreationismus in Deutschland“ spiegeln ein breites Spektrums von Meinungen, von vorgeschlagenen Strategien und auch von der Meinungsvielfalt der persönlichen Weltanschauungen der Autoren wider. Umso erfreulicher ist daher die bei aller Meinungsvielfalt durchgängige Einigkeit beim wesentlichen Punkt: Kreationismus und Intelligent-Design haben keinerlei wissenschaftliche Rechfertigung, sie sind unwissenschaftlich. Einige im Nachfolgenden vorgenommene Klarstellungen im Detail erscheinen mir aus persönlicher Sicht jedoch dennoch angebracht:

  1. Die Durchnummerierung der Buchkapitel mag den Anschein erwecken, das Buch bestünde aus einer aufeinander abgestimmten Sammlung von Beiträgen. Dies ist bewusst nicht der Fall, um die Meinungsvielfalt abzubilden. Die Autoren wurden einzeln eingeladen und die Beiträge stellen die Meinungen der jeweiligen Autoren da, es erfolgte in der Regel keine Abstimmung zwischen den Autoren bzw. wenn, dann nur aufgrund von Eigeninitiative zwischen bestimmten Beiträgen. Viele der Kapitel waren mir bis zum Erscheinen des Buches inhaltlich unbekannt.

  2. Auch wenn ich nicht für die entsprechenden Beiträge verantwortlich bin, distanziere ich mich von der möglicherweise von manchen als Verunglimpfung empfundenen „Einbindung“ einzelner Gruppen, auch wenn dies wohl überwiegend zu „ boulevardesken“ Zwecken gedacht war. Metzger, Vegetarier, Mitglieder der Max-Planck-Gesellschaft, Kirchgänger, Gentechnik-Kritiker und Anhänger der Grünen werden in diesem Zusammenhang in Kapitel 1 und 10 genannt.

  3. Als jemand, der in Kapitel 7 zwar eine explizite Positionierung gegen Kreationismus fordert, aber dort gleichzeitig vor einer m.E. falschen (Re-)Ideologisierung der Evolutionstheorie warnt und in diesem Zusammenhang Naturwissenschaften und Religion bzw. Glaube auf getrennten Ebenen sieht, kritisiere ich insbesondere folgende Aussage in Kap. 3: „Kaum überrascht waren die hellsichtigeren unter den Evolutionsbiologen, da sie die sorgsam gehegte Illusion vom 'liebenden' Einvernehmen von Religion und  Wissenschaft nie geglaubt, sondern als 'feige Schlaffheit' kritisiert hatten (....) - ihre Träumereien drohten nun wie Seifenblasen zu zerplatzen." Völlig unabhängig davon, ob man nun religiös is oder nicht, sind diese und die in Kap. 3 ebenfalls gemachte Aussagen „(…) dass die Kirche gegenwärtig nicht in  der Lage ist, die von ihr angestrebte geistige Knechtschaft [der Wissenschaft] zu erzwingen“ sowie einige weitere in der Argumentation gegen Kreationismus und „Intelligent Design“ nicht hilfreich, sondern helfen im Gegenteil, die von den Kreationisten angestrebte Spaltung der Gesellschaft zu befördern. Etliche weitere polemisierende Passagen in Vorwort, Kap. 1, 3 und 10 liegen zwar ausschließlich in der Verantwortung der Autoren und des Herausgebers, sind aber meines Erachtens ebenfalls kontraproduktiv.

  4. Ich freue mich über die vielen anderen Kapitel, die das Phänomen „Kreationismus in Deutschlands“ differenziert und durchaus von verschiedensten Seiten betrachten.

  5. Ich bin mir bewusst, dass auch mein Artikel Kritik hervorrufen mag, was ich gerne akzeptieren werde, sofern sie sachlich ist. Auch in meinem Kapitel sind viele persönliche Stellungnahmen eingeflossen, ich habe jedoch versucht, diese von den Fakten zu trennen und kenntlich zu machen. Ob mir dies gelungen ist, müssen die Leser beurteilen.

  6. Ich selbst plädiere für eine auf einem möglichst breiten gesellschaftlichen Vernunftschluss setzende Vorgehensweise gegen Kreationismus und „Intelligent Design“ und nehme dafür ggf. auch den Vorwurf des „feigen Schlaffis“ (siehe oben) in Kauf. Ich nehme diesen mir ja nicht persönlich gemachten Vorwurf von der humoristischen Seite, erlaube mir aber dennoch etwas augenzwinkernd die provokante Frage, was mehr Mumm erfordert: sich das Leben durch plakative Schwarz-Weiß-Malerei einfacher und übersichtlicher zu machen oder eine differenziertere Strategie durchzuhalten, die viele, oft auch unangenehme Diskurse erfordert. Diese Frage muss ich sowohl den Verfechtern des Kreationismus/“ID“-Designs als neuerdings auch einzelnen Protagonisten eines "Weltbild-Evolutionismus" stellen. Evolutionsforschung erklärt die Mechanismen, wie Arten und die Artenvielfalt entstanden sind und untersucht, inwieweit Verhaltensweisen auch evolutionsbiologische Wurzeln haben. Hierzu gibt es unter Evolutionsbiologen keinerlei Dissens und auch die synthetische Evolutionstheorie ist unter ihnen insgesamt unumstritten (was nicht bedeutet, dass es nicht innerfachliche Diskussionen und Erweiterungen dazu geben kann). Aber die Frage nach dem Sinn des Lebens kann die Evolutionstheorie nicht oder zumindest nicht verbindlich für alle beantworten. Für viele Zeitgenossen steckt im Leben kein weiterer Sinn als der biologische Sinn der Fortpflanzung, viele andere sehen aber auch übergeordnete Sinnebenen. Das ist jedoch beides eine Frage des persönlichen Weltbildes, mit anderen Worten eine Glaubensfrage – die Evolutionsbiologie ist dafür nicht mehr zuständig – die Kreationisten allerdings auch nicht.

Ziemlich sicher werden viele Kreationisten, wie üblich, Zitate aus meinem und anderen Artikeln sowie aus dieser Stellungnahme aus dem Zusammenhang reißen und für ihre Zwecke verwenden. Auch wenn ich ggf. Kritik am Verhalten einiger Kollegen äußere und auch darauf hinweise, dass noch viele offene Fragen in der Evolutionsforschung vorhanden sind – zur Argumentation pro Kreationismus eignet sich dies keinesfalls. Ich kann nur hoffen, dass derartige eventuelle Rosinenpickerei-Praktiken der Kreationisten schnell durchschaut werden. Mit allen Buchautoren bin ich mir, wie schon eingangs erwähnt, in der Einschätzung von Kreationismus einig: Kreationismus und Intelligent Design sind keinesfalls alternative wissenschaftliche Theorien, sondern einzig und allein unwissenschaftliche, fundamentalistische Ideologien, die insbesondere gesellschaftlich-politische Einflussnahme bewirken soll.

 


Last Changes by Reinhold Leinfelder :28.07.2008

Gez. Reinhold Leinfelder, 4.3.2007 / kleinere Änderungen am 23.3.2007

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